Posts Tagged ‘Kölner Stadtanzeiger’

Kölner Stadt-Anzeiger sieht älter aus als angenommen


23 Jul

Charlemagne_denier_Mayence_812Historiker des Kölner Stadtanzeigers haben in den Untiefen ihres Zeitungsarchivs gegraben und zwischen den längst versteinerten Überresten der “Kölnischen Zeitung” sensationelle Funde zur Regionalgeschichte des Rheinlands entdeckt:

Die Aachener Stadtgeschichte muss wohl neu geschrieben werden. Denn lange vor Karl dem Großen, viel länger als bisher angenommen, kamen die Menschen schon hierher.

Die Formulierung deutet in all ihrem Unglück darauf hin, dass die Aachener Stadtgeschichte mit Karl dem Großen (Kaiserkrönung im Jahr 800 n.Chr.) begönne. Allerdings haben, wie weiter unten im Artikel auch ganz richtig vermerkt wird, schon die Römer um die Zeitenwende in Aachen gesiedelt (und ihr ihren Namen gegeben).

Aber auch, was als eigentliche Sensation in dem Artikel verkauft wird, ist bei näherem Hinsehen keine solche: Dass schon in der Jungsteinzeit auf dem Gebiet des heutigen Aachen gesiedelt wurde, ist, wie schon im entsprechenden Wikipedia-Artikel nachzulesen ist, keine große Neuigkeit. Worin dann überhaupt der Nachrichtenwert dieses von dpa gelieferten Artikels besteht, bleibt unklar.

Stadtgeschichte: Aachen ist älter als angenommen | Kultur – Kölner Stadt-Anzeiger

Journalismus als Marionette der Medien


28 Dez

Dafür, dass der Journalismus innerhalb des Mediensystems nur an einem dünnen Faden hängt, gibt der Kölner Stadtanzeiger immer wieder deutliche Belege. Selten jedoch wird er dabei so explizit wie in der heutigen Ausgabe. Unter der Überschrift “Zwei Höhner stürzen in Orchestergraben” ist zu lesen:

Von der Nummer mit Hennes und Hannes als Handpuppen war das Publikum besonders angetan.

Artikel mit K-Bezug (K wie Karneval) gehen im K-StA selbstredend besonders gut. Ein Foto der beliebten Karnevalskapelle “Höhner” sorgt zusätzlich für Aufmerksamkeit und Auflage. Was aber, wenn das Foto etwas ganz anderes zeigt, als der Artikel behauptet?

Ausschnitt: Kölner Stadtanzeiger vom 28.12.2011

Das Bild zeigt es doch überdeutlich: Nicht “Handpuppen”, sondern Marionetten halten die beiden Musiker in Händen. Es weist sich eben doch allzu deutlich: Auch der Journalismus ist in manchen Verlagshäusern nur die Marionette der Medien.

Tiefhängende Hose beschädigt Sprache


05 Sep
Baggy Pants (Foto: Wikimedia)

Baggy Pants (Foto: Wikimedia)

Schon dumm gelaufen. Nicht aber für den Sänger einer Punkband namens “Green Day”, sondern für die, die unbesehen dpa-Meldungen nachdrucken:

Rockstar Billie Joe Armstrong (39), Frontmann der Punkband Green Day („Boulevard of Broken Dreams“), ist aus einem Flugzeug verwiesen worden – weil er sich geweigert hatte, seine tief sitzende Hose hochzuziehen.
(Bild.de)

Wie immer man diese Mode findet — immerhin tragen sich für progressiv haltende (Berufs-) Jugendliche ihre Hosen schon so geraume Zeit auf Halbmast, das der traurige Anblick beinahe als konservativ zu bezeichnen ist: Man wird — Hose hin, Hose her — nicht “aus einem Flugzeug verwiesen“, sondern bestenfalls “eines Flugzeugs verwiesen”. Agentur-Meldungen, egal wie bunt sie auch klingen, sollten eben nicht leichtfertig übernommen werden. Auch Tickernachrichten darf man redigieren, wenn man sich noch eine Redaktion leistet und der deutschen Sprache die Ehre erweisen möchte, die sie verdient. So schreibt der Spiegel völlig korrekt über den Hosenmatz:

Der Green-Day-Frontmann Billie Joe Armstrong musste deswegen ein Flugzeug verlassen.

Wer dpa-Meldungen nachdruckt und nicht verfälscht, wird mit Sprachkritik nicht unter zwei Duden bestraft. N-TV-Nachrichten greifen ebenfalls korrigierend in den Tatbestand ein:

US-Rocker Billie Joe Armstrong, Frontman der Punkband Green Day, ist im Streit um tief hängende Hosen von Bord eines Flugzeugs gewiesen worden.

Beim Kölner Stadtanzeiger dagegen ist “gut gemeint” wieder mal nicht “gut gemacht”. Im Online-Artikel wird (anders als in der Printausgabe) korrekterweise aus “verwiesen” ein “gewiesen”. Doch ach! die Überschrift lautet:

Hängende Hosen: Green Day-Rocker von Flugzeug verwiesen

Für so etwas gab es früher einen Verweis! Wenn einer sich elegant ausdrücken will und dabei stolpert, muss es eben nicht an der Hose liegen.

Kölner Stadtanzeiger: Absturz als Dauerlauf


05 Aug

Wie geht das eigentlich? Folgendes ist heute im Kölner Stadtanzeiger zu lesen:

An den Börsen greift die Sorge vor einer erneuten Rezession um sich: Der Dax stürzte den siebten Handelstag in Folge ab.

 Mal völlig davon abgesehen, dass es korrekterweise “Sorge um” und nicht “Sorge vor” heißen müsste! Und dass Sorgen nicht “greifen” können! Und auch völlig davon abgesehen, dass dieses “in Folge” Gerede schlimmster Sportreporter-Sprech ist, der da schon nicht schön ist! Wie geht das eigentlich: Sieben Tage “in Folge” abstürzen? Kam der Dax denn jeden Abend wieder auf die Beine, wenn er tags zuvor mal wieder abstürzte? Abstürzen ist doch einer dieser Vorgänge, die genau ein einziges Mal geschehen können. Auch Reinhold Messner kann nur ein einziges Mal vom Mount Everest abstürzen, aber bestimmt nicht sieben Mal “in Folge”. Eines steht fest: irgend jemand ist da ganz unten angekommen. Womöglich sogar der Kölner Stadtanzeiger selbst.

Algenpest: Erstunken oder erlogen?


03 Aug

Algen unterm Elektronenmikroskop (Wikimedia)

Pünktlich zur Ferienzeit und damit rechtzeitig fürs journalistische Sommerloch, das mit jedem auch noch so unausgegorenen Quatsch gefüllt werden muss, ist in der Bretagne die “Algenpest” ausgebrochen. Lesen wir, was der Kölner Stadtanzeiger dazu schreibt:

Die Algen selbst sind nicht giftig, aber sie entwickeln beim Vermodern Gase.

So weit, so stinkig. Aber wie geht der Artikel unmittelbar im Anschluss weiter:

Einige Dutzend Wildschweine sollen inzwischen daran verendet sein.

Giftig sind die Algen also nicht, aber Tiere verenden doch daran!? Oder sind die armen Kreaturen am üblen Odor buchstäblich “erstunken”? Das wäre jedenfalls eine gute Antwort auf die Frage, warum so vieles in unseren Zeitungen erstunken und erlogen wirkt.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter