Posts Tagged ‘Spiegel’

Der “Spiegel” und die ausgewogene Berichterstattung


11 Mai
trittin_wikimedia

Spiegel-”Opfer” Trittin (Foto: Wikimedia)

Wer Ausgewogenheit für eine besondere Zierde des Journalismus hält, der sollte sich vom Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” eines besseren belehren lassen. Dort ist in der aktuellen Ausgabe über den Grünen-Spitzenkandidaten Jürgen Trittin zu lesen:

Wenn es darum geht, andere zu belehren, lässt sich Jürgen Trittin ungern übertreffen. Der grüne Spitzenkandidat weiß immer die richtigen Antworten, auch wenn die Fragen noch gar nicht gestellt werden. So hat er sich in den vergangenen Jahren konsequent den Ruf des unerschütterlichen Besserwissers erarbeitet.

Diese Charakterisierung hat durchaus auch etwas Belehrendes, oder?

News is bad for you: Nachrichten machen krank


10 Mai
602562_web_R_K_B_by_Alexander Altmann_pixelio.de

Foto: A. Altmann/pixelio.de

Auf Spiegel Online zieht Autor Georg Diez in seiner regelmäßigen Kolumne über die Fernsehnachrichten her, insbesondere “Tagesschau” und ARD.

Drohnen, Merkel, Krise: Die deutschen TV-Nachrichten tun so, als würden sie uns Zuschauer informieren. Tatsächlich stampfen sie uns in die Passivität, sie machen uns dümmer und letztlich uninformierter. (…) Die Sklerose unserer Tage hat ein ideales Medium gefunden, und wir zahlen auch noch dafür. Abend für Abend sitzen wir da, in dieser zeittypischen Mischung aus Selbsthass und Apathie, und lassen uns die Welt glatt bügeln, auf ARD-Art. (…) All das sind Scheinnachrichten, weil so getan wird, als sei das nun der amtliche Ausschnitt der Welt – dabei ist es doch nur staatsnahes Parteien-TV, die üblichen Vertreter der Macht, der Reichstag im Abendlicht plus das eine oder andere Erdbeben: Das eben, was Journalisten für wichtig halten, die selbst nicht wissen, warum das so ist.

Spiegel-Autor Diez kennt aber auch das Gegenmittel. Es ist der “engagierte Journalismus” (wenn er ihn auch nicht beim Namen nennt). Vorbildhaft ist da für ihn die BBC.

BBC macht das immer mal wieder vor, wie intelligenter, diskursiver Fernsehjournalismus geht: mal emotional und nah, wenn etwa ein Reporter in das Zimmer führt, wo sich ein altes italienisches Ehepaar erhängt hat, weil es seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte, und man sich als Zuschauer mehr mit der Euro-Krise beschäftigt als nach hundert Rolf-Dieter-Krause-Kommentaren aus Brüssel (…).

Diez’ Kritik ist zwar naheliegend, aber doch sehr verkürzt. Am speziellen Format von Nachrichten und insbesondere Fernsehnachrichten wurde in der Vergangenheit schon häufiger verheerende Kritik geübt. Diez selbst zitiert in seiner Spiegelkolumne den Schweizer Autor Rolf Dobelli. Der Schweizer hat an verschiedenen Publikationsorten bereits seine Thesen zum Thema “News is bad for you” zum besten gegeben.

Wozu brauchen wir dann überhaupt Nachrichten? Und was sind Nachrichten? Der kluge Schweizer Rolf Dobelli hat vor Kurzem das Konzept von Nachrichten ganz grundsätzlich kritisiert, in seinem Manifest “News is bad for you” erklärt er unter anderem, warum diese Art von Nachrichten uns früher sterben lassen, warum diese Art von Nachrichten uns zu falschen Entscheidungen verleiten, warum diese Art von Nachrichten uns dümmer und letztlich uninformierter machen – all das hat mit der Frage zu tun, was eine Nachricht ist.

Naja, “vor kurzem” erschien nur die Zusammenfassung im englischen Guardian. Der Essay selbst ist schon seit 2011 auf Dobellis Website zu lesen. Dobellis Kritik ist denn auch drastischer. Er will nicht anderen Nachrichtenjournalismus, sondern keinen:

Leben Sie ohne News. Klinken Sie sich aus. Radikal. Erschweren Sie sich selbst den Zugang zu News, so gut es geht. Löschen Sie die News-Apps auf Ihrem iPhone. Verkaufen Sie Ihren Fernseher. Greifen Sie nicht nach Zeitungen und Zeitschriften, die in Flughäfen und Zügen herumliegen. Lenken Sie Ihren Blick von den Schlagzeilen ab.

Und der sehr geschätzte Walter van Rossum berichtete schon vor einigen Jahren, wie die Tagesschau “in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht”.

News is bad for you – and giving up reading it will make you happier | Media | The Guardian

Spiegel, Kampagnenjournalismus und die Militarisierung der Außenpolitik


29 Mrz

Den großen medialen Erfolg des Anti-Kriegs-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter” im Zweiten Deutschen Fernsehen hat das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” zu einer Titelgeschichte veranlasst, die sich mit der Remilitarisierung der bundesdeutschen Außenpolitik befasst und paradoxerweise Pro-Kriegs-Positionen einnimmt. Darin heißt es:

Ob aus Überzeugung oder aus Angst vor dem Wähler — unter Führung von Angela Merkel und Guido Westerwelle ist die deutsche Außenpolitik zur alten, unmündigen Unsicherheit zurückgekehrt. Die Enthaltung in Libyen, das Minimalprogramm in Mali, die Passivität in Syrien — um jeden Preis geht es darum, ein militärisches Engagement zu vermeiden.

Um Berichterstattung und die wertneutrale Vermittlung der Realität, wie es einem “Nachrichtenmagazin” ziemen würde, handelt es sich bei diesem Absatz (und dem ganzen Artikel) nicht. Was vorliegt, ist stattdessen eine Aneinanderreihung von wertenden und normatiefen Sätzen. Auch wertende Sätze enthalten natürlich beschreibende und damit empirisch nachprüfbare Bestandteile. Mit dieser Überprüfung allerdings hält der “Spiegel” sich nicht lange auf. Sonst wäre schließlich zu fragen, wie die militärischen Kampagnen in Afghanistan, in Somalia oder im Kosovo zu Demokratie und Wohlfahrt der dortigen Bevölkerungen beigetragen hätten. Und in praktisch jedem Fall wäre die Antwort wohl negativ. Was übrig bleibt, ist Kampagnenjournalismus der plumperen Sorte. Das bemerken auch die “Nachdenkseiten” und bemerken:

Der Spiegel macht sich zum Sprachrohr derjenigen, die das im Grundgesetz verankerte Prinzip einer Verteidigungsarmee umdefinieren möchte und die Bundeswehr zu einer Interventionsarmee machen will. Deutschland müsse seine wirtschaftliche Machtstellung auch militärisch wahrnehmen. Deutschland soll, wie schon einmal in den unheilvollen Kapiteln seiner Geschichte, wieder seinen „Platz an der Sonne“ anstreben und die Machtpolitik, die es wirtschaftspolitisch derzeit in Europa mit der Durchsetzung der Agenda-Politik ausübt auch militärisch einsetzen. Der Spiegel propagiert das alte Weltmachtstreben, das Deutschland schon einmal zum Verhängnis wurde.

Es liegt noch keine kommunikationswissenschaftliche Definition des Begriffs Kampagnenjournalismus vor. Es gibt zu dem intrikaten Begriff aber einige kluge, auch: journalistische Stellungnahmen. Zum Beispiel diese:

Und längst kosten auch andere als das “Drecksblatt” (“SZ”-Preisverächter Hans Leyendecker über “Bild”) die süße Frucht der Bedeutung und das bittere Gift der Anmaßung, die im Kampagnenjournalismus liegen.

Und wer hat es geschrieben? Es war Jakob Augstein in seiner Kolumne für Spiegel Online.

Wetten, dass …: Crossmarketing zwischen Spiegel und New York Times


01 Feb

“Ungelenk agierender Moderator”: Markus Lanz (Foto: Wikimedia)

Nun nimmt sich also sogar die ehrwürdige New York Times der ZDF-Fernsehshow “Wetten, dass …” an. Nicholas Kulish, der Berlin-Korrespondent der bedeutendsten Tageszeitung der Welt, fragt in einem längeren Artikel im Onlineangebot der NYT, was die Show über das deutsche Fernsehen im speziellen und über die Kultur in Deutschland im allgemeinen aussagt. Die altmodische Anmutung, alberne Spiele und ein Moderator, der eher wie ein guterzogener Schuljunge daher kommt: Altbekannte Kritiken, die letztlich nur konstatieren lassen, dass es auch im Westen nichts Neues über das in die Jahre gekommene Schlachtschiff deutscher Fernsehunterhaltung zu sagen gibt.

Interessanter ist da schon, wie Spiegel Online über diesen Artikel berichtet. Der Spiegel und die New York Times betreiben hier nämlich eine eigenartige Spielform des Cross Marketing. Im Spiegel ist zu lesen:

Kulish sieht die Diskussion über die Show als Teil einer größeren Problemlage: Warum hat Deutschland, trotz großer literarischer und filmischer Traditionen, den Anschluß an anspruchsvolle, komplexe Fernsehformate nicht geschafft?

Sieht man sich die entsprechende Textstelle im englischen Original an, ist man doch perplex. Denn die etwas grobschlächtige Analyse deutscher Fernsehkultur stammt gar nicht von Nicholas Kulish, sondern ist wiederum nur ein Spiegel-Zitat:

Der Spiegel asked in its latest issue, “Why are Germans the only ones sleeping through the future of TV?” The magazine called German programs “fainthearted, harmless, placebo television.”

Eine merkwürdige Art des Zirkel-Zitats: Der Spiegel zitiert eine Phrase der New York Times als originär amerikanische Sicht aufs deutsche Fernsehen, die in Wahrheit vom Spiegel selbst stammt. Was bleibt unterm Strich als Fazit: Die New York Times findet das deutsche Fernsehen offenbar nicht wichtig, den Spiegel hingegen schon.

 

Spiegel: Wie aus einer Info-Grafik eine Desinfo-Grafik wird


22 Nov

Nicht immer dient der Verweis auf eine Info-Grafik auch einem Mehr an Information.Das beweist das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner letzten Ausgabe in einem Artikel über gefälschte Druckerpatronen:

 

Ausschnitt: Spiegel 46/2012

Wer bei diesem Verweis damit rechnete, dass die nebenstehende Grafik dem Leser irgendeinen Mehrwert bescheren würde, sah sich getäuscht:

Ausschnitt: Spiegel 46/2012

Die Grafik wiederholt einfach nur den Text aus dem Artikel, angereichert um die Illustration einiger Geldscheine und einer Quellenangabe “GfK, eigene Recherche”. Und auch diese Quellenangabe ist eher verwirrend als erhellend. Denn eine simple Zahlenangabe wie “90% Gewinnmarge” hat man doch entweder selbst ermittelt oder eben von einem Marktforschungsinstitut übernommen, aber doch wohl kaum beides gleichzeitig.So wird aus der Informationsgrafik schon fast eine Desinformationsgrafik.

 

“Spiegel” enttarnt seine Informantin selbst


17 Sep

In der vergangenen Rubrik “Eine Meldung und ihre Geschichte” des Nachrichtenmagazins Der Spiegel ist wohl etwas schief gelaufen. Die Frau, die sich sehr gutgläubig um 11.000 Euro erleichtert sah, hatte wirklich eine recht peinliche Geschichte zu erzählen. Klar, dass sie nicht erkannt werden wollte. Und der Spiegel sicherte denn auch Informantenschutz zu:

Sie erzählt und schämt sich, nennen wir sie Saskia, sie will nicht, dass ihr echter Name auftaucht oder die Stadt, in der sie wohnt.

Aber da es in der Rubrik um andernorts veröffentlichte Meldungen geht, druckt der Spiegel auch einen Zeitungsausschnitt ab. Und da ist die Stadt, in der die Geschichte spielt, gleich zweimal deutlich zu lesen:

Ausschnitt: Spiegel 37/2012, S.51

Wer solche Informantenschützer hat, braucht keine Feinde …

Fußballeuropameisterschaft: Spiegel Online vergeigt deutschen Sieg


18 Jun

Bei einem Großereignis wie der Fußballeuropameisterschaft überschlagen sich die Ereignisse, da kann auch die Berichterstattung schon mal Kapriolen schlagen. Spiegel Online möchte gerne über den deutschen Sieg über Dänemark berichten (Ergebnis 2:1), aber die Windows-App von Spiegel Online bekommt Schluckauf und stellt es so dar:

Spiegel: Schwindel an der Zentrifuge


29 Dez

Unter der Überschrift “Schwindel am Schmelzofen” veröffentlichte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel (47/2011) einen Artikel darüber, dass die berühmte “säugende Wölfin”, Wahrzeichen der Stadt Rom und eines der Prunkstücke der kapitolinischen Museen, nicht das 2.500 Jahre alte Werk eines etruskischen Bildhauers, sondern eine Imitation aus dem Mittelalter sein soll:

Doch nun zeigt sich: Das rund drei Zentner schwere Metall ist ein Imitat. Bereits im Jahr 2006 – nach einer umfassenden Restaurierung der Skulptur – hatte die italienische Kunstgeschichtlerin Anna Maria Carruba diesen Verdacht geäußert. Eine Prüfung des Archäologen Edilberto Formigli, der sich unter andereme auf eine C-14-Datierung stützt, bestätigt das Ergebnis nun: Die Lupa stammt aus dem Mittelalter.

An dem Artikel ist doch einiges verwunderlich: Offensichtlich handelt es sich um eine Geschichte, die selbst schon angegraut ist. Das gibt der Spiegel auch unumwunden zu (“bereits im Jahr 2006″). Aktualität suggeriert er dadurch, dass es scheinbar neue Forschungsergebnisse gibt (“… nun zeigt sich …”).  Was der Spiegel allerdings unterschlägt, ist der Umstand, dass auch diese Ergebnisse alles andere als neu sind. So hat die Tageszeitung Die Welt schon im Jahr 2007 darüber berichtet. Auch der Online-Dienst Shortnews und einige andere Quellen haben diese Geschichte schon vor Jahren publiziert.

Noch etwas anderes verwundert aber am Spiegel-Artikel (und übrigens auch am Beitrag in der Welt): Die wissenschaftliche Methode, mit der dieses Forschungsergebnis erzielt worden sein soll, nämlich die sog. C14-Methode. Die Altersbestimmung anhand des Kohlenstoff-Isotops 14 hat der US-amerikanischen Chemiker Willard Libby Anfang der 1950er Jahre entdeckt, was ihm den Nobelpreis einbrachte. Ein kleiner Beitrag auf den Internetseiten der Uni Paderborn beschreibt die Methode sehr gut:

Das radioaktive Datieren basiert darauf, dass einige Holz- oder Pflanzenüberbleibsel Rückstände von Kohlenstoff 14, einem radioaktiven Isotop des Kohlenstoffs, aufweisen. Dieses Isotop wird von der Pflanze während ihres Lebens gespeichert und beginnt mit ihrem Absterben zu zerfallen. Da die Halbwertszeit von Kohlenstoff 14 sehr groß ist (ungefähr 5568 Jahre), verbleiben messbare Mengen des Kohlenstoff 14 auch noch nach vielen tausend Jahren. Libby zeigte, dass es durch eine geeignete Labormessung möglich ist, den Anteil der verbleibenden Originalmenge des Kohlenstoff 14 akkurat zu bestimmen, selbst dann, wenn nur noch ein winziger Teil der Originalmenge vorhanden ist.

Die Bestimmung funktioniert ausschließlich an organischem Material, denn nur das speichert überhaupt Kohlenstoff. Bei anorganischen Materialien, beispielsweise Metall, funktioniert die Altersbestimmung nach der C14-Methode gerade nicht. Archäologen behelfen sich bei metallischen Funden (z.B. Grabbeigaben) damit, gleichzeitig aufgespürte organische Überbleibsel zu bestimmen und auf die metallischen Fundstücke rückzuschließen. Das funktioniert aber natürlich nicht immer einwandfrei.

Wie soll nun die C14-Methode auf die kapitolinische Wölfin angewandt worden sein? Sollte die Wissenschaft hier tatsächlich eine Weiterentwicklung der Methodik gelungen sein, um auch Metalle altersmäßig zu bestimmen, wäre das für die Archäologie ein echter Durchbruch und darum auch für Journalisten eine große Geschichte wert. Doch genau darüber schweigen sich die Autoren aus. So wird mit Halbwissen eine Halbgeschichte präsentiert, die nicht Hand und nicht Fuß hat. Auf dass Romulus und Remus noch ein paar Jahrhunderte weiter säugen dürfen!

Genies nach Maßgabe des deutschen Journalismus


16 Okt

Dass Journalisten sich zwar gerne als Mitglieder der offenbar begehrenswerten Gruppe der bundesdeutschen Intelligenzija sehen, andererseits aber genau dazu nicht im mindesten zählen, wird immer dann besonders deutlich, wenn sie sich mit eben jener beschäftigen, sprich: den Versuch unternehmen, intelligente Menschen zum Thema zu machen. Besonders gerne misslingt dieser Versuch in der Wochenzeitung “Die Zeit”, die Woche für Woche wieder daran scheitert, sich einen intellektuellen Anstrich zu geben. In dieser Woche titelt man in großen roten Buchstaben “10 Genies die unser Leben verändert haben” (übrigens: diese “wir”- und “unser”-Sagerei ist nicht zu kleinsten Teilen enervierend in diesem Blatt). Wer sind also diese “Genies” nach Maßgabe der Zeit-Redakteure?

Steve Jobs
Miuccia Prada
Carl Djerassi
Karl und Theo Albrecht
Howard Schulz
Ingvar Kamprad
Joanne K. Rowling
Jamie Oliver
Mark Zuckerberg

Dass man in seligem Gedenken dem jüngst verstorbenen Computerhersteller Steve Jobs ein “Genie” hinterher ruft — meinetwegen. Aber der Rest der Liste, so voluntaristisch sie ist, gibt doch zu denken, so wenig gibt sie zu denken: Ein Möbelschreiner, zwei Lebensmittelhändler, eine Kinderbuchautorin, ein Koch? Howard Schulz ist Gründer der Kaffeehaus-Kette Starbucks: Ein Genie? Das kann wohl allen Ernstes nur behaupten, wer noch nie einen Starbucks-Kaffee getrunken hat. Nur zwei Personen auf der Liste haben Bleibendes (?) hervorgebracht, nämlich der Facebook-Programmierer Zuckerberg und der Erfinder der Anti-Baby-Pille Carl Djerassi. Ob sie deswegen gleich “Genies” sind, wäre immer noch zu diskutieren. Die anderen Namen sind nicht weiters diskutierenswert. Was sie eint, ist einzig der Umstand, es zu viel Geld gebracht zu haben. Das erfüllt nur in der Logik solcher Leute den Genie-Tatbestand, die mit dem Portemonnaie, dem Unterleib oder anderen Ausscheidungsorganen zu denken pflegen, sprich: Hamburger Pfeffersäcke. Intelligent geht anders.

Die Liste erinnert in fataler Weise an einen unsäglichen Artikel, der vor nicht allzu langer Zeit im “Nachrichten”-Magazin “Der Spiegel” zu lesen war (Heft 34/2011):

Vielosoph to go
Wie wird man zur Instanz im Mediengeschäft? Am Aufstieg Richard David Prechts zur intellektuellen Allzweckwaffe lassen sich zehn Regeln ableiten.

Ausschnitt: Wen der “Spiegel” für intellektuell hält

Richard David Precht (den ich im übrigen durchaus schätze) hat ein paar populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht, die kommerziell recht erfolgreich waren. Das alleine aber macht ihn weder zum Philosoph, noch zum “Vielosoph” oder sonstwie einer Geistesgröße (anderes dagegen vielleicht schon, aber dahin gelangt der Spiegel-Artikel erst gar nicht). Der “Spiegel” selbst bot und bietet dem Autor Precht daraufhin seine wertvollen Seiten für das an, was Spiegel-Redakteure für einen “Essay” halten, um sich dann über die Medienpräsenz ihres eigenen Autors zu echauffieren. In seligen Zeiten, in denen ein ordentliches Fremdwort unter Intellektuellen noch etwas wert war, nannte man ein solches Verhalten bigott. Eine Leserbriefschreiberin brachte es, ebenfalls im “Spiegel” (36/2011) auf den Punkt:

Bei Ihrem flott-witzig-bissigen Rundumschlag kriegen alle ihr Fett weg – man fragt sich am Ende nur, was das soll. Erst bieten Sie den typischen Mediengesichtern große Plattformen, um dann über sie herzuziehen?

Bemerkenswert am Spiegel-Elaborat war auch die großflächige Abbildung, die offenbar all jene versammelte, die die Redaktion des Magazins für intellektuell satisfaktionsfähig hält. Aber neben wem muss sich da ein intellektuelles Schwergewicht wie Jürgen Habermas abbilden lassen: Ein Fußballlehrer, eine Bischöfin, ein Talkshow-Moderator und ein Teilzeit-reaktionärer Fernsehphilosoph. Deutschland hat wirklich einige Geistesgrößen zu bieten. Gescheite, unglaublich belesene Leute, die aus ihrem enormen Wissensschatz unter Anwendung der Gesetze der Logik (und machmal auch unter Umgehung derselben) zu brillanten Schlüssen kommen. Die “Zeit”- und “Spiegel”-Redakteure könnten vermutlich lebenslänglich suchen, sie würden diese echten “Genies” nicht finden. Lebenslänglich, das heißt “bei uns” ja bekanntlich 15 Jahre. Aber anschließend sollte der deutsche Journalismus dringend in intellektuelle Sicherungsverwahrung.

Spiegel: Beim Übertreiben geblitzt worden!


28 Sep

Unter der Überschrift “Blitzende Mülleimer” hat sich das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” des populären Themas Geschwindigkeitskontrollen angenommen. Kommunen, die Blitzer aufstellen (so die nicht gerade taufrische These des Magazins), wollen nicht nur den Verkehr regulieren, sondern auch Geld verdienen. Um dies möglichst drastisch zu schildern, heißt es in dem Blatt:

Als er (sc. der Blitzer an der A2) scharfgestellt wurde, dachte Staude, das Gerät werde pro Jahr “vielleicht 15.000-mal” auslösen (…) Doch schon am vierten Tag saßen seine Leute vor 15.000 Fotos.

Und etwas weiter unten heißt es dann:

Sechs von Staudes Leuten kümmern sich um die etwas 6.500 Digitalfotos, die jede Woche hereinkommen.

Die beiden Zahlenangaben passen natürlich nicht zusammen: Wenn nach vier Tagen schon 15.000 Fotos beisammen sind, können es nicht an sieben Tagen nur noch 6.500 Fotos sein. Oder ist das eine der Spitzen- und das andere der Durchschnittswert? Man weiß es nicht.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter