Archive for the ‘Sprache’ Category

Das okaye Zeit-Feuilleton


30 Jan

Man muss nicht jedes Buch rezensieren. Und man muss auch nicht jeden Satz schreiben. Und wenn die geschätzte Zeit-Feuilletonistin Iris Radisch auf den ebenfalls geschätzten Nicholson Baker trifft, weist sich einmal mehr, dass Plus und Plus manchmal eben doch auch Minus ergeben können. Oder wie konnte es sonst zu solchem Satz-Unfall kommen:

Das alles wäre zu verschmerzen, wenn der okaye Anstalts-Sex dieses nur scheinbar wüsten und verwilderten Romans nicht so steril und unaufregend wäre.

Natürlich weiß Iris Radisch, dass die Partikel “okay” nicht deklinierbar ist und auch nicht als attributiv gebrauchtes Adjektiv taugt. Warum benutzt sie sie dann trotzdem so? Soll es lustig sein, der Kotau vor der Jugendsprache, schlicht ein Aussetzer? Vermutlich letzteres.

IPhone-App: Für zum Vergessen


09 Nov

Im Bahnhofskiosk türmen sich ja die Zeitschriften, die sich mit IPhones, IPads und den dazugehörigen Apps beschäftigen. Offensichtlich lässt sich mit dem Thema kräftig Werbung verkaufen, sonst würden all diese Magazine, Sondermagazine und Extrahefte zu Sondermagazinen nicht wie pilzförmige Smartphones aus dem Bahnhofsbuchhandlungsboden schießen. Dass es sich bei solcherlei publizistischen Hervorbringungen nur schwerlich um journalistische handelt, fällt vor allem dann auf, wenn die Macher nicht plane Pressemitteilungen nachdrucken, sondern selbst, auf deutsch (!), formulieren müssen. Dies scheint dann doch eine Zumutung zu sein, wenn man sich folgenden Ausschnitt aus einer dieser “Mac/Iphone/IPad-Ich sag dir alles XL” ansieht:

Ausschnitt aus Iphone-Zeitschrift

“Für zum einfügen”? Wer programmiert nur endlich eine Iphone-App, die uns solche Schnitzer erspart? Das ist doch wirklich für zum Abgewöhnen — mit großem “A”.

Sterbende Medien: Deutsche Welle beerdigt deutschsprachiges Programm


06 Nov
Bonn_Deutsche_Welle_Studio

Studio der Deutschen Welle/Bonn

Manche Medien beerdigen sich direkt selbst. So ist in einer schlichten Pressemitteilung der Deutschen Welle, des Auslandsrundfunks der Bundesrepublik Deutschland, lapidar zu lesen:

Die Deutsche Welle beendet nach fast 60 Jahren die Ausstrahlung des deutschsprachigen Programms in der bisherigen Form am 30. Oktober 2011 …

Nach Meinung der Wellenleitung ist eine Übertragung des deutschsprachigen Programms über Kurzwelle in alle Welt nicht mehr zur Aufrechterhaltung des Programmauftrags nötig. Dieser Auftrag lautet, wieder gemäß der erwähnten Pressemitteilung:

Vorrangige Aufgabe des deutschen Angebots ist es, Menschen im Ausland mit Interesse an Deutschland und an der deutschen Sprache ein umfassendes Bild des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens im heutigen Deutschland zu vermitteln.

Dies könne multimedial über das Internet und das weiterhin ausgestrahlte deutschsprachige Fernsehprogramm besser erreicht werden als über das “altmodische” Radio. Informationssuchende im Ausland würden sowieso “vorzugsweise Angebote in der jeweiligen Landessprache oder Englisch als Lingua franca” wahrnehmen. Für die Wochenzeitung “Die Zeit” ist dies eine Bankrotterklärung und geradewegs die Aufgabe der deutschen Sprache als Kultursprache:

Rund 6.000 Sprachen werden heutzutage auf der Welt gesprochen. Wenn die Vorhersagen der Linguisten zutreffen, sind in hundert Jahren nur noch 200 bis 600 übrig. Deutsch werde zwar dazugehören, prophezeit der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, aber nicht mehr als Kultur- und Hochsprache, sondern als Vernakularsprache. Als Eingeborenenidiom also, das noch von ein paar Millionen Leitkulturdeutschen praktiziert wird. Das liege nicht nur an der demografischen Schrumpfung, sondern an der »kulturellen Mutlosigkeit« der Sprecher, an der »verschwundenen Liebe« zu ihrer Sprache, an der verzagten Schul- und Bildungspolitik. Und an der nahezu unbemerkten, aber folgenschweren Entscheidung, die nun auch der öffentlich-rechtliche Sender Deutsche Welle getroffen hat: German is out.

Man darf allerdings nicht verkennen, dass das Programm der Deutschen Welle in vielen Krisenregionen gerade in den Landessprachen eine wichtige Funktion für die Demokratisierung und im Kampf gegen politische oder ethnische Unterdrückung hat. Das Stichwort hier war “Kriseninterventionsradio”. Und dieses Programm soll auch weiterhin über Kurzwelle ausgestrahlt werden:

Weiterhin auf Kurzwelle zu empfangen ist die DW in Afrika und Teilen Asiens. Zu hören sind hier die Sendungen auf Amharisch, Haussa, Kisuaheli, Englisch, Portugiesisch und Französisch für Afrika, Chinesisch, Dari, Paschtu und Urdu.

Das sind allerdings nur 10 Sprachen, während die Deutsche Welle vor nicht allzu langer Zeit noch über 30 verschiedene landessprachliche Programme ausgestrahlt hat. Hier hat sich schon vor geraumer Zeit der finanzpolitische gegenüber dem medienpolitischen Interesse durchgesetzt. Die Deutsche Welle, die aus Bundesmitteln finanziert wird, wird offensichtlich totgespart.

DW auf Deutsch: Multimedial in die Zukunft | PRESSE | Deutsche Welle | 26.10.2011

Kölner Stadtanzeiger gebiert Gebärdensprache


21 Okt

Früher kam es ja häufiger vor (der Kölner Stadtanzeiger würde natürlich schreiben: “öfter”), dass Staatsoberhäupter in ihrer Amtszeit Kinder bekamen bzw. gebären ließen. Da waren Amtszeiten aber auch Lebensstellungen und Eheschließungen Staatsaffairen. Die Schnelllebigkeit der modernen Mediokratie hat den meisten gewählten Oberhäuptern einen Strich durch die Geburtenstatistik gemacht: Wer regiert, gebiert nicht. An diese Regel hält sich auch der Kölner Stadtanzeiger. Da lässt der französische Staatspräsident ein Kind gebären, und da die kreißende Mutter ein ehemaliges Fotomodel ist, haben wir den äußerst seltenen Fall, dass die Affaire tatsächlich eine Staatsaffaire wurde, die es selbst in zweitklassigen Zeitungen auf Seite 2 schafft. Dort ist jedenfalls zu lesen:

Baby kommt, Vatzer rettet die Welt
Während Nicolas Sarkozy nach Frankfurt muss, gebärt seine Frau Tochter Daliah

Während Ehemann Nicolas Sarkozy Europa ins Chaos stürzt, tut Carla Bruni ebendieses mit der deutschen Sprache. Gebärt sie wirklich oder gebiert sie besser? Das Wort gebären ist ein sogenanntes starkes Verb, was sich am Vokalwechsel in den Vergangenheiten zeigt: So heißt das Präteritum “sie gebar” (und nicht: gebärte) und das Perfekt anerkanntermaßen “geboren” (und nicht: sie hat gebärt). Schockierend, aber wahr: Dennoch erlaubt der “Duden” neuerdings, neben diesen richtigen Formen im Präsens auch die schwache Form “sie gebärt” zu sagen. Was für ein Sprachgebaren! Aber was man so alles sagen darf, das darf man deswegen noch lange nicht schreiben. Und auch wenn man im Reden über Geburtsvorgänge schwach werden darf, sollte man beim Drucken einer Zeitung doch stark bleiben: Carla Bruni gebiert ihre Tochter Daliah. Wer das ein starkes Stück findet, der kann ja zur Gebärdensprache übergehen. Und der stolze Papá könnte der gebärfreudigen Frau Mamá zur Geburt der Tochter Daliah ein paar Dahlien schicken.

Fürchten oder Hoffen?


14 Okt

Was liest man da auf den Sportseiten von Spiegel Online:

Robben fällt länger aus als befürchtet

Aber müsste es nicht korrekterweise heißen: “Robben fällt länger aus als gehofft”? Mit der jetzigen Formulierung scheinen die FC Bayern-Gewaltigen fast froh zu sein, wenn Robben nicht so schnell zurückkehrt. Aber das Gegenteil scheint doch gemeint zu sein …

Bayern München: Robben fällt länger aus als befürchtet – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Sport

Besser schlecht autofahren als schlecht rechnen


20 Sep

Ausschnitt: KStA vom 13.09.2011

Für den Leser des Kölner Stadtanzeigers ist der Fall klar: Autokennzeichen “BM” (= Bergheim) steht für “bereifte Mörder”. “SU” (=Siegburg) heißt “suche Unfall”. Und “EU” (=Euskirchen) bedeutet “Esel unterwegs”. Doch die Statistik der deutschen Autoversicherer spricht eine andere Sprache, und da tut der Kölner Stadtanzeiger fraglos einen guten Dienst in Sachen Aufklärung: Alle ungeliebten Nachbarn liegen in bei den Autoversicherern besser als die Kölner Autofahrer. Doch kennt der Kölner sich offenbar im Autofahren ebenso wenig gut aus wie in Statistik. Denn die Begründung der Journalisten vom Kölner Stadtanzeiger lautet so:

Köln ist eine Millionenstadt mit sehr dichtem Verkehr. Da fahren eben viel mehr Autos als auf dem platten Land des Rhein-Erft-Kreises, also passiert auch mehr.

Das kann man statistisch so natürlich nicht stehenlassen: Der dichte Verkehr taugt nur als Begründung für ein Mehr an Unfällen in ganzen Zahlen, nicht aber prozentual. Bei einer Unfallwahrscheinlichkeit von, sagen wir: 10 % gäbe es dann beispielsweise am Tag auf dem Land 5 Unfälle und in der Stadt vielleicht 50. Das würde aber nichts an der Tatsache ändern, dass hier wie da 10 % der Autofahrer in einen Verkehrsunfall verwickelt wären. Da wären noch Zusatzannahmen nötig wie: Die Wahrscheinlichkeit von Auffahrunfällen ist bei dichtem Verkehr höher o.ä.

Quintessenz: Im Autofahren sind die Kölner genau so gut wie in Statistik. Armes Schutzblech!

Tagesschau.de: Korruptionsvorwürfe gegen die deutsche Sprache


13 Sep

Es gibt diese unausrottbaren Sprachschnitzer, wie nicht nur, aber hauptsächlich Journalisten sie begehen. Einer davon betrifft das Wort “programmieren”. Wörtlich übersetzt heißt es “vor-schreiben”. Eine Vorschrift ist ja z.B. auch ein Computer-Programm, denn es sagt dem Computer, was er zu tun hat.

Nun schreibt die Nachrichtenredaktion von Tagesschau.de über einen millionenschweren Bestechungsskandal in Frankreich. Die traurige und nackte Wahrheit klingt so:

Robert Bourgi, ehemaliger Afrika-Berater von Jacques Chirac, hat ausgepackt: Im Auftrag von Chirac und Ex-Premier De Villepin habe er jahrelang Millionensummen nach Paris geschafft. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück. Doch ein Polit-Skandal ist vorprogrammiert.

“Vor-programmieren”, das ist so viel wie “vor-vor-schreiben”, und damit mindestens ein “vor” zu viel. Pleonasmus nennen das die Sprachwissenschaftler. Ob hier das Wort “programmieren” (auch ohne das lästige “vor’” zu viel) die richtige Wortwahl war, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Aber so schreiben nun mal Journalisten.

Korruptionsvorwürfe gegen Chirac: Geldkoffer aus Afrika? | tagesschau.de

Tiefhängende Hose beschädigt Sprache


05 Sep
Baggy Pants (Foto: Wikimedia)

Baggy Pants (Foto: Wikimedia)

Schon dumm gelaufen. Nicht aber für den Sänger einer Punkband namens “Green Day”, sondern für die, die unbesehen dpa-Meldungen nachdrucken:

Rockstar Billie Joe Armstrong (39), Frontmann der Punkband Green Day („Boulevard of Broken Dreams“), ist aus einem Flugzeug verwiesen worden – weil er sich geweigert hatte, seine tief sitzende Hose hochzuziehen.
(Bild.de)

Wie immer man diese Mode findet — immerhin tragen sich für progressiv haltende (Berufs-) Jugendliche ihre Hosen schon so geraume Zeit auf Halbmast, das der traurige Anblick beinahe als konservativ zu bezeichnen ist: Man wird — Hose hin, Hose her — nicht “aus einem Flugzeug verwiesen“, sondern bestenfalls “eines Flugzeugs verwiesen”. Agentur-Meldungen, egal wie bunt sie auch klingen, sollten eben nicht leichtfertig übernommen werden. Auch Tickernachrichten darf man redigieren, wenn man sich noch eine Redaktion leistet und der deutschen Sprache die Ehre erweisen möchte, die sie verdient. So schreibt der Spiegel völlig korrekt über den Hosenmatz:

Der Green-Day-Frontmann Billie Joe Armstrong musste deswegen ein Flugzeug verlassen.

Wer dpa-Meldungen nachdruckt und nicht verfälscht, wird mit Sprachkritik nicht unter zwei Duden bestraft. N-TV-Nachrichten greifen ebenfalls korrigierend in den Tatbestand ein:

US-Rocker Billie Joe Armstrong, Frontman der Punkband Green Day, ist im Streit um tief hängende Hosen von Bord eines Flugzeugs gewiesen worden.

Beim Kölner Stadtanzeiger dagegen ist “gut gemeint” wieder mal nicht “gut gemacht”. Im Online-Artikel wird (anders als in der Printausgabe) korrekterweise aus “verwiesen” ein “gewiesen”. Doch ach! die Überschrift lautet:

Hängende Hosen: Green Day-Rocker von Flugzeug verwiesen

Für so etwas gab es früher einen Verweis! Wenn einer sich elegant ausdrücken will und dabei stolpert, muss es eben nicht an der Hose liegen.

Urlaub: Erholung von Medien?


19 Aug

Wer glaubt, auch die Sprachschnitzer des deutschen Journalismus würden einmal Urlaub machen und uns wenigstens in der Ferienzeit ein bisschen Erholung gönnen, der irrt. Ein paar kleine Kostproben:

Sportreporter Edgar Endres auf Bayern 5 aktuell:

“Das 2:0 hätte noch wesentlich höher ausfallen müssen”.

Sportreporter sind ja schon legendär für ihren Quatsch mit Soße. Und hier quarkt es wieder besonders: Ein 2:0 wird auf immer und ewig ein 2:0 bleiben. Denn wenn es höher ausfiele, wäre es definitiv kein 2:0 mehr. Irgendwie logisch. Aber damit haben es Sportreporter ja nicht immer.

*   *   *

Aus der TV-Kritik über eine Adelsschmonzette aus dem Hause Habsburg in der Süddeutschen Zeitung:

“Franz ist ein dynastisch denkender, frustrierter Taktiker, der sich erwehren muss gegen allerlei sozialreformerische und frühdemokratische Ideen seiner Untertanen”.

Es ist schon ein Elend mit der erlesenen Ausdrucksweise. Da wählt man mal, weil es trés chic klingt, ein nicht völlig allgemein gebräuchliches Verb wie “sich erwehren”, und dann patzt man doch wieder. Denn “sich erwehren” regiert einfach den Genitiv: “… er musste sich allerlei frühdemokratischer Ideen erwehren …”. Das Adverb “allerlei” jagt einen hier natürlich ein bisschen ins Bockshorn (nicht: “Boxhorn”!), da es nicht mitflektiert wird und darum den korrekten Gebrauch des Genitivs etwas vernebelt.

*  *  *

Gut, dass Journalisten auch in der Ferienzeit zwischen Bericht und Kommentar klar zu unterscheiden wissen. Obwohl, einige, wie zum Beispiel Gustav Seibt in der SZ, lassen auch da an heißen Tagen mal fünfe gerade sein. In einem Bericht über die Autobrandstiftungen in Berlin schreibt er:

“Natürlich sind verbürgerlichte Alternative gegen brennende Autos, aber ein paar Blockwartdienste zum Wohl der Volksgemeinschaft im Kiez dürfen schon sein”.

Dafür muss man diesen wohlfrisierten Autoren von Qualitätszeitungen schon dankbar sein: Wer sonst, wenn nicht die Süddeutsche, würde den passenden Kamm finden, um die neu erstarkten Grünen mit Nazis über einen ebensolchen zu scheren.

Vermischtes aus den Medien


07 Aug

Was ist in der neuesten Ausgabe von “Zeit Wissen” zu lesen:

Noch immer sterben die meisten Menschen in Deutschland an einem Herzinfarkt – doch es werden weniger.

Korrekterweise müsste es doch wohl heißen: “… deswegen werden sie weniger”. Denn wenn sie sterben, können sie sich wohl kaum noch vermehren, oder?

*  *  *

Merkwürdig, da will man laut eigenem Verständnis und Redaktionsstatut “nach sozialen und liberalen Grundsätzen” arbeiten, nämlich die Süddeutsche Zeitung, Deutschlands große “gemäßigt linke Tageszeitung”, und dann gibt man eine Buchreihe unter dem Motto “Entdecken Sie den Snob in sich” heraus.

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Jetzt wurde der Katastrophen-Fernsehsender “9live” vollends eingestellt. Das wurde aber auch Zeit.

Anti-Medien-Blog

Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter