Archive for the ‘Fernsehen’ Category

Syrien: Prügel für staatsnahen TV-Journalisten


08 Jun

Die Gewalt in Syrien eskaliert. Und während wir dies wohl kaum gut heißen können, überkommt einen bei dem Fernsehausschnitt, der sich derzeit bei Youtube großer Beliebtheit erfreut, doch so etwas wie “klammheimliche Freude”.

Youtube-Video: Schläge für Journalisten

Während der Reporter des syrischen Staatsfernsehens über die Syrienberichterstattung der anderen arabischen Länder herzieht, nähert sich ihm ein Mann von hinten, schlägt den Journalisten mit seinem Schuh und ruft: “Die syrischen Medien lügen!”

Syrien: TV-Journalist bezieht Prügel während Live-Sendung – Nachrichten Politik – Ausland – WELT ONLINE

Wibke Bruhns: Journalismus als "Jammerbranche"


20 Mai

Wibke BruhnsDie Journalistin Wibke Bruhns hat ihre eigene Zunft als “Jammerbranche” bezeichnet. Bruhns war 1971 die erste weibliche Nachrichtensprecherin im deutschen Fernsehen. Jahrelang hat sie für den “Stern” geschrieben. Auch zu Zeiten, als der Redaktionsalltag noch nicht so konsequent auf Einspareffekte hin durchgemustert worden war, sei “ständig gejammert” worden. Bruhns erinnert sich, dass nach jeder Konferenz sie und ihre Kollegen sich über irgendeine "unmögliche Entscheidung" der Chefs beklagt hätten. Bei Welt Online ist zu lesen:

Dennoch hätten es Journalisten zu ihrer Zeit einfacher gehabt. "Wir haben aus den Vollen geschöpft. Heute zeigen die Verlage immer weniger Bereitschaft, für Journalismus Geld auszugeben."

Leute: Wibke Bruhns nimmt Journalismus als "Jammerbranche" wahr – Nachrichten Newsticker – News3 (DAPD) – WELT ONLINE

Wenn "Aktenzeichen XY … ungelöst" Realität wird


24 Apr

Aktenzeichen_XY_Log_svgVon wegen “augmented reality”: Die vorgespielte Handlung im Fernsehen kann zur bösen Wirklichkeit werden. So erging es einem Schauspieler, der in der ZDF-Kriminalreihe “Aktenzeichen xy … ungelöst” einen Bösewicht gespielt hatte. Er wurde nun in Stuttgart von einem Passanten für einen echten Kriminellen gehalten und von der Polizei festgehalten.

Aaron Defant, Jahrgang 1983, spielte bei “Marienhof” und in Filmen wie “Blond bringt nix” mit. In Stuttgart wollte Defant im Theater die Dramatisierung von Kafkas “Die Verwandlung” ansehen. Doch er selbst hatte sich wohl nicht genug verwandelt. Im März nämlich hatte er einen Juwelendieb für die ZDF-Reihe “Aktenzeichen XY … ungelöst” verkörpert, und dies wurde ihm nun zum Verhängnis. Ein ZDF-Zuschauer erkannte Defant, hielt ihn aber für den echten Juwelenräuber und verständigte die Polizei:

Gegen 20.30 Uhr standen zwei Polizisten hinter ihm, hielten ihn fest, verlangten seinen Ausweis. „Im ersten Moment dachte ich, es hätte was mit Stuttgart 21 zu tun, weil ich direkt am Bauzaun stand“, sagt der 29-Jährige. Aber dem umstrittenen Bahnhofsumbau galt das Interesse der Polizei nicht, sondern seinem Job.

Nach der Feststellung der Personalien war dieser Fall “gelöst”. Der echte Juwelendieb hingegen ist immer noch nicht gefasst, wiewohl die Polizei “derzeit noch Dutzenden Hinweisen aus dem gesamten Bundesgebiet” nachgehe.

Verwechslung nach „Aktenzeichen XY … ungelöst“: So gut wie echt – SPIEGEL ONLINE

Schweinsteiger grätscht gegen Sky-Reporter


11 Apr

Quelle: WikimediaSportler-Interviews gehen ja gerne mal schief. Zum Beispiel am vergangenen Samstag. Da erlaubte sich der Spielfeldreporter des Bezahlsenders Sky, Tim Niederholte, Bayern-Spieler Sebastian „Basti“ Schweinsteiger zum Gespräch zu bitten. Und der Fernsehreporter war mit der Leistung der Bayern im Spiel gegen den FC Augsburg nicht recht zufrieden.Die Münchner Abendzeitung gibt dieses denkwürdige Interview so wieder:

Da kam ihm Bastian Schweinsteiger, am Samstag erstmals nach langer Zeit wieder in der Startformation des Rekordmeisters, gerade recht.  Eine Kampfansage an die Dortmunder im Meisterschafts-Duell sehe ja wohl anders aus, monierte Niedernolte. Schweinsteiger reagierte zunächst leicht genervt („Wie bitte?“ – „Was meinen Sie?“) und verwies darauf, dass auch Augsburg eine starke Mannschaft sei – Niedernolte aber insistierte hartnäckig, erneute seine Enttäuschung über die fehlende Kampfansage und erläuterte dem kopfschüttelnden Schweinsteiger („Meinen Sie das ernst?“) sein Interview-Selbstverständnis: „Ich versuch ja manchmal so ein bisschen was rauszukitzeln.“

Auf der Sender-eigenen Homepage wird der Journalist Niederholte mit den Worten beschrieben: „Offen, schlagfertig, unverbraucht! Und dabei so herrlich natürlich! Tim Niedernolte moderiert einfach anders.“ Also ließ er es sich nicht nehmen, seine Meinung zum Bayern-Spiel dem Spielmacher nochmals kundzutun. Schweinsteiger war das zuviel:

Er drehte sich ab, suchte Kontakt zu Bayerns Pressechef Markus Hörwick und sprach in die Kamera: „Markus, will der mich verarschen?!““ Dann ließ er den Reporter stehen und verschwand in der Kabine. Niedernolte blieb nur die Feststellung: „Da geht er weg.“

Interessant ist noch, nachzutragen, was der Sky-Reporter sonst so macht. Im Kinderkanal moderiert Niederholte nämlich noch die Kindernachrichtensendung „Logo“. Und das ist noch nicht alles: Für Bibel-TV moderiert er „Jesus House“. Wen wundert es da noch, dass er gerne Fußballprofis ins Gebet nimmt?

Lanz: Tiefpunkt des Journalismus?


29 Feb

Markus Lanz ist ein Fernsehmoderator, der sich gerne vor Publikum bekochen lässt („Lanz kocht“) und eine nicht weiter beachtenswerte Talksendung im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) moderiert („Markus Lanz“). In der jüngsten Ausgabe dieser Sendung trat der bundesdeutsche Wirtschaftsminister auf, um aus seiner Sicht zu erzählen, wie es zur Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidentenkandidaten kam. Dem Medienkritiker der F.A.Z., Michael Hanfeld, hat das überhaupt nicht gefallen, und er hat dazu grimmige Worte gefunden:

Gemeinsam ziehen sie eine Show ab, die den „tiefsten Tiefpunkt“ (Rudi Völler) des deutschen Journalismus und den Marianengraben politischer Wahrhaftigkeit markiert. Es ist ein sagenhaftes Theater, Rösler gibt den Parzival, der den Gral endlich gefunden hat, ins Narrenkleid ist derweil der steigbügelhaltende Moderator Lanz gerückt.

Denn bei ihm wird das Machtkalkül zum gespielten Witz. Er redet so süß über „die Angela“ und „den Philipp“, dass einem schlecht wird. Erst fasst Rösler Lanz am Arm, wie Gauck es mit ihm gemacht habe, dann Lanz „den Philipp“. „Jetzt mal ehrlich,“ sagt der Markus dann, „die Angela“, die „ham Sie doch über den Tisch gezogen.“ Über den Tisch gezogen werden an diesem Abend aber alle, die diese Sendung sehen. Denn es wird ihnen eine Heldengeschichte erzählt, die von vorn bis hinten nicht stimmt. Hintergründe und Handlungsmaximen werden hier in ihr Gegenteil verkehrt.

Die süffisante Analyse ist vermutlich zutreffend, aber eine Frage stellt sich doch: Wenn Hanfeld die Talkshow „Markus Lanz“ — oder jedenfalls diese spezielle Ausgabe — als „Ende des Journalismus“ und, Rudi Völler zitierend, als „tiefsten Tiefpunkt“ bezeichnet, geht er davon aus, dass es sich überhaupt um Journalismus handle. Und dem wäre vielleicht zu widersprechen.

Ist Markus Lanz überhaupt ein Journalist? Er hat seit 1992 ein zweijähriges Volontariat bei Radio Hamburg absolviert, also eine journalistische Ausbildung genossen. Danach wechselte er aber umgehend ins Moderatorenfach, ursprünglich als Nachrichtenmoderator bei RTL Nord. Diesen Job verdankte er aber vermutlich nicht so sehr seiner journalistischen Qualifikation, sondern seiner anderen hervorstechenden Eigenschaft: Markus Lanz sieht aus, wie er aussieht — eine Mischung aus beliebter Schwiegersohn und Gebrauchtwarenhändler, der ideale Kleiderständer für nicht allzu überteuerte Herrenmode, kurz: ein Robert Redford für Wenigerbetuchte. Gegen diese Eigenschaft des Fernsehprodukts Lanz ist im Prinzip nichts einzuwenden, immerhin ist Fernsehen ein visuelles Medium. Und sie brachte Lanz das ein, was im betreffenden Wikipedia-Artikel als sein „Durchbruch“ angesehen wird, obwohl es eigentlich schon der „tiefste Tiefpunkt“ ist: Er wird Moderator der RTL-Sendung „Explosiv“. Den Journalismus hat er da längst verlassen, auch wenn die Bezeichnung „Redaktionsleiter“ fälscherlicherweise auf eine journalistische Tätigkeit hindeutet. Sendungen wie „Explosiv“ sind Unterhaltungsware, deren Informationswert gegenüber dem Unterhaltungsanspruch vernachlässigenswert ist. Aus diesem Grund wurde Lanz dann auch im Jahr 2008 vom ZDF abgeworben: Ein völlig entpolitisiertes Stück Seife, das in den Auswürfen des Boulevards sattelfest ist. In diesem Beritt hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen eben trotz aller nachhaltigen Bemühungen noch nicht genug eigene Kavallerie hervorgebracht und muss sich in den Niederungen des Privatfernsehens mit Reitlehrern wie Markus Lanz versorgen. Wie praktisch alle anderen öffentlich-rechtlichen Talkshows auch ist die Sendung „Markus Lanz“ ein Politiksurrogat, eine Journalismus-Simulation, die darüber hinwegtäuschen soll, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender das nicht mehr zu bieten haben, wofür sie bezahlt werden: meinungsstarken, recherchetiefen und mutigen Politjournalismus.

Es wäre Michael Hanfeld von der F.A.Z. also doch zu widersprechen: Lanz ist nicht das „Ende des Journalismus“, sondern dessen Ersatzhandlung. Aber das ist vielleicht noch schlimmer.

Welches Bildungsniveau haben Castingshows?


03 Feb

Dieter_Bohlen_Moscow_2009Deutsche Politiker haben ja immer wieder Probleme mit der Einbürgerung. Dieses Mal geht es um die Einbürgerung des “Europäischen Qualifikationsrahmens” (EQR) auf deutsches Niveau, nämlich Bildungsniveau. Bildungsniveau ist ja etwas, das sich in Deutschland ganz unten abspielt, also in Süddeutschland, wo man zwar alles außer Hochdeutsch kann, aber umso stolzer auf seine Gymnasialbildung ist. Bildungsabschlüsse sollen aber in Europa vergleichbar werden, damit auch ein dänischer Bildungsbürger in Südfrankreich einen Kochkurs besuchen darf. Also wurden Qualifikationsniveaus eingeführt, die von Niveau 1 (Grundschule) über Niveau 6 (Bachelorabschluss) bis zu Niveau 8 (Promotion) führen. Der deutsche Streit ist für Außenstehende (wie so häufig) nicht recht leicht zu verstehen, aber es ist wohl so, dass irgendwelche gebildeten Politiker sich dagegen wehren, dass das deutsche Abitur auf dasselbe Niveau kommt wie eine beispielsweise handwerkliche Berufsausbildung. Dass sich da nicht in erster Linie die Berufsausbilder echauffieren, ist nur eine der Kuriositäten der Debatte.

Aber der eigentliche und die Volksbildung viel eher zum Ausdruck bringende Aspekt wurde in der Diskussion noch gar nicht zur Sprache gebracht: Auf welchem EQR-Niveau wollen wir eigentlich all die Quizsendungen und Castingshows eingruppieren, die doch den Wissens- und Ausbildungsstand von Otto Normalkonsument viel deutlicher widerspiegeln als Schulnoten, Testate und IHK-Bescheinigungen. Die Lehrer der Nation heißen heute Günther Jauch und Dieter Bohlen. Wer in Deutschland etwas auf sich hält, lernt nicht Fleischereifachverkäuferin, sondern präsentiert seine Auslagen beim RTL-“Supertalent”. Wer von sich hören machen will, wird nicht Mechatroniker, sondern bewirbt sich als “the Voice of Germany” (Englisch-Kenntnisse inklusive). Jemand, der bei “Wer wird Millionär” die 64.000-Euro-Frage knackt, sollte doch wohl dem nämlichen Bildungsniveau zugerechnet werden wie ein Schüler, der mit Sport und Erdkunde als Prüfungsfächern sein Abitur baut. Die jungen Damen, die es in die Endrunde von “The Bachelor” schaffen, sollten die sich nicht einem ebensolchen Bachelor als ebenbürtig erwiesen haben? Warum noch Zahnarzthelferin werden, wenn man den “X-Factor” hat, der bekanntlich zusammen mit dem Y-Faktor nicht nur das kartesische Koordinatensystem beschreibt, sondern auch  eine Managementtheorie sowie das maskuline Chromosomenpaar der Desoxyribonukleinsäure bildet? Die wirklich wichtigen bildungspolitischen Fragen, die unsere Experten endlich einmal diskutieren sollten, lauten doch: Ist der “Recall” in einer Castingshow vergleichbar mit der Mittleren Reife? Bewegt sich ein Quizkandidat von “Drei bei Kai” auf dem gleichen Bildungsniveau wie einer der Gesangshandwerker bei “Deutschland sucht den Superstar”? Müssten nicht Quizmoderatoren längst die Vollmitgliedschaft im “Deutschen Hochschulverband” erhalten und die Intendanten der deutschen Fernsehsender zur Hochschulrektorenkonferenz eingeladen werden?

Aber was macht die deutsche Bildungspolitik: Sie schweigt. Und das ist nun wirklich das letzte, was man sich bei Castingshows leisten kann. Reden ist Silber, Singen ist Gold. Aber die Politiker haben sich darauf verständigt, “von einer Zuordnung der allgemeinbildenden Schulabschlüsse zum Deutschen Qualifikationsrahmen vorerst abzusehen”. Darum müssen auch die tausenden von Teilnehmern an den Quiz- und Castingsendungen des deutschen Fernsehens auf die Anerkennung ihrer Abschlüsse noch warten und werden vorerst nicht erfahren, auf welchem Ausbildungsniveau sie sich im internationalen Vergleich befinden. Wahrlich ein Bildungsskandal.

Europäische Kommission – Allgemeine & Berufliche Bildung – lifelong learning policy – Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR)

Tatort-Aus: Warum nur Saarbrücken?


24 Jan

fadenkreuz“Guckt den Film nicht!” forderte der Hauptdarsteller Gregor Weber alias Stefan Deininger des gestrigen Sonntagabendkrimis im Ersten Deutschen Fernsehen, des “Tatorts” aus Saarbrücken, sein Publikum auf. Es handelte sich bei der Aufforderung nicht um die larmoyante Form des Guerillamarketings, um die Einschaltquoten erst recht nach oben zu treiben, sondern um den schauspielerischen Ausdruck der Verärgerung darüber, dass sein Arbeitgeber ARD ihn künftig nicht mehr in der Filmreihe beschäftigen möchte. Dem Schauspieler ist allerdings aus anderem Grunde beizupflichten. In der an Tiefpunkten nicht gerade armen Krimiserie war die Folge des Titels “Verschleppt” das armseligste Beispiel für, wie Film- und Fernsehmacher heute mit Entsetzen Scherz treiben, um im Rennen um ein paar Prozentpunkte der Fernseh-Währung “Einschaltquote” noch die letzten moralischen und ästhetischen Standards zu unterlaufen. Aber lesen wir, was der Film-Kritiker der “tageszeitung” zu dem “Tatort” zu sagen hat:

Der Film und die Schauspieler wachsen weit übers übliche “Tatort”-Niveau hinaus. (…) Weber spielt seinen Deininger hart an der Grenze des Nervenzusammenbruchs. (…) Allein das macht “Verschleppt” absolut sehenswert.

Hier war wohl vor allem der Rezensent am Rande des Nervenzusammenbruchs. Davon abgesehen, dass das “übliche Tatort-Niveau” mit Sicherheit keine Referenzgröße für Qualität im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darstellt (woanders erst recht nicht), war diese kolportagehaftige Aneinanderhackstückelung von filmischen Versatzstücken, selbstreferentiellen Zitaten und plump geklauten Einfallslosigkeiten sicher kein Glanzstück, das das Prädikat “absolut sehenswert” verdient hätte. Ein Kinderschänder entführt 14-jährige Mädchen, sperrt sie in ein Kellerverlies ein und quält sie dort mit Kabelbindern und Flüssigkeitsentzug – und das vorgeführt in einer Bildsprache, die sich so unverhohlen wie hilflos aus seinen Vorbildern aus dem Horror- und Splattergenre wie “Hostel” oder “Saw” bedient. Man hat sich ja schon daran gewöhnt (und Kriminologen wie Medienwissenschaftler haben diesen Befund bestätigt), dass die Darstellung von Kriminalität im Fernsehen mit der “echten” Kriminalität hierzulande nichts zu tun hat und dass deswegen das Staatvolk nach Gesetzesverschärfungen ruft, obwohl die Kriminalitätsstatistik seit Jahren und Jahrzehnten rückläufig ist. Ohne (in der Regel: sexuelle) Perversionen, ohne Splatter und Vergewaltigungen, ohne gequälte Mädchen und debile Täter geht gar nichts mehr, auch und gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Für den ahnungslosen taz-Kritiker ist das “sehenswert”, für alle anderen ist das schlicht geschmacklos. Seine Ahnungslosigkeit wird auch körperlich spürbar, wenn man lesen muss:

Die Parallelen zum realen Fall Fritzl/Kampusch sind unübersehbar …

Denn dieser Fall war gar nicht einer, sondern es waren zwei völlig verschiedene: Hier der Fall Kampusch/Priklopil, bei dem in der Tat über Jahre ein Mädchen im Kellerverlies gefangen war (wenn auch nicht mit Kabelbindern gefoltert), dort der Familienvater Fritzl, der die eigene Tochter vergewaltigt. Immerhin konstatiert die “taz”:

Und noch dazu mit einem Thema, dass garantiert nicht zur gemütlichen Sonntagabendunterhaltung taugt.

Hier hat der taz-Kritiker allerdings recht: Dieser “Tatort” taugt weder zur “gemütlichen Sonntagabendunterhaltung”, noch überhaupt zu irgendeiner Art von Unterhaltung an irgendeinem Wochentag. Wer sich von den Sado-Phantasien öffentlich-rechtlicher Drehbuchautoren und –regisseure unterhalten fühlt, der sollte sich mindestens ebenso auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen wie die Verantwortlichen für diesen Film, der zu einer Sendezeit läuft, zu der minderjährige Kinder und Jugendliche im Alter derjenigen, die im Film als Blaupause für die offenbar völlig gestörte Einbildungskraft seiner Macher dienten, noch vor dem Fernsehgerät sitzen. Robert Lemke stellte einst in der guten (?) alten Schwarz-Weiß-Zeit des Fernsehens fest: “Aus dem Kreis der Familie ist ein Halbkreis geworden”. Wer aber heute um 20:15 Uhr in der ARD noch Familienunterhaltung erwartet, der wird mit Brecheisen, Folterwerkzeugen und Dienstpistolen eines besseren belehrt. Als wäre dies nicht alles schon schlimm genug, wird in der “Tatort”-Filmen ein Bild von polizeilicher Arbeit vermittelt, dass dem unvoreingenommenen Betrachter den Eindruck vermitteln muss, als lebten wir in der Bundesrepublik Deutschland in einem faschistoiden Polizeistaat: Prügeleien bei polizeilichen Vernehmungen, Durchsuchungen und Festnahmen ohne Beschluss, Eigenmächtigkeiten und Selbstherrlichkeiten der ermittelnden Kommissare, als wären sie mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet. Es ist schon war, bei fiktionalen Werken muss nicht alles mit den rechten Dingen dokumentarischer Wahrhaftigkeit vonstatten gehen (obwohl: warum eigentlich nicht?). Aber wenn eine Filmreihe sich so dermaßen von der Realität entfernt hat, wie die ARD-“Tatort”-Reihe es getan hat, dann lässt es doch einige Rückschlüsse auf den Wirklichkeitsbezug der ARD-Verantwortlichen zu. Ich jedenfalls werde den Ratschlag des ehemaligen “Tatort”-Kommissarschauspielers beherzigen: Ich werde ein ehemaliger “Tatort”-Zuschauer.

Pro7 schafft das Fernsehprogramm ab


31 Dez

Die edelste Aufgabe eines Fernsehsenders ist das Programmieren. Das unterscheidet das Fernsehen ja (jedenfalls noch) von Abrufkanälen und Youtube: Eine schematisch festgelegte Folge von Programmangeboten, die in Summe das Fernseh-Programm ausmachen. Der Fernsehsender Pro7 hatte allerdings auf diese süße Pflicht an Weihnachten keine Lust mehr. An Heiligabend stellte der Sender nach „Heute kommt der Weihnachtsmann“ und einer letzten „Newstime“ um 18:05 Uhr die Programmierung ein. Ab diesem Zeitpunkt liefen erst hintereinander vier Folgen der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ und danach für den Rest des Abends eine Folge von „Two and a half men“ nach der anderen. Bis 2:50 Uhr in der Frühe. Dann ging es mit der US-Fernsehserie „Malcom mittendrin“ ebenso weiter. Man muss allerdings für Pro7 ein bisschen Verständnis aufbringen: Der Heiligabend ist der quotenschwächste Abend des gesamten Fernsehjahres. Selbst Dauergucker schaffen es in dieser heiligen Nacht, mal für ein paar Stunden abzuschalten. Das hat sich natürlich bei den Werbepartnern von Pro7 herumgesprochen. Warum sich also überhaupt irgendeine Art von Mühe geben und das tun, wofür ein Fernsehprogramm eigentlich da ist, nämlich programmieren?! Also hat man das Fernsehprogramm eingestellt und pro forma irgend etwas laufen lassen, damit die Mattscheibe beim Durchzappen nicht schwarz bleibt. Denn wie sähe das denn aus?

Aus für "Super Nanny":Katharina Saalfrank macht Schluss mit RTL


26 Nov

Die Protagonistin der umstrittenen RTL-Sendung “Super-Nanny” will nicht mehr. Wie Spiegel Online berichtet, wirft Katharina Saalfrank dem Privatsender vor, in ihre pädagogische Arbeit eingegriffen und das Format in Richtung “scripted reality” entwickelt zu haben:

"In meine Arbeit als Fachkraft in diesem Format wurde extrem … und teilweise sogar gegen pädagogische Interessen eingegriffen." Dies sei sicher der "Entwicklung des medialen Markts" hin zu "gescripteter", also inszenierter Realität geschuldet. Das komme für sie nicht mehr in Frage.

RTL: "Super Nanny" Katharina Saalfrank wirft hin – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur

Karneval im Fernsehen nicht mehr ganz echt


11 Nov

Eröffnung der Karnevals-Session am 11.11.2011 auf dem Kölner Altermarkt. Und das Fernsehen des WDR ist live dabei. Doch wie live ist eigentlich live? Wie echt ist Karneval im Fernsehen und auf den Bühnen? Um kurz vor Elf spielt die Erfolgsband „Höhner“. Aber ob sie wirklich spielen, ist fraglich, wenn man sich das Fernsehbild genau ansieht:

Die Bühne steht so voll mit Musikern und anderem Volk, dass man auf den ersten Blick gar nicht sieht, wer da alles zur Band gehört. Aber bei genauerem Hinsehen stellt man doch fest, dass einige Musikerpositionen doppelt besetzt sind, insbesondere das Schlagzeug:

Eine Live-Übertragung im Fernsehen sagt eben noch lange nichts darüber aus, ob alles wirklich „live“ ist. Gerade die „Höhner“ sind in Kölner Musikerkreisen bekannt dafür, bei ihren zahlreichen Sitzungsauftritten gerne mal Playback bzw. Halbplayback einzusetzen statt wirklich live zu musizieren, wie gut unterrichtete Kreise zu berichten wissen. Dass einzelne Instrumente gedoppelt werden, ist nur eine Möglichkeit, Musiker als Frontleute in Szene zu setzen, während andere die Kernerarbeit machen müssen (die von mir verehrten „Tower of Power“ haben es ebenso gemacht): Höhner-Schlagzeuger Janus Fröhlich hatte ein gesundheitlich äußerst schwieriges Jahr hinter sich, da sei es ihm gegönnt. Dass die so perfekt abgemischte Musik, die da aus dem Fernsehlautsprecher kommt, aber wirklich von den Erst- und Zweitmusikern auf der Kölner gemacht wird, ist nicht ausgemacht. Vielleicht wird auch nur großer Aufwand betrieben, um eine besonders große Illusion zu verbreiten. Denn davon lebt das Fernsehen.

 

 

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter