Archive for the ‘Boulevard’ Category

Die „Bunte“ wird schwarz-weiß


06 Sep

Den Colorismus kann man als die journalistische Krankheit bezeichnen, bei der ein doch vor allem grauer Alltag in überwiegend regenbogenbunten Farben dargestellt wird. Deswegen spricht man auch von Regenbogenpresse. Das Klatschblatt „Bunte“ aus dem Burda-Verlag ist da, nomen est omen, ein besonderer Patient. Die Selbstheilungschancen gehen bei diesem Leiden gegen Null. Nur starke externe Therapie vermag für eine Weile Remedur zu schaffen. Die Online-Ausgabe der „Bunte“-Ausgabe der vergangenen Woche war jedenfalls alles andere als bunt, sondern vielmehr großflächig weiß:

Eine weiße "Bunte" (Screenshot: Bildblog)

Eine weiße „Bunte“ (Screenshot: Bildblog)

Ursprünglich soll, laut Bildblog, eine Titelgeschichte über Bundespräsident Joachim Gauck und einen vermeintlichen Familienkrach geplant gewesen sein. Doch offenbar ist der Präsident juristisch gegen diese „Berichterstattung“ vorgegangen. Auch im Innenteil des Blattes ist nämlich die Farbe abhanden gekommen. Gleich vier Seiten der „Bunten“ sehen stattdessen so aus:

"Bunte" goes black (Screenshot: Bildblog)

„Bunte“ goes black (Screenshot: Bildblog)

Dass die „Bunte“ gesundheitliche Probleme mit der Sprache, der Wahrheit und überhaupt dem Journalismus hat, ist von kritischen journalistischen Notfallpraktikern schon wiederholt diagnostiziert worden. Allein im laufenden Jahr musste die „Bunte“ schon in zehn Fällen Artikel schwärzen. Bildblog stellt fest:

 Zu ihren Opfern gehörten allemöglichen Promis, von Lukas Podolski über Corinna Schumacher und die monegassische Fürstenfamilie bis hin zu Katrin Göring-Eckardt.

Neben Gauck hat auch der Schauspieler Martin Simmelrogge aktuell eine Gegendarstellung erwirkt, die zeigt, wie sehr die Redaktion der „Bunten“ an der Wahrheit und all dem Gedöns laboriert:

Bunte Gegendarstellung (Screenshot: Martin Semmelrogge)

Bunte Gegendarstellung (Screenshot: Martin Semmelrogge)

„Alles so schön bunt hier“, sang einst Nina Hagen. Im Falle der Pöblikation „Bunte“ ist es noch schöner, wenn alles mal schwarz-weiß bleibt.

Kölner Express: Auch in der Krise


24 Aug

„Zeitungskrise“ ist ja ein Schlagwort, um das man dieser Tage bei Diskussionen über die Zukunft des Journalismus nicht herumkommt. Dabei fokussiert die Diskussion aber deutlich zu stark in Richtung Internet und Onlinejournalismus, als ob allein die medientechnischen Entwicklungen der letzten 20 Jahre und das Aufkommen des World Wide Web die Zeitungen in die Krise gebracht hätten. Dabei werden mindestens zwei Umstände übersehen, respektive ausgeblendet: Erstens gab es schon eine „Zeitungskrise“ lange bevor das Internet seinen Siegeszug antrat  und zweitens sind viele gravierende Probleme der Zeitungen systemimmanent, oder anders gesagt: hausgemacht.

Was den ersten Punkt angeht, sind die Sachlage und auch der Begriff „Zeitungskrise“ oder „Zeitungssterben“ deutlich älter. Man kann sagen: Die Zeitungen begannen zu sterben, als die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Praktisch alle deutsche Traditionsblätter sind während oder nach der NS-Zeit untergegangen. Einer kurzen Neugründungsphase nach dem 2. Weltkrieg schloss sich unmittelbar ein erheblicher Konzentrationsprozess an, der bereits in den 1950er Jahren viele Zeitungen „sterben“ ließ. Dieser Prozess beschleunigte sich in den 1960er Jahren sogar noch.

Das Allzeithoch der deutschen Zeitungsauflagen war 1983. Seitdem geht es mit den Auflagenzahlen kontinuierlich bergab — also lange bevor das Internet irgendeine Breitenwirkung erzielte.

Was die zeitungsimmanenten Gründe angeht, muss man nur mal auf ein Titelblatt des Kölner Express aus der vergangenen Woche blicken:

Express_Fischer_08_2014

„Helene Fischer zeigt ihr Sixpack“: Das soll wirklich nicht nur überhaupt ein Thema sein, sondern auch als Schlagzeile für das Titelblatt taugen? Selbst für ein Boulevardblatt wie den Express ist das bemerkenswert bodenlos. Irgendwelche Relevanzkriterien, auch nur die Ansätze des Wissens um Nachrichtenfaktoren und der Funken eines Anscheins, die eigenen Leser ernst nehmen zu wollen, scheint den Redakteurinnen und Redakteuren des Express abhanden gekommen. Wer so schreibt und so titelt, darf sich nicht wundern, wenn er dem Untergang geweiht ist. Auf diese Weise müssen Zeitungen sterben.

Bild bringt mich in die Notaufnahme


01 Apr
Screenshot: bild.de

Screenshot: bild.de

Wenn Geschichten zu schön sind, um wahr zu sein, dann sind sie meistens auch nicht wahr. So auch im Falle jener Geschichte, die bild.de aus den USA, dem Land der unwahrscheinlichsten Stories, zu erzählen weiß:

Seattle (US-Bundesstaat Washington) – Die US-Amerikanerin Liz musste ins Krankenhaus – weil sie einen Orgasmus nach dem anderen hatte …

Amerika ist schließlich weit, die Story nachzuprüfen ist schwer, da fabuliert man doch einfach mal munter weiter:

Kaum zu glauben, was die beiden zu berichten hatten: Noch eine Stunde, nachdem sie sich geliebt hatten, erlebte Liz weitere Höhepunkte – während Eric ratlos daneben stand.
Was tun? Ein Rotwein vielleicht? Er goss ihr ein Glas ein – und Liz kippte ihn gierig runter: „Ich dachte, ich könnte meinen Körper so beruhigen.“ Doch nix da, die wohligen Schauer gingen munter weiter. Auch Hüpfen auf der Stelle half nicht.
Nach zwei Stunden war Liz fix und fertig, japste und stöhnte im Wechsel. Da war für Eric klar: „Baby, du musst in die Notaufnahme!“

Gesagt, getan — und geschrieben. Die Geschichte nimmt ihren, nach wie vor unwahrscheinlichen Verlauf:

Dort lag sie noch eine Stunde, dann beruhigte sich ihr Körper schließlich wieder. Erst nach insgesamt drei Stunden war der Höhenflug also vorbei. Eric litt derweil im Wartebereich der Klinik – aber mehr wegen der Blicke der anderen Patienten und ihrer Sprüche…

Aber so sehr die Story auch nach Räuberpistole klingt, so sehr gibt sich Bild doch Mühe, den Anschein wahrhaftiger Berichterstattung und intensiver Recherche aufrecht zu erhalten. Immerhin ist der Beitrag mit einer Ortsmarke versehen: „Seattle, US-Bundesstaat Washington“ — und diese Stadt gibt es schließlich wirklich. Und die Bild-Autoren werden auch nicht müde zu erwähnen, dass diese seltsame Geschichte mit den dazugehörigen Testimonials im US-amerikanischen Fernsehen zu sehen war, was nach Meinung der Springer-Redaktion offenbar ein Ausweis höherer Glaubwürdigkeit ist:

Die irre Sex-Geschichte wurde sogar für eine TV-Show („Sex sent me to the ER“, dt.: „Sex brachte mich in die Notaufnahme“) mit Schauspielern nachgestellt. Doch in der Episode kamen auch die echte Liz und ihr Partner Eric zu Wort.

Hier spätestens könnte der Bild-Leser allerdings auch stutzig werden. Denn bei der Formulierung „mit Schauspielern nachgestellt“ gehen die medienkritischen Alarmglocken an, und was das für eine eigenartige Sendung ist, lässt sich immerhin nachrecherchieren. Tatsächlich hat das TV-Format „Sex sent me to the ER“ in der US-amerikanischen Öffentlichkeit für einige Aufmerksamkeit gesorgt: Als neuerlicher Tiefpunkt der amerikanischen Fernsehunterhaltung. Es handelt sich um ein scripted reality-Format, wie man es aus dem deutschen Fernsehen aus RTL-Sendungen wie „Familien im Brennpunkt“ kennt. Real ist an diesen reality-Formaten gar nichts: Frei erfundene Geschichten werden von Schauspielern, die auch keine echten sind, in billiger Weise nachgespielt. „Lügenfernsehen“ hat das die ARD-Redaktion Panorama getauft.

Wie die New York Times zu berichten weiß, wird das neue Format von der Fa. GRB Entertainment produziert, die schon mit der Serie „Untold Stories of the ER“ (Nicht-erzählte Geschichten aus der Notaufnahme) und darin mit Folgen wie „Stuck in a toilet“ (im Klo eingeklemmt) für unrühmliches Aufsehen gesorgt habe. Doch selbst in diesem Lichte sei „Sex sent me to the ER“ ein  Tiefpunkt jenseits aller Vorstellungskraft  („But ‚Sex Sent Me to the ER‘ aims much lower than whatever lowest common denominator you were anticipating“). Abbie Stevens ruft über Yahoo Voices dazu auf, die Sendung komplett zu boykottieren („There is nothing „real“ about reality television“). Und wer unbedingt hätte recherchieren wollen, was es mit dem Wahrheitsgehalt von „Sex sent Me to the ER“ auf sich hatte, hätte auch die Einschätzung des amerikanischen Frauenarztes Dr. Manny Alvarez finden können, der die Ansicht vertritt, dass es dieses Fernsehformat selbst ist, das krank mache und einen bei regelmäßigem TV-Konsum in die Notaufnahme bringe („‚Sex Sent Me to the ER‘ TV show makes me sick“).

Die bild.de-Redaktion ficht das nicht an: Sie verkauft für bare Münze, was doch nur als Falschmünzerei im Fernsehen zu sehen war. Die einzige Rechercheleistung der Bild-Journalisten bestand darin, sich einen Webvideo anzusehen und als real zu verkaufen, was doch nur reality ist. Schlimmer ist der Begriff der Wirklichkeit noch nie beleidigt worden.

Journalisten können schnell sein


30 Jan

Foto: Senfacy/WikicommonsInnerhalb von 27 Sekunden, so meldet der Mediendienst Turi2, waren alle 49 Presseplätze für den Steuerprozess von Uli Hoeneß vergeben. Im sogenannten Windhundverfahren sollen bei 454 Akkreditierungsgesuchen u.a. dpa, „FAZ“, „SZ“, „Spiegel“, AFP und BR zum Zuge gekommen sein.

Watchblog zur Regenbogenpresse


21 Mai

Echo-der-Frau-Titel„Regenbogenpresse“, das klingt beinahe verharmlosend. „Klatschpresse“ oder „Revolverblätter“ geht schon eher in die Richtung derjenigen Assoziationen, die man bei kritischer Durchsicht der auf englisch recht neutral „yellow press“ genannten Gazetten haben kann. Nun beschäftigt sich ein neuer Watchblog ausschließlich mit dem Wahrheitsgehalt der Meldungen und Berichte, die in Heften wie „Echo der Frau“, „Das Goldene Blatt“ etc. zu finden sind. Die Macher von „Topf voll Gold“ schreiben dazu:

Rund eine halbe Milliarde Hefte druckt die deutsche Regenbogenpresse jedes Jahr. Woche für Woche kann man sich am Kiosk mit neuen Geschichten über die Adeligen und Prominenten dieser Welt eindecken. Der Markt ist riesig. Millionen Deutsche nutzen das Angebot. Doch bei der Regenbogenpresse gilt das Gleiche wie bei der Volksmusik: Unfassbar viele Leute gucken sie sich an, aber niemand spricht darüber.

Und so läuft das Geschäft unterm Regenbogen, ohne dass sich jemand groß damit auseinandersetzt. Dabei würde sich ein kritischer Blick in die Hefte lohnen. Denn immer wieder stellen die Autoren dort übelste Behauptungen auf, sie basteln Skandale, sie verdrehen Tatsachen. Sie erfinden schlichtweg Geschichten. Wir schauen uns das mal genauer an.

Auch der Blog Klatschkritik setzt sich mit dem Treiben des Boulevardjournalismus auseinander. Der Topf voll Gold ist ein Projekt zweier Dortmunder Journalistikstudierender, die das Thema auch für ihre Bachelorarbeiten nutzen wollen. Das Deutschlandradio Wissen hat einen interessanten Hörfunkbeitrag zum Thema ins Netz gestellt.

Sky: Wasser für die Elefanten


01 Mrz

Screenshot: Sky

Regelmäßige Zuschauer des Fernsehbezahlsenders Sky haben sich in letzter Zeit gefragt, warum in den Fußballtalkrunden mit Größen wie Franz Beckenbauer oder Ralf Rangnick neuerdings auffällig knapp bekleidete Damen den Herren Wasser reichen. Die Münchner Boulevardzeitung „tz“ hat nachgefragt. Der Nachweis hartnäckiger journalistischer Fragetechnik klingt in der Sprache der populären Zeitung so:

Wir haben nachgefragt: Warum gibt’s bei Sky so oft frisches Wasser? Dirk Grosse, der Sprecher des Senders, hält sich bedeckt. Seine kurze, aber süffisante Antwort: „Ich vermute Durst.“

Mit diesen dürren Zeilen endet übrigens der tz-Artikel. Was hier journalistisch vorgeführt wird, ist vielleicht die Kunst der Frage, aber mit Sicherheit nicht die Kunst der Nachfrage. Nach-gefragt hat dafür die Wochenzeitung „Freitag“ und dabei herausgefunden, dass es sich um „notdürftig als Wassernachfülloperation getarnte Auftritte junger Damen“ handle, die der Sender als „Hostessen“ bezeichne. Und nachgeschlagen hat der „Freitag“ auch, nämlich im Lexikon:

„Eine Hostess ist eine zur Betreuung von Gästen bei Reise- oder Fluggesellschaften bzw. Großveranstaltungen angestellte Frau, von der adäquate Umgangsformen und in der Regel Fremdsprachenkenntnisse verlangt werden. Gerade bei Automessen sind die Hostessen häufig nur knapp bekleidet, um die Aufmerksamkeit der Besucher auf die jeweiligen Stände zu lenken.“

Die Berliner Wochenzeitung zieht daraus den Schluss, es drehe sich hier eher um „anachronistische Berlusconi-Momente“ im deutschen Fernsehen, und folgert:

Man muss auch keinen Graduiertenkurs in Gender Studies besucht haben oder sonstwie überdurchschnittlich sensibilisiert sein, um zu erkennen, wie die Regie hier mit gaffend-nachschwenkenden Kamerabewegungen jeden Zuschauer in einen Automessebesucher zu verwandeln versucht.

Jetzt wird mir’s aber zu bunt: Sprachakrobatik in der „Bunten“


30 Jan

Dass es in der Klatschpostille „Bunte“ (pardon, man sagt ja jetzt „People-Magazin“ …) bunt zugehen darf, legt der Name ja irgendwie nahe. Aber es kann natürlich auch zu bunt sein. Oder handelt es sich bei dem Artikel über die Jacobs-Kaffee-Erbin Louise Jacobs, der auch online zu finden ist, um einen genialen Kunstgriff? Immerhin gesteht die Erbin darin unter anderem ihre Legasthenie. Soll womöglich diese schwerwiegende Rechtschreibschwäche im Sinne eines orthographischen Parallelismus im vollends verrutschten Deutsch der „Bunten“ feinsinnig nachgebildet werden? Schau mer mal!

Wenn man Bilder von Louise Jacobs (30) in der Presse sieht, dann blickt man in das Gesicht einen hübschen, jungen Frau mit strahlenden Augen und kurzen, braunen Haaren.

Nun ja, „das Gesicht einen (sic!) hübschen, jungen Frau“ kommt natürlich vorderhand ziemlich grobschlächtig daher. Subtiler ist da schon das überflüssige Komma zwischen „hübschen“ und „jungen“. Hier deutet sich ein durchgängiges Gestaltungsprinzip der „Bunte“-Autoren an, die den Kommaregeln der deutschen Sprache mit grundsätzlicher Verachtung begegnen. Der klotzige Grammatikfehler überdeckt auf markante Art und Weise eine in sublimer Manier verrutschte Ausdrucksweise. Denn  erst mal blickt man bei der Betrachtung von Bildern ja nicht in Gesichter, sondern auf Fotos.

Doch hinter der Fassade kämpft die 30-Jährige Enkeltochter …

Sie kämpft hinter der Fassade, will sagen: nicht auf der Vorderbühne, im Park oder vor dem Dienstboteneingang. Dass „30-Jährig“ selbstverständlich nicht groß geschrieben wird, ist ein kleiner globalisierungskritischer Seitenhieb auf die imperialistischen Groß- und Kleinschreibungs-Regeln Marke Duden.

… von Kaffee-Unternehmer Walter J. Jacobs nach wie vor mit den schweren Erinnerungen an ihre Kindheit.

Oder: Mit den Erinnerungen an ihre schwere Kindheit? Schon hier deutet sich dem aufmerksamen Leser an, dass mit feinstem Skalpell Hand an die deutsche Sprache gelegt werden soll. Wahre Stilkunst!

 In einem Interview mit der „BILD am Sonntag“ erzählt die Mutter von einem Sohn …

Wovon soll die Mutter auch sonst erzählen, wenn nicht von einem Sohn?

… offen über die fehlende Akzeptanz in ihrer Familie.

Ach so. Aber nicht nur von Söhnen erzählt die Mutter der Akzeptanz, sondern auch von ihrer Legasthenie und damit verbundenen Therapiesitzungen.

 „In der Gesellschaft, in der ich steckte gab es nur Aufstieg.“ Sie selbst war mit neun Jahren jedoch noch in der zweiten Klasse.

Sehr subtil wird hier mit dem fehlenden Komma hinter „steckte“ gerade die Rechtschreibschwäche nachgezeichnet, von der ja auch die Rede ist. Mit einem brillanten Kunstgriff deutet die „Bunte“ dann aber noch eine aufkommende Arithmasthenie an. Das ist Rechenschwäche, die sich hier in der eigenartigen Berechnung der Grundschulzeit der Kaffee-Erbin ausdrückt. Mit neun Jahren in der zweiten Klasse — klingt das wirklich so katastrophal? Wenn man mit sieben Jahren eingeschult wird, schafft man das unter Umständen sogar völlig regulär, ganz ohne Sitzenbleiben.

So verletzlich habe sie sich aufgrund der fehlenden Akzeptanz gefühlt, dass Sie nach eigenen Angaben hoffte, ihren Ausweg darin zu finden, sich wie ein Junge zu benehmen.

Ein wunderbar legasthenischer Schachtelsatz. Jedem Schüler der Burda-Journalistenschule würde der spätestens in der zweiten Klasse ausgetrieben. Aber als Stilmittel: wunderbar. Anders kann man auch die präpositional eingeleitete Nominalkonstruktion mit der „fehlenden Akzeptanz“ nicht klassifizieren. Bei so viel sprachlichem Feingefühl geht es dem ein oder anderen Leser womöglich durch, dass die Kaffeebohnenerbin sich vermutlich eher „verletzt“ als „verletzlich“ gefühlt haben wird. Und dann noch dieses völlig deplatzierte „nach eigenen Angaben“: Nach wessen Angaben denn sonst? Herrlich! Schließlich noch das großgeschriebene „Sie“ — stilsicherer lässt sich die Sprache nicht verhunzen.

Die Haare wurden abgeschnitten, die Skaterhosen avancierten zu ihrem Lieblingsteil und sie fuhr Skateboard und raufte sich.

Wie machen die bei der „Bunten“ das bloß? Passivisch statt aktivisch formulieren, aus einer „Hose“ ein „Teil“ machen und dann noch mit einer asyndetischen Reihung (durch Kommata getrennte Satzglieder) beginnen und mit einer syndetischen Reihung (angedeutet durch die herrlich deplatzierten doppelten „und“) enden: Das unterläuft spielend jeden Schwellenwert mangelhafter Sprachbeherrschung. Das muss man wirklich erstmal schaffen. Aber das wahre Husarenstück kommt erst noch:

Erst die Flucht über den Ozean brachte Erleichterung. (…) So schwer belastet sie die Situation, dass sie sich in die Magersucht flieht.

Um die Bravour der „Bunte“-Schreiber anzudeuten, habe ich mir erlaubt, den größeren Teil dieses langen Abschnitts auszulassen. Man beachte: Einen Absatz mit „brachte Erleichterung“ zu beginnen, um ihn mit „Magersucht“ zu beenden — das macht der „Bunten“ vermutlich keiner nach. Das schlägt dem Fass so sehr die Krone ins Gesicht, dass darüber andere sprachliche Finessen des Abschnitts fast unterzugehen drohen. Zum Beispiel diese:

„Für den Menschen den ich liebte wollte ich Gedichte schreiben.“

Die Legasthenikerin sehnt sich nach dem Gedichteschreiben. Das hat in all seiner Tragik fürwahr Shakespeare’sches Format. Der dramaturgische Hammer verdeckt aber fast wieder die feine Feder der People-Journalisten. Haben Sie es gemerkt? Zwei Kommata wären hier nötig, kein einziges ist da. Und das Ganze in Anführungszeichen als wörtliches Zitat der ohnehin legasthenischen Bohnenerbin unterzujuxen, das macht … äh … sprachlos.

 Als Sie Mitte 2000 wieder nach Hause zurück in die Schweiz kommt, wiegt Louise gerade noch 39 Kilo, wie sie erzählt.

Von dem Gewicht wird vermutlich eher die Waage künden als die Erbin.

Da Sie noch nicht volljährig ist, hätten ihre Eltern durchgegriffen und sie in die psychiatrische Klinik „Littenheid“ in St. Gallen eingewiesen.

Noch so eine sprachliche Feinheit, die bei flüchtigem Lesen fast untergeht: Mit Indikativ beginnen („ist“) und dann mit Konjunktiv fortfahren („hätten“). Wie wussten schon die alten Griechen: Wenn du schweigen getan hättest, dann hättest du Philosoph geblieben haben tun.

Erst als sie die 50 Kilo Grenze erreicht ist darf Sie die „Klapse“, wie sie das Klinikum nennt, verlassen.

Ich schwöre es: Ich habe nichts hinzuerfunden und nichts weggelassen. Hier waltet ausschließlich das sprachliche Schicksal in Gestalt von „Bunte“-Journalisten. Mal davon abgesehen, dass der Türkentrunk-Erbin das Passieren der Schweizer Grenze eher angeraten gewesen wäre als das Erreichen der „50 Kilo Grenze“, und auch mal abgesehen von dem neuerlich fehlenden Komma und dem wiederum großgeschriebenen „Sie“: Eine Formulierung wie „Erst als sie die 50 Kilo Grenze erreicht ist“ sucht auch in der an sprachlichen Fehltritten nicht armen deutschen Presselandschaft ihresgleichen. Hier sind so viele Grenzen auf einmal überschritten worden, dass der Fall der Mauer gegenüber den grammatischen Grenzüberschreitungen der „Bunten“ wie der Schulbubenstreich eines neunjährigen Zweitklässlers  aussieht. Meisterhaft!

Wer nun denke, dies sei unüberbietbar, hat die Rechnung ohne Burdas „Bunte“-Schreiber gemacht. Die haben sich nämlich für das Finale einen echten Paukenschlag übriggelassen. Und der klingt so:

Louise macht ihr Abitur (…). Aber dann erkennt Sie (sic!) ihre wahre Passion. Sie fängt an zu schreiben.

Mir schwirrt der Kopf. Die legasthenische Kaffeedynastin baut dann doch irgendwie ihr Abitur, und das offenbar ohne jede Schreibkenntnis. Denn dieses ihr Schreiben fängt ja erst an, NACHDEM sie Deutschlands höchsten Schulabschluss absolviert hat. Die „Bunte“ macht mich fassungslos.

Mittlerweile hat Sie (sic!) mit 335 Seiten ihr drittes und persönlichstes Buch fertiggestellt.

Wahre Artistik zeigt sich ja stets darin, immer noch einen oben draufzusetzen. Andere, berühmte Schriftsteller vor Frau Jacobs haben es ja anders getan: Günter Grass hat mit der „Blechtrommel“ sein „persönlichstes Buch“ geschrieben. Fernsehkoch Jamie Oliver hat vielleicht mit „Meine hundert besten Rezepte“ sein „persönlichstes Buch“ geschrieben. Aber  Louise Jacobs hat, jedenfalls nach Ansicht der „Bunte“-Redaktion, mit „335 Seiten“ ihr persönlichstes Buch geschrieben. Und das als Legasthenikerin. Alle Achtung!

Bild: Bettler böse – Aufruf zum Klassenhass?


12 Dez

Aufruf zum Rassenhass ist in Deutschland strafbewehrt. Wie aber steht es eigentlich mit Aufwiegelung zum Klassenhass? Darunter versteht der „Duden“ den „Hass verschiedener sozialer Klassen gegeneinander“. Und irgendwie so etwas scheint die Münchener Redaktion der Bildzeitung im Sinne zu haben. Anders ist kaum zu erklären, wie prominent auf Seite 3 der gestrigen Ausgabe der Artikel unter der Uberschrift „Die miesen Maschen der Bettler in München“ mit nichtbelegten Behauptungen, haltlosen Verdächtigungen und unverhohlenem Ressentiment auf die Ärmsten der Armen eindrischt. Da heißt es zum Beispiel:

„So unverschämt versuchen organisierte Banden, den Münchnern das Geld aus der Tasche zu ziehen!“

Zu sehen ist auf den großformatigen Fotos der Bildzeitung aber nur das altbekannte Bild von einsam daknieenden und -sitzenden Leuten mit Pappbechern in Händen — ein mehr als schwacher Beleg für die gewagte Formulierung „aus der Tasche zu ziehen“, die einen sehr viel aktiveren Vorgang beschreibt und einen unwillkürlich an so etwas wie „Taschendiebstahl“ denken lässt. Ähnlich tendenziös geht der Beitrag weiter: 

„Vorsicht vor den kriminellen Hausierern“: Was an den Bettlern „kriminell“ sein soll, dafür bleibt die Bildzeitung ebenfalls jeden Beleg schuldig. Zumal noch zu klären, ob die im Bild-Text erwähnten „Hausierer“ die gleichen Personen sein sollen wie die Bettler, denn Hausierer und Bettler sind schon zwei sehr unterschiedliche Dinge. Andere Menschen um Geld zu bitten verwehrt sich zwar einer kapitalistischen Verwertungslogik,derzufolge es nur Geld nur gegen Arbeit oder eine andere Gegenleistung gibt, es ist deswegen aber noch nicht verboten oder gar strafbar. Auch die Formulierung, die Bettler trieben „ihr Unwesen“, ist is wohl in der Wortwahl deutlich daneben gegriffen, denn unter einem „Unwesen“ stellt man sich doch explizitere kriminelle Aktivitäten vor als das ärmliche Dahinkauern der Almosenempfänger. Wer nun als Leser meint, nach dem Satz „Das sind die Maschen der Profi-Schnorrer“ würden Belege für die dick aufgetragenen Anschuldigungen kommen, sieht sich überrascht. Denn woraus bestehen die offenbar „kriminellen“ „Maschen“ der Bettler?

„Sie sprechen selten deutsch“.

Mangelnde Deutschkenntnisse sind zwar unter dem Bildungsaspekt ganz klar ein Malus, aber eben kein Verbrechen. Wären sie ein Verbrechen, könnte der Vorwurf im übrigen schnell auf den Autor dieses Beitrags zurückfallen. Welche „Masche“ wird als nächstes angeführt?

„Sie weisen Behinderungen oder Verstümmelungen auf oder täuschen diese vor“.

Auch Behinderungen sind in Deutschland bis dato noch nicht strafbar. Eine Behinderung vorzutäuschen, unter der man in Wahrheit gar nicht leidet, ist vielleicht eine gute schauspielerische Leistung, bringt einen so alleine für sich gesehen auch noch nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt. Und die Abbildungen in „Bild“ sprechen erneut eine andere Sprache: Denn der abgebildete Mann mit Beinprothese wird diesen Zustand  wohl kaum spielen. Gezeigt werden noch einige andere Personen, jeweils vollständig identifizierbar Schließlich wird als „Beleg“ für die vermuteten kriminellen Machenschaften der Bettler erwähnt:

„Sie sind sehr aggressiv und aufdringlich, bedrängen ihre Opfer“.

Hier könnte das Strafgesetzbuch tatsächlich mal einschlägig sein, wenn nämlich die Aufdringlichkeit so weit ginge, dass der Tatbestand einer Nötigung vorläge. Aber das ist natürlich erstmal nur eine Behauptung, für die der Bildzeitungs-Autor wiederum jeden Beweis vermissen lässt. Die Wortwahl „Opfer“ für gutsituierte Münchner, die beim Shopping in der Fußgängerzone um 50 Cent oder einen Euro angehauen werden, deutet wiederum darauf hin, dass hier eine Personengruppe pauschal kriminalisiert werden soll.

Die Bildzeitung reiht also in dem Artikel über Bettler eine große Zahl äußerst pejorativer Begriffe aneinander, ohne irgend einen Beleg für die sehr weitgehenden Behauptungen zu liefern. Ein Armutszeugnis!

Bild.de: Piraten-Malen nach Zahlen


14 Nov

Wer Zahlen miteinander vergleicht, der sollte rechnen können. Bei Bild.de ist das offenbar nicht durchgehend der Fall. Dort ist zu lesen:

Noch im April glaubte rund jeder dritte Deutsche, dass die Piratenpartei eine „gute Alternative zu den etablierten Parteien“ wäre. Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet.

Im aktuellen „Deutschlandtrend“ (Infratest Dimap) gaben zwei Drittel der Bürger an, die Piraten seien „keine ernst zu nehmende Partei“.

Welches Blatt hat sich den da gewendet? Wenn im April ein Drittel der Deutschen die Piratenpartei prima fanden und aktuell zwei Drittel sie nicht so toll finden, sind das doch gar keine inkommensurablen Zahlen: Nach wie vor können nämlich auch nach dem neuesten „Deutschlandtrend“ ein Drittel der Deutschen die Piraten für eine „gute Alternative zu den etablierten Parteien“ handeln. Was bei bild.de als Gegensatz konstruiert wird, ergänzt sich in Wahrheit bestens.

Wer sich in Mathematik begibt, wird bekanntlich darin umkommen. Eins muss man den „Piraten“ lassen: Sie können bestimmt besser rechnen. Oder jedenfalls besser den Taschenrechner benutzen.

„Bild“ schlachtet Whitney Houston


04 Sep

Das hat Whitney Houston nun auch wieder nicht verdient. Die Bildzeitung berichtet in all ihrer Geschmackssicherheit über eine Versteigerung von Elvis-Devotionalien, zu denen offenbar auch eine Unterhose mit Gebrauchsspuren des King of Rock gehört, und bei der Gelegenheit wird auch auf andere Fanartikel-Versteigerungen hingewiesen. Um welche Teile könnte es aber gehen, wenn die Bildzeitung in einer Bilderstrecke ihrer Onlineausgabe dichtet: „Auch Teile von Whitney Hoston wurden versteigert“?

Auschnitt: Bild Online vom 04.09.2012

Steht zu hoffen, dass es sich um die Stimmbänder gehandelt hat. Und dass sie gut konserviert sind. Es heißt ja immer, „Bild“ führt die Stars zur Schlachtbank. Aber hier hat die Boulevardzeitung es wohl doch allzu wörtlich genommen.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter