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Vor 65 Jahren: Das erste Micky-Maus-Heftchen erscheint


31 Aug

mickeym02Zeitungsenten mal anders: Vor 65 Jahren, genau am 28. August 1951, erscheint in Deutschland das erste Micky-Maus-Heftchen. Die Meinungen darüber gingen von Beginn an weit auseinander. Die Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel schrieb:

„Mit den Bilderserien springt die Menschheit zurück in eine Urwelt der Bilder und Symbole. Es ist der Sprung über die Aufklärung hinweg in ein wollüstiges Analphabetentum. Kann man die zwar harmlosen, aber unendlich hingedehnten und aufgeschwollenen Micky-Maus-Hefte überhaupt ansehen ohne zu erschrecken über die Banalität der Texte in ihrem infantilen Pidgin-Englisch und über die Rückerziehung zum Primitiven?“

Im WDR Zeitzeichen dagegen äußert sich der Literaturkritiker Dennis Scheck eher hymnisch:

„Sie hat diese Geschichten in das Stahlbad der deutschen Klassik getaucht und eine Sprache dafür gewählt, die deutlich geprägt war von Hölderlin, von Schiller. Sie hat im Grunde eine Möglichkeit eröffnet, wie man als Kind schon und als kindlicher Leser einen Sprachkosmos betreten kann, der an Komplexität nichts zu wünschen übrig lässt“.

Immerhin sind die häufigen Interjektionen als typisches Merkmal der Comic-Sprechblasen („würg“, „grübel grübel“ etc.) auch zu sprachwissenschaftlichen Ehren gekommen und werden nach der deutschen Micky-Maus-Übersetzerin Erika Fuchs auch „Erikative“ genannt.

Im gleichen Zeitzeichen sind auch interessante Details zu erfahren, zum Beispiel das Entenhausen nur in Deutschland so heißt oder dass der stellvertretende Kulturchef der F.A.Z. bekennender „Donaldist“ ist. Etwas trübt den schönen Eindruck dieses Minifeatures, dass es deutliche und nicht ausgewiesene Anleihen bei einem Beitrag zum gleichen Thema genommen hat, das vor fünf Jahren im Deutschlandfunk gelaufen ist.

 

Umfrage: Sind wir alle „Lügenpresse“?


05 Nov
Foto: BirgitH/Pixelio

Foto: BirgitH/Pixelio

20 Prozent der Bundesbürger halten laut Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap  den Vorwurf der „Lügenpresse“ gegenüber den deutschen Medien insgesamt für gerechtfertigt. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben, die das Institut im Auftrag des Radiosenders WDR5 angestellt hat. Die Behauptung,  dass in deutschen Medien gelogen, also absichtlich die Unwahrheit gesagt wird, befürworten sogar 39 Prozent der Befragten. Auf die Frage, welchen Medien genau sie diesen Vorwurf machen, nannten 30 Prozent der Befragten das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Das sind deutliche Zahlen, die recht eindrucksvoll den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien und des Journalismus widerspiegeln. Umso verwunderlicher, wie der auftraggebende Sender WDR5 diese Zahlen interpretiert:

Mit dem alten Nazi-Kampfbegriff „Lügenpresse“ bringen die Anhänger der „Pegida„-Bewegung gerne ihre Verachtung für die Medien zum Ausdruck. Der überwiegende Teil der Bundesbürger sieht das anders. Das ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap.

So kann man die Umfrageergebnisse eigentlich nicht interpretieren, außer man will genau den Vorwurf belegen, es mit der (statistischen) Wahrheit nicht ganz so genau zu nehmen. Denn tatsächlich sind die Werte und der Glaubwürdigkeitsverlust gerade auch der öffentlich-rechtlichen Programme dramatisch. Das sieht der von dem Sender befragte Konfliktforscher Andreas Zick auch so, und glaubt sogar noch, dass die Zahlen noch steigen könnten:

Diese 20 Prozent stellen für den Konfliktforscher Prof. Andreas Zick „einen relativ hohen Wert“ dar. Der Direktor des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung sagte dazu dem WDR: „Die Bezeichnung ‚Lügenpresse‘ ist ein sehr hartes Urteil aus dem rechtspopulistischen Raum. Diese Menschen sind von den etablierten Medien eindeutig nicht mehr zu erreichen und orientieren sich woanders. Sie befinden sich im Zustand der Orientierungslosigkeit – und in diesem Zustand greift Propaganda. Diese 20 Prozent sind für Populisten durchaus noch ausbaufähig.“

42 Prozent der Befragten gehen auch davon aus, dass es Vorgaben der Politik für die Medien gibt. Dieses Problem kennen öffentlich-rechtliche Sender ja gut. Die ganze Umfrage ist im Netz hier zu finden:

„Glaubwürdigkeit der Medien“ (pdf)

 

 

Immer diese Plasbergs: Jetzt auch noch Sexismus?


25 Aug

hartaberfairWer im Fernsehen gerne beweisen will, dass er einen Harten hat, der könnte beispielsweise eine Sendung namens „Hart aber fair“ erfinden. Er könnte dann behaupten, sich in dieser Sendung mit der Gleichberechtigung zu beschäftigen. Er könnte diese Sendung unheimlich provokativ „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ nennen. Und er könnte eine unerklärliche, aber für ARD-Talkshows typische Zusammenstellung von Gesprächsgästen einladen, von denen die wenigsten im Thema irgendwie ausgewiesen sind, aber dafür gut aussehen (wie approximativ die Schauspielerin Sophia Tomalla) oder nicht einmal das (FDP-Politiker Wolfgang Kubicki).

Ach, das hat wirklich jemand getan? Ja, es war wieder einmal TV-Moderator Frank Plasberg, der sich die Fettnäpfchen einfach nicht verbieten lassen will. Er hat sogar zu allem gleichstellerischen Überfluss noch die Buchautorin Birgit Kelle herangezogen, die dankenswerterweise ein Buch mit dem bezeichnenden Titel «Gender gaga» verfasst hat. Neben der Feministin Anne Wizorek fand dann noch der Grüne Spitzenpolitiker Anton Hofreiter Platz in der illustren Runde (O-Ton Kubicki zu dem langhaarigen Politiker: „Sie sehen ja schon gendermäßig aus“): Fertig gebacken ist die Talksendung nach dem ARD-Rezeptbuch „Viel Krawall um nichts in werbefreiem Programmumfeld“.

Zu den zahlreichen Kritikern und Kritikerinnen der Sendung zählte unter anderem der Deutsche Frauenrat, der nicht nur die Auswahl der Gäste monierte (aufgrund der „eine faire Diskussion über Geschlechterforschung“ nicht möglich gewesen sei), sondern auch den Moderationsstil von Frank Plasberg selbst, der es sich nicht nehmen ließ, mit einigen Zoten zur Versachlichung der Debatte nicht beizutragen. Der Frauenrat weiter:

„Bereits in der Anmoderation verließ Herr Plasberg den Standpunkt des neutralen Moderators, indem er 190 Genderprofessuren als ‚Alltagswahnsinn‘ bezeichnete … Ampelmännchen, Unisextoiletten und brünftige Hirsche werden herausgestellt, um das gesamte Themenspektrum um Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik gezielt lächerlich zu machen.“

Der Blog Genderfail nennt diese „Hart aber fair“-Folge einen „journalistischen Totalausfall“:

Frank Plasbergs montägige Ausgabe seiner Sendung Hart aber fair zum Thema Gender Mainstreaming war eine Machtdemonstration par excellence und ein Tiefpunkt des Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Der 57jährige Moderator zeigte dort, dass ihm jeglicher Sinn für den journalistischen Kodex abhanden gekommen ist.

Der Blog geht insbesondere auf die Behauptung Plasbergs in seiner Anmoderation ein, dass es in Deutschland 190 Genderprofessuren gebe. „Hart aber fair“ brüstet sich ja gerne, Faktencheck zu betreiben. Dieser Check sieht aber bei der Plasberg’schen Moderationskunst eher trübe aus:

Nein, es sind nicht 190 Professoren und Professorinnen, die Genderforschung in Deutschland betreiben, wie Herr Plasberg gezielt übertrieb, sondern 15 explizite Gender-Lehrstühle (die anderen 165 Personen befassen sich mit Fragen der Geschlechter innerhalb ihrer jeweiligen anderen Disziplinen).

Merke: Ein Gynäkologe beschäftigt sich zwar auch mit dem Geschlechterunterschied, hat deswegen aber keine „Genderprofessur“. Der Programmausschuss des WDR-Rundfunkrats wies die eingegangene Programmbeschwerde zwar zurück. Gleichzeitig wird aber auf seine Empfehlung hin die inkriminierte Sendung aus dem Verkehr der ARD-Mediathek gezogen — was nun hinwiederum Bild-Online-Chef Julian Reichelt für „Irsinn“ hält.

Immerhin, so selbstbezüglich sind Plasberg und seine „Hart aber fair“-Redaktion dann doch, dass sie das Thema und damit sich selbst in der nächsten Sendung Anfang September wieder auf die Tagesordnung heben wollen. Auf die Gäste sind wir jetzt schon gespannt.

Darf man zu „Hart aber fair“ hart, aber fair sein?


28 Jul

Das Onlinemagazin Vocer ist ausweislich seiner Selbstdarstellung ein „Think Tank zur (sic!) Medienkritik“, zu deutsch also ein Denk-Panzer. Wie ein Panzer rollt Vocer allerdings über diejenigen hinweg, die tatsächlich einmal substanziell Medienkritik betreiben. Was die aktuelle Auseinandersetzung um die Produktionsfirma „Ansager & Schnipselmann“ von Frank Plasberg angeht, die die Produktion der ARD-Talksendung „Hart aber fair“ mit Lobbyarbeit  für die Versicherungswirtschaft vermischt, geht Vocer nicht den medienkritischen Weg, sondern versucht im Gegenteil, den Kritiker (in diesem Fall mich) persönlich zu diskreditieren. Ich könnte über diese Aberration des Kritikbegriffs einfach hinweggehen getreu dem alten Strauß-Dictum: „Was stört es die deutsche Eiche, wenn sich das Wildschwein an ihr kratzt“. Ich nehme hier dennoch Stellung, weil das Lehrstück, das aufgeführt wird, eindrucksvoll bezeugt, wie Lobby- und PR-Arbeit heute in Deutschland funktioniert. Und wie selbst ein Denk-Panzer wie Vocer sich in ihren Dienst stellen lässt.

Der Autor der Medienkritik-kritischen Zeilen ist ein Kölner Anwalt namens Prof. Dr. Ralf Höcker. Eine durchaus illustre Persönlichkeit, die beispielsweise Jörg Kachelmann gegen die Bild-Zeitung und den Springer-Verlag vertritt: Im Namen des Wetterjournalisten will Höcker von Springer die Rekordsumme von 3,25 Mio. € erstreiten. Dass Anwalt Höcker auf Vocer zu einer Story Stellung nehmen darf, die vom Springerblatt „Bild am Sonntag“ aufgedeckt wurde, sollte nicht unerwähnt bleiben. Auch in einer anderen Geschichte, in der die Springer-Tageszeitung „Die Welt“ und Anwalt Höcker aneinander gerieten, bemerkte der Branchendienst Meedia: „Der Anwalt Ralf Höcker und die Axel Springer AG werden vermutlich keine Freunde mehr“.

Aber Ralf Höcker vertritt nicht nur Jörg Kachelmann. Er hat sich, laut Selbstdarstellung seiner Kölner Anwaltskanzlei, unter anderem auf die juristische Vertretung von Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche spezialisiert. Ein Kenner der Szene drückt es etwas salopper aus: Höcker vertrete „nebenbei noch die halbe Versicherungsbranche“.

Was heißt eigentlich „nebenbei“? Das soll wohl heißen, Ralf Höcker hat noch andere Beschäftigungen. Zum Beispiel tritt er gerne in Fernsehsendungen auf. Eine dieser Sendungen, in denen Anwalt Höcker mit einer schönen Regelmäßigkeit auftritt, ist gerade die ARD-Talksendung „Hart aber fair“ von Frank Plasberg. Dort war er etwa am 20.04.2015, 30.03.2015, 27.02.2012 oder am 01.07.2011 zu erleben. Ein Anwalt wie Höcker tritt vermutlich in solchen reichweitenstarken ARD-Sendungen auf, um seine ganze juristische Expertise gemeinwohlorientiert unter die Leute zu bringen. Man darf aber an dieser Stelle durchaus auch erwähnen und ein kleines bisschen mutmaßen, dass Fernsehauftritte von Anwälten, die laut Bundesrechtsanwaltsordnung einem Werbeverbot unterliegen, durchaus auch geschäftliche Vorteile mit sich bringen. Dies wäre übrigens ein Zusammenhang, den zu beleuchten dem „Think Tank zur (!) Medienkritik“ Vocer sehr gut zu Gesicht gestanden hätte. Indes, man hat lieber Versicherungs-Rechtsanwalt und „Hart aber fair“-Talkgast Ralf Höcker das Feld überlassen in einer Geschichte, in der es um Lobby-Arbeit für die Versicherungswirtschaft auf dem Briefpapier der „Hart aber fair“-Redaktion geht. Der metaphorische Ausdruck „Denk-Panzer“ bekommt hier eine ganz wörtliche Bedeutung!

Warum Talkshows outgesourct werden

Wie sieht nun der „Hart aber fair“-Fall nach der auf Vocer veröffentlichten Meinung aus? Ungefähr so:

Die Signatur war falsch, weil der Mann den Brief nicht in seiner Funktion als ´Hart aber fair´-Redakteur schrieb, sondern als Mitarbeiter von Frank Plasbergs Firma Ansager & Schnipselmann. Die produziert die bekannte ARD-Talkshow 34 mal im Jahr. Während der Monate, in denen ´Hart aber fair´ nicht läuft, meldet Ansager & Schnipselmann bei der Agentur für Arbeit nicht etwa Kurzarbeit für die saisonarbeitslosen Redakteure an, sondern lässt sie zum Beispiel Gäste für Diskussionsveranstaltungen des GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) einladen.

Das ist natürlich rührend formuliert, geht aber an der Medienrealität vorbei. Die schöne Geschichte nach Höcker und Vocer geht so weiter:

Ob der Redakteur die Signatur am PC selbst eingefügt hat oder dies ein Versehen einer Schreibkraft war, die aus Gewohnheit die falsche Vorlage verwendet hat, kann dahinstehen. Er hat das Missgeschick jedenfalls nicht bemerkt. Das und nur das war sein Fehler. Vorsatz wird man ihm dabei nicht unterstellen können, denn es ist unrealistisch, dass ein erfahrener Politikredakteur sich bewusst angreifbar macht, indem er ohne Not zur offenkundig falschen Signatur greift.

Ist das wirklich Vocers heiliger Ernst? Ein kleines Missgeschick, ein Versehen, alles reiner Zufall? Ein Bundeswirtschaftsminister namens Müllmann musste mal vom Amt zurücktreten, weil er auf dem Briefpapier seines Ministeriums für Einkaufswagen-Chips warb, die sein Vetter herstellte. Der „erfahrene Politikredakteur“ erinnert sich bestimmt auch daran. Die vorgebliche Naivität des „Hart aber fair“-Talkgasts und Versicherungs-Rechtsbeistands Ralf Höcker ist als rhetorisches Manöver ja noch nachvollziehbar. Aber was treibt das medienkritische Debattenforum Vocer um? Eine medienkritische Fragestellung wäre: Warum werden die Produktionen der ARD-Talkshows eigentlich in Privatfirmen outgesourct? Wenn groß Spielfilmproduktionen oder die Tatort-Krimis von privaten Produzenten oder Tochterfirmen hergestellt werden, kann das sinnvoll sein. Denn solche Großereignisse würden unter Umständen zu viele hauseigene Ressourcen binden und die tagesaktuelle journalistische Fernsehproduktion beeinträchtigen. Aber Talkshows, für die man drei Kameras und vier Mikrophone braucht? Produktionstechnische Gründe scheinen hierfür nicht ausschlaggebend. Naheliegender ist, dass mit diesem Outsourcing zweierlei erreicht werden kann: Die Honorare für die Mitarbeiter/innen dieser Firmen sind nicht gebunden an die Tarifverträge und Honorarrahmenvereinbarungen, die in den öffentlich-rechtlichen Anstalten gelten, also können die Kosten zu Lasten der Mitarbeiter/innen gedrückt werden. Und die sich selbst produzierenden Moderator/innen solcher Sendungen bekommen neben ihrem Moderationshonorar noch den Produzentenanteil an den Produktionskosten, der bei solchen Formaten regelmäßig bei ca. 7 Prozent liegt: In Zeiten von Niedrigstzinsen ist das ein recht stattlicher Gewinnanteil.

Dass eine private Produktionsfirma wie „Ansager & Schnipselmann“ neben den ARD-Aufträgen (für die sie, nebenbei bemerkt, gegründet wurde) noch andere privatwirtschaftliche Aufträge annimmt, ist ihr gutes Recht. Das habe ich übrigens auch im Interview mit der „Bild am Sonntag“ klar gestellt, es wurde allerdings im Artikel nicht zitiert. Die berufsständisch interessante Frage ist aber, ob eine Firma, die auf der eigenen Website ausschließlich mit im weiteren Sinne journalistischen Produktionen aufwartet (z.B. „Frag doch mal die Maus“ oder „Schlau wie die Tagesschau“), parallel Lobby- und PR-Dienste anbietet. Berufscodices wie der des Netzwerk Recherche untersagen so etwas kategorisch. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass PR-ARbeit „böse“ sei. Im Gegenteil, gute PR-Arbeit ist wichtig und erfüllt eine gesellschaftlich relevante Aufgabe. Problematisch ist die Vermengung beider, wie es nun bei „Hart aber fair“ geschehen ist. Der aktuelle Fall erinnert ein bisschen an die Affäre um die Vortragshonorare für den damaligen ARD-Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow: Für Auftritte etwa bei einer Sektkellerei soll Buhrow mehr als 10.000,- Euro verdient haben, was heftig kritisiert wurde. Die Unabhängigkeit des Journalismus ist eben häufig in Gefahr, wenn wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen. Das zu bemerken ist sicherlich kein Ausweis von „Sozialneid“, wie Autor Ralf Höcker mir auf dem Vocer-Denkpanzer als „freiem TV-Journalisten und Professor für Kulturjournalismus“ vorwirft. Dass ich schon lange kein freier TV-Journalist und auch nicht Professor für Kulturjournalismus bin, sei dahingestellt und mag den nicht ausgereiften Google-Kenntnissen von Ralf Höcker geschuldet sein (aber wenn er seine Kenntnisse vertiefen will: Ich habe als freier Autor darüber ein Buch geschrieben …).

Darum sieht auch das WDR-Gesetz die strikte Trennung von Programm und Werbung vor. Und es ist sehr erlaubt und vielleicht sogar geboten, darüber zu diskutieren, ob eine Vermengung von Journalismus und PR-Tätigkeit nicht auch ein Verstoß gegen dieses Trennungsgebot darstellt. Darum habe ich das im Interview auch gegenüber der „Bild am Sonntag“ angesprochen. Ralf Höcker findet das offenbar degoutant:

Nun muss noch einmal „Medien-Professor“ Haarkötter herhalten. Der studierte Theologe, Philosoph, Soziologe, Philologe und Historiker kann offenbar auch Jura, daher ernennt ihn der Stern auch gleich zum ´Medienanwalt´.

Ja, ich habe eine Menge Fächer studiert und sogar, anders als Frank Plasberg, in den meisten davon (mit Ausnahme der Theologie) einen Abschluss vorzuweisen. Taugt das für Höcker zum Vorwurf, dann scheint das „unabhängige Debattenforum Vocer“ wohl einem eher mürben Anti-Intellektualismus anheim gefallen zu sein. Und ich selbst war auf meiner Facebook-Seite der erste, der festgestellt hat, dass die Online-Redaktion des „Stern“ zu doof zum Abschreiben ist und ich keineswegs „Medienanwalt“ bin. Aber dass nur Leute, die mit Rechtsberatung Geld verdienen, über unsere allgemein gültigen Gesetze diskutieren dürfen, ist ein reichlich vordemokratischer Standpunkt, der einem „unabhängigen Debattenforum“ nicht recht würdig ist.

Vielleicht verlässt Vocer irgendwann zum Nachdenken seinen Panzer, dann wird es womöglich auch etwas mit der Medienkritik.

Frank Plasberg: Schnipselmann sagt Lobby an


27 Jul
Moderator Frank Plasberg , Foto: A.Savin

Moderator Frank Plasberg ,Foto: A.Savin

Schnipselmann & Ansager heißt die Produktionfirma von Frank Plasberg, die die eigene Talkshow des Moderators in der ARD „Hart aber fair“ produziert. Sie tut aber nicht nur das: Nach Informationen der Bild am Sonntag (BamS) veranstaltet sie auch Lobbyveranstaltungen, beispielsweise für den Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft. Und lädt dazu offenbar im Namen der ARD-Redaktion „Hart aber fair“ ein. Und wirbt mit der ARD-Moderatorin Anne Gesthuysen. Eine Vermengung von redaktioneller und PR-Tätigkeit, die es so nach diversen Pressekodices, dem WDR-Gesetz (der WDR ist der verantwortliche Sender für Plasbergs ARD-Format) und allgemein berufsständigen Anstandsregeln nicht geben dürfte.

Plasbergs Ruf als kritischer Nachfrager und unbestechlicher Journalist schien mir immer schon fragwürdig: Gästen ins Wort zu fallen, ist noch lange nicht „hart“, und tendenziöse Einspielfilme vorzuführen, die nur die eigenen Hypothesen bestätigen, ist auch nicht „fair“. In Kollegenkreisen gilt Plasberg dem Vernehmen nach als arrogant, im WDR-Flurfunk ist, wie man so hört, extra für ihn das Wort „plasiert“ als Mischung „Plasberg“ und „blasiert“ erfunden worden. In dieses Bild passt, dass er sich selbst im „Spiegel“-Interview als „endgültig Deutschlands zweitwichtigster Talker“ bezeichnet hat. Seine angebliche Distanz zu den Mächtigen im Lande drückte er mit den Worten aus: „Fraternisieren kommt nicht in Frage“. Diese Äußerung hat er mit der Lobby-Tätigkeit seiner eigenen Firma nun deutlich konterkariert.

Wenn Frank Plasberg also weder so „hart“, noch so „fair“, noch so unbestechlich ist, wie er sich gerne selbst darstellt, dann muss man fragen, welche Qualitäten ihn denn dann auszeichnen und zu einer herausgehobenen Stellung in WDR und ARD befähigen sollten. Ein Übermaß an Intellekt wird es vermutlich eher nicht sein: Sein Studium (Theaterwissenschaft, Politik und Pädagogik) hat er nach 17 Semestern abgebrochen. Das Buch, das unter seinem Namen veröffentlicht wurde, hat er, jedenfalls in Teilen, von jemand anderem schreiben lassen. „Unter Mitarbeit von …“ schreiben Verlage unter Bücher, wenn sie für die Vermarktung ein Fernsehgesicht benötigen, das eigentlich nicht schreiben kann. Und für niemanden gilt die alte Journalistenregel vermutlich besser als für Frank Plasberg: „Wenn ich schreiben könnte, wäre ich nicht zum Fernsehen gegangen“. Die Zeitschrift „Cicero“ bemerkt über dieses Buch:

Vergebens sucht man nach einer Analyse, nach einer Meinung, einer selbständigen Haltung des Autors den geschilderten Problemen gegenüber. Plasberg geht es allein um den Effekt. Er empfindet es als «wohltuend», wenn seine Beispiele die Politiker in den Fernseh-Runden sprachlos erstaunen lassen. Zielsicher sucht er quotentreibende Pointen, in denen sich das Politische in reine Emotion auflöst.

Im WDR hat Plasberg vor „Hart aber fair“ 15 Jahre die Sendung „Aktuelle Stunde“ moderiert und ihr auch als Redaktionsleiter vorgestanden. Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man feststellt, dass in seiner Amtszeit die „AKS“ konsequent boulevardisiert und trivialisiert wurde und ein mal als Nachrichtensendung konzipiertes Format („nach englischen und amerikanischen Vorbildern“) zu einer Infotainment-Postille mit NRW-Bezug mutierte: „Hinterm Mond von Wanne-Eickel“ titelte mal der „Spiegel“ über diese Sendung. Was aber wiederum befähigte Plasberg eigentlich dazu, WDR-Redaktionsleiter zu werden? Auch diese Frage wirft Rätsel auf. Seine vorherigen journalistischen Stationen können es eher nicht gewesen sein: die „Schwäbische Zeitung“ aus Leutkirch im Allgäu oder die Münchner Abendzeitung sind nicht gerade als Kaderschmieden für deutsche Alphajournalisten bekannt. Auch der Umstand, mit den Gladbeck-Entführern in der Kölner Innenstadt während ihrer Geiselnahme ein Interview geführt zu haben, wie Plasberg es tat, ist nicht unbedingt eine Schlüsselqualifikation für herausgehobene Redakteursstellen.

So ist der Aufstieg des Frank Plasberg in WDR und ARD wohl eher ein Lehrstück darüber, wie journalistische Karrieren in öffentlich-rechtlichen Anstalten funktionieren und dass höhere Bildung, journalistische Qualifikation oder publizistische Meriten eher hinderlich dabei sein können, in den Rundfunkanstalten des öffentlichen Rechts nach oben geschwemmt zu werden.

Arbeitsverhältnisse im WDR


25 Mai

wdr1Weltweit gibt es immer weniger normale, unbefristete Arbeitsverträge, wie die Internationale Arbeitsorganisation ILO moniert. Der WDR berichtete in der vergangenen Woche gleich mehrfach über diese Kritik (z.B. hier, hier oder hier):

Unbefristet angestellt, mit einem Arbeitsvertrag – das ist weltweit inzwischen eher die Ausnahme. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten hat keinen Vertrag – vor allem Menschen in Entwicklungsländern. Und selbst von den 40 Prozent mit Arbeitsvertrag haben die allermeisten nur eine befristete Anstellung. Viele andere werden außerdem in eine Pseudo-Selbstständigkeit gedrängt oder müssen unbezahlte Familienarbeit machen, sagt der Chef der ILO. Durch die schlechten Arbeitsverhältnisse werden immer mehr Menschen weltweit in die Armut getrieben.

Was der WDR verschweigt: Der Kölner öffentlich-rechtliche Sender selbst macht als Arbeitgeber genau das, was in der über die eigenen Wellen verbreiteten Nachricht kritisiert wird. Produktions- und Verwaltungsmitarbeiter werden über Leiharbeitsgesellschaften angemietet, Stellen werden nur befristet vergeben und ein Heer von scheinselbständigen Freien Mitarbeitern ist für die Herstellung des journalistischen Programms zuständig. Über 1.700 WDR-MitarbeiterInnen sind sog. Feste Freie, sie haben keine festen Verträge, keine vernünftigen Arbeitsplätze, wenig Rechte, aber sie zeichnen für bald 90% des WDR-Programms verantwortlich. Die festangestellten Redakteure im WDR stellen nur äußerst selten selbst journalistische Beiträge her. Sie sind darum auch eigentlich keine Journalisten, sondern Teil des WDR-Verwaltungsapparats, denn sie verwalten das Programm, das andere, nämlich die freien Mitarbeiter, herstellen.

Sklavenähnliche Verhältnisse

Wie der neue prekäre Arbeitsmarkt aussieht, den die ILO kritisiert, und wie sklavenähnlich auch mitten in Europa, in der Bundesrepublik Deutschland, die Beschäftigungsverhältnisse aussehen können, dafür bietet die Wochenzeitung Die Zeit heftige Belege. Am Beispiel eines Versandzentrums der Weltfirma Adidas in Niedersachsen führt die Wochenzeitung vor, wie der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt Arbeitsverhältnisse wie im 19.Jahrhundert wieder eingeführt haben soll:

  • Der überwiegende Teil der Mitarbeiter sind laut Zeit Leiharbeiter und nicht Angestellte;
  • Arbeitszeiten sollen willkürlich festgelegt werden;
  • Bereitschaftszeiten sollen nicht als Arbeitszeit entlohnt werden;
  • Zählt man alle Arbeitszeiten zusammen, kommt man laut Zeit nicht mal auf den Mindestlohn;
  • Wegezeiten werden nicht bezahlt;
  • Mitarbeiter werden willkürlich entlassen.

Warum führe ich das hier an? Weil vieles an die Arbeitsverhältnisse erinnert, unter denen die Freien Mitarbeiter des WDR (und d.h. die eigentlich kreativen Köpfe) tagtäglich zu leiden haben:

  • Nacht- und Feiertagsschichten werden nicht als solche bezahlt;
  • Freie werden besonders gerne nachts und am Wochenende eingesetzt, weil „Feste“ Angestellte ja ein Recht auf die Zuschläge hätten;
  • Freie haben keine Arbeitsplätze und dürfen im Prinzip nicht einmal ein Telefon oder einen Computer im WDR benutzen (wohl gemerkt, es handelt sich um die Mitarbeiter, die journalistische Beiträge herstellen und dafür Interviews durchführen und Texte schreiben sollen!);
  • tarifliche Lohnerhöhungen werden über Jahre und Jahrzehnte (!) nicht auf die Honorare der Freien umgeschlagen;
  • Nicht nur Wegezeiten werden häufig vom WDR nicht bezahlt, selbst Reisekosten müssen Freie Journalisten, die für den WDR tätig sind, sich oft erbetteln oder bleiben darauf sitzen;
  • Auf die Einhaltung von Arbeitszeitregeln wird bei Freien Mitarbeitern fast systematisch nicht geachtet, außer wenn auch Angestellte involviert sind;
  • Freie Mitarbeiter können willkürlich vor die Tür gesetzt werden.

Die ILO kritisiert zurecht die weltweite Zunahme des Prekariats, das keine festen Arbeitsverhältnisse mehr hat. Der WDR vermeldet diese Kritik ebenfalls sehr zurecht im eigenen Programm. Aber glaubwürdig wäre der Kölner Sender nur, wenn er auch selbst diese Kritik beherzigen würde. Alles andere ist scheinheilig.

WDR produziert „Lokalzeit 2 go“


05 Feb
Redaktion der "Lokalzeit 2 go" (Foto: WDR/Steinkemper)

Redaktion der „Lokalzeit 2 go“ (Foto: WDR/Steinkemper)

Nach der epidemischen Verbreitung des „Coffee to go“ — den manche allerdings auch als „Kaffee Togo“ bezeichnen — und den entsprechenden Nachfolgekrankheiten wie „Blumen to go“, „Walkingschuhe to go“ und dem „Bauhaus Drive-In“ hat sich nun auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR) infiziert und bietet künftig aus der europäischen Metropole Bergisches Land eine „Lokalzeit 2 go“ an:

Das Wichtigste vom Tag. Kurz und kompakt – alles, was man als Bergischer wissen muss. Wir wollen damit auch diejenigen erreichen, die vielleicht am Abend keine Zeit haben fern zu sehen. Diese Zuschauer konnten bislang die Fernsehsendung nachträglich in der WDR Mediathek sehen. Jetzt kriegen sie eine schnelle Ausgabe, sozusagen zum Mitnehmen schon am Nachmittag.

Das Besondere an dieser Light-Version lokaljournalistischer Nachrichtenproduktion (wobei einige WDR-Kenner ja schon die Lokalzeit für eine Light-Version von echtem Nachrichtenjournalismus halten …) ist, dass sie nicht im normalen Fernsehprogramm ausgestrahlt wird. Dabei hat genau dafür der WDR sogar einen gesetzlichen Auftrag. Stattdessen wird die To Go-Variante ausschließlich im Netz gezeigt:

Wir stellen das Ganze auf unserer Facebook-Präsenz ein, auf YouTube im WDR-Channel und natürlich auch auf der Seite des Studio Wuppertal wuppertal.wdr.de – also genau da, wo wir uns jetzt gerade bewegen.

Immerhin wissen wir jetzt, wo WDR-Redakteure sich so herumtreiben, nämlich nicht in stickigen Redaktionsstuben in Wuppertal und sonstwo, sondern auf Facebook und YouTube. Merkwürdig ist auch die Anamnese der WDRler, was die Ausstrahlungs- bzw. Uploading-Zeit angeht. Denn zu keiner Zeit am Tag wird mehr ferngesehen, als am frühen Abend, wenn ohnehin die reguläre WDR Lokalzeit läuft. Ein Bedarf gerade am Nachmittag scheint doch recht konstruiert.

Und schließlich steht natürlich die dringlichste Frage im Raum: Wenn es nun eine „Lokalzeit 2 go“ gibt, wo trägt man sie dann hin?

WDR: Stumpf in der Flugverbotzone


10 Okt

Liebe LeserInnen, liebe MitdiskutiererInnen, liebe Mitleidende!

Ich habe mich nach langem Nachdenken, vielen Gesprächen und einer für meine Verhältnisse unfassbar großen Zahl an Emails, die ich zu diesem Thema erhalten habe, entschlossen, den Blogeintrag zur Auseinandersetzung um eine ARD-„Story“ von Tim van Beveren und zu seinem Streit mit dem veranstaltenden Sender WDR und einiger seiner festangestellten Redakteure hier herunterzunehmen. Wer die Hintergründe dieser Auseinandersetzung nachlesen will, wird in diesem taz-Artikel und dieser Darstellung des Mediendienstes dwdl.de fündig. Es liegt dazu auch eine Darstellung des WDR vor. Die neueren Entwicklungen lassen sich auch in diesem dwdl-Artikel nachlesen.

Meine Entscheidung hat zwei Hintergründe: Der eine ist eine Abmahnung und die Aufforderung zu einer Unterlassungserklärung durch die Anwaltskanzlei von Dr. Roman Stumpf, einem der in die Geschichte verwickelten WDR-Redakteure. Ich kann dem Folge leisten, weil es mir nicht darum ging, eine einzelne Person womöglich zu „pathologisieren“ (was mir fachlich nicht zusteht, wie ich auch explizit geschrieben habe), sondern darum aufzuzeigen, dass der WDR sich zu einem System entwickelt hat, dass in seiner Grundanlage „krank“ ist. In einem solchen System sind alle, die sich darin befinden, „Opfer“, auch wenn sie womöglich auf der anderen Seite als festangestellte Redakteure „Täter“ sind, die eine Mitverantwortung dafür tragen, wie das System konkret ausgestaltet ist. Das nennt man dann wohl Dialektik. Die „freien“ MitarbeiterInnen des WDR, die mehr als 90 % des Programms herstellen, sind in diesem System immer das schwächste Glied, obwohl sie die größte Last des Programmauftrags tragen müssen. Dass der WDR als öffentliche Anstalt, die mit öffentlichem  Geld finanziert wird (und das sind jährlich Milliardenbeträge), einer besonderen öffentlichen Kontrolle und Kritik unterzogen werden darf und muss, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Der andere Grund ist, dass dies hier nicht meine Geschichte ist, sondern die des Kollegen Tim van Beveren. Hier ein neues Fass aufzumachen, scheint mir durchaus unangebracht und auch kontraproduktiv. Zumal die Geschichte jetzt ohnehin die juristische Dimension erreicht hat und keinen Nebenkriegsschauplatz mehr braucht. Tim van Beveren gehört dabei meine volle Solidarität, weil ich nur zu gut nachfühlen kann, was ihm widerfahren ist. Mir ist Ähnliches in mehr als einem Fall im WDR und mit seinen festangestellten RedakteurInnen geschehen. Und ich werde auch in Zukunft allen, die davon nichts hören wollen, weiter erzählen.

Der WDR hat, wie alle öffentlich-rechtlichen Sender, einen gesetzlichen Programmauftrag. Wer mit seinen eigenen Programmmachern so umspringt, entzieht sich selbst die Existenzberechtigung. Das wäre schade: nicht um Stumpf und seinen Sender, aber um all die exzellenten AutorInnen und JournalistInnen, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen. Ein öffentliches Programm in der Hand der Programmmacher, das wäre eine ganz große Sache. Der WDR ist davon weit entfernt.

Unwetter ohne WDR: Kachelmann fordert Intendanten zum Rücktritt auf


10 Jun
Wetter-Moderator Jörg Kachelmann (Foto: René Mettke/Wikimedia)

Wetter-Moderator Jörg Kachelmann (Foto: René Mettke/Wikimedia)

Ein verheerendes Unwetter zog gestern über Nordrhein-Westfalen, verursachte immensen Schaden und kostete mindestens fünf Menschen das Leben. Der Wetter-Experte und ehemalige ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann schreibt nun in seinem Blog, dass dieser schwere Sturm schon frühzeitig vorhersehbar war, ohne dass der Westdeutsche Rundfunk mit deutlichen Warnungen darauf reagiert habe:

Was mögen Sie gestern getan haben, als Sie erfahren haben, dass es in dem Bundesland, dass Ihnen anvertraut wurde, schwere Gewitter geben wird? Sind Sie in den Sender gefahren, um zu besprechen, wie man Warnungen in das Fernsehprogramm integrieren kann? Haben Sie mit Meteorologen Kontakt aufgenommen um zu erfahren, wann die wahrscheinlichste Eintreffenszeit der Unwetter ist? Ich weiss es nicht. Ich war nicht in Nordrhein-Westfalen, um zu sehen, was Sie vorgekehrt haben, um Menschenleben zu retten. Betrachtet man den Twitteraccount von WDR2, liegt die Vermutung nahe, dass Sie den Pfingstmontag so verbracht haben, wie es wohl vorgesehen ist, wenn man de facto unkündbar ist: mit Nichtstun.

Kachelmann weist auch darauf hin, dass zu dem Zeitpunkt, als am frühen Abend Orkanböen bereits Aachen und das westliche Rheinland erreicht hätten, der WDR anderes zu berichten hatte, anstatt die Zuschauer und Zuhörer zu warnen:

WDR Tweet entenhausen

Selbst als der Sturm schon Köln erreicht habe, habe der WDR, so Kachelmann, so getan, als handle es sich um ein noch bevorstehendes Ereignis, und habe seinen Zuschauern und Zuhörern via Twitter gewünscht: „Kommt sicher nach Hause“. Der Schweizer Wettermoderator folgert daraus, dass der WDR und sein Intendant Tom Buhrow Mitverantwortung für die Opfer des Sturms trage:

Sie “erwarten” etwas, was schon seit über einer halben Stunde da war. Sie lassen Ihre Zuschauer und Zuhörer erst alleine und lügen Sie am Ende auch noch an. Durch Ihr Nichtstun sind Sie mitverantwortlich, dass Menschen verletzt und getötet wurden. Wäre der WDR in den USA tätig, würden jährlich Tausende Menschen in Hurricanes und Tornados sterben. Sie und Ihr Sender hatten und haben keinen Plan, wie Sie etwas Wichtiges tun können, tun müssen, wenn es um Leib und Leben Ihrer Gebührenzahler geht. Ich zweifle nicht, dass Sie heute tolle Sondersendungen machen werden, womöglich einen peinlichen ARD-Brennpunkt produzieren, in dem Sie die Orte zeigen, an denen Menschen gestorben sind.

Diese Menschen hätten nicht sterben müssen, hätten alle mitgeholfen, die Zuschauer in NRW live erreichen zu können und rechtzeitig zu warnen. Sie sind gemeint. Sie und Ihr Sender waren gestern entweder faul, inkompetent, ignorant oder alles zusammen. In staatstragenden Tagesthemen-Kommentaren wird bei solchem Fehlverhalten durch Politiker gerne ein Rücktritt gefordert.

Eine Reaktion von Seiten des WDR steht noch aus.

Nachtrag 11.06.2014: Mittlerweile hat der WDR auf die Vorwürfe reagiert. „Der WDR hat am Pfingstmontag ab 6 Uhr morgens durchgehend Unwetterwarnungen und Schlechtwetterprognosen gemeldet“, so Sprecherin Kristina Bausch auf DerWesten.de. Auch über Twitter, Teletext und in den Sendungen habe der WDR berichtet. „Wie nach jedem Katastrophen- oder Kriseneinsatz werden wir auch in diesem Fall nacharbeiten, was wir künftig gegebenenfalls noch besser machen können.“

Journalismus trifft auf Wanze


02 Apr
Foto onated by the World Health Organization, Geneva, CH

Foto donated by the World Health Organization, Geneva, CH

Gestern traf ich am hellichten Tag in einem Kölner Straßencafé einen alten Bekannten. Er ist Hörfunkjournalist von Beruf. „Nanu“, sagte ich zu ihm, „am helllichten Tag nicht bei der Arbeit?“

Er setzte sich zu mir an den Tisch und bestellte seinerseits einen Kaffee. „Ach weißt du, ich hatte mehrere aktuelle Themenvorschläge“, erklärte er mir. „Aber alle sind abgelehnt worden, weil die Redaktion ein wichtigeres Thema hatte“. Der Kollege arbeitet übrigens, das sollte noch dazu erwähnt werden, seit vielen Jahren für die Regionalredaktion des WDR. Er besucht Ratssitzungen, er geht zu Parteitagen, er kennt sich aus.

„Was gab es denn Wichtigeres?“ erkundigte ich mich und nippte an meinem Cappuccino.

„Sie haben Wanzen gefunden“, erzählte der Radiomann mir. „Seitdem wird rauf und runter in den WDR Regionalnachrichten nur noch über Wanzen berichtet“.

„Wanzen?“ rief ich aufgeregt und hätte beinahe meinen Kaffee verschüttet. Ich witterte NSA und Spione, neueste Abhörschweinereien und den endgültigen Verrat der Privatsphäre. Aber weit gefehlt. „Bettwanzen …“ stöhnte der Kollege verzweifelt. „Sie berichten den ganzen Tag über Bettwanzen in Hotelzimmern!“ Verzweifelt schüttelte sich der arme Kollege. Der Ekel war ihm anzumerken. Aber es handelte sich nicht um den Ekel vor den tierischen Parasiten.

Was macht die Bettwanze so wichtig, dass sie aktuelle Themen aus den WDR Regionalnachrichten verdrängt? Welche Chitin-harte Recherche steckt hinter dem parasitären Befall, die Lokalpolitik, Parteienclinch und Wirtschaftsfakten aus dem Programm verdrängen kann? Sehen wir uns an, was der WDR auf seiner Onlineseite zu bieten hat:

Immer mehr Hotels und Hostels kämpfen laut Schädlingsbekämpfern gegen Bettwanzen. Vor Jahren gab es bundesweit wenige Fälle im Monat, mittlerweile liegt die Zahl nach Meinung eines Experten im zweistelligen Bereich – und zwar pro Tag. Betroffen sind vor allem Messestädte wie Köln.

Statt knallharter Fakten oder überprüfbarer Zahlen also doch nur wieder ein weiteres Beispiel für den „Immermehrismus„. Aber vermutlich hat der WDR einen Kronzeugen, der die eigentümliche Hypothese untermauern kann:

Der Kölner Schädlingsbekämpfer Achim Reinold weiß zu berichten, dass die winzigen Schädlinge sich inzwischen wieder verbreitet haben: „Vor zehn Jahren hatten wir bundesweit einen Auftrag pro Monat, jetzt sind es täglich zweistellige Zahlen.“

Das klingt zwar vorderhand überzeugend, aber man muss natürlich bedenken, dass der zitierte Fachmann ein wirtschaftliches Eigeninteresse hat, die für ihn profitable Situation eines angeblich zunehmenden Schädlingsbefalls zu dramatisieren. Ein unabhängiger Experte ist etwas anderes.

Auch die Aktualität dieses „Nachrichten-Themas“ lässt sich mit etwas Googlen stark relativieren. In zyklischen Abständen tauchen in der Presse immer wieder dieselben Berichte über Krabbeltiere, Nager und anderes Ungeziefer auf, die wahlweise aus exotischen Ländern, aus Industrieverpackungen oder wegen des Klimawandels die hiesigen Breiten überfallen sollen. So berichtete „brandaktuell“ über die angebliche Bettwanzen-Epidemie RTL im vergangenen Herbst, die Apothekenumschau vor einem Jahr im Frühling, die Badische Zeitung im Jahr 2012, der Spiegel im Jahr 2011, die Tageszeitung Die Welt desgleichen, das Wochenblatt Die Zeit anno 2010, das Bild der Wissenschaft 2009 usw. usf.

Nicht die „Zahl der Bettwanzen in Deutschland steigt rasant“, wie die WAZ dichtete, sondern nur die Berichterstattung darüber. Wie es sich tatsächlich mit den Steigerungszahlen des Wanzenbefalls verhält, ist auch online in einem journalistischen Medium nachzulesen, nämlich bei news.de. Dort erfährt man:

Beim Berliner Hotel- und Gaststättenverband spricht Geschäftsführer Thomas Lengfelder in Sachen Bettwanzen von «vereinzelten Fällen» in Hauptstadt-Herbergen. Der bundesweite Hotelverband führt keine Bettwanzen-Statistik. Das Problem nehme aber nicht zu, versichert Sprecher Christoph Lück.

Kurioserweise findet sich dieser Beitrag unter der Überschrift „Eklig! Bettwanzen sind wieder auf dem Vormarsch!“

Mein Kollege hat sich in der Zwischenzeit zu seinem Kaffee noch einen Cognac bestellt und stürzt ihn in einem Schluck hinunter. „Ob das gegen Wanzen hilft?“ frage ich ihn mitleidig. „Nein“, antwortet aber, „aber gegen Qualitätsjournalismus“.

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Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter