Archive for the ‘Medien’ Category

Kölner Forum für Journalismuskritik


08 Jun

_DSC7952Nun ist es Tradition: Zum 3. Mal fand diesen Monat das Kölner Forum für Journalismuskritik statt. Veranstaltet haben es die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. und der Deutschlandfunk. In diesem Rahmen wurde auch zum 3. Mal der Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik verliehen. Er ging in diesem Jahr an den türkischen Investigativ-Journalisten Ahmet Sik, der momentan in Haft ist, das deutsch-türkische Journalistenprojekt taz.gazete sowie an den Buchautor Stefan Schulz. Das Preisgeld wurde in diesem Jahr von Wallraffs Kölner Haussender RTL gestiftet. Eine ausführliche Berichterstattung über das Forum findet sich auf der Website des Deutschlandfunk. Auch die Initiative Nachrichtenaufklärung hält vielfältige Informationen bereit. Auch im kommenden Jahr soll das Forum wieder über die Bühne des Kammermusiksaals des Deutschlandfunk gehen.

50 Jahre Gegenöffentlichkeit


24 Mai

Bildschirmfoto 1In der kommenden Woche jährt sich eines der einschneidenden Ereignisse in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Am 2.Juni 1967, also vor 50 Jahren, besuchte der damalige Schah von Persien Deutschland und West-Berlin. Die Ereignisse dieses Tages — Gegendemonstrationen, Polizeiaktionen und am Ende des Tages der von einem Polizisten erschossene Student Benno Ohnesorg — haben tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Eine dieser Spuren verlief auch in der weiteren medialen Organisation von Öffentlichkeit: Ein Konzept von „Gegenöffentlichkeit“ begann – neue kritische Verlage wurden gegründet, alternative Stadtmagazinen und auch eine Tageszeitung, die taz.

Diese taz erinnert jetzt in einer 32-seitigen Sonderausgabe unter dem Titel „Gegen den Strom“ an dieses Datum und die Entstehung neuer Formen, Öffentlichkeit herzustellen:

Dieses Datum markiert den Beginn einer bis heute geführten Debatte über „Gegenöffentlichkeit“, über die Medien, über Wahrheit und Lüge, oder, wie man heute eher formulieren würde, über Fake News und alternative Fakten, über Verschwörungstheorien, über bürgerliche Zeitungen und alternative Blätter, über die „Wahrheit“ und die Deutungshoheit über gesellschaftliche Entwicklungen.

taz-Redakteur Jan Feddersen hat sich in einem Essay Gedanken über aktuelle Formen von Gegenöffentlichkeit gemacht. Dabei geht er von der Beobachtung aus, dass heute womöglich eher politisch rechts und rechtsextrem positionierte Kräfte sich Formen der Gegenöffentlichkeit zunutze machen:

„Gegenöffentlichkeit“ – die braucht es nicht mehr nicht mehr in dem klassisch verstandenen Sinne wie vor 50 Jahren. Empörung als Reaktionsmodus auf alles, was einem in der Welt nicht passt, ist zur Disziplin der Rechten geworden, und sie wird es bleiben: Das können die echt gut. Leider. Linken stünde ein anderer Modus gut an: Coolness. Nicht Chemtrails trauen, keiner Hassbotschaft, keiner aufgeschäumten Erregung, keiner Verschwörungstheorie und auch keinen Botschaften, die die Welt als Verhängnis schildern.

Trump, westliche Werte und Karnevalismus


11 Nov

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Am heutigen 11. im 11. beginnt in Köln der Karneval und die närrische Zeit. Manche meinen, in diesem Jahr hätte die närrische Zeit zwei Tage früher und nicht in Köln, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika begonnen. “Die Welt steht Kopf”, titelte, passend, die Tageszeitung Die Welt kompakt. Und das Boulevardblatt aus dem gleichen Hause, Bild, sprach vom “Trump-Schock”.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt mit sorgenvollem Gesichtsausdruck, Deutschland und Amerika seien durch Werte verbunden, “Demokratie, Freiheit, den Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung”. (mehr …)

Das Lügenpressen-Märchen


19 Apr
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Screenshot: www.lügenpresse.de

Insbesondere aus Pegida- und AFD-Kreisen müssen sich Journalist/innen in der letzten Zeit den Vorwurf der Lügenpresse gefallen lassen. Gegen den pauschalen Vorwurf der Falschberichterstattung wehrt sich jetzt eine Gruppe von Journalisten und hat mit lügenpresse.de einen Anti-Lügenpressen-Blog gegründet.

„Über Monate haben wir Journalisten geschwiegen. Wir ließen uns beschimpfen und wehrten uns kaum. Wir ertrugen den Un-Sinn aller Montagsredner und waren fortan die ‚Lügenpresse‘. Überall! Im Fußball-Stadion, im Stadtgespräch, sogar im Familienkreis. Und viele dachten, das geht von allein wieder weg. Tut es aber nicht! Deshalb wird es Zeit, dass die ‚Lügenpresse‘ das Wort ergreift und wir unsere Version erzählen. Hier spricht also die ‚Lügenpresse‘!“

Hinter dem Blog steckt die DDV-Mediengruppe, die unter anderem die Sächsische Zeitung und die Dresdner Morgenpost herausgibt. Mit Sitz in Dresden kann man also sagen, dass die Macher im Herzen der Bestie stecken und vermutlich ganz persönlich getroffen sind von den unsachlichen Angriffen.

Auch der Deutsche Journalisten Verband (DJV) nimmt sich im Web des Themas an. Der Blog Augenzeugen.info sammelt Berichte von Journalist/innen, die in Ausübung ihrer Tätigkeit angegriffen worden sind.

luegenpresse_transcript_buchWer historische und wissenschaftliche Hintergründe zum Lügenpressen-Vorwurf nachlesen will, dem sei die Studie von John Seidler „Die Verschwörung der Massenmedien“ empfohlen. Seidler, der auch Dozent an der Kölner Sporthochschule ist, skizziert eine Kulturgeschichte angeblicher Medienverschwörungen vom Buchhändler-Komplott bis zum Lügenpresse-Vorwurf. Das Buch ist jüngst im Bielefelder Transcript-Verlag erschienen.

Streik bei Zeit Online


02 Apr

zeitonlineDie Redakteure von Zeit Online wollen nach Ostern in den Streik treten. Die Onlinejournalisten wollen in Tarifverhandlungen eine Gleichbehandlung mit den Kollegen der gedruckten „Zeit“ durchsetzen. Wie bei vielen Onlinemedien ist es auch im Zeitverlag so, dass die Onliner deutlich weniger verdienen als die Printjournalisten aus demselben Haus.

Die Gewerkschaften Verdi, der Deutsche Journalisten-Verband und der Berliner JVBB fordern, das Gehalt der Onliner an das Niveau der Print-Kollegen der Zeit anzugleichen. Laut einem taz-Bericht verdienen die Onliner bei der Zeit im Schnitt rund 10.000 Euro weniger als die Print-Kollegen.

Die Wochenzeitung Die Zeit rühmt sich, wie auch ein taz-Kommentar kritisch notiert, dass Print und Online besonders gut verzahnt seien. So schreiben Onlineredakteure auch für die gedruckte Ausgabe und umgekehrt. Gleichzeitig ist die Wochenzeitung sehr profitabel und macht mit Rekordauflagen auch Rekordgewinne.

Auch andere Verlagshäuser behaupten, dass sie zwischen Print und Online eigentlich nicht mehr unterschieden, behandeln aber ihre Mitarbeiter sehr unterschiedlich: Im Springerverlag sind beispielsweise die Bildredakteure und die Onlinejournalisten bei verschiedenen Gesellschaften beschäftigt.

Die Verlage begründen unterschiedliche Bezahlungen damit, dass im Onlinejournalismus zu wenig Geld erlöst wird. So argumentiert auch der Zeitverlag.

Journalismus auf der Flucht


10 Okt
Ausschnitt: Bild vom 8.10.2015

Ausschnitt: Bild vom 8.10.2015

Wann ist der deutsche Journalismus eigentlich … gut geworden? Der deutsche Journalismus hat sich in einer Weise der Flüchtlings-Thematik angenommen, dass man ihn beinahe selbst auf der Flucht wähnt. Fremdenfreundlichkeit allerorten! Die Süddeutsche Zeitung wähnt uns in historischen Zeiten. Die Bildzeitung packt ihre liebste Waffe aus und startet eine Kampagne (“#refugeeswelcome: Wir helfen”), für die selbst SPD-Chef Siegmar Gabriel Schau läuft. Sogar eine Ausgabe auf Arabisch veröffentlicht der Springerverlag, als ob mehr journalistische Nächstenliebe nicht möglich sei. Selbst dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel will nichts rechtes Zynisches einfallen.

Was ist da nur los? Wie erklärt sich die publizistische xenophile Einheitsfront von Medienhäusern, die sonst doch wenig bis nichts gemeinsam haben wollen außer ihrer gegenseitigen Abneigung? Nun, es ist die Scham. Denn die gleichen Medien, die heute das Schöne, Gute, Wahre beschwören, haben bei der letzten “Flüchtlingskrise” noch in ein ganz anderes Horn gestoßen. Einige Cover des Nachrichtenmagazins Der Spiegel legen hierüber beredtes Zeugnis ab:

Spiegel-Cover 1990er Jahre

Spiegel-Cover 1990er Jahre

Vor allem die Boulevardmedien, allen voran die Bildzeitung, wirkten in den 1990er Jahren noch als Brandbeschleuniger. Die Bild am Sonntag sprach von  den „als Asylbewerber ‚verkleideten‘ Wirtschaftsflüchtlinge[n]“, Bild fragte polemisch: „Für wie dumm hält man die Deutschen eigentlich?“ und titelte: titelte: „Sensationelle Umfrage. Asyl: Grundgesetz ändern! 98 % dafür“.

Bild-"Schlag"-Zeilen in den 1990er Jahren

Bild-„Schlag“-Zeilen in den 1990er Jahren

Perfiderweise wurden die Forderungen nach Verfassungsänderung — die schließlich auch von der SPD mitgetragen wurde und unter anderem zu jener „sicheren Drittstaaten-Regelung“ führte, die der Bundesrepublik Deutschland heute auf die Füße fällt und von der die SPD nun nichts mehr wissen möchte — mit den fremdenfeindlichen Attacken und Anschlägen in Hoyerswerda, Mölln und Solingen begründet. Der Ausländer war selbst schuld und Deutschland schützt ihn doch nur, wenn er ihn nicht mehr über die Grenze lässt. Ist das perfide? Ja, ist es. Dabei war die Situation mit der heutigen durchaus vergleichbar: Toben heute Bürgerkriege in Syrien und Afghanistan, so damals im ehemaligen Jugoslawien. Die Ablehnung von Flüchtlingen vom Balkan damals wie heute spiegelt auch uralte Ressentiments, die bereits den ersten Weltkrieg befeuerten („Serbien muss sterbien“). Und die damaligen Maßnahmen hatten noch nicht einmal den Erfolg, den Journalismus und Politik sich davon erhofft hatten, was nur wenige so klar ausdrückten, wie die Berliner Zeitung bereits im Jahr 2000:

Die populistischen Töne aus der Debatte um den „Asyl-Kompromiss“ von 1992/93, der die Asylbewerber-Zahlen auf beinahe null brachte, aber die rechtsradikalen Terrorakte keineswegs stoppte, werden immer wieder aufgenommen. Von „Ausländerflut“ und „Überfremdung“ ist zwar meistens nicht mehr die Rede, doch verbale Tabubrüche zielen regelmäßig auf den rechten Rand der jeweiligen Wählerschaft: So ersann Roland Koch von der Hessen-CDU seine Unterschriftenaktion gegen den rot-grünen „Doppel-Pass“, sein Kollege Jürgen Rüttgers aus Düsseldorf zog nach mit „Kinder statt Inder“. Erst im Juni forderte Innenminister Otto Schily, die Zahl der Asylbewerber zu „reduzieren“, um eine Zuwanderung zu ermöglichen, „die unseren Interessen entspricht“. Und Kanzler Schröder, heute stolz auf die „Green Card“, thematisierte als SPD-Kandidat 1997 die so genannte Ausländerkriminalität: „Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus, und zwar schnell.“

Die Liste ließe sich verlängern: Die CSU machte 2013 mit der Forderung nach einer „Ausländer-Maut“ Wahlkampf, nur weil das Wort „Ausländer“ nach rechtsbayerischem Verständnis in Wahlkämpfen immer zieht. Zu den beliebten sprachlichen Manövern fremdenfeindlicher Ideologie zählt die rhetorische Figur des „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“. Sie reicht zurück in die Epoche der bundesrepublikanischen Sprachlosigkeit angesichts der Nazi-Barbarei mit Adornos berühmtem Auschwitz-Verdikt („Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“). Das Paradoxe daran ist, dass die Figur ein Sprechverbot ausdrückt, das gar nicht existiert (außer was moderne Lyrik angeht, in deren Sprache rechtspopulistische Kreise sich eher selten ausdrücken). Was wird man denn schon noch sagen dürfen? Welche Meinung, welcher Sachverhalt wird in der journalistischen Berichterstattung eigentlich vermisst?

Der Begriff „Asylantenschwemme“ reicht beispielsweise weit hinter die 1990er Jahre zurück. Das Wochenblatt Die Zeit schrieb schon 1981 von der „Asylantenschwemme“: Damals stöhnte man journalistisch über 120 bis 150 Immigranten, die täglich vor allem aus Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, einwanderten. Auch das Hamburger Abendblatt aus dem Hause Springer schrieb bereits 1983 über die „Asylantenschwemme“ und konstatierte eine „[g]rundsätzllche Übereinstimmung in Fragen der Asylanten- Verminderung“ bei den Parteien. Und der Spiegel titelte schon 1986: „Asyl – Bis an die Grenze des Zulässigen“ und stellte, verpackt in einen unschuldigen Fragesatz, die Forderung nach einer Verfassungsänderung: „Hunderte von Flüchtlingen begehren jede Woche Einlaß in die Republik – Grund für eine Änderung des Grundgesetzes?“

Bild, 29.09.2015

Bild, 29.09.2015

Bild gibt sich also heute humanistisch und porträtiert Menschen, die „Flüchtlingen das erste Lächeln“ schenken. Ist das etwa Bild-Chefredakteur Kai Diekmanns neuer Kurs, dem man schließlich die ausländerfeindliche Berichterstattung der 1990er Jahre nicht anlasten kann, da er zu diesem Zeitpunkt noch damit beschäftigt war, sich als Burschenschaftler zu schlagen und sein Studium abzubrechen? Wohl kaum. Denn es ist noch nicht lange her, da tönte die Bildzeitung noch ganz anders und bezeichnete es als „bittere Wahrheit“, dass Libanesen und Türken „Stütze vom Staat“ bekämen:

Bild aus dem Jahr 2010

Bild aus dem Jahr 2010

Und noch im vergangenen Jahr koloportiert die Bildzeitung, dass Helfer Schutzwesten tragen müssten, wenn sie ein Flüchtlingsheim in Dresden betreten — eine Berichterstattung, die mittlerweile auch vom Deutschen Presserat gerügt worden ist.

Bild vom 08.09.2014

Bild vom 08.09.2014

Aber womöglich ist es ja bloß die Bildzeitung, die ihr fremdenfeindliches Ressentiment nur mühsam verbergen kann. Der breite Rest der Berichterstatter dagegen hat vielleicht wirklich die Volte von der Xenophobie zur Xenophilie hinbekommen. Wirklich?

Es scheint, dass nicht der deutsche Journalismus, aber dafür die deutsche Gesellschaft verändert hat. Ausländerfeindlichkeit scheint am Zeitungskiosk einfach nicht mehr die Verkaufserfolge zu zeitigen wie annodazumal. Die Presse verhält sich hier offenbar einfach populistisch, aber eben nicht mehr rechtspopulistisch. Sie handelt nicht aus innerer Überzeugung, weil sie wirklich ihre „vierte Gewalt“ und ihre gesellschaftliche Verantwortung für Willkommenskultur und Integration einsetzen wollte, sondern weil es sich gerade besser verkauft. Und passt man nicht auf, rutscht sie wieder ins alte Fahrwasser der Xenophobie.

Etwa wenn es um scheinbar nackte Zahlen zur mutmaßlichen „Flüchtlingskrise“ geht. So war in vielen Zeitungen in den vergangenen Wochen eine Statistik abgebildet, wie sich die Flüchtlingszahlen seit den 1990er Jahren entwickelt haben soll:

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Wie der Bildblog gezeigt hat, ergeben die Zahlen ein ganz anderes Bild, wenn man die Zeitreihe ein kleines bisschen verlängert. Dann sähe die Statistik in Wirklichkeit nämlich so aus:

Statistik: Bildblog

Statistik: Bildblog

Die schöne Literatur erzählt nach Ansicht einiger Erzählforscher nur eine einzige Geschichte, nämlich die einer langen Reise, der Heldenreise oder englisch Quest. Wer erzählt aber die Geschichte der Reisenden, die nun aus Nigeria und Irak, Syrien und Afghanistan in Europa anlanden? Wo ist der Roman über „Refugees Welcome“? Der Journalismus beschränkt sich auf Wasserstandsmeldungen. Die Helden, die er findet und über die er erzählt, sind nicht die Reisenden, sondern die Zuhausegebliebenen: Aufopfernde Helfer, freiwillige Retter, überforderte Grenzer. Das Reservoir an Geschichten, die der Journalismus (oder, wer weiß, die schöne Literatur) erzählen könnte, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Doch dazu müsste der Journalismus sich auf eine lange Reise machen …

Darf man zu „Hart aber fair“ hart, aber fair sein?


28 Jul

Das Onlinemagazin Vocer ist ausweislich seiner Selbstdarstellung ein „Think Tank zur (sic!) Medienkritik“, zu deutsch also ein Denk-Panzer. Wie ein Panzer rollt Vocer allerdings über diejenigen hinweg, die tatsächlich einmal substanziell Medienkritik betreiben. Was die aktuelle Auseinandersetzung um die Produktionsfirma „Ansager & Schnipselmann“ von Frank Plasberg angeht, die die Produktion der ARD-Talksendung „Hart aber fair“ mit Lobbyarbeit  für die Versicherungswirtschaft vermischt, geht Vocer nicht den medienkritischen Weg, sondern versucht im Gegenteil, den Kritiker (in diesem Fall mich) persönlich zu diskreditieren. Ich könnte über diese Aberration des Kritikbegriffs einfach hinweggehen getreu dem alten Strauß-Dictum: „Was stört es die deutsche Eiche, wenn sich das Wildschwein an ihr kratzt“. Ich nehme hier dennoch Stellung, weil das Lehrstück, das aufgeführt wird, eindrucksvoll bezeugt, wie Lobby- und PR-Arbeit heute in Deutschland funktioniert. Und wie selbst ein Denk-Panzer wie Vocer sich in ihren Dienst stellen lässt.

Der Autor der Medienkritik-kritischen Zeilen ist ein Kölner Anwalt namens Prof. Dr. Ralf Höcker. Eine durchaus illustre Persönlichkeit, die beispielsweise Jörg Kachelmann gegen die Bild-Zeitung und den Springer-Verlag vertritt: Im Namen des Wetterjournalisten will Höcker von Springer die Rekordsumme von 3,25 Mio. € erstreiten. Dass Anwalt Höcker auf Vocer zu einer Story Stellung nehmen darf, die vom Springerblatt „Bild am Sonntag“ aufgedeckt wurde, sollte nicht unerwähnt bleiben. Auch in einer anderen Geschichte, in der die Springer-Tageszeitung „Die Welt“ und Anwalt Höcker aneinander gerieten, bemerkte der Branchendienst Meedia: „Der Anwalt Ralf Höcker und die Axel Springer AG werden vermutlich keine Freunde mehr“.

Aber Ralf Höcker vertritt nicht nur Jörg Kachelmann. Er hat sich, laut Selbstdarstellung seiner Kölner Anwaltskanzlei, unter anderem auf die juristische Vertretung von Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche spezialisiert. Ein Kenner der Szene drückt es etwas salopper aus: Höcker vertrete „nebenbei noch die halbe Versicherungsbranche“.

Was heißt eigentlich „nebenbei“? Das soll wohl heißen, Ralf Höcker hat noch andere Beschäftigungen. Zum Beispiel tritt er gerne in Fernsehsendungen auf. Eine dieser Sendungen, in denen Anwalt Höcker mit einer schönen Regelmäßigkeit auftritt, ist gerade die ARD-Talksendung „Hart aber fair“ von Frank Plasberg. Dort war er etwa am 20.04.2015, 30.03.2015, 27.02.2012 oder am 01.07.2011 zu erleben. Ein Anwalt wie Höcker tritt vermutlich in solchen reichweitenstarken ARD-Sendungen auf, um seine ganze juristische Expertise gemeinwohlorientiert unter die Leute zu bringen. Man darf aber an dieser Stelle durchaus auch erwähnen und ein kleines bisschen mutmaßen, dass Fernsehauftritte von Anwälten, die laut Bundesrechtsanwaltsordnung einem Werbeverbot unterliegen, durchaus auch geschäftliche Vorteile mit sich bringen. Dies wäre übrigens ein Zusammenhang, den zu beleuchten dem „Think Tank zur (!) Medienkritik“ Vocer sehr gut zu Gesicht gestanden hätte. Indes, man hat lieber Versicherungs-Rechtsanwalt und „Hart aber fair“-Talkgast Ralf Höcker das Feld überlassen in einer Geschichte, in der es um Lobby-Arbeit für die Versicherungswirtschaft auf dem Briefpapier der „Hart aber fair“-Redaktion geht. Der metaphorische Ausdruck „Denk-Panzer“ bekommt hier eine ganz wörtliche Bedeutung!

Warum Talkshows outgesourct werden

Wie sieht nun der „Hart aber fair“-Fall nach der auf Vocer veröffentlichten Meinung aus? Ungefähr so:

Die Signatur war falsch, weil der Mann den Brief nicht in seiner Funktion als ´Hart aber fair´-Redakteur schrieb, sondern als Mitarbeiter von Frank Plasbergs Firma Ansager & Schnipselmann. Die produziert die bekannte ARD-Talkshow 34 mal im Jahr. Während der Monate, in denen ´Hart aber fair´ nicht läuft, meldet Ansager & Schnipselmann bei der Agentur für Arbeit nicht etwa Kurzarbeit für die saisonarbeitslosen Redakteure an, sondern lässt sie zum Beispiel Gäste für Diskussionsveranstaltungen des GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) einladen.

Das ist natürlich rührend formuliert, geht aber an der Medienrealität vorbei. Die schöne Geschichte nach Höcker und Vocer geht so weiter:

Ob der Redakteur die Signatur am PC selbst eingefügt hat oder dies ein Versehen einer Schreibkraft war, die aus Gewohnheit die falsche Vorlage verwendet hat, kann dahinstehen. Er hat das Missgeschick jedenfalls nicht bemerkt. Das und nur das war sein Fehler. Vorsatz wird man ihm dabei nicht unterstellen können, denn es ist unrealistisch, dass ein erfahrener Politikredakteur sich bewusst angreifbar macht, indem er ohne Not zur offenkundig falschen Signatur greift.

Ist das wirklich Vocers heiliger Ernst? Ein kleines Missgeschick, ein Versehen, alles reiner Zufall? Ein Bundeswirtschaftsminister namens Möllemann musste mal vom Amt zurücktreten, weil er auf dem Briefpapier seines Ministeriums für Einkaufswagen-Chips warb, die sein Vetter herstellte. Der „erfahrene Politikredakteur“ erinnert sich bestimmt auch daran. Die vorgebliche Naivität des „Hart aber fair“-Talkgasts und Versicherungs-Rechtsbeistands Ralf Höcker ist als rhetorisches Manöver ja noch nachvollziehbar. Aber was treibt das medienkritische Debattenforum Vocer um? Eine medienkritische Fragestellung wäre: Warum werden die Produktionen der ARD-Talkshows eigentlich in Privatfirmen outgesourct? Wenn groß Spielfilmproduktionen oder die Tatort-Krimis von privaten Produzenten oder Tochterfirmen hergestellt werden, kann das sinnvoll sein. Denn solche Großereignisse würden unter Umständen zu viele hauseigene Ressourcen binden und die tagesaktuelle journalistische Fernsehproduktion beeinträchtigen. Aber Talkshows, für die man drei Kameras und vier Mikrophone braucht? Produktionstechnische Gründe scheinen hierfür nicht ausschlaggebend. Naheliegender ist, dass mit diesem Outsourcing zweierlei erreicht werden kann: Die Honorare für die Mitarbeiter/innen dieser Firmen sind nicht gebunden an die Tarifverträge und Honorarrahmenvereinbarungen, die in den öffentlich-rechtlichen Anstalten gelten, also können die Kosten zu Lasten der Mitarbeiter/innen gedrückt werden. Und die sich selbst produzierenden Moderator/innen solcher Sendungen bekommen neben ihrem Moderationshonorar noch den Produzentenanteil an den Produktionskosten, der bei solchen Formaten regelmäßig bei ca. 7 Prozent liegt: In Zeiten von Niedrigstzinsen ist das ein recht stattlicher Gewinnanteil.

Dass eine private Produktionsfirma wie „Ansager & Schnipselmann“ neben den ARD-Aufträgen (für die sie, nebenbei bemerkt, gegründet wurde) noch andere privatwirtschaftliche Aufträge annimmt, ist ihr gutes Recht. Das habe ich übrigens auch im Interview mit der „Bild am Sonntag“ klar gestellt, es wurde allerdings im Artikel nicht zitiert. Die berufsständisch interessante Frage ist aber, ob eine Firma, die auf der eigenen Website ausschließlich mit im weiteren Sinne journalistischen Produktionen aufwartet (z.B. „Frag doch mal die Maus“ oder „Schlau wie die Tagesschau“), parallel Lobby- und PR-Dienste anbietet. Berufscodices wie der des Netzwerk Recherche untersagen so etwas kategorisch. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass PR-ARbeit „böse“ sei. Im Gegenteil, gute PR-Arbeit ist wichtig und erfüllt eine gesellschaftlich relevante Aufgabe. Problematisch ist die Vermengung beider, wie es nun bei „Hart aber fair“ geschehen ist. Der aktuelle Fall erinnert ein bisschen an die Affäre um die Vortragshonorare für den damaligen ARD-Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow: Für Auftritte etwa bei einer Sektkellerei soll Buhrow mehr als 10.000,- Euro verdient haben, was heftig kritisiert wurde. Die Unabhängigkeit des Journalismus ist eben häufig in Gefahr, wenn wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen. Das zu bemerken ist sicherlich kein Ausweis von „Sozialneid“, wie Autor Ralf Höcker mir auf dem Vocer-Denkpanzer als „freiem TV-Journalisten und Professor für Kulturjournalismus“ vorwirft. Dass ich schon lange kein freier TV-Journalist und auch nicht Professor für Kulturjournalismus bin, sei dahingestellt und mag den nicht ausgereiften Google-Kenntnissen von Ralf Höcker geschuldet sein (aber wenn er seine Kenntnisse vertiefen will: Ich habe als freier Autor darüber ein Buch geschrieben …).

Darum sieht auch das WDR-Gesetz die strikte Trennung von Programm und Werbung vor. Und es ist sehr erlaubt und vielleicht sogar geboten, darüber zu diskutieren, ob eine Vermengung von Journalismus und PR-Tätigkeit nicht auch ein Verstoß gegen dieses Trennungsgebot darstellt. Darum habe ich das im Interview auch gegenüber der „Bild am Sonntag“ angesprochen. Ralf Höcker findet das offenbar degoutant:

Nun muss noch einmal „Medien-Professor“ Haarkötter herhalten. Der studierte Theologe, Philosoph, Soziologe, Philologe und Historiker kann offenbar auch Jura, daher ernennt ihn der Stern auch gleich zum ´Medienanwalt´.

Ja, ich habe eine Menge Fächer studiert und sogar, anders als Frank Plasberg, in den meisten davon (mit Ausnahme der Theologie) einen Abschluss vorzuweisen. Taugt das für Höcker zum Vorwurf, dann scheint das „unabhängige Debattenforum Vocer“ wohl einem eher mürben Anti-Intellektualismus anheim gefallen zu sein. Und ich selbst war auf meiner Facebook-Seite der erste, der festgestellt hat, dass die Online-Redaktion des „Stern“ zu doof zum Abschreiben ist und ich keineswegs „Medienanwalt“ bin. Aber dass nur Leute, die mit Rechtsberatung Geld verdienen, über unsere allgemein gültigen Gesetze diskutieren dürfen, ist ein reichlich vordemokratischer Standpunkt, der einem „unabhängigen Debattenforum“ nicht recht würdig ist.

Vielleicht verlässt Vocer irgendwann zum Nachdenken seinen Panzer, dann wird es womöglich auch etwas mit der Medienkritik.

Was Schriftliches von Vodafone


17 Jun

Ich bin durch die Vodafone-Hölle gegangen. Am Ende war es ein Pressesprecher, der mich von der schlimmsten Pein im Umgang des Mobilfunkbetreibers mit seinen Kunden befreite. In diesem Zusammenhang erzählte mit dieser Vodafone-Angestellte auch, dass niemals Mitarbeiter eines Vodafone-Shops handschriftlich Informationen herausgeben würden.

Die Probe aufs Exempel kann man allerdings im „Flagship-Store“ von Vodafone in der Kölner Schildergasse machen. Fragt man dort nach neuen Tarifmodellen oder den Möglichkeiten der Vertragsoptimierung und bittet dabei den Mitarbeiter, einem das doch auch schriftlich zu geben, dann erhält man das:

Vodafone_Handschrift02

Auch auf meine Bitte hin, mir eine gedruckte Tarifinformation zu geben, war der Vodafone-Mitarbeiter nicht in der Lage, mir anderes als dieses Schmierpapier in die Hand zu drücken. So viel zum Thema: „Vodafone geben niemals handschriftliche Informationen heraus …“

Die Vodafone-Hölle


03 Jan

vodafone_HoelleIch war in der Vodafone-Hölle. Ich habe sie am eigenen Leibe erlebt. Und ich leide immer noch. Ich habe die schrecklichsten Erfahrungen mit Callcentern und Hotlines gemacht, die man sich nur vorstellen kann. Ich bin im Vodafone-Shop offenbar dem Versuch aufgesessen, übers Ohr gehauen zu werden. Was ich wollte? Ich wollte ganz simpel zwei Handyverträge verlängern. Was passiert ist? Ich habe plötzlich 5 (fünf) Handyverträge und zahle dafür momentan über 200 Euro monatlich. Wofür und warum? Ich weiß es bis heute nicht. Aber von vorne. (mehr …)

Der schlechteste Journalismus des Jahres


02 Jan
Foto: Pixabay

Foto: Pixabay

Die angesehene amerikanische Fachzeitschrift Columbia Journalism Review hat den „schlechtesten Journalismus des Jahres 2014“ gekürt. Die Autoren der CJR weisen darauf hin, dass 2014 ein gutes Jahr für den Journalismus war, in dem viele weittragende Geschichten mit erheblichen politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen veröffentlicht worden sind. Aber daneben gab es auch schwere Ausfälle. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass es sich nur um Beispiele handelt, die die Funktionsweise eines Journalismus darstellen sollen, der in die Hose geht. Darum ist es auch zu verschmerzen, dass es sich ausschließlich um US-amerikanische Exempel handelt. Die entsprechenden heimischen Fälle fallen einem da schnell ein.

Einen Preis für schlechtesten Journalismus hat sich die Zeitschrift Rolling Stone verdient. Sie berichtete über eine Gruppenvergewaltigung an der University of Virginia – eine Story, die sich nach einem Fact-Checking der Washington Post als nicht stichhaltig erwies. Den Preis verdient Rolling Stone laut CJR aber nicht nur, weil grundlegende journalistische Tugenden vernachlässigt wurden, sondern auch, weil die Redaktion in einer Stellungnahme die Schuld allein auf die Autorin zu schieben versuchte und ihre eigenen redaktionellen Pflichten außen vor ließ.

Einen Preis für schlechtesten Journalismus hat sich auch die Redaktion des angesehenen TV-Politmagazins 60minutes des Senders CBS verdient. Sie brachte es fertig, Auslandskorrespondenten nach Liberia zu schicken, um über die Ebolaseuche zu berichten, und diese interviewten ausschließlich andere US-Ausländer und keinen einzigen Einheimischen.

Screenshot: Lemon auf CNN

Screenshot: Lemon auf CNN

Den Hauptpreis verdiente sich aber CNN-Moderator Don Lemon. Live-Moderationen seien zugegebenermaßen eine hohe Kunst, so die Kritiker, aber Lemons Aufsager seien ein herausragendes Beispiel dafür, wie man seine Worte weise wählen könne – oder eben auch nicht.  So fragte er Interviewpartner, ob Malaysia Airlines Flug 370 von einem Schwarzen Loch geschluckt worden sein könnte: „Es klingt absurd, aber ist es absurd?“ Ein anderes Mal verglich er das Prügeln von Kindern mit dem Training von Hunden. Die Rassenunruhen in Ferguson kommentierte er mit dem Satz: „Offenbar liegt der Geruch von Marihuana in der Luft“. Und ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer des Schauspielers Bill Cosby belehrte er: „Es gibt doch Möglichkeiten, Oralsex zu vermeiden, wenn Sie ihn nicht ausüben wollten .. ich meine, Sie hätten doch Ihre Zähne einsetzen können, oder?“

Leider gibt es im deutschsprachigen Raum, wo immerhin an die 2.000 Journalistenpreise existieren, keine vergleichbare Auszeichnung für schlechten Journalismus. Nur das Netzwerk Recherche vergibt die „Verschlossene Auster“ für Informationsverhinderer.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter