Archive for the ‘Fernsehen’ Category

Vermischtes aus den Medien


07 Aug

Was ist in der neuesten Ausgabe von “Zeit Wissen” zu lesen:

Noch immer sterben die meisten Menschen in Deutschland an einem Herzinfarkt – doch es werden weniger.

Korrekterweise müsste es doch wohl heißen: “… deswegen werden sie weniger”. Denn wenn sie sterben, können sie sich wohl kaum noch vermehren, oder?

*  *  *

Merkwürdig, da will man laut eigenem Verständnis und Redaktionsstatut “nach sozialen und liberalen Grundsätzen” arbeiten, nämlich die Süddeutsche Zeitung, Deutschlands große “gemäßigt linke Tageszeitung”, und dann gibt man eine Buchreihe unter dem Motto “Entdecken Sie den Snob in sich” heraus.

*  *  *

Jetzt wurde der Katastrophen-Fernsehsender “9live” vollends eingestellt. Das wurde aber auch Zeit.

Kein Oscar für Sarrazin-Film


29 Jul
Thilo Sarrazin/Wikimedia

Für die geplante Dokumentation des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) über die Diskussion um Thilo Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab” wird es keinen “Oscar” geben. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Der rbb hat die Produktion abgeblasen. Ursprünglich war die Produktionsfirma “Lona Media” damit beauftragt, die Folgen der Publikation in einem 455-minütigen Film darzustellen. Die Co-Autorin, Güner Balci, hat allerdings in der Zwischenzeit mit einem anderen Stückchen Fernsehjournalismus auf sich aufmerksam gemacht: Für die ZDF-Kultursendung “aspekte” zog sie mit eben dem Buch-Autor und Ex-SPD-Politiker Sarrazin durch das Ausländerviertel Berlin-Kreuzberg, wo Sarrazin ein Döner Kebap verweigert wurde. Dies war sogar der Bildzeitung eine Schlagzeile wert: “Sarrazin von Türken aus Lokal verjagt”. rbb-Sprecher Justus Demme: “Mit der Ausstrahlung des ZDF-Stücks war der Stoff für uns verbrannt”. ‘Verbrannt’ kann in diesem Zusammenhang als passende Metapher angesehen werden.

Räuberpistole in Hollywood-Manier

Was dann weiters geschah, war allerdings schon hollywoodesk: Die Produktionsfirma wollte sich den, womöglich lukrativen, Auftrag nicht entwischen lassen. Sie zog Balci von dem Projekt ab. Da die Autorin in dem bereits produzierten Material allerdings häufig im Bild auftauchte, mussten einige Einstellungen neu gedreht werden. Unter anderem ein Inteview mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Der stellt die erneute Kontaktaufnahme in seiner Zeitung so dar: “Es sei eine Katastrophe passiert. In der Firma sei eingebrochen worden, die Sarrazin-Bänder alle gestohlen”. Dies stellte sich aber ziemlich schnell als Notlüge heraus. “Lona Media”-Geschäftsführerin Nicola Graef wollte sich zu der Geschichte nicht äußern.

Medien in Deutschland nicht jugendfrei


26 Jul

Nach einer Meldung des Branchendienstes Meedia hat die Kommission für Jugendschutz (KJM) die deutschen Medien stark gerüffelt:

Eine ganze Reihe an Verstößen in Rundfunk und Internet hat die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) im zweiten Quartal 2011 festgestellt. Allein auf das RTL II-Format “X Diaries” entfielen 31 der insgesamt 47 Fälle. Die Scripted-Reality-Produktion sei wegen ihrer aufdringlichen Darstellung von Sex und Alkohol und der derb-zotigen Sprachwahl für Jugendliche unter 16 Jahren als entwicklungsbeeinträchtigend zu bewerten. Zudem rüffelte die KJM die Live-Berichterstattung von N24 über das Geiseldrama in Manila.

Den ganzen Bericht der KJM kann man hier lesen.

Eine Krähe (Bild) hackt der anderen (RTL) doch ein Auge aus


24 Jul

Foto/Montage: RTL/Bild

Sitzen im Glashaus und werfen jetzt doch mit Steinen: Die Bildzeitung liegt im Clinch mit RTL. Und das wegen der Sendung “Mietprellern auf der Spur” mit der Moderatorin Vera Int-Veen. O-Ton Bildzeitung:

Vor einer Woche zeigte RTL in der Sendung „Mietprellern auf der Spur“ die völlig verdreckte Wohnung von Familie J. aus Kalefeld. Vorwurf der Vermieterin: Die Familie soll die Wohnung beim Auszug in einem völlig verwahrlosten und verdreckten Zustand verlassen haben. Filmaufnahmen zeigen überall Dreck, Müll und Fäkalien. Mittendrin: Vera Int-Veen und Familie J., die von der Produktionsfirma in die alte Wohnung gelockt worden war.

Jetzt behaupten die ehemaligen Mieter: „Wir haben die Wohnung sauber hinterlassen. Die Produktionsfirma hat den Müll und Dreck in unsere alte Wohnung geschafft. Dafür gibt es sogar Zeugen.“ Einem Nachbarn sei sogar Geld geboten worden, damit er den Müll in die Wohnung schafft.

Eine Fernsehproduktion soll sich die Welt so gemacht haben, widde widde wie sie ihr gefällt? Das wäre ja das allerneueste. Sollte hier wirklich das Fernsehen sich die Produktionsmethoden abgeschaut haben, mit denen die Bildzeitung selbst seit Jahrzehnten auf Leser- und Bauernfang geht? Da muss das Boulevardblatt natürlich Paroli bieten, schon aus Urheberschutz-Gründen. Und dann hat Bild auch noch das heraus bekommen:

Nach der Ausstrahlung der Sendung traute sich Frau J. kaum noch auf die Straße: „Als ich die Sendung sah, wollte ich nicht mehr leben. Unser Ruf ist ruiniert.“

Dieserlei Sätze sollten Bildreportern allerdings bekannt vorkommen. Sie haben schließlich schon mehr als ein Menschenleben auf dem Gewissen. Sich darüber nun zu mokieren, hat schon fast etwas Ironisches. Eine Krähe hackt der anderen eben doch manchmal ein Auge aus.

Günther Jauch: Das große Missverständnis


27 Jun

Günther Jauch: Polit- oder Unterhaltungsjournalist?

Wann hat man es als Journalist eigentlich “geschafft”? Wenn man eine eigene Talkshow in der ARD angeboten bekommt? Oder wenn das als so relevant erscheint, dass das Nachrichtenmagazin Der Spiegel darüber ein vierseitiges Interview führt? Günther Jauch hat beides geschafft, er hat es also “geschafft”. Wirklich?

Ab dem 11.9.2011 soll der Fernsehjournalist die nach persönlich benannte Polittalkshow “Günther Jauch” moderieren. Immer sonntags, nach dem “Tatort”. ARD-Spitzen haben ihn im Vorfeld, laut Spiegel, als “Großmeister der journalistischen Unterhaltung” bezeichnet. Aber das genau ist sein größtes Problem.

Günther Jauch war nie politischer Journalist. Das von ihm moderierte TV-Magazin Stern TV war, bestenfalls, gehobener Boulevard: sensationsheischend, manchmal reißerisch, oft belanglos. Wenn Jauch sich in der Sendung mit Politik befasst hat, war dies ein Kollateralschaden anderer Angriffsziele, nämlich der möglichst großen Emotionalisierung, insbesondere durch Personalisierung aller Geschichten und Themen. Aber wenn Jauch schon kein Politjournalist ist, darf er denn wirklich als Unterhaltungskünstler gelten? Wie unterhaltsam ist Günther Jauch?

In den 80er Jahren fiel er erstmals auf: Als Sidekick in der Radiosendung von Thomas Gottschalk auf Bayern 3. Gottschalk war unterhaltsam, Jauch war der Streber. Im Fernsehen die gleiche Arbeitsteilung: Jauch durfte in “Wetten dass” Außenwetten moderieren. Der Plauderer im Studio war er nicht. Und sein guter Ruf als Moderator von “Wer wird Millionär” rührt wohl kaum von seinem Charisma her, das hat er nämlich nicht. Im Gegenteil verbindet er den Charme eines Studienrats (wenn auch eines guten) mit dem trockenen Humor eines Stammtischmitglieds, das aus gesundheitlichen Gründen auf den Genuss alkoholischer Getränke verzichtet.

Vielleicht ist es Ironie der Mediengeschichte, dass die Auftaktsendung ausgerechnet am Jahrestag der Anschläge aufs New Yorker World Trade Center (Nine-Eleven) stattfindet. Für Jauch wird sich der Ausflug in die ARD auf jeden Fall lohnen – immerhin ist er schon im Spiegel interviewt worden. Für die ARD könnte es aber ein Ground Zero werden.

ARD: Geld sparen mit Trimedialität


05 Mrz

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat einen trickreichen Weg gefunden, Geld zu sparen: Aus drei Chefredakteurs-Posten wird ein einziger gemacht.  Und damit es chique aussieht, tauft man das Ganze modern und nennte den neuen Job “trimedialen Chefredakteur”. Der Blog Flurfunk-Dresden weiß allerdings die Maßnahme richtig einzuordnen:

Trotzdem, man spart jetzt nicht nur einen Chefredakteur und schreibt groß “trimedial” drüber, weil das gut klingt. Wie viel Auswirkungen aber das neue Konzept und die Person Raue konkret auf das TV- und Radio-Programm und die Internetberichterstattung hat – das hängt sicherlich auch von der Bereitschaft der Direktoren ab, den Neuen machen zu lassen.

 

Sparzwang herrscht allerdings auch bei der ARD. Denn sein Geld möchte man bei dem öffentlich finanzierten Senderverbund anderweitig anlegen, wie Spiegel online berichtet:

Rund 54 Millionen Euro will sich die ARD den neuerlichen Kauf von Übertragungsrechten für Boxkämpfe im Ersten kosten lassen – der Vertrag würde die Jahre 2013 bis 2015 umfassen. "Mit Blick auf jüngere Zuschauer" handele es sich um "ein gutes Ergebnis für das Erste Programm", heißt es in einer Beschlussvorlage des MDR-Rundfunkrats.

Es gibt auch eine Begründung für diese immense Investition, die allerdings auch Spiegel online als “eher abenteuerlich bezeichnet:

Er diene dem "audience flow" am späten Samstagabend. Damit ist gemeint, dass populäre Sendungen einem quotenschwachen Format, das im direkten Umfeld gesendet wird, Zuschauer bescheren können. Als positives Beispiel nennen die ARD-Verantwortlichen ausgerechnet das "Wort zum Sonntag". Als 2009 die samstägliche Kurzpredigt in eine Boxübertragung integriert wurde, schrumpfte die Zuschauerzahl nur um knapp die Hälfte – auf rund 3,5 Millionen. Normalerweise verfolgen nur um die 1,7 Millionen Zuschauer die religiösen Botschaften.

Boxen ist, wenn jemand auf die Fresse kriegt. Das tut weh. Aber die ein oder andere Programmentscheidung der ARD tut auch weh.

Stefan Raue: ein trimedialer Chefredakteur für den MDR

ZDF kann lustig sein


24 Feb

Unter dem Titel “Mashup” zeigt das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) Ausschnitte aus seinem Programmvermögen, versehen mit neuen Texten, die den wahren Sinn hinter der Illusionsmaschine Fernsehen aufdecken. Aber sehen Sie selbst:

WDR Print-Plagiat wird vom Grimme-Institut lobend erwähnt


09 Feb

Im Rahmen der Preisverleihung des Bert-Donnepp-Preises für Medienpublizistik erhielten auch die Macher der Fake-Ausgabe von WDR print eine lobende Erwähnung. Die Ehrung erfolgte für das Plagiat der WDR-Hauspostille WDR print, die eine Gruppe von 50 festen und freien Mitarbeitern des Westdeutschen Rundfunks im vergangenen Herbst in hoher Auflage herausgegeben hatte. Unter dem Aufmacher “Auferstanden von den Quoten” wurden daran medienkritisch die Zustände des öffentlich-rechtlichen Programms durchleuchtet.

Der Bert-Donnepp-Preis wird vom Verein der Freunde des Adolf Grimme-Preises gestiftet und jährlich beim sog. Bergfest des Grimme-Preises verliehen. Mit ihrem „hintersinnigen Fake“, so die Begründung der Jury, hätten die Autoren einen „einfallsreichen und seriösen medienpolitischen Diskussionsbeitrag“  geleistet, der den Blick freimache auf eine mögliche Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und damit eine Denkübung leiste, „die in allen Sendern des öffentlich-rechtlichen Systems ernst genommen werden sollte“.

Grimme-Institut | Bert-Donnepp-Preisträger 2011: Weltvermittler und Welterklärer

Sterbende Medien: Nachruf auf MTV


07 Jan

MTV ist von uns gegangen. Der Musikspartensender, der immer irgendwie mehr sein wollte, als nur das, verdrückt sich aus dem frei empfangbaren Fernsehprogramm, und niemand verdrückt ob dieses Ereignisses eine Träne. Es ist ein stiller Abgang, was für einen lärmigen Musiksender doch auch bemerkenswert ist. Umso verwirrender ist die Eloge, die auf Zeit Online über das Ableben des Zappelkanals zu lesen ist:

Die Marke MTV ist eng verbunden mit dem Aufstieg der “kreativen Klasse“, in der Ökonom Richard Florida heute die treibende Kraft der Gesellschaft sieht: Musiker, Künstler, Designer, Programmierer. Der Popsender war ihr Leitmedium, inspirierend, stimulierend und irgendwie auch politisch richtig. Wer in den Achtzigern und Neunzigern den Nachmittag mit MTV verbrachte, trat hinterher auf die Straße und fühlte sich großartig, angefüllt mit den Nachzuckungen jenes Kribbelns, das die Halbstarken in den Fünfzigern spürten, der Kitzel der Veränderung. MTV zapfte den Geist von Trendsportarten und Street Art an und bediente sich junger Talente, die mit günstig hergestellten Animationsclips die Identität des Senders prägten.

Nein, so war es denn entschieden doch nicht. Rebellion war doch wohl nie die Synapse, auf der sich eine zum Megaplayer aufgeblähte Musikindustrie und eine völlig entpolitisierte Jugend trafen. Der reine kommerzielle Mainstream war es, und wer irgendwie einen eigenen Musikgeschmack entwickelt hat, der ließ MTV immer schon links liegen. Was MTV in der Gesellschaft bewirkt und womöglich auch eine Zeit lang durchgesetzt hat, das waren höchst fragwürdige New-Wave-Frisuren, bescheuert anmutende Leggings (in der Öffentlichkeit!) und der nicht ganz unbeachtliche Umstand, dass hinter all dem Exhibitionismus, der Inszenierung und dem Rumgehopse zu akrobatisch anmutenden “Tanz”-Schritten das Eigentliche, nämlich die Musik, völlig in den Hintergrund geriet. Der gesamte Rest war Marketing und Selbstapotheose, bis hin zur angeblich genuinen Videoästhetik, mit der man die Fernsehlandschaft befruchtet habe. Nein, nein, und nochmals nein: Living Camera, 360-Grad-Schwenks und wilde Schnitte, die auf filmischen Anschluss verzichteten, gab es schon lange vor MTV, bei Michael Ballhaus und bei vielen anderen. Was MTV daraus gemacht hat, war lediglich Kinderprogramm unter Kostendruck, bei dem die Ästhetik dadurch bestimmt war, dass man kein Geld für einen richtigen Kameramann hatte. Das setzte sich später bei VIVA fort und endete schließlich im Horror der Anrufsendungen und Klingeltönemassaker. Die Zeit schreibt:

Doch in den letzten Jahren waren auf Druck der Aktionäre nach und nach die Nischensendungen aus dem Programm verschwunden, der Sender degenerierte zu einer endlosen Aneinanderreihung von lärmenden Ankündigungen, Klingeltönen und Billigserien.

Die schlechtesten Musikvideos aller Zeiten

Die Website Inthe00s.com hat in der Zwischenzeit die Internetcommunity abstimmen lassen und die 25 schlechtesten Musikvideos ermittelt, die je auf MTV gezeigt wurden. Hier sind sie:

25. Spin Doctors “Two Princes” (1993)
24. Hammer “Too Legit To Quit” (1991)
23. Wilson Phillips “Hold On” (1990)
22. Chumbawamba “Tubthumping” (1998)
21. Billy Squier “Rock Me Tonight” (1984)
20. 4 Non Blondes “What’s Up” (1993)
19. Motley Crue “Without You” (1989)
18. Snow “Informer” (1993)
17. Paula Abdul “Rush Rush” (1991)
16. Warrant “Heaven” (1989) Good song, bad video
15. Crash Test Dummies “Mmm Mmm Mmm Mmm” (1994) good song, OK video
14. Aqua “Barbie Girl” (1997)
13. Journey “Separate Ways” (1983)
12. Winger “Seventeen” (1988) OK song, cheesy video
11. Wham! “Wake Me Up Before You Go Go” (1984) OK song, bad video
10. Debbie Gibson “Electric Youth” (1989)
9. Vanilla Ice “Ice, Ice, Baby” (1990)
8. Milli Vanilli “Girl You Know It’s True” (1989)
7. Gerardo “Rico Suave” (1991)
6. Daryl Hall & John Oates “Maneater” (1982) good song, OK video
5. Los Del Rio “Macarena” (1996)
4. Nelson “After The Rain” (1990)
3. Eddie Murphy featuring Michael Jackson “Whatzupwitu” (1993)
2. Chunky A “Owww!” (1993)
1. Don Johnson “Heartbeat” (1986)

Nein, ich werde MTV nicht vermissen.

Bezahlsender MTV: Fast Forward im Zeitgeistarchiv | Kultur | ZEIT ONLINE

Nicht nur zur Weihnachtszeit: Vergewaltigungen im Fernsehen


21 Dez

Die zur Zeit erfolgreichste Fernsehserie im türkischen Fernsehen heißt “Fatmagül’ün Sucu Ne?” die seit dem 16. September 2010 im türkischen Privatsender Kanal D immer donnerstags zur besten Sendezeit um 20:00 Uhr zu sehen ist. Womit “Was ist Fatmagüls Verbrechen?” punktet und fast ein Drittel aller türkischen Fernsehzuschauer vor der Mattscheibe vereint, ist: eine Vergewaltigung. Karen Krüger schreibt dazu in der F.A.Z.:

Ein Drittel aller türkischen Zuschauer versammelte sich am Abend des 16. Septembers vor dem Fernseher und schaute zu, wie drei Männer eine junge Frau namens Fatmagül vergewaltigen. Die Szene dauerte ganze vier Minuten. Sie ist seitdem tausendfach im Internet abgespielt worden. Die türkischen Kommentare lesen sich, als sei die vergewaltigte Fatmagül die Königin von Porncity.

Die Geschichte handelt von einem Mädchen vom Lande, Fatmagül, das von drei reichen Schnöseln aus Istanbul und einem Einfaltspinsel vom Lande namens Kerim drangsaliert wird. Nach der Gewalttat, die nicht nur in der Serie selbst, sondern auch in Programmtrailern rund um die Uhr den türkischen Fernsehzuschauern serviert wird, soll Kerim, der selbst zu betrunken für eine Vergewaltigung war, das Mädchen heiraten. Fatmagül wird gezwungen zu sagen, sie habe die Tat inszeniert, um ihre Affäre mit Kerim zu vertuschen. Dabei liebt sie in Wahrheit einen anderen, den Fischer Mustafa.

Die Story geht zurück auf den gleichnamigen Roman des Schriftstellers Vedat Türkali, der 1986 mit Hülya Avsar in der Hauptrolle bereits einmal verfilmt wurde. Roman und Film haben die gleiche Stoßrichtung, nämlich dass in der türkischen Gesellschaft im Falle von Vergewaltigungen die Schuld häufig beim Opfer gesucht wird. Doch von diesem Impetus blieb nicht mehr viel übrig, nachdem der Privatsender Kanal D sich des Stoffs angenommen hat. Die Kritikerin Karen Krüger:

Wären die Produzenten der Romanvorlage gefolgt, dann zeigte die Serie, wie Fatmagül, die Unschuldigste von allen, die Beschuldigte wird. Statt dessen rücken sie immer wieder Fatmagüls Vergewaltigung in den Mittelpunkt. Und befriedigen damit jene Machomentalität, die Türkali in Frage stellte und die bis heute in Frage zu stellen ist, denn Fatmagüls gibt es zu Tausenden in der Türkei. Laut einer Studie des türkischen Instituts für Sexualgesundheit haben vierzig Prozent der türkischen Frauen schon einmal Gewalt erfahren, zwanzig Prozent von ihnen sexuelle.

Was aus dem einst kritischen Anliegen der literarischen Vorlage geworden ist, erahnt man, wenn man liest, dass es mittlerweile  in Istanbul Unterwäsche zu kaufen gibt, auf denen der Titel der Serie zu lesen ist. Es soll Fatmagül-Sexpuppen geben, mit denen man zu Hause die Vergewaltigung nachspielen kann. Auch soll ein Online-Spiel existieren, bei dem die User eine Comic-Fatmagül ausziehen können. Kürzlich gar habe ein Kabarettist Fatmagüls Vergewaltigung nachgespielt: Die Täter wurden dabei als Sportler dargestellt, der Kabarettist kommentierte deren „Treffer“. Und zu unguter Letzt soll ein Computerspiel mit dem Titel „Lauf, Fatmagül, lauf!“ erschienen sein, bei dem der Spieler Fatmagül darstellt und fünf Männern entwischen soll: “Packt einer der Verfolger das Mädchen, dann fängt sie an zu schreien – Spiel zu Ende, nächster Level nicht erreicht”. Im Internet  findet sich die Vergewaltigungssequenz inzwischen auf hunderten von Seiten, allein bei Youtube haben sich mehr als dreißigtausend Nutzer das Video angesehen.

Die Fernsehserie “Fatmagül’ün Sucu Ne?” ist aber nur der Endpunkt einer Entwicklung gewalttätiger Sexualisierung des türkischen TV-Programms:

Zappt man in der Türkei durch das abendliche Fernsehprogramm, dann begegnen einem unweigerlich Frauen, die von einem Mann geschlagen werden; die von einem Mann ans Bett gefesselt worden sind; die weinen, während sich ein Mann mit lustverzerrtem Gesicht über sie beugt. Meistens sagt er unsinnige Sätze wie: „Wehr Dich nicht, ich liebe Dich“ oder „Wehr Dich nicht, gleich gefällt es auch Dir“. Das türkische Fernsehen zeigt oft und gerne Gewalt, vor allem zeigt es Gewalt gegen Frauen. Die Einschaltquoten verraten, dass die Zuschauer nichts dagegen haben. Im Gegenteil: Was sie da sehen, gefällt.

Auch wenn die Diagnose deutlich auf türkischen Machismo gepaart mit islamischer Vorgestrigkeit hindeutet, eignet sich das Beispiel “Fatmagül’ün Sucu Ne?”  nicht für den vielzitierten Kampf der Kulturen. Denn im Fernsehen anderer Länder und auch Deutschlands sieht es nicht so viel anders aus.

Nicht nur das türkische Fernsehen vergewaltigt

Manchmal wirken die Fernsehleute sogar bei der Vergewaltigung mit: Wie bei Spiegel Online zu lesen war, hat der bolivianische Sender Red Uno eine Vergewaltigung im Fernsehen gezeigt und so für landesweite Proteste gesorgt. Eine Pressevereinigung erhebt schwere Vorwürfe: Nur um eine exklusive Story zu bekommen, hätten die beteiligten Journalisten dem Opfer nicht geholfen.

Das deutsche Fernsehen vergewaltigt noch nicht selbst, aber es guckt auch gerne zu dabei. Denn die Sexualisierung des TV-Programms, und zwar des fiktionalen wie des non-fiktionalen, ist soweit fortgeschritten, dass Vergewaltigungen unter den Programmmachern zu den gesellschaftlich akzeptierten Sexualpraktiken zu zählen scheinen, mit denen man Quote machen kann.

Mit dem Film “Die Frau des Heimkehrers” versuchte die ARD bereits im Jahr 2008, Vergewaltigungen in den Kernbereich öffentlich-rechtlichen Programmauftrags zu integrieren und dem Familienunterhaltungsprogramm (Sendetermin: freitags um 20:15 Uhr) einzuverleiben. Man darf wohl als Substrat dieses Streifens nehmen, womit die Bild-Zeitung dessen Inhalt sehr zupackend beschrieben hat:

“Sie schreit, heult, wehrt sich, als er wie ein Tier über sie herfällt: ihr eigener Ehemann! Er zerreißt ihr die Bluse, schmeißt sie aufs Bett – und demütigt seine Frau zutiefst …”

Wer hier noch von Spiel-Film redet, muss selbst durchs Fernsehen schon traumatisiert sein und verdrängt haben, was Friedrich Schiller einst übers Spiel sagte, nämlich dass der Mensch überhaupt nur Mensch sei,  wo er spiele. Die im Fernsehen vorgeführten Vergewaltigungen sind aber der Ernstfall, wie Hauptdarstellerin Christine Neubauer wiederum der Bild-Zeitung zu Protokoll gibt:

„In dem Moment ist nichts mehr gespielt! Da denke ich nicht mehr: ,Wie sieht das jetzt für die Kamera aus?‘ Was zählt, ist das Gefühl für das, was geschieht. Ich erlebe dann alles, als wenn es real passiert!“

Diese Vergewaltigung wurde im Mai 2010 in der ARD wiederholt. Mit schönem Programmerfolg.

Auch das Aktenzeichen xy des ZDF übt mit Entsetzen Scherz und bemüht Vergewaltigungen für diese pikante Art der Zuschauerbindung. In der Sendung vom 05.01.2010 bekommt der Zuschauer folgendes zu sehen:

Der 18. Januar 2009, ein Sonntag: Gegen 10 Uhr, die Kirchenglocken läuten, macht sich die junge Mutter in Hostedde auf den Weg zum Bäcker. An der Derner Bahnstraße greift ein unbekannter Mann die 30-Jährige an. Mit gezogenem Messer drängt er sie in einen roten VW-Polo älteren Baujahrs. Dann fährt er los. Auf einem Parkplatz nahe des Dortmunder Hauptfriedhofs vergewaltigt er die junge Frau mehrere Male. Danach fährt der Täter sein Opfer zurück nach Hostedde und lässt es frei. Das schwere Trauma der 30-Jährigen wird erst auf der Polizeiwache deutlich. Bei ihrer Vernehmung kollabiert die junge Frau.

Man sieht die Szene förmlich vor Augen, auch deswegen, weil man an diese Form schlecht inszenierter Dokusoaps aus dem schmierigen Bereich längst gewöhnt ist. Natürlich werden Redaktion und der ausstrahlende Sender behaupten, dass die Ausstrahlung ja nur der Verbrechensbekämpfung diene und darum im Interesse des Gewaltopfers sei. Aber Dreistigkeiten dieser Art behauptet das ZDF seit 30 Jahren, wenn man Aktenzeichen xy kritisiert, und das macht es nicht besser. Denn das Fernsehen dient nie irgendwelchen Opfern (dazu wäre es auch nach den eigenen Programmgrundsätzen gar nicht berechtigt), sondern nur sich selbst und der eigenen Zuschauerquote. Und da mit “Sex sells” alleine eben in Zeiten überhaupt nichts mehr zu verkaufen ist, wo das Wort “Porno” unter Jugendlichen zum Ausdruck positiver Emphase dient, muss auch das ZDF eine Schippe drauf legen und die härtere Gangart wählen. Mit dem Zweiten vergewaltigt sich’s besser …

ARD-Tatort-Vergewaltigungen sind die schönsten

Höhepunkt in dieser Reihe fernsehprogrammatischer Tiefpunkte ist der jüngste ARD-Tatort aus München vom vergangenen Sonntag: “Nie wieder frei sein”, die Geschichte einer Vergewaltigung mit anschließender Justizposse. Dass die ARD sich vermutlich für mutig hält, womöglich sogar für ein bisschen frivol, weil der Film um 20:15 Uhr mit der Entblätterung des Vergewaltigungsopfers beginnt, obwohl es doch nur abgefeimt ist, gehört zu den erwartbaren Bigotterien von Programmverantwortlichen, denen die Geschmacksgrenzen verrutscht sind. Hätte dieser Film wirklich ein Lehrstück zum Thema “Recht ist nicht Gerechtigkeit” sein sollen, wie die Ankündigung des veranstaltenden Bayerischen Rundfunks suggeriert, dann hätte man den Drehbuchautor doch wenigstens eines der im Fernsehen so häufig angeführten “Coachings” mit einem Rechtsexperten angedeihen lassen können. Allein was diese Folge an juristischem Nonsens verbreitet, lässt einen am staatsbürgerlichen Unverständnis der Mitbürger nicht mehr Wunder nehmen. Das Königlich-bayerische Amtsgericht jedenfalls wies mehr prozessrechtlichen Sachverstand auf als diese Produktion. Aber darum ging es ja auch nicht. Es ging um den “thrill”, den Vergewaltigungen offenbar neuerdings im Fernsehen auslösen, seit man bei ARD und ZDF gerne auch wieder Zuschauer diesseits der Potenzgrenze gewinnen möchte. Und dass aus dem Spiel längst Ernst geworden ist, zeigt auch der Umstand, dass die beiden Hauptdarsteller Nemec und Wachtveitl auch nach beinahe 20 Jahren als Serienkommissare und trotz oft großartiger Sidekicks mit hervorragenden mimetischen Fähigkeiten immer noch kein Quäntchen Schauspielerei gelernt haben. Aber das verspielt sich, Hauptsache, das Vergewaltigungsopfer macht seine Sache gut. Und der traumatisierte Zustand der Zuschauerschaft bis weit in die Kritikerzunft hinein beweist sich auch darin, dass ausgerechnet die Internetseite “evangelisch.de“  den Vergewaltigungs-Tatort zum “TV-Tipp des Tages” erkoren hat:

Gerade die ersten Bilder wie auch die unverblümte drastische Wortwahl während des Prozesses lassen den ausgezeichneten Film aus Jugendschutzperspektive allerdings mindestens grenzwertig erscheinen. Und das Ende der emotional so plausiblen Geschichte wirkt etwas konstruiert. Davon abgesehen: ein herausragender “Tatort”.

Und die Filmkritiker von der Boulevardpresse stellen der vergewaltigten Schauspielerin Anna Maria Sturm (28) auch nicht die naheliegende Frage nach den etwaigen sexuellen Nöten der ARD-Programmverantwortlichen selbst, sondern danach, wie es denn so gewesen sei, nackt vor der Kamera: “Eine echte Herausforderung”, lässt die Schauspielerin durch ihre Agentin ausrichten. Immerhin lässt die Jungschauspielerin durchschimmern, dass sie genau weiß, was sie von der Lüsternheit ihrer Vertragspartner bei der ARD zu halten hat:

Sicherheitshalber hatte Anna Maria vertraglich geregelt, dass nicht zu viel Intimes zu sehen war.

Nota bene: Da ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen angekommen, dass, wer sich ihm beruflich nähert, sich einen Kernbestand an Intimität schon vertraglich zusichern lassen muss. Wen wundert’s da noch, dass ein Thema wie der Strafprozess gegen einen mutmaßlichen Vergewaltiger, den ARD-Wetterjournalisten Jörg Kachelmann, auf den fruchtbaren Boden “zeitgemäßer” journalistischer Aufarbeitung fällt: Als Sensationsposse. Und wenn die ARD sich hier auch, anders als andere Medien, eine Zurückhaltung auferlegt, weil sie gegenüber dem Schweizer Wettermann noch zu einem Gefühl fähig ist, dass sie für sich selbst längst abgeschrieben hat, nämlich Scham,  kann sie doch das Mausen nicht lassen, eine ganze lange “Anne Will”-Sendung lang: „Justiz-Alltag oder Promi-Pranger?“wird am 02.08.2010 in der ARD gefragt. Man belässt es aber bei der Frage. “Ein Urteil oder eine Antwort auf die Frage des Abends liefert Wills Fernsehgericht nicht”, konstatiert auch die Süddeutsche Zeitung. Denn dass Journalisten Fragen stellen, um Antworten zu erhalten, diese Zeiten sind auch in der ARD passé. Hauptsache, man hat darüber geredet. Über die Vergewaltigung. Aufklärung für Abgeklärte.

Küssen verboten im türkischen TV

Zurück zur türkischen Erfolgsserie “Fatmagül’ün Sucu Ne?”  Türkische Frauenorganisationen und Kolumnisten haben kritisiert, dass „Was ist Fatmagüls Verbrechen?“ die Vergewaltigung legitimiere. Sie forderten, die Serie einzustellen, blieben aber bisher erfolglos. Die Fernsehaufsichtsbehörde sieht Handlungsbedarf woanders:

Im Mai verwarnte sie einen Fernsehsender wegen einer Parfümwerbung, in der eine sich auf einer Yacht im Bikini sonnende Frau einen Mann in Badehose küsst. Das sei obszön, urteilte die Behörde und erinnerte daran, dass nichts gesendet werden darf, was die mentale Entwicklung von Minderjährigen beeinträchtigt – Vergewaltigung gehört offenbar nicht dazu. (F.A.Z.)

Der “Kampf der Kulturen” schmilzt hier zusammen auf mikroskopisch kleine Unterschiede in der Grenzziehung medialer Freizügigkeiten. Man erinnere sich nur an die Aufregungen über den ersten schwulen Fernsehkuss in der Lindenstraße. Die türkische Frauen- und Familienministerin Selma Aliye ist berühmt geworden durch ihre Aussage, Homosexualität sei eine Krankheit. Nun hat sie in der Türkei das Küssen in Fernsehserien als unmoralisch kritisiert. In Sachen Bigotterie kann sie es mit deutschen Fernsehprogrammatikern aufnehmen. Gefragt nach ihrer Lieblingssendung, soll die AKP-Ministerin geantwortet haben: „Tal der Wölfe“. Das ist jene ultranationalistische Serie, in der in jeder Folge die Fäuste fliegen. Und in der auch vergewaltigt wird.

Türkische Fernsehserie: Wehr dich nicht, gleich macht es dir Spaß – Fernsehen – Feuilleton – FAZ.NET

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Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter