Archive for the ‘Internet’ Category

Google bietet Löschung an


30 Mai

Das Recht auf Vergessen hat der Europäische Gerichtshof den Google-Usern zuerkannt. Die Suchmaschinenfirma Google setzt dieses Urteil jetzt um. Es hat ein Webformular ins Netz gestellt, auf dem man die Entfernung aus den Suchergebnissen gemäß Europäischem Datenschutzrecht beantragen kann. Gründe muss man nicht anführen, wenn man will, dass bestimmte URLs aus den Trefferlisten gelöscht werden. Allerdings muss man ein Abbild seines Personalausweises hochladen, um sich eindeutig zu identifizieren.

Nachbetrachtung zur Wahlberichterstattung


09 Okt
Wahlplakat der SPD 1949 (Quelle: Wikimedia)

Wahlplakat der SPD 1949 (Quelle: Wikimedia)

Bundestagswahl und der entsprechende Wahlkampf sind vorbei, auch wenn man bei der aktuellen Presse-Analyse noch nicht so recht den Eindruck hat.  Was gab es Neues? Wie hat sich der Wahlkampf 2013 von den vorherigen unterschieden? Am Online-Wahlkampf jedenfalls hat es nicht gelegen. Denn der ist vor allem eines, nämlich wirkungslos – auch wenn die Netzbeauftragten der politischen Parteien anderes behaupten. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die einen positiven Einfluss politischer Internet-Aktivitäten auf die Wahlentscheidung nahelegt. Fast sogar im Gegenteil: Beispielsweise im kommunalen Bereich können Onlineaktivitäten sogar hinderlich sein, gefragt sind persönliche Ansprache und das „Kümmern“ um die Belange der WählerInnen. ich habe zu dem Thema einen Gastbeitrag in der Zeitschrift „Disput“ veröffentlicht. Der Artikel kann hier als pdf runtergeladen werden:

„Disput“: Wahlkampf und Kommunikation (pdf)

Eines war doch irgendwie neu, obwohl es andererseits eigentlich ein alter Hut in neuem Gewand ist: Der Haustürwahlkampf. „Canvassing“ ist das Zeitgeist-Wort dafür. Vertreter insbesonderer der SPD und der Grünen sind in Kern-Wahlbezirken buchstäblich von Haustür zu Haustür marschiert und haben politische Überzeugungsarbeit geleistet. die KollegInnen von Politik-Digital sind mitmarschiert und haben eine sehr lesenswerte Reportage darüber geschrieben.

 

Fernsehen ist nur noch Grundrauschen


29 Aug
Bild: O. Meier-Sander/pixelio

Bild: O. Meier-Sander/pixelio

Der „second Screen“ verdrängt den „first Screen“: Laptops, Smartphones oder Tabletcomputer, die parallel zum laufenden Fernsehprogramm genutzt werden („second Screen“) verdrängen zusehends den „first Screen“, also den Fernseher selbst. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der Unternehmensberatung Fittkau & Maaß gekommen. „Mittlerweile hat die deutliche Mehrheit der deutschen Internet-Nutzer – 56 % – beim Fernsehen einen zweiten Bildschirm vor Augen“, stellen die Unternehmensberater fest.

Dabei sei die Aufmerksamkeit für die parallel zum Fernseher genutzten Geräte um 25% höher, wird in der Studie weiter behauptet. Unternehmensberater Sebastian Schömann wird im Branchendienst Meedia so zitiert: „Der Fernseher liefert oft nur noch das Grundrauschen im Hintergrund, aber die Aufmerksamkeit gilt dem Smartphone oder Tablet.“

Rechenfehler bei Meedia: GEZ kleingerechnet


11 Jul
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Foto: Sigrid Rossmann/Pixelio

Schwer zu verstehen ist diese Meldung zum Thema Rundfunkgebühren, die im Branchendienst Meedia zu lesen ist:

Gebühreneinbruch bei der GEZ: Wie der Focus in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, wurden 2011 lediglich noch 25,8 Millionen Euro an Zwangsbeiträgen für die öffentlich-rechtlichen Programme eingetrieben – ein Minus von 5,5 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr. Das Magazin beruft sich auf eine interne Statistik des Südwestrundfunks.

Diese Angaben, egal ob sie nun vom Focus stammen oder ob bei Meedia jemand etwas nicht richtig verstanden hat, halten auch der oberflächlichsten Plausibilitätskontrolle nicht stand. Die GEZ hat allein im vergangenen Jahr 2011, wie bei Statista.de und vielen anderen Quellen aufs leichteste zu recherchieren ist, mehr als 7 Milliarden Euro eingenommen. die von Meedia/Focus genannten Zahlen sind so grenzenlos weit davon entfernt, dass die Fehlerquelle kaum zu identifizieren ist. Oder handelt es sich hier schon um ein Stück automatisierten Journalismus, der nicht mehr von Redakteuren, sondern von Computerprogrammen selbsttätig fabriziert wurde? Gerade mit Plausibiliät haben Computerprogramme ja so ihre Probleme.

Aber auch die vielzitierten Vorteile des Onlinejournalismus zur Qualitätskontrolle werden vom Onlinemagazin Meedia nicht wahrgenommen: Mehrere Kommentare weisen auf die offensichtliche FAlschheit der Zahlenangaben hin, ohne dass das offenbar jemanden in der Meedia-Redaktion interessiert. Schade.

Meedia: GEZ treibt weniger Gebühren ein

Hicks statt Higgs: Focus hat Physik-Schluckauf


04 Jul

Screenshot Focus Online

Am europäischen Teilchenbeschleuniger CERN in Genf stehen offenbar große Neuigkeiten unmittelbar vor ihrer Veröffentlichung: Der experimentelle Nachweis des sog. Higgs-Teilchens, das auch als „Gottesteilchen“ bezeichnet wird und bislang nur ein theoretisches Postulat war. Die Redaktion von Focus Online hat die Higgs-Mitteilung scheinbar so in Aufregung versetzt, dass sie selbst hicksen musste und einen Schluckauf bekam. In der wissenschaftlich nicht ganz haltbaren Fassung der Onlinejournalisten heißt es:

Die Entdeckung des Higgs-Bosons wäre „eine der größten Entdeckungen“ der Physik. Das Cern-Forschungszentrum hat kurz vor der Stellungnahme zu jenem Elementarteilchen versehentlich ein Video ins Netz gestellt. Es soll das Gottesteilchen zeigen.

Hier wurde offenbar die Papparazzi-Mentalität von Teilen des Journalismus auf die Teilchenphysik übertragen: Man muss nur lange genug auf der Lauer liegen, dann bekommt man auch sein Foto. Mit dem Gottesteilchen verhält es sich indes wie mit dem lieben Herrgott persönlich: Auf Foto wurde er bislang noch nicht gebannt, und das wird wohl auch in Zukunft nicht gelingen. Hicks statt Higgs.

Sprache und Website-Optimierung


29 Mai

Liebe Website-Optimierer, SEO-Spezialisten und Computerfreaks!

Ich möchte doch einmal etwas loswerden: Ja, ich möchte natürlich eine optimale Website. Ich freue mich auch über viele Leserinnen und Leser. Und wenn ich bei etwaigen Google-Websuchen einmal im “Pagerank” weit nach oben gerutscht sein sollte, ist es vermutlich weder für die Fa. Google noch für mich von Schaden. Was ich allerdings nicht mehr möchte, ist, folgende E-Mails zu erhalten:

Hallo,
Ich werde diese Gelegenheit nutzen, um mich vorzustellen.
Mein Name ist Bettina K. ich arbeite als SEO Manager
für Besteweb….com
Ich mache eine Recherche für einen meiner Partner und dabei bin
ich auf haarkoetter.de gestoßen.
Ich habe einige interessante Vorschläge für Sieund ich möchte Ihnen
weitere Informationen darüber geben.
Als SEO-Experte betreue ich viele Qualität Websites, die zu Ihrer Seite passen
könnten und Ihrer Webseite zu höheren Rankings & Besucherzahlen zu verhelfen.
Wenn Sie daran interessiert sind, würde ich mich freuen, Ihnen
zusätzliche Informationen und alle erforderlichen Details zuzusenden.
Mit freundlichen Grüßen,

Nur ein kleiner Tipp zur echten Optimierung einer Website von dieser Stelle aus: Wirklich bahnbrechende Erfolge bei möglichen Verbesserungen von Veröffentlichungen aller Art (also auch im Internet) hat man, wenn man die Regeln der deutschen Sprache mit einem sinnvollen Einsatz von Satzzeichen und womöglich der ein oder anderen eleganten Formulierung paart. Nix für ungut.

Radio-Reporter gesteht Mord an 23-Jähriger–oder doch nicht?


25 Okt
SymbolbildWas für eine Räuber-, um nicht zu sagen: Mörderpistole! Der Branchendienst Meedia tischt uns heute eine Geschichte auf, wie geschaffen für Medien-Seiten und Medien-Hasser. Ein Journalist begeht einen abgefeimten Mord und berichtet anschließend selbst als Reporter darüber! So gruselig können Medien-Geschichten sein. O-Ton Meedia:

Ein Reporter von Radio Zwickau hat gestanden, nach einem Disco-Besuch eine 23-Jährige erwürgt und missbraucht zu haben. Auf die Spur des 27-Jährigen waren die Ermittler laut Bild durch einen DNA-Test gekommen. Besonders bizarr: Nach der Tat fuhr Patrick R. selbst zum Tatort, „recherchierte“ und interviewte die Polizei für seinen Sender.

Schade nur, dass der Meedia-Autor des namentlich nicht gekennzeichneten Beitrags nicht selbst recherchiert hat. In der Fußzeile des Artikels unter der Rubrik “Das schreiben die Anderen” ist als einzige Stimme Bild.de aufgeführt, und von dieser Quelle scheint Meedia auch abgeschrieben zu haben. Bei Bild.de heißt es unter der Überschrift “Radioreporter verbrennt Disco-Mädchen”:

Ermittler suchten nach Spuren, Reporter kamen. Auch Radio-Mann Patrick R. (27) fuhr zum Leichenfundort, recherchierte, interviewte für seinen Sender die Polizei. Dabei wusste er selbst viel mehr über den Fall als die Mordkommission.
Er selbst hatte die Frau getötet, geschändet und angezündet!

Und Bild.de weiß auch noch mehr über den Tathergang zu berichten:

Mit seinem Schlüsselband würgt Patrick R. sein Opfer, zieht immer fester zu. Schließlich erstickt Susann P. an ihrem Blut.

Vielleicht hätte Meedia gut daran getan, sich nicht nur auf Bild.de als Quelle zu verlassen. Denn beide Medien erzählen offensichtlich ein sehr eigenwilliges Interpretament der Ereignisse. Die Freie Presse jedenfalls (“Sachsens größte Zeitung”) schildert in einem recht ausführlichen Beitrag, der ziemlich mühelos im Internet recherchiert werden kann, den Prozessauftakt gegen den “mutmaßlichen” Täter Patrick R. und seine Tat, die im übrigen acht Monate zurückliegt. Aus dieser einfach zugänglichen Quelle kann man entnehmen, dass es sich mitnichten um einen “Reporter von Radio Zwickau” gehandelt hat, sondern um einen gelernten Gebäudereiniger. Was den Mann mit Radio Zwickau verband, war einzig der Umstand, dass er dort zur Zeit “ein viermonatiges Praktikum absolvierte”. Ausdrücklich notiert allerdings die Freie Presse:

Offen blieb daher auch, in welchem Umfang der Praktikant für Radio Zwickau mit Recherchen zu seinem eigenen Verbrechen betraut war.

Ein Reporter mordet und berichtet anschließend selbst darüber? Das klänge wohl anders. Auch der Tathergang, wie Bild.de ihn darstellt (“… Mit seinem Schlüsselband … erstickt … an ihrem Blut”), findet sich durch die Darstellung vor Gericht laut Freier Presse nicht im mindesten gedeckt:

Er soll die Frau mit den Händen gewürgt haben, bis sie an Erbrochenem erstickt sei. Richter Klaus Hartmann hält es für wahrscheinlich, dass der Angeklagte sein Schlüsselband um den Hals des Opfers knotete. „Wir haben auf 27 Zentimeter Länge DNA-Spuren und Haare der Frau.“

Wie kommt Bild.de dann auf ihre Darstellung? Ganz einfach, sie wurde frei erfunden. Wie kommt der Branchendienst Meedia.de auf seine Darstellung?  Ganz einfach, sie wurde bei Bild.de abgeschrieben und dabei so stark gekürzt, dass gar nichts mehr stimmte. Man hätte auch einfach recherchieren können. Man hätte auch einfach selbst einen Reporter (!) zum Zwickauer Landgericht schicken können. Man hätte wenigstens ein paar Verfahrensbeteiligte anrufen oder, wenn das zu viel verlangt ist, mal im Internet nachgucken können. Aber das wäre womöglich nicht nur zu viel verlangt gewesen, es hätte vermutlich auch die schöne Gruselgeschichte vom frauenmordenden Journalisten, der über seine eigenen Untaten berichtet, kaputt gemacht. Und so eine Geschichte lässt man sich natürlich nicht entgehen. Recherche kann echt störend sein.

Meedia: Radio-Reporter gesteht Mord an 23-Jähriger

20.Oktober: Heute ist “Information Overload-Bewusstmach-Tag”!


20 Okt

Die Information Overload Research Group (IORG) hat den 20.Oktober zu dem Tag erklärt, an dem man sich einmal in besonderer Weise des “information overload” bewusst werden soll. Nach Ansicht der IORG ist die Überversorgung mit Informationen jeder Art inzwischen so weit vorangeschritten, dass die gesellschaftliche Produktivität zurückgeht. Differenzierte Wahrnehmung, die Steuerung von Prozessen und auch die Fähigkeit, noch sinnvoll Prioritäten zu setzen, ist mittlerweile durch die allgemeine Informationsverstopfung in Mitleidenschaft gezogen, so die IORG:

On Thursday October 20, knowledge workers around the world will mark the third annual Information Overload Awareness Day.  The theme is “Lower the Overload.”  The holiday/observance is our attempt to raise awareness of the crippling burden that Information Overload places on all of us.  Thanks to the vast amount of information that we all face on a daily basis, individual knowledge workers, teams, and entire organizations suffer diminished productivity and the loss of the ability to make sound decisions, process information, and prioritize tasks.

Die IORG versteht sich als Non-Profit-Organisation, in der sich Medienschaffende, Verwaltungsleute, Wissenschaftler und Industrievertreter zusammengeschlossen haben, um die negativen Auswirkungen der Überhand nehmenden Informationsfülle öffentlich zu machen. Jonathan Spira, der das Buch Overload! how Too Much Information Is Hazadous To Your Organization verfasst hat, hat einige Zahlen zusammengetragen, die das Problem zu großer Informationsdichte illustrieren sollen:

  • Das Lesen und Verarbeiten von nur 100 eMails kann bis zu einen halben Arbeitstag dauern
  • Für 100 Leute, deren Adresse in eMails unnötigerweise cc gesetzt werden, gehen acht Stunden verloren
  • Der Information Overload kostete die U.S.-Ökonomie im Jahr 2010 bis zu 997 Milliarden Dollar.

Der Information Overload kann, so die IORG, schon dadurch verringert werden, dass man ihn sich bewusst macht. Darum wurde der “Information Overload-Bewusstmach-Tag” ins Leben gerufen, der in diesem Jahr unter dem Motto steht: “Nieder mit dem Overload!”

Overload Stories » October 20 is Information Overload Awareness Day – Lower the Overload

Der “Bundestrojaner” ist selbst das Pferd, gegen das er anrennt


17 Okt

Trojanisches_Pferd_in_AnkershagenEinige der Sorgen, die man sich in Zusammenhang mit dem “Bundestrojaner” genannten Schadprogramm machen könnte, wurden in der Berichterstattung der deutschen Presse über diesen Skandal noch nicht einmal erwähnt. Dass Verfassungsorgane ein solches Programm – ob legal oder illegal – in Umlauf bringen, ist ja nur das eine. Das andere ist, dass es offenbar zu knacken ist (wie durch den CCC geschehen) und also auch zu manipulieren, umzumünzen, neu in Umlauf zu bringen und von anderen als Staatsorganen zu nutzen. Nicht zuletzt droht wieder mal die Sprache auf der Strecke zu bleiben, wenn die Babylonismen der Neue-Medien-Apologeten zuschlagen und Begriffe kreieren, bei denen es Leuten mit Rudimenten klassischer Bildung den Magen umdreht: Der “Trojaner” ist, wie auch schon im entsprechenden Wikipedia-Eintrag nachzulesen, das genaue Gegenteil von dem, was das Wort sagt:

Durch die gebräuchliche Kurzform „Trojaner“ wird nach der mythologischen Herkunft des Begriffes die Bedeutung genau genommen verkehrt, da die Griechen die Angreifer waren, welche das Pferd bauten und benutzten, die Trojaner (die Bewohner Trojas) hingegen die Opfer.

Wenn der Berg kreißt, gebiert er sprichwörtlich eine Maus. Aber wenn die staatsschützende Maus kreißt, gebiert sie einen Berg, nämlich einen Berg aus Informationen und Daten, deren sie selbst nicht mehr Herr werden kann, und das zeigt schon die ganze Absurdität staatlicher Datensammelwut:

Im Jahr 2009 sind zwei Maßnahmen mit zum einen 29589 und zum anderen 13558 Aufnahmen der Bildschirmoberfläche zu verzeichnen. Im Jahr 2010 gab es ebenfalls zwei Maßnahmen. Bei einer Maßnahme wurden 12174, bei der anderen, die aktuell noch andauert, 11745 Screenshots erstellt.

Wer mal hochrechnen möchte, wielange ein deutscher Beamter benötigt, um sich ein einziges Bild mit deutscher Gründlichkeit anzusehen bzw. einen Screenshot ermittlungstechnisch zu analysieren, der bekommt eine Vorstellung davon, wie nützlich das trojanische Gesammel von Daten auf den Laptops vermeintlicher Übeltäter ist: Überhaupt nicht nützlich. Das Troja des sogenannten Bundestrojaners ist in Wahrheit Schilda.

Staatstrojaner: Der Spion – Politik – FAZ

Himmel und Hölle des Journalismus


05 Okt

“Die Hölle, das sind die anderen”, hat Sartre einst in seinem Theaterstück “Geschlossene Gesellschaft” geschrieben. Die Hölle für (freie) Journalisten, das können Redaktionen sein, die durch unmögliche Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung oder krasse Verstöße gegen das Urheberrecht auffallen. Die “Freischreiber”, ein Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, hat nun den “Himmel und Hölle”-Preis ausgelobt. Ausgezeichnet sollen solche Redaktionen werden, die sich an den von den “Freischreibern” selbst konzipierten “Code of Fairness” halten (“Himmel”) oder eben in besonders krasser Form dagegen verstoßen (“Hölle”):

Es gibt Gründe, warum Redaktionen freien Journalisten wie der Himmel vorkommen – und ebenso Gründe, warum andere nicht. Wie sich der Berufsverband Freischreiber eine gute Zusammenarbeit vorstellt, hat er kürzlich im Code of Fairness beschrieben.

Der Himmel für Freie Journalisten ist nach Meinung der “Freischreiber” (die Nominierten werden in einem Online-Voting ermittelt) in den Redaktionen von P.M. Magazin, Brand eins und Enorm verwirklicht. Die Journalistenhölle dagegen sollen die Redaktionen von Für Sie, Neon und Spiegel Online sein. Anders als im “Himmel” gibt es für die “Hölle”-Kandidaten keine Begründung, dafür aber eine metaphorische Geschichte, die den Alltag von Journalisten in betreffenden Redaktionen darstellen soll:

Ich hatte einen Traum. Ich war in der Hölle. Das Neonlicht flackerte. Eine Horde Redakteure kam auf mich zugerannt. „Gib uns deine Themen“, riefen sie. Ihre Gesichter kamen mir bekannt vor. Sie entrissen mir meine Papiere und brachten sie dem Chefredakteur, der mit einem Dreizack an einer langen Tafel thronte. Er liess sich meine Themen vorlesen und schrie seinen Redakteuren zu: Diese Geschichte machst Du. Diese Du. Für mich war keins meiner Themen übriggeblieben.
Ich rannte in den nächsten Raum. Der Raum war fast leer. Nur an den Wänden Regale, auf denen Diät Bücher standen. An den Wänden hingen Bilder der Jahreszeiten. Auf dem Bildschirm sah ich einen Text. Darüber mein Name. Das Thema kam mir bekannt vor. Der Text nicht. War wirklich Claudia Schiffer die neue Königin von Sansibar? »Hier werde ich bis zu meinem Lebensende wohnen«, sagte sie. Ich hatte nie mit ihr gesprochen.
Entsetzt wandte ich mich ab. Im nächsten Raum ging es hektisch zu. Redakteure saßen an ihren Rechnern und spitzten Themen zu. Niemand beachtete mich. Ich rief: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die fieseste im ganzen Land?« An den Wänden hingen die armen Seelen von Online-Kollegen und bettelten um Honorare. Ich wachte auf.

Neon-Chefredakteur Michael Ebert hat mittlerweile auf die Nominierung reagiert und sie beim Branchendienst Meedia als “unseriös und bald Rufmord” bezeichnet.

 

Der Himmel und Hölle Preis | :Freischreiber

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter