Archive for the ‘Fernsehen’ Category

WDR: „Menschen hautnah“ setzt Middelhoff-Doku ab


22 Nov

Bemerkenswerter Vorgang: Die WDR-Redaktion des Portraitformats „Menschen hautnah“ hat kurz vor der Ausstrahlung den Film über den frisch aus der Haft entlassenen Manager Thomas Middelhoff aus dem Programm genommen. Zur Begründung gibt die Redaktion an, sie habe erst kurz vor der Ausstrahlung von einer vertraglichen Vereinbarung zwischen den Filmemachern und dem Protagonisten Middelhoff erfahren, derzufolge Middelhoff den Film vorab zu sehen bekommen und bei den Dreharbeiten ein Mitspracherecht gehabt haben sollte. In ihrem Facebook-Posting (siehe Abbildung) führt die Redaktion weiter aus, das vertrage sich nicht mit ihren „journalistischen Grundsätzen“.

Bildschirmfoto

Ich sehe nicht recht, was das mit „journalistischen Grundsätzen“ zu tun haben soll. Dass jemand, der in einem Film spricht, auch eine Mitsprache haben soll, scheint mir schon semantisch eine Selbstverständlichkeit zu sein. Und ich sehe auch nicht, was dagegen sprechen soll, einem Protagonisten bei einem solch intimen Format vorab den Film zu zeigen. Voraufführungen sind bei langen Formaten ja durchaus üblich: Sollen andere einen Film schon vor Aufführung sehen dürfen, nur der Protagonist nicht? Verquere Logik.

Im Printbereich ist es ja (leider) üblich, Interviews zu „autorisieren“, wobei die Texte oft völlig umgeschrieben werden. Das ist nicht wünschenswert, aber eben nichts Ungewöhnliches im Journalismus. Dass jemand eine gewisse Kontrolle über seine eigenen Äußerungen in der Öffentlichkeit haben möchte, halte ich für völlig verständlich. Gerade auch im WDR Fernsehen (für das ich 17 Jahre gearbeitet habe) kommt es bedauerlicherweise immer wieder vor, dass Menschen ihre Äußerungen in Interviews hinterher in völlig sinnentstellten Zusammenhängen wiederfinden. Und leider ist es mir in meiner Fernsehmacherzeit bei Recherchen auch immer wieder passiert, dass Menschen mit mir vor der Kamera nicht mehr reden wollten, weil schon einmal WDR-Teams bei ihnen waren und die Menschen das als traumatisches Event erlebt haben.

Eine letzte Bemerkung: Prinzipiell muss jeder Interviewpartner die vom WDR vorgefertigten „Mitwirkendenverträge“ unterschreiben. Und was der WDR da an Rechte- und Lizenzen-Buyout vorsieht, spottet jeder Beschreibung.

Macht WDR Wahlwerbung für Rechtsextremisten?


28 Apr

Im Prinzip klingt es erst einmal ganz gut, was der WDR da zur Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen veranstaltet hat:

Wir wollen (…) möglichst vollständig darüber informieren, wer sich in NRW eigentlich zur Wahl stellt. Jeder Bürger soll alle Kandidaten/innen aus seinem Wahlkreis in kurzen Videos vergleichen können.

Darum hat der WDR die 1329 KandidatInnen für einen Sitz im Düsseldorfer Landtag interviewt, und zwar standardisiert: Immer vier Minuten, immer dieselben Fragen.  Und all diese kleinen Wahlwerbespots hat der WDR auf seiner Internetseite Kandidatencheck ins Internet gestellt.

Quelle: wdr.de

Aber ist die Idee wirklich so gut? (mehr …)

Welches Medium informierte über den Türkei-Putsch?


18 Jul

Mit einem Facetime-Video soll Erdogan sich in der Nacht des türkischen Militärputsches in der Öffentlichkeit zurückgemeldet und dadurch den Putschisten das Wasser abgegraben haben. Aber stimmt das? Welches Medium hat am besten über den Putschversuch in der Türkei informiert?

„How FaceTime stopped the Turkish coup“ titelte die britische DailyMail online. FaceTime und damit ein Onlinevideosystem soll den Putschversuch in der Türkei zu Fall gebracht haben. Das „Beweisfoto“ allerdings erzählt etwas anderes:

Erdogan_used_FaceTime_to_talk_to_a_journalist

Die Reporterin hält zwar tatsächlich ein Apple IPhone mit dem Konterfei Erdogans hoch, aber wo tut sie es? Sie tut es im Fernsehen, dem türkischen Nachrichtenkanal NTV. Nach wie vor nur über das Fernsehen erzielt man die Reichweite, um eine so große Menge an Menschen, Wählern und Bürgern zu erreichen, dass man sogar einen Militärputsch aufhalten kann.

In Deutschland allerdings kamen die ersten Nachrichten nahezu in Echtzeit über das Internet und auf den Mobiltelefonen an: Wer Bekannte oder Kollegen in der Türkei hatte, der twitterte mit ihnen oder nutzte WhatsApp für neueste Informationen.

Mich selbst erreichten die ersten beunruhigenden Nachrichten in der Türkei auf dem abendlichen Semesterabschlussfest meiner Hochschule. Journalistenkollege Frank Überall war gerade von einer beruflichen Reise aus Istanbul zurückgekehrt und twitterte, was das Zeug hielt. Wir checkten die deutsche ntv-App und guckten, was englische Medien so im Netz zu berichten wussten.

Als ich mich gegen 23 Uhr nachhause begab, schaltete ich das Fernsehen an und erlebte eine Enttäuschung: Nur der deutsche Nachrichtenkanal ntv war in der Türkei live dabei. ARD und ZDF inkl. ihrer Spartenkanäle war das umwälzende Ereignis nicht einmal ein Schriftband wert. Auch der andere „Nachrichtenkanal“, N24, sendete lieber seine Dokumentation weiter, als das Programm für die Breaking News aus der Türkei zu unterbrechen.

Also doch: Online first.

Sternstunden des Onlinejournalismus


01 Jul

BildschirmfotoAch, er kann so schon sein, der Onlinejournalismus. So schnörkellos, von poetischer Tiefe, von sanfter Sprachmacht. Er kann natürlich auch so sein:

Diese Rückansicht verzückt. Doch wem gehören diese wunderschönen Rundungen? Eines ist klar, es steckt eine Blondine dahinter, die offenbar sehr mit ihrem Körper zufrieden ist. Und das kann sie auch sein, denn immerhin hat unser gesuchter Star bereits zwei Söhne zur Welt gebracht.

Zu lesen auf der Website des Nachrichtensenders ntv unter der Überschrift „Verruchter Popo-Knipser: Kate zeigt nackte Kehrseite“. Gratulation!

Nicht-Meldung: Fox-Moderator flüchtet aus Studio


14 Aug
Foto: The Heart Truth/Wikicommons

Foto: The Heart Truth/Wikicommons

„Das ist doch eine Nicht-Meldung!“ Mit diesen Worten verließ Fox-News-Moderator John Brown die eigene TV-Sendung, nachdem er einen Beitrag über Haustierzuwachs im Hause Kardashian ansagen sollte. Den Inhalt der „Nicht-Meldung“ könnte man ungefähr so wiedergeben:

Kylie Jenner, die Schwester von  Kim und Chloe Kardashian, hat ihr neues Haustier, einen Hasen, „Bruce“ genannt — wie ihren Vater Bruce Jenner, einen ehemaligen Zehnkämpfer, der sich vor einer Weile als transsexuell outete und nun den Vornamen Caitlyn trägt.

„Jeden verdammten Tag berichten wir über diese dumme Familie. Ich will das nicht mehr!“ Mit diesen Worten ließ Brown seine Kollegin Amy Kaufeldt alleine im Studio sitzen. Aus dem Hintergrund hörte man den fassungslosen Nachrichtenmann rufen:

„Es ist mir egal. Diese Familie. Diese Familie geht mit so auf den Sack! Ich halte das nicht mehr aus. Das ist doch eine Nicht-Meldung! Jeden verdammten Tag sprechen wir in unserer Show über diese verdammte Familie. Niemand interessiert sich mehr dafür.“

Während Brown sich auf seiner Facebook-Seite anschließend für den Auftritt entschuldigte, wird er von vielen Internet-Usern als Held der Medienkritik gefeiert. Denn in der Tat werden weite Teile des TV- und Online-Journalismus mittlerweile mit „junk news“ bestritten. Der Begriff leitet sich vom „junk food“, also minderwertigen Nahrungsmitteln, ab und wurde erstmals von Carl Jensen, dem Begründer des „Project Censored“, benutzt. Jensen meinte damit sensationalistische, personalisierte und gleichgeschaltete Trivialitäten, die wie echte Nachrichten daherkämen und seriös recherchierten Journalismus verdrängen würden.

Arbeitsverhältnisse im WDR


25 Mai

wdr1Weltweit gibt es immer weniger normale, unbefristete Arbeitsverträge, wie die Internationale Arbeitsorganisation ILO moniert. Der WDR berichtete in der vergangenen Woche gleich mehrfach über diese Kritik (z.B. hier, hier oder hier):

Unbefristet angestellt, mit einem Arbeitsvertrag – das ist weltweit inzwischen eher die Ausnahme. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten hat keinen Vertrag – vor allem Menschen in Entwicklungsländern. Und selbst von den 40 Prozent mit Arbeitsvertrag haben die allermeisten nur eine befristete Anstellung. Viele andere werden außerdem in eine Pseudo-Selbstständigkeit gedrängt oder müssen unbezahlte Familienarbeit machen, sagt der Chef der ILO. Durch die schlechten Arbeitsverhältnisse werden immer mehr Menschen weltweit in die Armut getrieben.

Was der WDR verschweigt: Der Kölner öffentlich-rechtliche Sender selbst macht als Arbeitgeber genau das, was in der über die eigenen Wellen verbreiteten Nachricht kritisiert wird. Produktions- und Verwaltungsmitarbeiter werden über Leiharbeitsgesellschaften angemietet, Stellen werden nur befristet vergeben und ein Heer von scheinselbständigen Freien Mitarbeitern ist für die Herstellung des journalistischen Programms zuständig. Über 1.700 WDR-MitarbeiterInnen sind sog. Feste Freie, sie haben keine festen Verträge, keine vernünftigen Arbeitsplätze, wenig Rechte, aber sie zeichnen für bald 90% des WDR-Programms verantwortlich. Die festangestellten Redakteure im WDR stellen nur äußerst selten selbst journalistische Beiträge her. Sie sind darum auch eigentlich keine Journalisten, sondern Teil des WDR-Verwaltungsapparats, denn sie verwalten das Programm, das andere, nämlich die freien Mitarbeiter, herstellen.

Sklavenähnliche Verhältnisse

Wie der neue prekäre Arbeitsmarkt aussieht, den die ILO kritisiert, und wie sklavenähnlich auch mitten in Europa, in der Bundesrepublik Deutschland, die Beschäftigungsverhältnisse aussehen können, dafür bietet die Wochenzeitung Die Zeit heftige Belege. Am Beispiel eines Versandzentrums der Weltfirma Adidas in Niedersachsen führt die Wochenzeitung vor, wie der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt Arbeitsverhältnisse wie im 19.Jahrhundert wieder eingeführt haben soll:

  • Der überwiegende Teil der Mitarbeiter sind laut Zeit Leiharbeiter und nicht Angestellte;
  • Arbeitszeiten sollen willkürlich festgelegt werden;
  • Bereitschaftszeiten sollen nicht als Arbeitszeit entlohnt werden;
  • Zählt man alle Arbeitszeiten zusammen, kommt man laut Zeit nicht mal auf den Mindestlohn;
  • Wegezeiten werden nicht bezahlt;
  • Mitarbeiter werden willkürlich entlassen.

Warum führe ich das hier an? Weil vieles an die Arbeitsverhältnisse erinnert, unter denen die Freien Mitarbeiter des WDR (und d.h. die eigentlich kreativen Köpfe) tagtäglich zu leiden haben:

  • Nacht- und Feiertagsschichten werden nicht als solche bezahlt;
  • Freie werden besonders gerne nachts und am Wochenende eingesetzt, weil „Feste“ Angestellte ja ein Recht auf die Zuschläge hätten;
  • Freie haben keine Arbeitsplätze und dürfen im Prinzip nicht einmal ein Telefon oder einen Computer im WDR benutzen (wohl gemerkt, es handelt sich um die Mitarbeiter, die journalistische Beiträge herstellen und dafür Interviews durchführen und Texte schreiben sollen!);
  • tarifliche Lohnerhöhungen werden über Jahre und Jahrzehnte (!) nicht auf die Honorare der Freien umgeschlagen;
  • Nicht nur Wegezeiten werden häufig vom WDR nicht bezahlt, selbst Reisekosten müssen Freie Journalisten, die für den WDR tätig sind, sich oft erbetteln oder bleiben darauf sitzen;
  • Auf die Einhaltung von Arbeitszeitregeln wird bei Freien Mitarbeitern fast systematisch nicht geachtet, außer wenn auch Angestellte involviert sind;
  • Freie Mitarbeiter können willkürlich vor die Tür gesetzt werden.

Die ILO kritisiert zurecht die weltweite Zunahme des Prekariats, das keine festen Arbeitsverhältnisse mehr hat. Der WDR vermeldet diese Kritik ebenfalls sehr zurecht im eigenen Programm. Aber glaubwürdig wäre der Kölner Sender nur, wenn er auch selbst diese Kritik beherzigen würde. Alles andere ist scheinheilig.

Wie pressemäßig ist die Tagesschau-App?


05 Mai

In der vergangenen Woche hat der Bundesgerichtshof (BGH) ein einschneidendes Urteil gesprochen. Geklagt hatten die deutschen Zeitungsverleger schon durch drei Instanzen gegen sie Smartphone-App der ARD-Tagesschau. Das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen und damit Gebührenfinanzierten sei zu „pressemäßig“ und würde damit die Wettbewerbschancen der privaten Zeitungsanbieter im schwierigen Onlinemarkt mindern, die nicht nur ihre eigenen Onlineangebote privat, z.B. über Werbung, finanzieren müssten, sondern auch darauf angewiesen seien, damit Geld zu verdienen.

Wie die „pressemäßige“ Ausschlachtung eines Themas durch die Redaktion ARD-Aktuell funktioniert, dafür ist der gegenwärtige Streik der Lokomotivführer ein gutes Beispiel. Neben der umfangreichen Berichterstattung in der 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau verweist Jens Riewa auf das umfangreiche Zusatzmaterial, das die Onlineredaktion tagesschau.de bereithält und das auch über die Smartphone-App verfügbar ist.

tagesschau_de_bahnstreik

Aber wer, der mit dieser kräftigen Portion Eigenwerbung auf die öffentlich-rechtliche Website geht oder die Tagesschau-App benutzt, wird noch die ebenso umfangreichen Hintergrundinformationen auf sueddeutsche.de nutzen oder sich den Bahnstreik-Ticker auf welt.de zu Gemüte führen? Im Falle Google sind hochgradig strafbewehrte Verfahren bei der EU-Kommission anhängig, wie auch Tagesschau.de zu berichten weiß, weil der amerikanische Suchmaschinenbetreiber unter Umständen seine Marktmacht ausnutzt, um eigene Internetangebote durchzusetzen. Aber was macht die Tagesschau-Redaktion mit diesem offensichtlichen Stück Crosspromotion anderes, als die eigene Marktmacht im Fernsehen auszunutzen, um das hauseigene Internetangebot zu promoten? Da kann kein privater Zeitungs- und Onlineanbieter mithalten.

NZZ: Jauch muss entlassen werden


23 Mrz
vaoufakis_stinkefinger

Screenshot: Youtube

„Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ — Goethes frommer Wunsch wird im Land der Dichter und Denker auf absehbare Zeit nicht in Erfüllung gehen. Im deutsch-griechischen Verhältnis sind, jedenfalls im Feld des Journalismus, gerade andere Körperteile angesagt. Ein ausgestreckter Mittelfinger spielt dabei eine besondere Rolle: „Muss die Geschichte des Stinkefingers in großen Teilen umgeschrieben werden?“ fragt der Berliner Tagesspiegel.

Das „Stinkefinger“-Video, das den griechischen Finanzminister in der ARD-Talkshow „Günther Jauch“  mit der vulgären Geste zeigte, hat das ein oder andere Nachspiel. Denn selbst wenn das gute Stück Video sich nicht, wie selbst Medienkritiker wie Stefan Niggemeier meinten, als „Fuckfinger-Fake“ des Comedians Jan Böhmermann herausstellte, stellt es doch  auf offenbar boshafte Weise die nonverbale Äußerung des griechischen Politikers in einen Zusammenhang, in den es weder verbal noch nonverbal gehört. „Dass Varoufakis’ Finger echt ist, macht ihn nicht weniger falsch“, bonmotisierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Die Neue Züricher Zeitung fordert nun die Entlassung Jauchs. Sein Umgang mit Varoufakis‘ Finger sei „übelster Kampagnenjournalismus“:

Zwar ist es echt (auch wenn eine Satiresendung im ZDF anderes behauptete). Aber Varoufakis’ obszöne Geste reflektiert nicht seine Meinung über Deutschland. Das kann jeder nachvollziehen, der sich im Internet die komplette Aufnahme ansieht. Auch Starjournalist Jauch hätte das tun können und müssen. Sein Beitrag ist darum kein Coup, sondern übelster Kampagnenjournalismus, der das verkorkste Verhältnis zwischen Berlin und Athen zusätzlich belastet. Die ARD sollte darum Jauch vor die Tür setzen, weil er gegen fundamentale journalistische Standards verstossen hat.

Die Forderung beruht auf zwei Missverständnissen: Zum einen, dass Jauch selbst die Entscheidung getroffen habe, den Finger-Video in genau dieser Weise in seiner Sendung zu präsentieren. Das nämlich überbewertet die Rolle, die ein Moderator gerade in einer öffentlich-rechtlichen Talksendung hat. Hinter dem Gesprächsleiter, der im Zweifel nur ein sprechender Kleiderbügel ist (was seit den Zeiten von Sabine Christiansen als Ahnherrin des Genres als ausgemacht gelten darf), steht eine Armada von Redakteuren, Chefredakteuren, Programmgruppenleitern, Wellenchefs, Programmdirektoren und was der Hierarchiestufen mehr sind, die in Zeiten von lean management nur noch öffentlich-rechtliche Sender sich leisten können. Die Forderung nach dem Abtritt Jauchs kommt damit dem Verlangen nach einer Nacht der langen Messer in den Führungsetagen der ARD gleich, was vielleicht nicht das Schlechteste wäre.

Das andere Missverständnis beruht darin, Jauch überhaupt für einen Journalisten zu halten. In Wahrheit ist er Unterhaltungskünstler, der für die ARD einen Journalisten darstellt. Aber das Primat der Unterhaltsamkeit, das er mit seiner Quizshow auf RTL ja seit Jahren offensiv nach außen trägt, hat auch für seine ARD-Talksendung Geltung. Und so ist auch die Vorführung des Finger-Films zu sehen: Es trägt zur Unterhaltsamkeit einer ansonsten staubtrockenen Sendung bei, und nur darum geht es. Dass die ARD mit einem solchen Konzept im politjournalistischen Zusammenhang sich ihr eigenes „Ground Zero“ bereiten könnte, wurde an gleicher Stelle schon vor geraumer Zeit vorausgesagt.

focus_stinkefingerIm übrigen sollten deutsche Journalisten Zurückhaltung üben, wenn sie griechischen Politikern Vorhaltungen machen möchten. In dieser Auseinandersetzung ist richtig, was bei keiner Schulhofstreiterei falsch ist, nämlich zu fragen, wer angefangen hat. Und angefangen hat eindeutig der deutsche Journalist: Es war schließlich das Magazin Focus, das 2010 den Griechen den „Stinkefinger“ gezeigt hat. Der Kampagnenjournalismus nahm da seinen Anfang und fand seinen Höhepunkt in der wochenlangen Schlammschlacht, die die Bildzeitung für ordnungsgemäße Berichterstattung hält.

Wer muss also nun entlassen werden? Alle deutschen Journalisten? Die Mitarbeiter von Hubert Burda, Axel Springer und der ARD? Oder die Zuschauer und Leser, die sich auf solcherart inkriminierenden Journalismus einlassen? Ähnlich wie, frei nach Brecht, die alte DDR-Regierung sich kein neues Volk wählen konnte, können wir uns keinen anderen Journalismus wählen — wir haben nur den einen. Aber der könnte seinen Job besser machen.

WDR: Stumpf in der Flugverbotzone


10 Okt

Liebe LeserInnen, liebe MitdiskutiererInnen, liebe Mitleidende!

Ich habe mich nach langem Nachdenken, vielen Gesprächen und einer für meine Verhältnisse unfassbar großen Zahl an Emails, die ich zu diesem Thema erhalten habe, entschlossen, den Blogeintrag zur Auseinandersetzung um eine ARD-„Story“ von Tim van Beveren und zu seinem Streit mit dem veranstaltenden Sender WDR und einiger seiner festangestellten Redakteure hier herunterzunehmen. Wer die Hintergründe dieser Auseinandersetzung nachlesen will, wird in diesem taz-Artikel und dieser Darstellung des Mediendienstes dwdl.de fündig. Es liegt dazu auch eine Darstellung des WDR vor. Die neueren Entwicklungen lassen sich auch in diesem dwdl-Artikel nachlesen.

Meine Entscheidung hat zwei Hintergründe: Der eine ist eine Abmahnung und die Aufforderung zu einer Unterlassungserklärung durch die Anwaltskanzlei von Dr. Roman Stumpf, einem der in die Geschichte verwickelten WDR-Redakteure. Ich kann dem Folge leisten, weil es mir nicht darum ging, eine einzelne Person womöglich zu „pathologisieren“ (was mir fachlich nicht zusteht, wie ich auch explizit geschrieben habe), sondern darum aufzuzeigen, dass der WDR sich zu einem System entwickelt hat, dass in seiner Grundanlage „krank“ ist. In einem solchen System sind alle, die sich darin befinden, „Opfer“, auch wenn sie womöglich auf der anderen Seite als festangestellte Redakteure „Täter“ sind, die eine Mitverantwortung dafür tragen, wie das System konkret ausgestaltet ist. Das nennt man dann wohl Dialektik. Die „freien“ MitarbeiterInnen des WDR, die mehr als 90 % des Programms herstellen, sind in diesem System immer das schwächste Glied, obwohl sie die größte Last des Programmauftrags tragen müssen. Dass der WDR als öffentliche Anstalt, die mit öffentlichem  Geld finanziert wird (und das sind jährlich Milliardenbeträge), einer besonderen öffentlichen Kontrolle und Kritik unterzogen werden darf und muss, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Der andere Grund ist, dass dies hier nicht meine Geschichte ist, sondern die des Kollegen Tim van Beveren. Hier ein neues Fass aufzumachen, scheint mir durchaus unangebracht und auch kontraproduktiv. Zumal die Geschichte jetzt ohnehin die juristische Dimension erreicht hat und keinen Nebenkriegsschauplatz mehr braucht. Tim van Beveren gehört dabei meine volle Solidarität, weil ich nur zu gut nachfühlen kann, was ihm widerfahren ist. Mir ist Ähnliches in mehr als einem Fall im WDR und mit seinen festangestellten RedakteurInnen geschehen. Und ich werde auch in Zukunft allen, die davon nichts hören wollen, weiter erzählen.

Der WDR hat, wie alle öffentlich-rechtlichen Sender, einen gesetzlichen Programmauftrag. Wer mit seinen eigenen Programmmachern so umspringt, entzieht sich selbst die Existenzberechtigung. Das wäre schade: nicht um Stumpf und seinen Sender, aber um all die exzellenten AutorInnen und JournalistInnen, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen. Ein öffentliches Programm in der Hand der Programmmacher, das wäre eine ganz große Sache. Der WDR ist davon weit entfernt.

Trau, schau, Ernst-Schneider-Preis


06 Okt
In der Mitte Intendantin Wille (MDR), links neben ihr Peter Frey (ZDF)(Foto: IHK)

In der Mitte Intendantin Wille (MDR), links neben ihr Peter Frey (ZDF)(Foto: IHK)

Was für ein unfassbarer journalistischer Zufall: Heute Abend wurden die Ernst-Schneider-Preise vergeben. Der Ernst-Schneider-Preis bezeichnet sich laut Selbstbekundung als „größten deutschen Wettbewerb für Wirtschaftspublizistik“ und wird von den deutschen Industrie- und Handelskammern vergeben. Preise, die mit einigen tausend Euro Preisgeld ausgestattet sind, werden in den Kategorien Print, Internet, Hörfunk und Fernsehen vergeben.

Der Jury in der Kategorie Fernsehen gehörten unter anderem Dr. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, sowie die Intendantin des MDR, Prof. Dr. Karola Wille, an. Im Bereich Fernsehen vergibt der Ernst-Schneider-Preis zwei Auszeichnungen, nämlich für den „Kurzbeitrag“ und die „große Wirtschaftssendung“.

Und nun stelle man sich vor, wer die Preise eingeheimst hat? Den Preis für den Kurzbeitrag hat doch tatsächlich zufällig ein Beitrag des MDR erhalten. Und wer war bei der großen Wirtschaftssendung erfolgreich? Man kann sich diesen Zufall kaum vorstellen, aber es war tatsächlich das ZDF!

Man kann sich natürlich grundsätzlich dem alten Journalistenwort anschließen,  „je preiser gekrönt, desto durcher gefallen“. Aber es grenzt doch an ein kaum machbares Wunder, mit einer einzigen Preisverleihung den Nimbus der Unabhängigkeit von gleich drei Institutionen nachhaltig zu diskreditieren. Wenn schon das Mieder der journalistischen Unschuld gelockert ist, so werden es sich die beteiligten öffentlich-rechtlichen Doktores und Professoressen gedacht haben, dann können wir doch auch gleich ganz die Hosen runterlassen und uns das Preisgeld selbst in die nun tiefsitzenden Taschen derselbigen gleiten lassen. Was uns noch etwas anderes lehrt, nämlich dass man die Hosen des Qualitätsjournalismus nur dann baggy tragen sollte, wenn man auch einen Arsch in der Hose hat. Der Arsch ist übrigens die Verlängerung des Rückrats, und das ist den öffentlich-rechtlichen Anstalten ja schon vor geraumer Weile abhanden gekommen. Anders lässt sich dieses schnöde Beispiel moralischer Korumpiertheit kaum erklären. Motto der diesjährigen Preisverleihung war übrigens: „Nicht lange reden, sondern machen!“ Man kann dem Chefredakteur des ZDF und der Intendantin des MDR nicht nachsagen, dass sie sich nicht daran gehalten hätten.

P.S.: Ich erlaube mir noch eine letzte Prophezeiung in Sachen öffentlich-rechtlicher Abgeschmacktheit — nämlich dass die Sender die Kaltblütigkeit besitzen werden und morgigen Tages Pressemitteilungen ins Lande schicken, in denen sie sich der Preise rühmen, die sie sich selbst zugeschustert haben. Die alten Römer riefen einst: Wehe den Besiegten! Hier wäre zu rufen: Wehe den Siegern!

 

 

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter