Die Zeit: Agendasetting zwischen Bundestag und Orgasmustipps

26 Nov

Journalistinnen und Journalisten seien „Agendasetter“, heißt es. Sie würden durch die Auswahl der Nachrichten bzw. die Auswahl der Ereignisse, die überhaupt zu Nachrichten würden, bestimmen, was auf die „Agenda“ komme, also zum Tagesgespräch tauge und die politischen und gesellschaftlichen Diskurse bestimme.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“, angeblich eines der Leitmedien Deutschlands, muss wie jedes andere journalistische Medium ständig die Relevanz von Ereignissen und Nachrichten abwägen, um nur die wirklich wichtigen Themen zu bringen, also die, über die es wert ist, einen gesellschaftlichen Diskurs zu entspinnen.

Wenn also „Die Zeit“ die Wahl hat zwischen, sagen wir: Bundestag, EU-Kommission und Orgasmustipps für Männer, was wird „Die Zeit“ wohl wählen. Raten Sie oder schauen Sie einfach selbst:

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WDR: „Menschen hautnah“ setzt Middelhoff-Doku ab

22 Nov

Bemerkenswerter Vorgang: Die WDR-Redaktion des Portraitformats „Menschen hautnah“ hat kurz vor der Ausstrahlung den Film über den frisch aus der Haft entlassenen Manager Thomas Middelhoff aus dem Programm genommen. Zur Begründung gibt die Redaktion an, sie habe erst kurz vor der Ausstrahlung von einer vertraglichen Vereinbarung zwischen den Filmemachern und dem Protagonisten Middelhoff erfahren, derzufolge Middelhoff den Film vorab zu sehen bekommen und bei den Dreharbeiten ein Mitspracherecht gehabt haben sollte. In ihrem Facebook-Posting (siehe Abbildung) führt die Redaktion weiter aus, das vertrage sich nicht mit ihren „journalistischen Grundsätzen“.

Bildschirmfoto

Ich sehe nicht recht, was das mit „journalistischen Grundsätzen“ zu tun haben soll. Dass jemand, der in einem Film spricht, auch eine Mitsprache haben soll, scheint mir schon semantisch eine Selbstverständlichkeit zu sein. Und ich sehe auch nicht, was dagegen sprechen soll, einem Protagonisten bei einem solch intimen Format vorab den Film zu zeigen. Voraufführungen sind bei langen Formaten ja durchaus üblich: Sollen andere einen Film schon vor Aufführung sehen dürfen, nur der Protagonist nicht? Verquere Logik.

Im Printbereich ist es ja (leider) üblich, Interviews zu „autorisieren“, wobei die Texte oft völlig umgeschrieben werden. Das ist nicht wünschenswert, aber eben nichts Ungewöhnliches im Journalismus. Dass jemand eine gewisse Kontrolle über seine eigenen Äußerungen in der Öffentlichkeit haben möchte, halte ich für völlig verständlich. Gerade auch im WDR Fernsehen (für das ich 17 Jahre gearbeitet habe) kommt es bedauerlicherweise immer wieder vor, dass Menschen ihre Äußerungen in Interviews hinterher in völlig sinnentstellten Zusammenhängen wiederfinden. Und leider ist es mir in meiner Fernsehmacherzeit bei Recherchen auch immer wieder passiert, dass Menschen mit mir vor der Kamera nicht mehr reden wollten, weil schon einmal WDR-Teams bei ihnen waren und die Menschen das als traumatisches Event erlebt haben.

Eine letzte Bemerkung: Prinzipiell muss jeder Interviewpartner die vom WDR vorgefertigten „Mitwirkendenverträge“ unterschreiben. Und was der WDR da an Rechte- und Lizenzen-Buyout vorsieht, spottet jeder Beschreibung.

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Österreich: Fake News im Wahlkampf

10 Okt
SPÖ-Wahlplakat

SPÖ-Wahlplakat (Foto: SPÖ/Astrid Knie cc)

Fake News sind ja irgendwie gerade ein Modewort mit etwas unscharfen Begriffsrändern. Es handelt sich dabei um bewusste Falschmeldungen, die teils scherzhaft, teils aber auch zur Verfolgung einer klaren Agenda insbesondere über Social Media verbreitet werden.

Nun haben Fake News dem österreichischen Wahlkampf einen ganz neuen Spin gegeben. Hier sind es die großen Parteien, die zur Nationalratswahl antreten, selbst, die sich mit Fake News, gefaketen Internetprofilen und gefälschten Studien gegenseitig überziehen. Der Skandal ist so groß, dass die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Die politische Kultur in Wien sinkt wenige Tage vor der Parlamentswahl auf ungeahnte Tiefen“.

Zwei gefälschte Facebook-Seiten stehen im Zentrum des Konflikts. Die eine heißt „Wir für Sebastian Kurz“ und spiegelt vor, eine Fanseite des Kanzlerkandidaten der konservativen  ÖVP Sebastian Kurz zu sein. Diese Seite tat sich besonders damit hervor, rechtspopulistische Töne anzuschlagen und so zu tun, als stünde die ÖVP und ihr jugendlich wirkender Kandidat auf der ganz rechten Seite des politischen Spektrums. Die andere Facebook-Seite trug den Titel „Die Wahrheit über Sebastian Kurz“ und verbreitete Fake News mit rassistischem und antisemitischem G’schmäckle.

Hinter beiden Seiten aber stand nach Recherchen der österreichischen Tageszeitung Die Presse der  von der SPÖ angeheuerte israelische Wahlkampfberater Tal Silberstein. Mit beiden Seiten sollten entweder zur politischen Mitte oder eben auch zu rechtspopulistischen Ansichten neigende Wähler von einer Wahl von Kunz abgeschreckt werden. Es soll dafür sogar eine Kommunikations-Task-Force gegeben haben, die mit 500.000 Euro üppig ausgestattet war. Aufgeflogen ist der Casus, weil Silberstein im August in Israel wegen Korruptionsverdacht inhaftiert worden ist.

Gefakete Facebook-Seite

Gefakete Facebook-Seite

Aber nicht die SPÖ arbeitet mit, wie Die Presse es nennt, „Schmutzkübel-Kampagnen“ und lässt damit die Wahlchancen des amtierenden SPÖ-Kanzlers Kern ins Bodenlose sinken. Auch die ÖVP von Sebastian Kurz ist sich für „dirty campaigning“ nicht zu schade und arbeitet im Wahlkampf mit Fake-News. Eine Studie über „Islamkindergärten“ soll von Beamten des österreichischen Außenministeriums, dem Sebastian Kurz als Minister vorsteht, so frisiert worden sein, dass ihre Aussage in Teilen ins Gegenteil verkehrt wurde. Die Wiener Wochenzeitung Falter spricht von „Kurz-Leaks“ und einem „Frisier-Salon Kurz“.

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Ein Hamburger für G20

10 Jul

Spiegel_HamburgerDa gibt es ja nun ein paar Kollegen, die das Spiegel-Titelbild vom vergangenen Samstag anlässlich der Ereignisse rund um den G20-Gipfel in Hamburg für nicht ganz adäquat hielten. Also, ich dagegen finde, dass es für einen ganz besonderen Sinn von Ironie spricht, ausgerechnet mit einem „Hamburger“ aufzumachen. Auch „Essen oder nicht essen?“ ist eine Schlagzeile, die kompositorisch ein verzückendes Duett mit den Themen des Gipfels einginge. Im übrigen: Wer hat sich eigentlich nicht über die laufenden Ereignisse bei SPIEGEL ONLINE kundig gemacht? Auch die Reportage gestern Abend in SPIEGEL.TV war ja durchaus nahe dran am Geschehen. Mal davon abgesehen, dass im Innenteil der Printausgabe ein Leitartikel und 12 Seiten mit Beiträgen sich mit G20 auseinandersetzen. Will also wirklich jemand behaupten, das Hamburger Nachrichtenmagazin habe sich nicht genug mit den Ereignissen in Hamburg auseinandergesetzt? Weil das Titelblatt nicht mundete?

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Kölner Forum für Journalismuskritik

08 Jun

_DSC7952Nun ist es Tradition: Zum 3. Mal fand diesen Monat das Kölner Forum für Journalismuskritik statt. Veranstaltet haben es die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. und der Deutschlandfunk. In diesem Rahmen wurde auch zum 3. Mal der Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik verliehen. Er ging in diesem Jahr an den türkischen Investigativ-Journalisten Ahmet Sik, der momentan in Haft ist, das deutsch-türkische Journalistenprojekt taz.gazete sowie an den Buchautor Stefan Schulz. Das Preisgeld wurde in diesem Jahr von Wallraffs Kölner Haussender RTL gestiftet. Eine ausführliche Berichterstattung über das Forum findet sich auf der Website des Deutschlandfunk. Auch die Initiative Nachrichtenaufklärung hält vielfältige Informationen bereit. Auch im kommenden Jahr soll das Forum wieder über die Bühne des Kammermusiksaals des Deutschlandfunk gehen.

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50 Jahre Gegenöffentlichkeit

24 Mai

Bildschirmfoto 1In der kommenden Woche jährt sich eines der einschneidenden Ereignisse in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Am 2.Juni 1967, also vor 50 Jahren, besuchte der damalige Schah von Persien Deutschland und West-Berlin. Die Ereignisse dieses Tages — Gegendemonstrationen, Polizeiaktionen und am Ende des Tages der von einem Polizisten erschossene Student Benno Ohnesorg — haben tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Eine dieser Spuren verlief auch in der weiteren medialen Organisation von Öffentlichkeit: Ein Konzept von „Gegenöffentlichkeit“ begann – neue kritische Verlage wurden gegründet, alternative Stadtmagazinen und auch eine Tageszeitung, die taz.

Diese taz erinnert jetzt in einer 32-seitigen Sonderausgabe unter dem Titel „Gegen den Strom“ an dieses Datum und die Entstehung neuer Formen, Öffentlichkeit herzustellen:

Dieses Datum markiert den Beginn einer bis heute geführten Debatte über „Gegenöffentlichkeit“, über die Medien, über Wahrheit und Lüge, oder, wie man heute eher formulieren würde, über Fake News und alternative Fakten, über Verschwörungstheorien, über bürgerliche Zeitungen und alternative Blätter, über die „Wahrheit“ und die Deutungshoheit über gesellschaftliche Entwicklungen.

taz-Redakteur Jan Feddersen hat sich in einem Essay Gedanken über aktuelle Formen von Gegenöffentlichkeit gemacht. Dabei geht er von der Beobachtung aus, dass heute womöglich eher politisch rechts und rechtsextrem positionierte Kräfte sich Formen der Gegenöffentlichkeit zunutze machen:

„Gegenöffentlichkeit“ – die braucht es nicht mehr nicht mehr in dem klassisch verstandenen Sinne wie vor 50 Jahren. Empörung als Reaktionsmodus auf alles, was einem in der Welt nicht passt, ist zur Disziplin der Rechten geworden, und sie wird es bleiben: Das können die echt gut. Leider. Linken stünde ein anderer Modus gut an: Coolness. Nicht Chemtrails trauen, keiner Hassbotschaft, keiner aufgeschäumten Erregung, keiner Verschwörungstheorie und auch keinen Botschaften, die die Welt als Verhängnis schildern.

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Afd-Frontfrau Alice Weidel will keine „Nazi-Schlampe“ sein

03 Mai
Extra3AfD

Christian Ehring, Moderator von Extra3 (NDR)

Die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) will das NDR-Satire-Magazin Extra3 verklagen. Die beim AfD-Bundesparteitag in Köln zur neuen „Front“-Frau gewählte Alice Weidel erklärte ebendort:  „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“ Extra2-Moderator Christian Ehring konterte darauf: „Jawohl, lasst uns alle unkorrekt sein. Da hat die Nazi-Schlampe doch recht“.

Die Frankfurter Rundschau kommentiert dies, in übrigens äußerst korrektem Deutsch:

„Selten ist bisher eine Forderung der AfD in einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Programms so mustergültig umgesetzt worden. Ehring zeigte sehr präzise, was geschieht, wenn der Sprache das als „political correctness“ verhöhnte zivilisatorische Minimum  genommen und die Diffamierung des politischen Gegners zum umgangssprachlichen Standard erklärt wird. Das entsprach einerseits  – wenn auch nur im Wortsinn – der Forderung der AfD-Politikerin, andererseits war es allerberste Aufklärung: Nichts anderes ist die Aufgabe der Satire“.

Der entsprechende Ausschnitt der Sendung lässt sich (noch) bei YouTube ansehen:

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Macht WDR Wahlwerbung für Rechtsextremisten?

28 Apr

Im Prinzip klingt es erst einmal ganz gut, was der WDR da zur Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen veranstaltet hat:

Wir wollen (…) möglichst vollständig darüber informieren, wer sich in NRW eigentlich zur Wahl stellt. Jeder Bürger soll alle Kandidaten/innen aus seinem Wahlkreis in kurzen Videos vergleichen können.

Darum hat der WDR die 1329 KandidatInnen für einen Sitz im Düsseldorfer Landtag interviewt, und zwar standardisiert: Immer vier Minuten, immer dieselben Fragen.  Und all diese kleinen Wahlwerbespots hat der WDR auf seiner Internetseite Kandidatencheck ins Internet gestellt.

Quelle: wdr.de

Aber ist die Idee wirklich so gut? Read the rest of this entry »

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Welt: Kinder mit Philosophie gequält

06 Apr

Das ist nun aber doch unerhört, was die Tageszeitung Die Welt da aus den Bildungsuntiefen des nordrhein-westfälischen Dumping-Schulwesens zu berichten hat: Kinder, Grundschulkinder  gar, sollen zum Philosophie-Unterricht genötigt werden:

Geht es nach den Grünen in NRW, sollen sich schon Grundschulkinder demnächst mit Kant, Platon & Co. beschäftigen. Die Partei verweist auf die vielen konfessionslosen Kinder, die in dieser Zeit Freistunden haben.

Sei’s drum, dass dieser Teaser nahezu unverständlich bleibt, weil der Hinweis an den sonst bei konfessionell besser ausgestatteten Schulkindern verpflichtenden Religionsunterricht erst später im Artikel ausgebreitet wird: Dass die armen Kleinen in so zartem Alter schon mit „Kant, Platon & Co.“ gequält werden sollen, das geht nun wirklich zu weit, meint die Welt.

Bildschirmfoto 3

Dabei ist der Vorschlag vielleicht gar nicht so schlecht. Selbst die Welt kann da nur zitieren, und so doof klingt es doch gar nicht:

„Es ist wichtig, allen Kindern ein Angebot zu machen, das sich mit Sinn- und Wertefragen beschäftigt“, sagte die schulpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Sigrid Beer. Für das Fach, das den Arbeitstitel „Philosophieren mit Kindern“ trägt, hat der Münsteraner Philosophieprofessor Klaus Blesenkemper einen Lehrplan entworfen.

Auch verschweigt die Welt, dass es auch heute schon an vielen Grundschulen in NRW Ethik-Unterricht als Ersatz für den Religionsunterricht gibt. Und Ethik ist nichts anderes als „praktische Philosophie“.

Für die Welt-Redaktion dagegen rangiert der Vorschlag, mit Kindern zu philosophieren, ungefähr auf einer Ebene mit dem legendären Veggie-Day, den die Grünen vor vier Jahren einführen wollten:

Es ist nicht das erste Mal, dass die Grünen mit einem ungewöhnlichen Vorschlag Aufsehen erregen. Bereits vor vier Jahren wollte die Partei einen verpflichtenden Veggie-Day in öffentlichen NRW-Kantinen einführen …

Dafür habe es damals viel „Hohn und Spott“ gegeben, so die Welt. Offenbar hält die Redaktion aus dem Hause Springer auch den jetzigen Vorschlag für verspottenswert. Wie sagt da der Lateiner: Si tacuisses, philosophus mansisses – Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben.

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Futuretalk auf der Cebit

24 Mrz

Mein persönlicher Messerundgang auf der diesjährigen Cebit.

Cebit 2017

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Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter