Archive for the ‘Medien’ Category

Wie sensationell ist EHEC wirklich?


07 Jun

Und noch mal EHEC: Die bakterielle Erkrankung scheint so sensationell, dass Tageszeitungen sogar Live-Ticker einrichten zu müssen glauben. Doch ist sie das wirklich? Wie neu ist denn dieses coli-Bakterium und die damit verbundene Krankheit? Der Internetdienst Statista.de (der mit dem Wirtschaftsmagazin brand.eins verbändelt ist) hat dazu die Statistik des Robert Koch Instituts veröffentlicht. Die Statistik erfasst EHEC-Fälle seit dem Jahr 2002. Offensichtlich ist, dass die Erkrankung nicht neu ist und auch die Zahl der Fälle im laufenden Jahr nicht das Niveau der Vorjahre überdeutlich überstiege. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass das laufende Jahr eben noch nicht beendet ist und bei einer epidemischen Ausbreitung der Krankheit die Fallzahlen doch noch signifikant über denen der Vorjahre liegen könnten. Außerdem ist zu erwähnen, dass die Zahl der Todesopfer durch die Krankheit (bislang 10) über denen der Vorjahre liegt, wo die Krankheit offenbar abgeschwächt auftrat. Doch von solcherart Differenzierungen ist in der Berichterstattung der deutschen Tagespresse auffällig wenig zu lesen. Dafür beglückt uns das österreichische Magazin Profil mit folgender Schlagzeile:

EHEC-Erreger ist tödlicher als seine Vorgänger

Tödlicher als tödlich: Das bringt nur die Presse fertig.

Ein Desaster namens PR-Desaster


28 Mai

Castle_Romeo/WikimediaUngern gibt man Journalisten vorbehaltlos recht, aber in diesem Fall ist das Desaster, das Tom Hillenbrand auf Spiegel Online beschreibt, ein echtes: Das Desaster namens “PR-Desaster”:

Wenn im Golf von Mexiko eine BP-Ölplattform absäuft, ist das nicht nur eine Umweltsauerei, schlampige Ingenieursarbeit oder Managementversagen. Es ist vor allem, da sind sich “Süddeutsche”, “Welt” und SPIEGEL ONLINE einig, ein “PR-Desaster”. Auch der Playstation-Datenklau bei Sony “entwickelt sich”, schreibt etwa “Zeit Online” zu einem, na klar, “PR-Desaster”. Selbst bei epochalen Katastrophen wie Fukushima wird ausführlichst diskutiert, ob die Presseabteilung des Energiekonzerns Tepco nach der multiplen Kernschmelze und dem wochenlangen Verschwinden von Konzernchef Masataka Shimizu eigentlich einen ordentlichen Job gemacht hat. Als ob das irgendjemanden interessieren würde.

Jedoch, ein PR-Desaster im eigentlichen Sinne des Wortes wäre es ja nur dann, wenn die Pressestellen versagt oder die PR-Beauftragten Mist gebaut hätten. Das ist in den zitierten wie den vielen anderen Fällen aber zumeist nicht der Fall:

Das PR-Desaster ist neuerdings überall, obwohl die meisten Katastrophen weder durch Öffentlichkeitsarbeit ausgelöst noch gelöst werden. Der amerikanische Krisenberater Eric Dezenhall bringt es am Beispiel BP auf den Punkt: “Alle taten so, als ob das eine PR-Krise wäre. Aber die war nie der Kern.” Kern des Problems war vielmehr ein sprudelndes Leck, 1500 Meter unter dem Meer.

Noch eine andere irrige Annahme steht hinter der Redeweise vom “PR-Desaster”: Nämlich, dass eine “gute” PR alles heilen könne. Deswegen gibt es heute eine erkleckliche Anzahl von PR-Agenturen, die sich auf “Krisen-PR” spezialisiert haben: Wenn die Krise erst mal da ist, wird ein Kommunikationprofi gerufen, der das Schlimmste verhüten soll – dabei ist das Schlimmste längst eingetreten. Die überwiegende Anzahl von Desastern, die sich ereignen, bedürfen keiner PR, sondern der Abhilfe. Oder gar der Prävention, damit es zum Desaster gar nicht mehr kommt.

Nur wenn PR-Agenturen den Dienst versagen;  wenn sie Botschaften noch schlimmer machen, als sie eh schon sind; wenn sie zur schlechten Tat noch den schlechten Sound beifügen; dann darf mit Fug’ und Recht von einem PR-Desaster gesprochen werden. Spiegel Online führt hier die völlig mißlungene PR-Aktion von Facebook gegen Konkurrenten Google an:

Die von dem Social Network beauftragte PR-Agentur Burson-Marsteller brachte das Kunststück fertig, ihren Kunden ausnehmend schlecht zu beraten und ihm eine verdeckte Schmutzkampagne gegen den Konkurrenten Google aufzuschwatzen. Als die Sache dann aufgrund stümperhafter Durchführung aufflog und alle Beteiligten ihr Gesicht verloren, patzte Burson auch noch beim Krisenmanagement und zensierte seine eigene Facebook-Seite. Das ist endlich mal ein PR-Desaster, das den Namen auch verdient.

Fukushima dagegen (oder Brent Spar, oder der Niedergang der FDP, oder das Ozonloch, oder oder oder) sind keine PR-Desaster, sondern wirkliche. Sie brauchen keine PR, und klammheimlich träumen wir von einer Welt ohne all diese PR-Lümmel, die meinen, jede Katastrophe durch ein bisschen Lug’ und Trug, durch Manipulation und im Zweifel ein bisschen Bestechung heilen zu können. Die PR ist das Desaster, helfen kann sie dabei nicht.

Unwort “PR-Desaster”: Eine Katastrophe, diese Kommunikation – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wirtschaft

Internationaler Tag der Pressefreiheit


03 Mai

Pressefreiheit, das scheint in vielen Ländern der Erde vor allem zu meinen, dass Potentaten sich von ihrer Presse frei machen wollen. Dagegen weisen Journalistenorganisationen wie Reporter ohne Grenzen am heutigen “internationalen Tag der Pressefreiheit” darauf hin, dass das Recht auf freie Berichterstattung und Information weltweit bedroht ist. 2010 wurden laut einem Beitrag in der heutigen Süddeutschen Zeitung

 weltweit 57 Journalisten getötet, 535 festgenommen, 51 entführt und 1374 angegriffen oder bedroht. Auch 152 blogger wurden festgenommen, 52 angegriffen oder bedroht.

Nicht nur in Ländern wie Eritrea oder Pakistan lebt es sich als Journalist schlecht. Auch Europa schneidet nicht nur gut ab im Ranking der Reporter ohne Grenzen:

Auch bei den EU-Gründungsstaaten Frankreich (2009: Platz 43, 2010: Platz 44) und Italien (2009 und 2010: Platz 49) gibt es keine Indizien für eine Verbesserung der Situation: Grundlegende Probleme wie die Verletzung des Quellenschutzes, die zunehmende Konzentration von Medieneigentum sowie gerichtliche Vorladungen von Journalisten dauern an.

Auch die Bundesrepublik Deutschland belegt auf dem Pressefreiheitsindex keinen der vorderen Plätze:

Deutschland steht in diesem Jahr – fast unverändert – auf Platz 17 (2009: Platz 18): Wie auch in anderen EU-Staaten wurden Redaktionszusammenlegungen und Stellenstreichungen negativ bewertet. Der Zugang zu Behördeninformationen bleibt ebenfalls unzureichend. Zu weiteren Kritikpunkten gehörten unter anderem das Strafverfahren gegen zwei Leipziger Journalisten in der so genannten Sachsensumpf-Affäre.

Nicht ganz verstanden hat der Deutsche Journalistenverband, um was es beim “Tag der Pressefreiheit” geht: Kämpfen andere KollegInnen weltweit um ihr Leben und körperliche Unversehrtheit, die allein aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit bedroht sind, geht der DJV heute gegen “Billigtarife” und für höhere Löhne auf die Straße (siehe Bild). So berechtigt auch solche Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen und Honoraren hierzulande sein mögen: In Anbetracht der Bedrohungen und Pressionen andernorts wirkt eine solche Demonstration am “Tag der Pressefreiheit” doch deplaziert.

Berufsprestige-Skala: Ansehen von Journalisten und TV-Moderatoren


09 Apr

BerufsprestigeSeit 1966 gibt das Institut für Demoskopie Allensbach die “Berufsprestige-Skala” heraus. Das Ergebnis ist beispielsweise für Ärzte oder auch Hochschulprofessoren schmeichelhaft, nicht aber für Journalisten oder gar Fernsehmoderatoren. Auch wenn das Ansehen von Journalisten seit der letzten Erhebung gestiegen ist, bewegen sie sich doch im Ansehen der Bevölkerung auf den hinteren Rängen, wie Meedia.de zu berichten weiß:

Journalisten sind heute deutlich beliebter als noch vor drei Jahren: Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Allensbacher Berufsprestige-Skala. Demnach werden Redakteure von 17 Prozent der Bevölkerung geschätzt, 2008 waren es lediglich 11 Prozent. TV-Moderatoren bilden das Schlusslicht des Rankings.

Übrigens ist auch das Ansehen von Priestern im Sinkflug, wie die Kyffhäuser Nachrichten vermelden: Von 49 % sind sie bis auf 28 % abgerutscht. Trotz Vertrauenskrise und Kindersexskandalen bewegen sie sich damit aber immer noch weit vor Journalisten und Moderatoren.

Meedia: Berufsprestige-Skala: Ansehen der Journalisten steigt

Schlagerwelle WDR 4 wird "modernisiert"


22 Feb

Aufbruch in die Moderne im WDR! Der altmodischste der Programmteile des Senders soll auf Vordermann gebracht werden:

Der WDR bestätigte am Montag Pressemeldungen, wonach bei der einstigen reinen Schlagerwelle Umstrukturierungen geplant sind. Das neue Programm soll am 21. März auf Sendung gehen.

Und das mit einer bemerkenswerten Begründung:

Die Hörerforschung habe herausgefunden, dass die Zielgruppe von WDR 4 keinen Ruhestand im klassischen Sinn verbringt. Vielmehr lebe sie in der Regel aktiv. Sie reist, sie besucht öffentliche Veranstaltungen, sie verbringt Zeit mit Enkeln.

Das Ergebnis:

Deshalb hat sich der WDR entschlossen bei WDR 4 den Wortanteil auszubauen. Neben Service soll es künftig mehr regionale Themen geben.

Insider des WDR wissen diese angeblichen “Modernisierungen” allerdings einzuordnen. Und dann liest sich das Vorhaben der Senderhierarchen schon anders:

… zu den Wortbeiträgen ist zu sagen, dass dort keine Hintergrundberichterstattung, keine “schweren Sozialthemen” und auch sonst keine kritischen Themen erwünscht sind. Das Publikum soll ausschließlich mit seichten, sehr einfach aufbereiteten und vor allem spaßigen Wortbeiträgen erfreut werden… Aber bitte nix Journalistisches…

Auch, was der öffentlich-rechtliche Sender unter “Regionalisierung” versteht, ordnen wohl informierte Kreise ganz anders ein:

Die Regionalisierung bezeiht sich nach meinen Informationen ausschließlich aufs Wetter, dass ist ja wie wir neuerdings wissen, ohnehin das einzige, was unsere Hörer interessiert!

Wird also WDR4 wirklich modernisiert? Oder wird der Schlagersender nicht eher “entkernt”? Man wird sehen … äh .. hören.

Schlagerwelle WDR 4 wird modernisiert – DIGITALFERNSEHEN.de

"Furz-App"s: Keine Radiostationen mehr bei Apple


29 Nov

So deutlich hätten sie es vermutlich nicht wissen wollen: Apple-Chef Steve Jobs nennt die kleinen Programme fürs Iphone, die lediglich dazu da sind, ein bestimmtes Radioprogramm auf dem smarten Handy abzuspielen, als “Furz-App”s. Sie seien nichts anderes als “Spam” im Apple-eigenen Appstore:

“…single station app are the same as a FART app and represent spam in the iTunes store… [Apple] … will no longer approve any more radio station apps unless there are hundreds of stations on the same app.”

Die neue Apple-Direktive ist durchaus intrikat und auch für die Computerfirma aus Cupertino sehr zweischneidig. Einerseits ist durchaus zu fragen, welchen Mehrwert zusätzliche Radioprogramme haben, die alle den gleichen computergenerierten Musikmix mit dem “Besten der 80er und 90er Jahre und von heute” bieten, sprich: nicht sehr viel. Andererseits, wie ein hellsichtiger Kommentar auf macnotes.de formuliert, ficht Apple hier mit den Geistern, die die Firma selbst rief:

Apple erntet gerade schlicht, was selbst gesät wurde – die Versuche aller Medien- und Contentanbieter, auch als Icon auf dem iDevice der Wahl präsent zu sein, sind die logische Konsequenz aus der von Apple betriebenen “Appisierung des Internet”, mit der zum einen die eigenen Produkte gepusht, zum anderen die Medienpartner mit möglicherweise lukrativen und im Unterschied zur WWW-Site auch kostenpflichtigen Angeboten ins Boot zu holen.

Mit einem hat Steve Jobs allerdings recht, und er spricht vermutlich vielen Radiohörern aus der Seele: die meisten, gerade kommerziellen Radioangebote sind tatsächlich nicht viel mehr als, naja: ein Furz.

www.satnews.de – Willkommen

Sterbende Medien: Der Walkman


25 Okt

Zu den unangenehmen Geräuschen, die einen im Alltag belästigen konnten, zählten neben Schlagbohrmaschinen, Pressluftgeräten, Nachtfluglärm, dem Motorendröhnen von Autos, Motorrädern, Mofas und elektrischen Mixgeräten, dem Herumbrüllen von Chefs, Feldwebeln, Lehrern und Fußballtrainern sowie dem Geräusch des Fallens von Pferdeäpfeln seit den 1980er Jahren auch das Wummern aus den Kopfhörern des Walkman-Besitzers auf dem Nebenplatz in der U-Bahn.

Firstwalkman

Es gibt heute andere und weitaus schlimmere Umweltbelästigungen, doch mit dieser einen ist nun definitiv Schluss: Der Walkman gibt den Geist auf. Wie der japanische Hersteller Sony mitteilt, wird die Produktion des tragbaren Kassettenspielers eingestellt. Die letzte Charge wurde bereits im Frühjahr an japanische Händler ausgeliefert. Damit sieht dieses Jahr schon zum zweiten Mal einen Inbegriff des Medienzeitalters verscheiden: Im April hatte der gleiche Hersteller Sony bereits das Aus für die Floppy-Disk verkündet. Ob jene Krokodilstränen berechtigt sind, die etwa ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung dem Walkman nachheult, das , um in der Sprache der Presse zu bleiben, bleibt abzuwarten:

Nach 30 Jahren stellt Sony den Kassetten-Walkman ein. Das Ende der Kultmarke bedeutet nicht nur eine Verarmung des Musikkonsums – sondern ist auch ein Zeichen für einen Kulturverfall.

Andere waren, was die Beerdigungszeremonien für mediale Urviecher angeht, schneller: Der Duden hat das Wort “Bandsalat” schon vor längerem aus seinen Wörterlisten verbannt.

Sony Retires the Cassette Walkman After 30 Years

Kino: Bescheidener Erfolg


22 Sep

Es geht doch! Trotz allem Größenwahn, der mit Hollywood gemeinhin verbunden wird, bleiben manche Granden der Branche bescheiden. Zum Beispiel Regisseur Christopher Nolan, der von Digitalfernsehen.de zitiert wird mit den Worten:

Triumph trotz Selbstzweifel: “Inception” spielte bislang weltweit mehr als 750 US-Dollar ein. Regisseur Christopher Nolan war aber vom Erfolg des Thrillers anfangs nicht überzeugt.

Ein Einspielergebnis von ganzen 750 Dollar: Das ist Neue Übersichtlichkeit!

Regisseur Christopher Nolan: “‘Inception’ war finanzielles Risiko” – DIGITALFERNSEHEN.de

Fragwürdiger Journalismus: Endlich mit Warnhinweis!


21 Sep

Was ist ein “geek comedian”? Das englische Wort “geek” bedeutete ursprünglich (ähnlich wie das deutsche Wort “Geck” oder “jeck”) einen Einfaltspinsel oder Toren. In den 1990er Jahren vollzog sich eine interessante semantische Verschiebung: Seitdem´bezeichnet “geek”, ähnlich wie das verbreitetere “nerd”, einen Technik- und Computerenthusiasten. Ein “geek comedian” ist also jemand, der sich obsessiv über Computer und ihre Benutzer lustig macht.

Tom Scott ist so ein “geek”. Nun hat er einen brillanten Coup gelandet. Er fragte sich nämlich schon geraume Zeit, warum eigentlich die Medien gerne Warnhinweise tragen, sobald sie Inhalte gewalttätigen oder sexuellen Inhalts präsentieren (in den USA zumal!), nicht aber ebensolche Warnhinweise, wenn sie völligen Unsinn von sich geben, sich korrumpierbar zeigen oder schlichtweg die Intelligenz ihrer Leser und Zuschauer beleidigen.

It seems a bit strange to me that the media carefully warn about and label any content that involves sex, violence or strong language — but there’s no similar labelling system for, say, sloppy journalism and other questionable content.

Also hat Tom Scott vorgelegt und selbst solche Warnhinweise verfasst. Praktischerweise hat er sie im Netz als pdf-Dokument zur Verfügung gestellt und für Label-Vordrucke ausdruckbar gestaltet.

journalist_warning

Neben der unverkennbar satirischen Absicht Scotts legt der “geek” den Finger in die offen klaffende Wunde des Journalismus, zumal des Online-Journalismus: Zwar tendierten Medien seit ihrer Erfindung zum Plagiat oder, um mit dem französischen Literaturwissenschaftler Gerard Genette zu sprechen, zum “Palimpsest”. Aber in Zeiten von copy&paste hat der Mediennutzer kaum noch eine Chance, selbst herauszufinden, wie zuverlässig, exklusiv oder originell eine Information überhaupt noch ist. Mittlerweile treten per “books on demand” schon Buchverlage an, die unüberprüft Druckwerke aus Wikipedia-Inhalten herstellen. Ein expliziter Hinweis der Verfasser wäre hier tatsächlich die einzig verbliebene Chance, Inhalte zu verifizieren.

Der österreichische Webdesigner Robert Harm hat die Labels ins Deutsche übertragen und ebenfalls im Internet zur Verfügung gestellt.  Er hat eine Liste von 10 journalistischen Kardinalsünden zusammengetragen, für die er Warnhinweise gestaltet hat:details-journalismus

  • “Dieser Artikel enthält nicht verifizierte Informationen ohne Quellenangaben aus Wikipedia”
  • “Dieser Artikel beruht auf einem unbestätigten Gerücht”
  • “Um künftige Interviews nicht zu gefährden, wurden wichtige Fragen nicht gestellt”
  • “Dieser Artikel ist eigentlich eine abgeschriebene Pressemitteilung”
  • “Umfrageergebnisse, Statistiken und/oder Analysen in diesem Artikel wurden von einer PR-Firma gesponsert”
  • “Um den Redaktionsschluss einzuhalten, wurde dieser Artikel von einer anderen Quelle abgeschriebenen”
  • “Der Verfasser versteckt die eigene Meinung hinter ‘manche Leute behaupten’”
  • “Medizinische Aussagen in diesem Artikel wurden NICHT von peer-reviewten Studien bestätigt”
  • “Kann Spuren von beleidigenden oder diskriminierenden Gedanken enthalten”
  • “Dem Journalisten mangelt es an Fachkenntnis zu diesem Thema”

Übrigens, auch dieser Artikel hier ist mit Vorsicht zu genießen: “Um den Redaktionsschluss einzuhalten wurde er von einer anderen Quelle abgeschrieben “. Außerdem enthält er “nicht weiter überprüfte Links auf Wikipedia“.

Journalism Warning Labels « Tom Scott

Der Bürgerkrieg in unseren Handys


23 Aug

Es gibt unter den durch das Medienzeitalter ausgelösten Depressionen auch solche, für die ein rasches Antidot nicht leicht bei der Hand ist. Da gefriert einem doch das Blut in den Adern, wenn man liest wie am vergangenen Wochenende in der F.A.Z., dass wichtige Rohstoffe für unsere schöne neue Welt aus elektronischen Gadgets mit Bürgerkrieg etwa in Afrika bezahlt wird.

Neben Blei, Kadmium und ähnlich toxischen Stoffen enthalten unsere alltäglichen Begleiter wie Mobiltelefone, Kameras und Laptops auch Metalle, die an sich unbedenklich sind: Gold, Zinn, Wolfram und Tantal. Und doch sind gerade diese die ethisch bedenklichsten, ja blutigsten, nämlich sofern sie – was für einen großen Prozentsatz zutrifft – aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo stammen. Bewaffnete Gruppen, von denen es nach Schätzung des Botschafters der Demokratischen Republik Kongo in den Vereinigten Staaten, Faida Midifu, etwa fünfundzwanzig gibt, darunter ugandische, ruandische und burundische Rebellengruppen sowie korrupte nationale Armee-Einheiten, zwingen die Bevölkerung unter grauenhaften Bedingungen zum Abbau der Bodenschätze, welche dann zu Schleuderpreisen auf den Weltmarkt gelangen.

Von “Bluthandys” sprechen bereits Nichtregierungsorganisationen wie das „EnoughProject“, „Human Rights Watch“ oder „Global Witness“. Hier muss Druck vonseiten der Verbraucher auf die Hersteller ausgeübt werden wie von jenem kritischen Geist, der Apple-Chef Steve Jobs eine Email schrieb und schon nach einer Stunde per SMS Antwort von Jobs persönlich erhielt, in der davon die Rede war, dass man die Lieferanten verpflichte, „conflict few materials“ zu liefern. Doch gebe es keine Garantie, und es sei chemisch noch nicht möglich, den Ursprung der Mineralien bis zur Mine zurückzuverfolgen. Intrikat ist schon Jobs’ stillschweigende semantische Verschiebung von “conflict free” in “conflict few”, für die er von der Netzgemeinde bereits gehörig Prügel einstecken musste. Aber auch die Behauptung der Nichtnachweisbarkeit ist so nicht aufrechtzuerhalten:

Den „Coltan-Fingerprint“, einen forensischen Nachweis, der die Herkunft der Tantalerzkonzentrate durch Abgleich mit einer riesigen Datenbank eindeutig zu lokalisieren vermag, hat die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in dreijähriger Arbeit entwickelt. Ebendies wurde hierzulande vor einem halben Jahr als großer Durchbruch gefeiert. Doch erklärt der zuständige Forscher Frank Melcher im Gespräch mit dieser Zeitung, die Technik sei zwar prinzipiell einsatzbereit, werde aber nicht eingesetzt.

Den ganzen Artikel gibt es bei FAZ-online zu lesen:

Krieg in Kongo: Auf der dunklen Seite der digitalen Welt – Digitales Denken – Feuilleton – FAZ.NET

Anti-Medien-Blog

Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter