Archive for the ‘Boulevard’ Category

Bildzeitung: Alles Wurscht!


13 Apr

Na, geht doch:

(mit Dank an den Bildblog)

 

 

Presserabatte: Springer-Verlag als moralische Instanz?


30 Mrz

"Bild" als Sittenwächter

Die Redaktionen des Axel Springer-Verlags haben verkündet, dass ihre Redakteure künftig keine Presserabatte mehr annehmen wollen. In einer Hausmitteilung heißt es:

Nach breiter Diskussion und in Übereinstimmung mit ihren Redaktionen haben die Chefredakteure der Axel Springer AG vereinbart – wie bereits in einigen Redaktionen des Hauses seit mehreren Jahren praktiziert – dass ab sofort keine dem Berufsstand Journalist zu verdankenden Vergünstigungen mehr angenommen werden.

Schon der Mainzer Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger hatte die Bild-Zeitung als eine der wichtigsten moralischen Instanzen für die Bevölkerung bezeichnet. Aber die moralische Penibilität der Bildredaktion bezieht sich vor allem auf die Bevorzugung Penis-naher Themen (vgl. “Bild wieder mal auf Penis-Niveau“). Nun mit dem öffentlich inszenierten Verzicht auf die umstrittenen Presserabatte sich als Vorreiter in Sachen Berufsethos und journalistischem Anstand zu gerieren, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Eine Ironie, die den Springer-Redaktionen selbst offenbar nicht entgangen ist, denn man nimmt die eigene Ankündigung selbst nicht ganz so ernst:

Besuche von Kultur- oder Sport- Veranstaltungen und Kino- oder Theaterpremieren im redaktionellen Kontext sind hiervon ausgenommen,  sofern diese das übliche, bzw. notwendige Maß der beruflichen Tätigkeit nicht übersteigen. Nicht von der  Regelung betroffen sind außerdem Unternehmensrabatte, da es sich hierbei in erster Linie um Mengenrabatte handelt.

Der Axel Springer Verlag bringt fraglos auch solche Publikationen hervor, die man als journalistisch bezeichnen kann und die von KollegInnen mit weniger zweifelhaftem Ruf hergestellt werden. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Arbeitsmethoden und das Verhalten der Bild-Redaktion auf die anderen Redaktionen des Hauses abfärben und das Ansehen der gesamten Verlagsgruppe besudeln. Und die “Bild”-Zeitung als nicht-käuflich zu bezeichnen, ist ein Aberwitz: Erst lacht man, doch dann denkt man sich: “Aber …”. Weiter heißt es in der Hausmitteilung:

Wer zu Recht hohe ethische Maßstäbe an andere stellt, sollte auch sein eigenes Verhalten überprüfen und eine klare Haltung hinsichtlich der Annahme persönlicher Vorteile haben.

Welche ethischen Maßstäbe herrschen denn zwischen Schlagzeilen wie „Kniete sie vor ihm nieder und befriedigte ihn?“ und Anzeigentexten wie „Bin ich eine Schlampe weil ich immer heiß bin?“ Die Bildzeitung ist die Papier gewordene journalistische Prostitution, und daran ändert der Verzicht auf harmlose Presserabatte überhaupt nichts.

 

Eine Krähe (Bild) hackt der anderen (RTL) doch ein Auge aus


24 Jul

Foto/Montage: RTL/Bild

Sitzen im Glashaus und werfen jetzt doch mit Steinen: Die Bildzeitung liegt im Clinch mit RTL. Und das wegen der Sendung “Mietprellern auf der Spur” mit der Moderatorin Vera Int-Veen. O-Ton Bildzeitung:

Vor einer Woche zeigte RTL in der Sendung „Mietprellern auf der Spur“ die völlig verdreckte Wohnung von Familie J. aus Kalefeld. Vorwurf der Vermieterin: Die Familie soll die Wohnung beim Auszug in einem völlig verwahrlosten und verdreckten Zustand verlassen haben. Filmaufnahmen zeigen überall Dreck, Müll und Fäkalien. Mittendrin: Vera Int-Veen und Familie J., die von der Produktionsfirma in die alte Wohnung gelockt worden war.

Jetzt behaupten die ehemaligen Mieter: „Wir haben die Wohnung sauber hinterlassen. Die Produktionsfirma hat den Müll und Dreck in unsere alte Wohnung geschafft. Dafür gibt es sogar Zeugen.“ Einem Nachbarn sei sogar Geld geboten worden, damit er den Müll in die Wohnung schafft.

Eine Fernsehproduktion soll sich die Welt so gemacht haben, widde widde wie sie ihr gefällt? Das wäre ja das allerneueste. Sollte hier wirklich das Fernsehen sich die Produktionsmethoden abgeschaut haben, mit denen die Bildzeitung selbst seit Jahrzehnten auf Leser- und Bauernfang geht? Da muss das Boulevardblatt natürlich Paroli bieten, schon aus Urheberschutz-Gründen. Und dann hat Bild auch noch das heraus bekommen:

Nach der Ausstrahlung der Sendung traute sich Frau J. kaum noch auf die Straße: „Als ich die Sendung sah, wollte ich nicht mehr leben. Unser Ruf ist ruiniert.“

Dieserlei Sätze sollten Bildreportern allerdings bekannt vorkommen. Sie haben schließlich schon mehr als ein Menschenleben auf dem Gewissen. Sich darüber nun zu mokieren, hat schon fast etwas Ironisches. Eine Krähe hackt der anderen eben doch manchmal ein Auge aus.

Riesen-Busen steht gutem Journalismus im Weg


14 Jul

Der Busen ist, neben dem Penis, das beliebteste Körperteil desjenigen Journalismus, dessen Hauptaugenmerk auf der Herabsenkung journalistischer Qualitätsmaßstäbe unter die Gürtellinie liegt. Es verwundert darum nicht, welche Geschichte uns die Münchner “tz” da oberweit auftischen will:

Das internationale rumänische Nachrichtenportal romaniantimes.at berichtet, dass ihr großer Busen eine  Frau erst kürzlich vor dem Ertrinken bewahrte. Die junge Österreicherin war gerade auf dem Heimweg nach einer durchtanzten Nacht in der kroatischen Partylocation Pula. Nachdem sie etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, beschloss die 30-Jährige, sich noch einmal abzukühlen. Sie entledigte sich ihres Bikinioberteils und hüpfte ins Meer. An und für sich wäre das ja keine schlechte Idee.

Keine schlechte Idee auch, die fehlende eigene journalistische Kragenweite durch anderer  Leute Oberweite auszudehnen. Aber lesen wir weiter:

 ”Erst nachdem ich schon gesprungen war, habe ich bemerkt, dass ich eigentlich viel zu betrunken und müde zum Schwimmen bin. Ich war kaum noch in der Lage Arme und Beine zu bewegen, geschweige denn noch einmal aus dem Wasser herauszukommen.” Durch einen Geniestreich hielt sie sich über Wasser. Sie drehte sich um und ließ sich bis zum nächsten Morgen von der Auftriebskraft ihrer Brüste die Küste entlang treiben. Tapfer hielt sie durch und wurde von verdutzten Beamten der Küstenwache geborgen. Auch diese gehen fest davon aus, dass ihre großen Brüste die junge Dame gerettet haben.

Oberwasser durch Oberweite? Auch wenn der Artikel — wie in einem Anflug verschärfter redaktioneller Transparenz unumwunden zugegeben wird — komplett aus der Rumanian Times abgeschrieben ist: Selbst Eigenrecherche hätte ihn nicht besser gemacht. Hier wäre eher etwas weniger Schulschwänzen zu Zeiten des Physikunterrichts ratsam gewesen. Denn dass ein Frauenkörper in Wasser nicht untergeht, hat nichts mit den Brüsten zu tun, sondern mit seinem spezifischen Gewicht. Da der Körper zu überwiegendem Teil aus Wasser besteht, aber durch seine Ausdehnung ein geringeres Verhältnis von Gewicht zu Volumen hat (die sog. Wichte), schwimmt er so oder so an der Wasseroberfläche. Im Meerwasser mit seinem hohen Salzanteil geht das sogar noch einfacher. Und Frauen schwimmen eher oben als Männer wegen ihres anteilig höheren Fettanteils. Ein Busen spielt nur in der Phantasie von Boulevardjournalisten, nicht aber in der Physik dabei eine übergeordnete Rolle.

Die Bunte pöbliziert weiter


08 Jul

Die “Bunte” pöbliziert weiter: Diesmal trifft den Jauchestrahl aus dem Hause Burda die Hollywood-Schauspielerin Meg Ryan. Überschrift über die pennälerhafte Pöblikation: “Iiih! Was ist nur mit ihren Armen passiert?” In den 90ern habe sie, so die “Bunte”, ja einen hohen “Niedlichkeitsfaktor” besessen und ihre Fans “verzaubert”. Jedoch:

… die Zeiten, in denen sie mit ihrem sanften Augenaufschlag und ihrem süßen Gesicht alle um den Finger wickeln konnte, sind leider lange vorbei. Zu viel Zeit ist vergangen, zu viel Botox in Megans Gesicht gespritzt worden. Und nicht nur die Gesichtszüge der heute 49-Jährigen laden zum Gruseln ein – auch ihre Arme sorgen dafür, dass uns kalte Schauer über den Rücken laufen.

Zum Gruseln ist vor allem diese Prosa, die einem wahrlich das Blut im Schlagarm gefrieren lässt. Für die Bildzeitung hat ihr Chef Mathias Doepfner ja reklamiert, Wer mit ihr im Aufzug nach oben fahre, der fahre auch mit ihr im Aufzug nach unten. Das jedoch kann diese Poblikation für sich nicht in Anschlag bringen: Wer sich von ihr nach oben schreiben ließe, landete immer noch in der alleruntersten Schublade. Aus Hintergrund wird bei der “Bunten” Untergrund:

Beim Spaziergang mit ihrem Lover John Mellencamp (59) durch Paris zeigte sich Meg Ryan nun in einem sommerlichen Kleidchen. Eigentlich kein Verbrechen. Doch dass sie dabei ihre hageren, mit Adern übersäten Arme entblößte, grenzt schon fast an eines.

Oh nein, ein Verbrechen sind diese Zeilen, der Verrat an der Sprache und der Mißbrauch des Journalismus.

Denn die dicken Adern, die deutlich unter der dünnen Haut hervortreten, sind wirklich kein schöner Anblick. Und das gilt nicht nur für die Arme. Auch auf Meg Ryans Beinen zeichnen sich nur allzu deutlich große Adern ab.

Wenn einer der mißratenen Zöglinge der Hubert-Burda-Journalistenschule mal in die Tiefe recherchiert, landet er bestenfalls bei den Beinen einer sommerlich gekleideten Schauspielerin. Zu mehr Tiefgang sind die Poblizisten der “Bunten” nicht in der Lage: Es ist, um im Bilde zu bleiben, Journalismus, der im Arsch ist.

Walter Benjamin: Von der Information zur Sensation


15 Jun

In seinem Aufsatz “Über einige Motive bei Baudelaire” bietet der Kulturphilosoph Walter Benjamin in einem einzigen Satz eine komplette Geschichte des Journalismus:

Historisch besteht eine Konkurrenz zwischen den verschiedenen Formen der Mitteilung. In der Ablösung der älteren Relation durch die Information, der Information durch die Sensation spiegelt sich die zunehmende Verkümmerung der Erfahrung wider.

Benjamin skizziert hier den Journalismus vor allem des 19. Jahrhunderts, denn mit dem kennt er sich am besten aus. Sein berühmt-berüchtigtes “Passagenwerk”, seine Arbeiten zu Baudelaire, seine “Berliner Kindheit um 1900″: Alles Arbeiten, die seine Verwurzelung und seine Herkunft aus und im 19. Jahrhundert repräsentieren. Auch die zitierte Charakteristik in seinem Baudelaire-Aufsatz bezieht sich vornehmlich auf die französische Presselandschaft des vorvergangenen Jahrhunderts. Dennoch ist seine “Kurz”-Geschichte des Journalismus so aktuell wie furios: “Relation” nannten sich die ersten periodisch erscheinenden Blätter anfangs des 17. Jahrhunderts, der Geburtsstunde des europäischen Pressewesens. Der Journalismus, der hier entstand, war aber noch kein informationsorientierter, sondern ein korrespondentenorientierter, der publizierte, was eben kam. Und das ware viel Buntes, wenig Überprüfbares, selten Relevantes. Erst der “literarische” und “wissenschaftliche” Journalismus des, aufgeklärten, 18. Jahrhunderts (gemäß jener, wiederum umstrittenen, historischen Einteilung von Baumert aus dem Jahr 1928) brachte publizistische Standards, die aus der “Relation” eben “Information” machte. Die technologische Entwicklung im frühen 19. Jahrhunderts, mit der Erfindung der Dampfschnellpresse und vor allem der Rotationsmaschine, machte Auflagen möglich, die eine Orientierung am Massengeschmack ihrerseits erst (wirtschaftlich) sinnfällig erscheinen ließen: die Information wird zur Sensation, der Sensationalismus wird geboren. Dass wir diesen Typus von popular paper bis heute auch mit seiner französischen Bezeichnung als Boulevardpresse bezeichnen, kommt nicht von ungefähr. Benjamin hebt aber noch auf etwas Anderes ab: Ihm geht es darum, wie Erfahrungen, ganz alltägliche Erfahrungen medial gespiegelt werden. Dabei setzt er sich insbesondere mit der, zu jener Zeit sehr aktuellen, “Lebensphilosophie” auseinander, so allerdings, dass er sie beinahe in die Nähe des Faschismus rückt:

Man pflegt diese Vorstöße unter dem Begriff des Lebensphilosophie zu rubrizieren. Sie gingen begreiflicherweise nicht vom Dasein des Menschen in der Gesellschaft aus. Sie beriefen sich auf die Dichtung, lieber auf die Natur und zuletzt vorzugsweise auf das mythische Zeitalter. Diltheys Werk “Das Erlebnis und die Dichtung” ist eines der frühesten in der Reihe; sie endet mit klages und mit Jung, der sich dem Faschismus verschrieben hat.

Benjamin hält dem den “echten” Erzähler” und seinen ganz eigenen Literaturbegriff entgegen, geschult an Bergsons Theorie der Erfahrung und an Marcel Prousts monumentalen Romanwerk “A la recherche du temps perdu”. Vielleicht ist aber Benjamins Diskreditierung der Lebensphilosophie, die er noch vor der eigenen Erfahrung des Nazi-Terrors formulierte, auch überzogen. Immerhin geht die “Lebensphilosophie” genannte Denkschule auf keinen geringeren als Johann Wolfgang Goethe zurück …

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum (Faust I, Studierzimmer)

… und hat mit Friedrich Nietzsche einen Ahnherrn, den auch die Vertreter der Frankfurter Schule, zu denen Benjamin im weiteren Kreis zu zählen ist, gerne bemühten. Und die Grundfrage, die sich in der heutigen Mediengesellschaft so dringlich stellt, wie Jahrzehnte zuvor: Müssen wir angesichts einer ausschließlich medialen Repräsentation von Wirklichkeit (Luhmann) nicht das Leben von den Medien zurückerobern? Müssen wir nicht das Leben gegen die Medien ausspielen? Brauchen wir nicht statt einer Medienphilosophie in der Tat eine neue Lebensphilosophie?

Bild-Studie der Otto-Brenner-Stiftung


19 Mai

Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben haben im Auftrag der Ott-Brenner-Stiftung untersucht, wie die Bildzeitung in der Euro- und Griechenland-Krise mit Pressekampagnen versucht hat, Politik zu machen. Die Schlussfolgerungen der beiden Autoren ist über diesen konkreten Anlass hinaus interessant. Ihre Quintessenz: Die Bildzeitung ist gar keine Zeitung!

Wenn “Bild” inzwischen als “Leitmedium” gilt, sich selbst in der politischen Mitte verortet, seine Vertreter in der Rolle als Analytiker von politischem und gesellschaftlichem Geschehen wie selbstverständlich neben Vertretern angesehener Qualitätsmedien in Talkshows sitzen, wenn Chefredakteur Kai Diekmann reklamiert, die politische Agenda dieser Republik mitzubestimmen – dann hat sich in den letzten Jahren etwas verschoben. Denn dann hat inzwischen ein Massenmedium auf die politische Öffentlichkeit Einfluss gewonnen, das mehr in der Welt der Werbung, der PR und des Marketings zu Hause ist als im Journalismus.

Die Zusammenfassung der Studie ist hier zu finden.

BILD-Leserbeirat: Keine Meinung ist ja auch keine


13 Mai

Was bei anderen Zeitungen innovativ oder fortschrittlich ist, das ist bei der Bildzeitung aus dem Springerverlag bestenfalls gerissen oder clever. So auch der sog. Bild-Leserbeirat. Unter dem Motto “Wir sagen Bild die Meinung!” hat die Zeitung

aus mehr als 3000 Bewerbern jetzt 32 neue Mitglieder ausgewählt, die mithelfen wollen, damit BILD noch besser wird.

Aus Sicht von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ist allein das schon ein eigenartiges Diktum, geht jener doch davon aus, dass Bild ohnehin kaum noch zu verbessern ist. Und so hat man denn für den hauseigenen Leserbeirat auch solche Leute zum Meinung-Geigen aquiriert, die garantiert keine haben. Oder wenn, dann die richtige. Zum Beispiel Sandra Raeven-Staud (38), Hausfrau aus Emmerich:

Sandra Raeven-Staud (38), Hausfrau aus Emmerich (NRW):
„Das Seite-1-Girl wird jetzt viel anspruchsvoller fotografiert, das hatten wir uns gewünscht. Der Ratgeber zu einem vermeintlich schwierigen Thema wie ,Männergesundheit‘ war sehr informativ. Mehr davon!“

Das ist vermutlich der neue Bild-Feminismus, für den auch Alice Schwarzer sich auf Werbeplakate und ins Blatt rücken lässt. Steifvorlagen für Männer dürfen schon sein, sie müssen aber “anspruchsvoller fotografiert” werden. Dann wird auch aus einem Gossenblatt eine “anspruchsvolle” Zeitung, findet auch

Regina Klau (66), Rentnerin aus Bremen:
„Ich lese BILD viel intensiver als früher und bin begeistert. BILD hat sich sehr zum Positiven verändert. Mich begeistern vor allem die vielen Kulturstücke. Bei meinen Freunden werbe ich oft für die neue BILD.“

Früher las man die Bildzeitung noch wegen des “guten Sportteils”, heute wegen der “vielen Kulturstücke”. Wenn das nicht mal ein Kunststück ist …

BILD-Leserbeirat – Diese Frauen sagen BILD ihre Meinung – News Inland – Bild.de

Bild wieder mal auf Penis-Niveau


26 Sep

Dass die Bildzeitung ein penibles Blatt sei, lässt sich vor allem mit der Bevorzugung Penis-naher Themen begründen. Und dass nicht erst, seit die alternative (?) tageszeitung (taz) den Penis von Chefredakteur Kai Diekmann zum Thema und damit auch gerichtskundig gemacht hat. Jeder Vorwand, und sei er noch so nichtig oder niedrig, wird genutzt, um Geschlechtsteile jedweder Couleur zum Thema zu machen. Selbst als “Verriss” oder moralinsaure Gardinenpredigt getarnt, schafft es das Blatt, den Penis fröhliche Urständ’ feiern zu lassen. Die Rede ist hier von der heutigen Ausgabe der “Bild am Sonntag” (BamS), deren sonntäglicher Tiefsinn so tief geht, dass er bis in die Unterhosenregion reicht. Man nimmt die samstägliche Ausgabe der RTL-Fernsehsendung “Supertalent” zum Anlass, sich betroffenheitstriefend und schamtrunken über “Penis-Malerei und Busen-Karate” zu echauffieren und fragt so scheinheilig, wie die meisten Heiligen eben einmal sind:

“- wie tief geht’s noch, RTL? (…) Willkommen im tiefen Tal des Trash-Fernsehens!”

Was sich da zum Sittenrichter aufspielt, ist das Trash-Medium par excellence, und gerade die “Bild am Sonntag”, nota bene, jenes Blatt, das seinen Relaunch vor vier Jahren mit dem Slogan “mehr Bums in BamS” garnierte.

Die Bildzeitung als “moralische Instanz”?

Ist die Bildzeitung eine moralische Instanz? Selbstverständlich ist sie das, ebenso wie das pornographische Werk des Marquis de Sade oder der Autor von Mein Kampf moralische Instanzen sind. Sie alle sind in ihrer moralischen Aussage ungeheuerlich, nämlich ungeheuerlich banal. Das meint der französische Soziologe Pierre Bordieu, wenn er vom „Moralingehalt“ schreibt und Journalisten zu „Verkündern einer typisch kleinbürgerlichen Moral“ ernennt. Und der Mainzer Publizistikprofessor Hans Mathias Kepplinger stellt fest: „Die Bildzeitung ist eine der wichtigsten Quellen für moralische Urteile in der Bevölkerung“. Die Moral, die hier vertreten wird, ist die des schlecht informierten hinterwäldlerischen spießbürgerlichen Zeitgenossen, sprich: des ganz gewöhnlichen Deutschen im 21. Jahrhundert. Geschätzte 12 Millionen Menschen lesen täglich in der Bildzeitung. Man kann sie nicht alle exkulpieren und mit dem angeblich guten Sportteil herausreden. Sie haben die Bildzeitung zu dem gemacht, was sie ist, nämlich dem mächtigsten und einflussreichsten Blatt der Republik, das sich unwidersprochen „Meinungsführerschaft“ auf die Brüste schreiben darf. Bundeskanzler des rechten wie des linken Lagers haben ihre Regierungssprecher aus den Reihen der Bild-Redaktion bestellt. Bundeskanzler Gerhard Schröder äußerte, ohne rot zu werden, er benötige zum Regieren nur „Bild, Bams und Glotze“. Hier wird Politik vom eigenen Spitzenpersonal zwischen Schlagzeilen wie „Kniete sie vor ihm nieder und befriedigte ihn?“ und Anzeigentexten wie „Bin ich eine Schlampe weil ich immer heiß bin?“ in die Gosse gezogen. Dankenswert offen gesteht der abgewählte Bundeskanzler ein, dass dieses Land mit Sexualneid, Erpressung, Mordlust und anderen niederen Instinkten regiert wird.

Einer solchen “moralischen Instanz” ist jeder Penis recht, um das große Untenrum der gerühmten Mitte der Gesellschaft anzusprechen. Und was dem Fernsehsender RTL hier moralsüffig angekreidet wird, tut man doch andererseits gerne selbst im eigenen Web TV, nämlich mit dem Schwanz wedeln:

Bild-Video: „Supertalent“-Kandidat Tim Patch kann mit seinem Penis pinseln – Unterhaltung – Bild.de

Es gibt vielleicht kein Blatt auf der Welt, in dem der Penis so sehr der verlängerte Arm der eigenen Chefredaktion ist, wie die Bildzeitungbild_penis. Keine Behauptung ist zu bescheuert, keine Schlagzeile zu hirnverbrannt, um nicht penibel auf seine Penistauglichkeit hin gemustert zu werden. Man muss schon tief im Genitalen beheimatet sein, um etwa auf eine Überschrift zu kommen wie: “Erstes Tor mit Penis geschossen”.

Besserung oder doch wenigstens Linderung ist hier nicht in Sicht: Wer einmal moralisch so verrottet ist wie dieses Leidmedium der vielzitierten “Mitte”, der ist auch mit brachialen Kunstgriffen nicht mehr auf ein Niveau zu heben, dass er einer eventuell moralisch etwas weniger korrumpierten Bevölkerungsminderheit erträglich erschiene. Es bleibt nur jene Aufforderung, die man gerade der Sonntags-Ausgabe dieses Blattes, also der Bums-BamS, zurufen möchte: Schwanz ab zum Gebet!

Causa Kachelmann: Der "Prozess des Jahres"?


07 Sep

Der “Prozess des Jahrhunderts” — bleibt für mich immer noch der “Process” von Franz Kafka. Was aber, bitte, ist der “Prozess des Jahres”, den wechselweise alle Sumpfblätter dieser Republik konstatieren?

www.bild.de/BILD/news/2010/09/…/landgericht-mannheim-ticker.html

www.stern.de/…/der-fall-kachelmann-startschuss-fuer-den-prozess-des-jahres-1599969.html

www.bz-berlin.de/…/um-9-uhr-tritt-kachelmann-heute-vor-seinen-richter-article969803.html

Ist der Strafprozess, der Montag in Mannheim gegen einen TV-bekannten Wettermoderator begann, juristisch wegbereitend? Hat er für irgendeinen Menschen außer den Prozessbeteiligten weitergehende Auswirkungen? Gar einen gesellschaftlichen oder politischen Effekt? Wohl kaum. Einzig der Umstand, dass eine bekannte deutsche Frauenrechtlerin ihr Werbeengagement für Deutschlands heruntergekommenstes Blatt mittels einer mutmaßlichen Vergewaltigung ausdehnt, ist notabel. Aber es handelt sich dabei nicht um den Prozess, sondern um die Presseposse des Jahres. Einst hat man mal Skribenten den Prozess gemacht, wenn sie unhinterfragt irgenwelchen Unsinn abschrieben. Dass auch im Unsinn der Sinn steckt, geht in der Gesamtschau boulevardesker Medienerzeugnisse beinahe unter.

Das Pöbliversum der “Bunten”

Titelblatt_Bunte_2010 Wer sich über die boulevardesken Erscheinungen, über die Hirnverbranntheit all der “Brisant!”, “Prominent!”, “Blizz”, “Gala” etc. echauffiert, der sollte nicht vergessen, dass es auch noch viel schlimmer geht, und dass das Schlimme einen Namen hat: Die “Bunte”. “Leidenschaft für Menschen” untertitelt sich das Magazin selbst, dabei die Wörter “Leidenschaft” und “Menschen” in unerträglicher Art besudelnd. Als hässliches Entlein geboren, hat die Illustrierte auch nach ihrer Umwidmung vom Gossenhauer zum “People-Magazin” sich nie in einen Schwan verwandelt. Und das englische Wort “People” kann seine etymologische Verwandtschaft mit dem vulgären “Pöbel” auch nicht verhehlen, wobei im Bunte-Pöbliversum nicht die Leserschaft, sondern die abgebildete Pseudo-Haute-Volée als solchen sich begreifen darf. Kein herangezoomtes Paparazzi-Foto ist zu schlecht, um nicht für viel Geld in gröbster Körnung in der Pöbelpoblikation pobliziert zu werden. Kein illegal ergattertes Oben-ohne-Foto ist ohne genug, kein tief ausgeschnittener Ausschnitt zu tief, um mit der Niedrigkeit der Beweggründe der “Bunte”-Macher mithalten zu können, die in an Verquastheit kaum zu überbietender moralischer Reziprozität mit jedem hingeschmierten Wort den Bildinhalt zu konterkarieren versuchen:

Salma war noch nie die Stilkönigin unter den Hollywood-Schauspielerinnen, aber dieses Outfit ist nun wirklich der Knaller – es quillt. Sie hätte das Lederjäckchen ruhig drei Nummern größer wählen können!

Wenn die “Bunte” in der Causa Kachelmann eine vorgebliche “Ex-Geliebte” nach der anderen einvernimmt, bekennt sie sich nicht so sehr zu ihrer “Leidenschaft für Menschen”, als zu eben jener für den Sudel, der am eigenen Medien-Kotflügel hängen bleibt. Leiden müssen nur die anderen. Zum Beispiel jene Politiker, denen die “Bunte” von einer Detektivagentur nachstellen und auflauern ließ, um jenen schmierigen Fischzug im Privatleben im nachhinein als “investigativen Journalismus” auszugeben. Einsicht und Scham ist solchen Leuten, allen voran der aktuellen Chefredakteurin Patricia Riekel, unbekannt. Sie, die ihren eigenen Berusethos mit den Worten “Wir sind ja kein Streichelzoo” umschreibt, lässt sich zitieren mit:

Wir beschäftigen uns mit den Schicksalen der anderen, weil wir daraus lernen wollen.

Die “Bunte” als Organ der Volkserziehung? Die Probe aufs Exempel wäre ein journalistischer Pisa-Test, bei dem die “Bunte”-Redaktion mitsamt ihrer Chefredakteurin vermutlich in ähnliche Schieflage geriete wie der gleichnamige Turm. Wer den guten alten Klatsch-Reporter zum “Society-Experten” geadelt hat, muss selbst einen an der Klatsche haben. Wo man einer Illustrierten wie der “Gala” in all ihrer Dümmlichkeit noch postpubertären Charme nachsagen kann, dem “Goldenen Blatt” seine grenzenlos naive Attitüde und selbst die “Bildzeitung” bei einigen als “surreales Kunstwerk” (Enzensberger) durchgeht, da bietet die “Bunte” nur barocke Fülle, nämlich eine Fülle von Trostlosigkeit. Wessen Konterfei einmal in der “Bunten” auftaucht, der ist dem Untergang geweiht, wenn er nicht ohnehin schon zu den Untoten dieser Republik zählt. So geschah es etwa dem Politiker-Darsteller Rudolf Scharping, der sich erst von der “Bunten” beim Bade ablichten ließ und dann baden ging. Nein, wessen Foto in der “Bunten” erscheint, der kann sich gleich erschießen. Oder den Fotografen.

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Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter