Archive for November, 2008

Medien: Rutschpartie ins Desaster


28 Nov

Der Finanzdienst Aspect.online weist daraufhin, dass Medien selbst eine aktive Rolle im derzeitigen Finanzdesaster haben.

„In diesem Fall sind laut den Untersuchungen des Forschungsinstituts Media Tenor die Medien nicht lediglich ein Spiegel des realen Geschehens, sondern sogar ein Mitspieler. Gerade die Hiobsbotschaften der Fernsehnachrichten erreichen weite Kreise der Bevölkerung und beeinflussen sie“.

Die Quintessenz, die daraus gezogen wird, lautet „Abschalten“:

„Der Herdentrieb in den Abgrund lässt Nachrichten, die dem derzeitigen Trend zuwiderlaufen, null Chance. Damit schließt sich der Kreis. Ein Rezept gegen diese Angst? Werner Hedrich, Leiter Fondsresearch bei der Rating-Agentur Morningstar Deutschland, liebt drastische Ratschläge: >Fernseher abends aus lassen!<"

Auch die Zeitschrift Geldmagazin sieht eine Mitschuld der Medien an der derzeitigen Finanzkrise.

Der Kölner Stadtanzeiger zeigt Grösse


26 Nov

Heute zeigt der Kölner Stadtanzeiger Größe: Denn er ist zu groß, um über den eigenen Schatten zu springen. Stattdessen wird der hauseigenen Revolvervblättrigkeit ein weiteres Blatt hinzugefügt. Eine typische Aufmacherseite des Kölner Lokalteils sieht ungefähr so aus:

„Ermittlungen nach tödlichem Arbeitsunfall“
„Prozess um >Mord ohne Leiche<" "Rabiater Räuber in der Kirche"

Wer in Köln wohnt und diese Zeitung aufschlägt, der kriegt es mit der Angst zu tun: Ist Nippes die Bronx? Verslumt die Domstadt und versinkt in Kriminalität und Mord und Totschlag? Gibt es denn so gar keine Kultur, keine Komunalpolitik, kein gesellschaftliches Leben, das irgendwie berichtenswert wäre? Doch das gibt es. Aber im Kölner Stadtanzeiger findet es nur rudimentär oder auf den hinteren Seiten des Blattes statt. Die erste Seite ist fest in der Hand der Pistoleros dieses Revolverblatts. Und wenn es nicht wenigstens irgendwo brennt, dann ist doch die Feuerwehr im Einsatz, auch wenn sie nur mit Ensetzen Scherz treibt:

„In einer aufsehenerregenden Übung haben Feuerwehr und Heilig-Geist-Krankenhaus in Longerich am Dienstag die Rettungsmaßnahmen nach einem Autobahnunfall geprobt“.

Wie bei jedem Blutbad gibt es Opfer. Im Kölner Stadtanzeiger ist es die deutsche Sprache, denn mit der steht man großräumig auf Kriegsfuß.

„… hatten sich die Anwohner gewundert, warum das Gelände nicht großräumiger abgesperrt war“.

Der Großraum, den man sonst von Limousinen kennt, offenbart hier erneut eine Schwäche im Gebrauch des Komparativs, die noch nach Vergleichen sucht. Vielleicht war das Wort „weiträumig“ gedacht, aber auch das benötigt keine Steigerung. Auch in anderen Räuberpistolen des Blattes wird die Sprache weiträumig mit dem Unsinn über einen Kamm geschoren, auf dass selbst eine genaue Spurensicherung nicht den Rest eines Sinns an den Tag bringt:

„Die Spurensicherung fand DNA-Material mit Schmauchspuren von Giovanni Strangio und wohl auch Nirta im gemieteten Fluchtwagen der beiden“.

DNA-Material hat mit Chromosomen und Erbgut zu tun, Schmauchspuren werden hinterlassen bei Revolverschüssen. Das sollte ein Revolverblatt wie der Kölner Stadtanzeiger eigentlich wissen. Beides zusammen ist bestenfalls ein Schuss im Ofen, aber auch ohne das würde kein deutscher Satz daraus. Selbst wenn sie es gut meinen, geht es im Kölner Stadtanzeiger daneben. Da möchte man den Film einer engagierten Journalistin über jüdisches Leben im NS-Staat loben, in dem auch die Überlebenden zu Wort kommen:

„Und sie hat seinen Söhnen und Enkeln, die dem Holocaust entkamen, Gesicht und Stimme gegeben“.

Man würde ja lachen mögen, wenn man nicht zu weinen bräuchte! Wenn sie doch noch am Leben sind, die Überlebenden, dann haben sie offenbar noch ihr eigenes Gesicht und ihre eigene Stimme. Den Verstorbenen, denen mag man, wenn’s denn sein muss, was verleihen, was die Lebenden gottlob noch selber haben. Aber mit Gesichtsverleihungen kennt sich der Kölner Stadtanzeiger nicht so gut aus. Mit Gesichtsverlust schon eher.

Bild verkauft „Leserreporter-Kamera“ bei Lidl


26 Nov

Der echte Revolverjournalist hat ja keinen Revolver bei sich, sondern eine Kamera. In einer bundesweit einmaligen Ausbildungsaktion zum Schmierenjournalisten will die Bild-Zeitung ab dem 4. Dezember eine sogenannte „Leserreporter-Kamera“ über den Discounter Lidl verkaufen. Wie bei jeder unordentlichen Drückerkolonne muss man natürlich zahlen, wenn man dabei sein will: 69,- Euro sind zu berappen, um sich in das Gefühl einzukaufen, Mitglied der Kleistertruppe vom Springerverlag zu sein. Schließt man die Kamera an den PC an, startet eine Anwendung, mit der der angehende Sensationsreporter sein Material zum Onlineportal von „Bild“ hochladen kann.
Für den Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalistenverbands ist das ein Aufruf, „Grenzen zu überschreiten … Viele werden unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte versuchen, Prominenten aufzulauern.“ Auch der Berliner Medienanwalt Christian Schertz sieht einen „Aufruf zu massenweisen Rechtsbruch“.
Pikant an dieser Bild-Lidl-Connection: Es war just die Discounter-Kette Lidl, die im März 2008 unangenehm aufgefallen ist, weil sie rechtswidrig ihre Mitarbeiter per Videokamera hat überwachen lassen. Welche Zeitung hat damals nicht über den Lidl-Überwachungs-Skandal berichtet? Richtig: Die Bildzeitung.

Ein Montag voller Räuberpistolen im Kölner Stadtanzeiger


24 Nov

Das ist ein guter Montag für die Konditoren vom Kölner Stadtanzeiger, können sie doch wieder herrlich im Revolverblätterteig rühren. Da blättert man selbst durch das Blatt, und wenn man beim Lokalteil ankommt, kriegt man das große Zittern:

„Bewohner vom Hausdach gerettet“
„Räuber droht mit einer Küchenschere“
„Fußgängerin schwer verletzt“

Ob das auf der Folgeseite abgedruckte Foto von Herausgebergattin Hedwig Neven-Dumont mit zur Kölner Kriminalstatistik zu rechnen ist, bleibt dahin gestellt. Wie man auch ohne Verbrechen mit Bild im Kölner Stadtanzeiger landen kann, das hat die „Bürgergesellschaft Köln von 1863“ nur zu gut verstanden: Man muss einem Familienmitglied der Herausgeberfamilie einen Orden verleihen, und schon klappt es mit der Lokalpresse. Auch das gehört zur Revolverblättrigkeit.

Schuld und Sühne á la SPIEGEL


23 Nov

Es ist ja schon alles „irgendwie“ schwer zu verstehen, da unten in Kongo-Zaire-Ruanda-Schwarzafrika. Wer darum im Spiegel (47/2008) im Artikel „Füllt die Gräber ganz auf!“ nach Orientierung sucht, der kann im dschungelhaften Gestrüpp schon mal die ein oder andere Liane übersehen. Der Stamm der Hutu hat vor mehr als 10 Jahren in Ruanda einen Völkermord am Volk der Tutsi begangen – Auslöser auch der schweren Konflikte im Nachbarland Demokratische Republik Kongo. Ein französischer Richter sei aber, so der Spiegel, zu dem Ergebnis gekommen, Tutsi-Rebellen hätten zuvor ein Präsidentenflugzeug abgeschossen. Ergo:

„… der Rebellenführer Kagame und seine Truppe hätten paradoxerweise den Völkermord an ihresgleichen selbst ausgelöst“.

Und etwas weiter unten ist nochmals von der

„Mitschuld der Tutsi am Völkermord“

die Rede. Die Spiegel-Autoren drücken sich freilich im Konjunktiv aus, und vielleicht müssen sie auch nicht jede abenteuerliche These hinterfragen. Aber ist selbst das Zitat dieser ungeheuerlichen Unterstellung statthaft und journalistisch sauber? Nein, ist es nicht. Ein anderes Beispiel aus der Geschichte macht das vielleicht augenfällig: Am 7. November 1938 verübt der polnische Jude Herschel Grünspan ein Attentat auf einen deutschen Diplomaten in Paris. Zwei Tage später kommt es in Deutschland zur Reichspogromnacht. Kann man sagen, „die Juden“ hätten eine „Mitschuld“ an diesem Pogrom gehabt? Selbstredend kann man nicht, und es wäre eine Ungeheuerlichkeit, es zu tun. Eben.

Si vis DIE ZEIT, para bellum


12 Nov

Die ZeitWas soll man von der Wochenzeitung Die Zeit eigentlich halten? Einerseits ist sie in der deutschen Presselandschaft auf weiter Flur das einzige Blatt, das ordentlich recherchierte Beiträge in erträglichem Deutsch in adäquater Länge zu Papier und damit zum Leser bringt. Andererseits erstickt man bei der Zeit beinahe selbst an dem fetten Brocken von Staatsgetragenheit, der biederseriös wie das Labellogo eines feinen Anzugherstellers nach außen getragen wird. Man könnte darüber hinwegehen. Könnte man, wenn einem nicht in Fällen wie denen, in denen es um Krieg und Frieden geht, ob der Staatsträgheit der Zeit übel würde. In der aktuellen Ausgabe (06. November 2008) beschäftigt sich Die Zeit unter der Überschrift „Wenn Soldaten töten“ mit dem Fall eines Bundeswehrsoldaten, der beim Auslandseinsatz in Afghanistan „drei Zivilisten erschossen“ hat. Schon diese Behauptung in der Unterüberschrift ist eine Verbiegung, denn in Wahrheit handelte es sich um eine Zivilistin und zwei Kinder. Nicht gerade der typische Fall von Kombattanten. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt, und das finden einige Vertreter der Bundeswehr nicht so gut, und die Autoren (und Zivilisten) von der Zeit vielleicht auch nicht. Denn dann steht geschrieben:

„Und nicht immer wird sich sauber klären lassen, welcher Schuss gerechtfertigt war, welcher nicht, was Notwehr war, was Panik“.

So, kann man nicht? Ich finde schon, dass man kann. Oder dass man können sollte. Und wenn man es nicht kann, sollte man nicht bewaffnete Soldaten in fremde Länder schicken. Was uns die unzivilisierten Autoren der Zeit mit ihrer Behauptung sagen wollen, bleibt gänzlich unklar. Klar wird nur, dass mit solch staatstragenden Formulierungen Die Zeit auf einmal in einer Ecke steht, in die vielleicht gar nicht hinein wollte: Die von Kriegstreiberei und Säbelrasseln. Oder will man vielleicht?

Immer mehr Sprachfertigkeiten beim Kölner Stadtanzeiger


12 Nov

Wie titelt der Kölner Stadtanzeiger in seiner heutigen Ausgabe:

„Immer mehr können nicht schreiben“

Schöner noch wäre dieser Beitrag zum Immermehrismus natürlich gewesen, wenn sie getextet hätten: „Immer mehr können immer weniger schreiben“. Aber dazu müsste man halt schreiben können.

Werbung oder Wahrheit beim Kölner Stadtanzeiger


11 Nov

Saturn HansaUnd wer sich auf der Webseite des Kölner Stadtanzeigers einmal umsieht, findet unter „Medien“ auch einen Link zu einem „ksta-extra: Saturn am Hansaring„.
Was ist das nun eigentlich? Ein redaktioneller Beitrag? oder doch einfach nur bezahlte Werbung? Oder ist das beim Kölner Stadtanzeiger gar kein so großer Unterschied?

An Sprache gescheitert – Der Kölner Stadtanzeiger und die US-Wahl


06 Nov

Der Kölner Stadtanzeiger muss von der dramatischen Präsidentenwahl in den USA so beeindruckt gewesen sein, dass seine Mitarbeiter regelrecht ins Stottern gerieten. Da ist zu lesen:

„Die Lebensgeschichte einer 106-jährige [sic!] Hausfrau aus Atlanta hat Barack Obama so nachhaltig inspiriert, dass der künftige US-Präsident während seiner Siegeransprache vor Zehntausenden in Chicago und Million-en [sic!] an den TV-Geräten von ihrem Schicksal auf sie einging“.

Der Artikel auf derselben Seite über den Wahlverlierer McCain ist überschrieben mit: „An Bush gescheitert“. Dem Kölner Stadtanzeiger möchte man zurufen: „An Sprache gescheitert“.

Oberster ARD-Journalist ein Stasi-IM?


05 Nov

Nach Informationen von Welt online soll der ehemalige Chef von ARD aktuell, Bernhard Wabnitz, unter dem Pseudonym „Junior“ als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi spioniert haben. Wabnitz, der von 1999 bis 2005 Chef von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ in der ARD war, arbeitet seitdem als Studioleiter für die ARD in Rom. Er bestreitet die Vorwürfe. Welt online dagegen zitiert aus dem Dossier, das die Birtler-Behörde zusammengestellt hat, und aus dem hervorgeht, dass Wabnitz nicht nur als Kontaktperson „abgeschöpft“ wurde, sondern tatsächlich als Agent für den DDR-Geheimdienst spioniert hat. Die Welt folgert:

„In der ARD gilt Wabnitz als einer, der selbst bei einer explodierenden Nachrichten- und Bilderflut den Überblick behält. Womöglich hat von dieser Tugend nicht allein sein Arbeitgeber profitiert“.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter