Wieviel Gewalt braucht das Fernsehen?

18 Dez

„Gewalt in den Medien“, zu diesem Thema hat die Süddeutsche Zeitung im Rahmen ihres Gesundheitsforums eine Veranstaltung durchgeführt.

„Es könnte alles so schön sein in Deutschland. Seit Jahrzehnten schon nimmt die Zahl der Morde und der schweren Gewalttaten ab, bloß: Niemand weiß es. „In allen Umfragen geht eine große Mehrheit der Befragten davon aus, dass die Kriminalitätsrate steigt“, sagte Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, am Dienstag in München. Die Deutschen fühlen sich bedroht. Schuld daran seien, da ist Pfeiffer sicher, die Medien.
Sein Beispiel: Über ein Sexualverbrechen werde im privaten Fernsehen heute sechsmal so lange berichtet wie noch vor zehn Jahren, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dreimal so lange.“

Die Folgen, die diese Form von Gewalteinwirkung auf Zuschauer hat, sind drastisch. Darüber habe ich schon vor anderthalb Jahren im Anti-Medien-Buch einen längeren Abschnitt verfasst: Fernsehen macht gewalttätig. Auch dieser Einfluss soll hier zu den körperlichen Folgen des Fernsehkonsums gezählt werden, wenn auch die Fernsehkonsumenten nicht die Gewaltopfer sind, sondern vielmehr zu Tätern werden. Der amerikanische Medizinerverband American Medical Association hat geschätzt, dass ein Kind bis zum Abschluss der Grundschule bereits mehr als 8.000 Morde und mehr als 100.000 Gewalttaten im Fernsehen gesehen hat. Jugendliche, die in Haushalten mit Kabelanschluss und Videorekorder aufwachsen, haben bis zu ihrem 18. Lebensjahr 32.000 Morde und 40.000 versuchte Morde gesehen. Für Deutschland hat sich Helmut Lukesch mit seinen Mitarbeitern um das Thema Gewalt im Fernsehen gekümmert. Dabei untersuchte er zwischen dem 18. März und dem 5. April des Jahres 2002 insgesamt 438,2 Stunden Fern-sehprogramm. Sein Ergebnis: In 78,8 % aller Sendungen kommt Gewalt vor. Noch zu Beginn der 90er Jahre lag dieser Wert bei knapp 48 %. In jeder Stunde Fernsehprogramm werden im Durch-schnitt 4,12 schwerste Gewalttaten (z.B. Morde) und 5,11 schwere Gewalttaten (z.B. Schlägereien) gezeigt. Nach Programmkategorien getrennt zeigt sich, dass 93,6 % der fiktionalen Unterhaltungssendungen Gewalt enthalten, an zweiter Stelle (!) gefolgt von Kindersendungen mit 89,4 % und Informationssendungen mit 77,7 %. Gerade in Nachrichtensendungen sind Gewaltdarstellungen nicht nur häufig, sondern sie nehmen in letzter Zeit auch noch zu.
Gewalt kommt also im Fernsehen überproportional häufig vor. Aber bedeutet das auch, dass Menschen durchs Fernsehen gewalttätiger werden? Die Katharsis-Theorie, die dem ein oder anderen vielleicht noch aus dem Latein- oder Griechisch-Unterricht bekannt ist, besagt scheinbar gerade das Gegenteil. Sie geht zurück auf die Poetik des griechischen Philosophen Aristoteles, der darin die Überzeugung äußerte, dass gerade der Anblick von „Furcht und Schrecken“ im Zuschauer eine „Reinigung von derartigen Leidenschaften“ bewirke. Ein moderner Adept dieser Theorie ist Florian Rötzer, der in dem von ihm herausgegebenen Band Virtuelle Welten – Reale Gewalt die Meinung vertritt, die

mitgerissenen Zuschauer lernen allerdings nicht einfach durch Betrachten die gezeigten Handlungen, um sie später aus irgendeinem Anlass zu wiederholen, sondern reinigen sich von diesen Erregungen, bauen mithin Wut und Leid auf lustvolle Weise ab, ohne sie ausagieren zu müssen.

Allerdings muss man einwenden, dass Aristoteles nicht von den Gewaltexzessen im Fernsehen schrieb, denn das gab es im vierten Jahrhundert v. Chr. noch nicht. Aristoteles schrieb über das attische Theater, dessen Aufführungen zu seiner Zeit zu besonderen sakralen Anlässen erfolgten. Die Schauspieler trugen schwere Masken und deklamierten feierlich ihre Texte in Wechselrede mit einem Chor. Denkbar schlechte Voraussetzungen für Action-Szenen, Stunts und den gewöhnlichen Splatter, den das Fernsehen heute im Vorabendprogramm bietet. Spritzendes Blut, abgetrennte Gliedmaßen, splitternde Knochen, Leichenteile jedweder Art waren nicht der Anblick, auf den attische Theaterbesucher gefasst sein mussten. Die Indienstnahme der aristotelischen Poetik für die Rechtfertigung medialer Gewalt ist darum eher gewagt. Empirische Untersuchungen und psychologische Laborexperimente belegen stattdessen, dass sehr wohl der schiere Anblick von Gewalt beim Zuschauer selbst eine Neigung zu Gewalttätigkeit auslösen kann. Der Psychologe Albert Bandura zeigte schon Anfang der 60er Jahre Kindergartenkindern Filme von anderen Kindern, die entweder gewalttägig oder eben nicht-gewalttätig mit einer Puppe spielten. Danach sollten die kleinen Probanden selbst mit Puppen spielen. Es zeigte sich ein deutlicher Effekt der vorherigen Exposition durch Gewaltszenen auf das nachfolgende Verhalten. Wer Gewalt sieht, wird selbst gewalttätig. Finnische Kinder zwischen fünf und sechs Jahren sollten zunächst einen gewalthaltigen bzw. einen nicht gewalthaltigen Film ansehen. Danach wurden sei von zwei Beobachtern beim Spielen beobachtet. Diejenigen Kinder, die zuvor den Gewaltfilm gesehen hatten, waren hoch signifikant körperlich aggressiver als die Kinder, die zuvor den Film ohne Gewalt gesehen hatten. Der Psychiater Manfred Spitzer weist darauf hin, dass auch das Lernverhalten von Kindern sie für Gewalt empfänglicher macht. Kinder lernen vor allem durch Wahrnehmung regelhafter Zusammenhänge anhand erlebter oder gesehener Beispiele. Gelernt wird nicht nur in der Schule, sondern eben auch vor dem Fernseher: „Wer Gewaltfilme sieht, der lernt Gewalt“.
Nun ist aggressives Verhalten unter Kindern und eine Neigung zu Schulhofrangeleien das eine, wie verhält sich aber mit der tatsächlichen gesellschaftlichen Gewalt unter Erwachsenen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Fernsehkonsum und dem Mord und Totschlag auf den Straßen dieser Welt? Dieser Frage ist der Epidemiologe Brandon S. Centerwall nachgegangen. Er untersuchte den Zusammenhang zwischen der Einführung des Fernsehens und der Häufigkeit von Tötungsdelikten in der weißen Bevölkerung der USA, der Bevölkerung Kanadas und der weißen Bevölkerung von Südafrika:

„Nachdem in den 50er Jahren in den USA und Kanada das Fernsehen eingeführt worden war, kam es dort zu einer Verdopplung von Tötungsdelikten innerhalb von zehn bis 15 Jahren. Während des gleichen Zeitraums nahm die Zahl der Tötungsdelikte in Südafrika um 7% ab. Nach der Einfüh-rung des Fernsehens in Südafrika im Jahr 1975 stiegen im Zeitraum bis 1987 die Tötungsdelikte um 130% (Zit. n. Pfitzer).“

Der Autor kommt zu einem drastischen Fazit seiner Untersuchung:

„Sofern das Fernsehen nie entwickelt worden wäre, gäbe es heute in den Vereinigten Staaten jährlich 10.000 weniger Tötungsdelikte, 70.000 weniger Vergewaltigungen und 700.000 weniger Delikte mit Verletzungen anderer Personen.“

Wie Manfred Spitzer feststellt, ist über den Zusammenhang von Gewalt und Fernsehen schon so viel geschrieben worden, dass es mittlerweile Arbeiten zur Geschichte dieses Literatur-Genres gibt. Umso verwunderlicher ist, dass dieses Thema immer noch kontrovers diskutiert wird, so als ob die empirische Forschung nicht zu einem eindeutigen Urteil gekommen wäre. Man muss allerdings in Anschlag bringen, dass die kontroverse Diskussion eben gerade in Medien geführt wird. Der Verdacht liegt nahe, dass das Instrument ergebnisoffenen Diskutierens hier missbraucht wird, um die eigene mediale Position zu stärken und ein gravierendes gesellschaftliches Problem zu verharmlosen. Aber so werden Diskussionen eben verbogen in einer Gesellschaft, in der die Medien und insonderheit das Fernsehen längst die Macht übernommen haben.

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One Response

  1. […] „Cocooning“ entspricht halt nicht der Natur des Menschen. Er ist ein soziales Wesen, das Gemeinschaft sucht und braucht, als Eremit in Luxustempeln (auch: moderne Einfamilienhauswohnkultur genannt) fehlt ihm was – auch wenn er so opitmal zu kontrollieren ist. Dabei hatte man soviel aufgewendet, ihn auf seiner Couch zu halten (siehe Antimedien): […]

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Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter