Kölner Stadtanzeiger: Wo bitte liegt Europa?

11 Dez

Flag_of_Europe_svgNun gut, Europa ist groß geworden, die Europäische Union hat eine schon fast unüberblickbare Zahl von Mitgliedern und überhaupt ist die Welt nicht erst seit Jürgen Habermas rechtschaffen unübersichtlich geworden. Es muss also nicht jedermann und jederfrau wissen, wieviele Mitgliedsstaaten die Europäische Union hat und womöglich, wie sie heißen. Aber muss es ein Zeitungsredakteur wissen? Schon eher, vor allem, wenn er über die Europäische Union und seine Mitgliedsstaaten schreibt. Nicht so beim Kölner Stadtanzeiger. Dort darf ein Beitrag auch so aussehen:

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Im Kölner Stadtanzeiger dürfen in der einen Spalte eines Artikels die Länder Bulgarien und Rumänien (ganz nebenbei bemerkt: völlig zurecht) als Mitglieder der EU bezeichnet werden. In der anderen Spalte ebendesselben Artikels darf dann aber behauptet werden: “Der Beitritt Bulgariens und Rumäniens liegt auf Eis”. Der Stadtanzeiger-Redakteur hätte sich natürlich einfach hier, hier und geradewegs hier informieren können. Aber warum recherchieren, wenn man auch ohne das Unsinn schreiben kann. Dass hier scheinbar von der Nachrichtenagentur dpa abgeschrieben wurde, macht die Sache wie auch in einem anderen Fall nicht besser. Auch Abschreiben will eben gelernt sein: Von der Neuen Presse Coburg bis zur Grevener Zeitung hat man mehr Durchblick (oder mehr Talent beim Abschreiben von dpa-Meldungen) bewiesen: Es ging nämlich nicht um den Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU, sondern um deren Mitgliedschaft in der “Schengen-Gruppe”, innerhalb derer Grenzkontrollen entfallen.

Kölner Stadt-Anzeiger: Kantersieg des 1. FC Köln ohne Kanter-Artikel

11 Dez

533PX-~1FC-Fans haben ja nicht ständig so viel Grund zur Freude: Weder was das aktuelle Spielgeschehen, noch was die Berichterstattung darüber im Kölner Stadtanzeiger angeht. An diesem Wochenende wäre es aber doch einmal so weit gewesen. Immerhin bezwingt der 1. Fc Köln mit 4:0 Toren den SC Freiburg. Nach dem Kantersieg hätte sich der FC doch auch mal einen Kanter-Artikel verdient. Doch den Kölner Stadtanzeiger berührt das wenig. In seiner Online-Ausgabe macht er daraus kurzerhand lediglich ein 2:0.

Nach dem Wechsel verflachte die ohnehin ereignisarme Partie noch ein wenig mehr. Die erste große Chance hatten die Freiburger, als Felix Bastians eine Flanke von Cisse aus kurzer Distanz neben das Tor setzte. Die Kölner fanden kaum noch ins Spiel, konterten aber wieder gut: Erneut auf Vorlage von Peszko gelang Podolski auf 14 Metern das 2:0. (dapd)

Eine Partie mit vier Toren (noch dazu ein spektakuläres Ecken-Tor) “ereignislos” zu nennen, ist schon eigentümlich. Aber den Artikel mit dem 2:0 enden zu lassen, wo doch das Doppelte gerade gut genug gewesen wäre, das ist ein echtes Eigentor. Dass hierbei offensichtlich von der Nachrichtenagentur dapd abgeschrieben wurde, kommt noch erschwerend hinzu: Kann denn der Kölner Stadtanzeiger nicht einmal mehr bei Heimspielen eines Kölner Fußballclubs mit Eigenberichten aufwarten? Da hilft nur eins: Auswechseln und zum Duschem schicken!

1. FC Köln feiert Kantersieg – Kölner Stadt-Anzeiger

Wikipedia: Weisheit aus dem Netz

04 Dez

Wikipedia sammelt ja nicht nur das enzyklopädische Wissen der Welt, es führt das eine oder andere Mal auch die Gesetze der Logik mit seltener Drastik vor. Wie in dem Artikel über die neue US-Fernsehserie des genialen David E. Kelley:

Harry und ihr Partner Adam Branch verteidigen zusammen Personen vor Gericht, die entweder schuldig oder unschuldig sind.

Unwiderlegbar, diese Logik. Genial eben.

Harry’s Law – Wikipedia

Aus für "Super Nanny":Katharina Saalfrank macht Schluss mit RTL

26 Nov

Die Protagonistin der umstrittenen RTL-Sendung “Super-Nanny” will nicht mehr. Wie Spiegel Online berichtet, wirft Katharina Saalfrank dem Privatsender vor, in ihre pädagogische Arbeit eingegriffen und das Format in Richtung “scripted reality” entwickelt zu haben:

"In meine Arbeit als Fachkraft in diesem Format wurde extrem … und teilweise sogar gegen pädagogische Interessen eingegriffen." Dies sei sicher der "Entwicklung des medialen Markts" hin zu "gescripteter", also inszenierter Realität geschuldet. Das komme für sie nicht mehr in Frage.

RTL: "Super Nanny" Katharina Saalfrank wirft hin – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur

Fränkischer Tag: Zeigt her Eure Namen

23 Nov

Manche Kommentare sind so beschämend, da möchte man seinen guten Namen vielleicht wirklich nicht drunter stehen haben. Der Fränkische Tag kommt offenbar dem Wunsch seiner Kommentatoren neuerdings entgegen und verzichtet auf weitere Namensnennung:

Ausschnitt FT vom 23.11.2011

Vielleicht ein Vorbild auch für andere Rubriken und Darstellungsformen, vielleicht auch ein Beispiel für den Titel der Zeitung selbst!?

Fränkischer Tag: CSU gleicht Islamisten

22 Nov

Wie soll man auch Weltpolitik beurteilen, wenn man selbst aus einem Landstrich stammt, der sich als okkupiert und unterdrückt ansehen darf? Die Franken sind ja ihrem Selbstverständnis nach die Palästinenser Bayerns. Also interpretiert man auch die Ereignisse in rund um die Arabellion auf eine unorthodoxe Weise, gerade wenn es um die Orthodoxie hierzulande und anderswo geht. So schreibt eine Redakteurin mit dem bezeichnenden Namen Natalie Schalk im Leitorgan oberfränkischer Unabhängigkeit, dem Fränkischen Tag:

Die Tunesier haben zum Missfallen vieler westlicher Demokraten islamische Kräfte gewählt. Aber so ist’s halt der Demokratie: Die Stimme des Volkes zählt, und schließlich missfällt’s auch vielen Atheisten, dass die Mehrheit der Bayern immer christlich-sozial wählt.

Der Vergleich hinkt so sehr, dass selbst eine doppelseitige Amputation das Bild nicht mehr geraderücken kann. Aber von allen rätselhaften Aspekten dieses Kommentars abgesehen — zum Beispiel der Frage, warum es nur Atheisten missfallen soll, wenn die CSU Mehrheiten erringt, oder der Frage, warum die CSU als Ausdruck katholischer oder gar allgemein christlicher Meinungsbildung missverstanden wird — ist auch der sachliche Gehalt zweifelhaft: Denn bei den letzten Landtagswahlen in Bayern hat die CSU nur noch 43,4% der Stimmen errungen und hat auch im bayerischen Landtag keine eigene Mehrheit mehr. Aber vielleicht sind diese Feinheiten der Wahlstatistik nicht mehr von München bis in den äußersten Norden des Freistaats, nach Bamberg, gelangt. Natalie Schalk jedenfalls ist wie keine Zweite prädestiniert für Meinungsbildungsfragen im agrikulturell geprägten Bundesland: Sie schreibt sonst Fachbücher zur Gartenpflege …

Neonazis: Süddeutsche ohne Phantasie

17 Nov

Der Neonazi-Terror und die Mordserie an türkischen Imbissbudenbesitzern erschüttert das Land und auch die Medienlandschaft. Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrer gestrigen Ausgabe (16.11.2011) eine ganze Seite dem rechten Terror und seinen Hintergründen gewidmet. In einem FAQ-Artikel über Wissen und Spekulationen der Ermittlungsbehörden schreibt Hans Leyendecker:

Dass ein braunes Killerkommando unterwegs war und Menschen aus purem Fremdenhass tötete, überstieg auch die Phantasie der ausgekochtesten Spezialisten.

Warum eigentlich? Mindestens neuen in der Regel türkisch-stämmige Menschen werden ermordet, und die Phantasie reicht nicht aus, auf die Überlegung zu kommen, ob es sich um fremdenfeindliche Motive handeln könnte? Wozu braucht es dazu überhaupt Phantasie? Im Gegenteil, der Schluss auf mögliche Verstrickungen der Neonazi-Szene liegt doch so nahe, dass man schon fast bösen Willen annehmen muss, um diese Möglichkeit von vornherein auszublenden. Darauf deuten auch die “Ermittlungspannen” hin, deren Pannencharakter (sprich: Unabsichtlickeit) sich nun erst noch erweisen muss. Wie z.B. der Umstand, dass die Redaktion des Kölner Stadtanzeigers bereits im Jahr 2005 darauf hingewiesen hat, dass die Phantombilder der Täter von Köln-Mülheim und Nürnberg sich auffällig ähnlich sehen. Man braucht schon Phantasie, um nicht an neonazistische Verstrickungen zu glauben — womöglich auch in den Reihen der Ermittlungsbehörden.

Nachtrag 17.11.2011, 17:15 Uhr:
In der Süddeutschen Zeitung des heutigen Tages geht es in der Reportage auf Seite 3 um eben jene Keupstraße im Kölner Stadtteil Mülheim, die Schauplatz des Anschlags von 2004 war. Autor Bernd Dörries berichtet darin u.a. vom Besuch des Istanbuler Bürgermeisters Kadir Topbas in der Straße, die auch “Klein-Istanbul” genannt wird. sein Besuch galt eigentlich dem 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, das gefeiert werden sollte:

So war das geplant. Dann wurde klar, dass es in diesem Land rechte Mörder gibt.

Die Süddeutsche Zeitung gibt sich ersichtlich Mühe, Licht in diese verworrene Geschichte des rechten Terrors zu bringen. Und doch wird auch in der Süddeutschen deutlich, wie schnell in diesem Zusammenhang so katastrophal missverständliche Sätze fallen. Es ist nun wirklich nicht seit letzter Woche klar, dass es “in diesem Land rechte Mörder gibt”: Deutschland ist das Land der rechten Mörder und wird ihretwegen unwiederbringlich in die Geschichte des Bösen eingehen. Klar wird etwas ganz anderes: Die rechten Mörder waren nie weg. Und das ist noch viel bedenklicher.

Deutsche Sprache scheitert an Berlusconi

14 Nov

Der italienische Ministerpräsident ist am Wochenende vom Amt zurückgetreten. Der Kölner Stadtanzeiger berichtet über die Freudenfeiern in der römischen Innenstadt. Da heißt es:

Dann bricht der Römer Studentin die Stimme.

Vielleicht der “römischen Studentin”, vielleicht der “Studentin aus Rom”, womöglich sogar der “Rom-Studentin”: Aber bestimmt nicht der “Römer Studentin”. Und es bleibt zu hoffen, dass sie sich bei ihrer Brechung nichts gebrochen hat.

Karneval im Fernsehen nicht mehr ganz echt

11 Nov

Eröffnung der Karnevals-Session am 11.11.2011 auf dem Kölner Altermarkt. Und das Fernsehen des WDR ist live dabei. Doch wie live ist eigentlich live? Wie echt ist Karneval im Fernsehen und auf den Bühnen? Um kurz vor Elf spielt die Erfolgsband “Höhner”. Aber ob sie wirklich spielen, ist fraglich, wenn man sich das Fernsehbild genau ansieht:

Die Bühne steht so voll mit Musikern und anderem Volk, dass man auf den ersten Blick gar nicht sieht, wer da alles zur Band gehört. Aber bei genauerem Hinsehen stellt man doch fest, dass einige Musikerpositionen doppelt besetzt sind, insbesondere das Schlagzeug:

Eine Live-Übertragung im Fernsehen sagt eben noch lange nichts darüber aus, ob alles wirklich “live” ist. Gerade die “Höhner” sind in Kölner Musikerkreisen bekannt dafür, bei ihren zahlreichen Sitzungsauftritten gerne mal Playback bzw. Halbplayback einzusetzen statt wirklich live zu musizieren, wie gut unterrichtete Kreise zu berichten wissen. Dass einzelne Instrumente gedoppelt werden, ist nur eine Möglichkeit, Musiker als Frontleute in Szene zu setzen, während andere die Kernerarbeit machen müssen (die von mir verehrten “Tower of Power” haben es ebenso gemacht): Höhner-Schlagzeuger Janus Fröhlich hatte ein gesundheitlich äußerst schwieriges Jahr hinter sich, da sei es ihm gegönnt. Dass die so perfekt abgemischte Musik, die da aus dem Fernsehlautsprecher kommt, aber wirklich von den Erst- und Zweitmusikern auf der Kölner gemacht wird, ist nicht ausgemacht. Vielleicht wird auch nur großer Aufwand betrieben, um eine besonders große Illusion zu verbreiten. Denn davon lebt das Fernsehen.

 

 

Zeitungen: Weglassen als Qualitätskriterium

09 Nov

Manchmal zeigt sich die Qualität einer Zeitung – oder eben auch die fehlende – darin, worüber sie nicht berichtet. So ist heute in der Kölnischen Rundschau folgender Artikel zu lesen:

KRundschau 11_2011

Die neue Haltestelle in der Kölner Südstadt kostet also 447.000 Euro mehr. Das ist sicherlich eine Menge Geld und deswegen von öffentlichem Interesse. Noch interessanter ist allerdings, worüber die Kölnische Rundschau nicht berichtet. Im Kölner Stadtanzeiger ist nämlich am gleichen Tag zu lesen:

Nächste Kostenexplosion im Zusammenhang mit der Nord-Süd-Stadtbahn: Der Fahrstuhl am Alter Markt soll nach der Umplanung 2,2 Millionen Euro mehr kosten. Im Gegenzug wird der in ein Gebäude integrierte Lift auch den Rathausplatz bedienen.

Dass also eine Haltestelle 2,2 Mio. Euro mehr kosten soll, hält die Kölnische Rundschau für nicht so berichtenswert wie die Tatsache, dass eine andere Haltestelle 447 Tsd. Euro mehr kosten wird. Schon eigenartig, was für Qualitätskriterien Zeitungen haben können.

Kosten-Explosion bei U-Bahn-Aufzug – Kölner Stadt-Anzeiger

Anti-Medien-Blog

Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter