Arbeitsverhältnisse im WDR

25 Mai

wdr1Weltweit gibt es immer weniger normale, unbefristete Arbeitsverträge, wie die Internationale Arbeitsorganisation ILO moniert. Der WDR berichtete in der vergangenen Woche gleich mehrfach über diese Kritik (z.B. hier, hier oder hier):

Unbefristet angestellt, mit einem Arbeitsvertrag – das ist weltweit inzwischen eher die Ausnahme. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten hat keinen Vertrag – vor allem Menschen in Entwicklungsländern. Und selbst von den 40 Prozent mit Arbeitsvertrag haben die allermeisten nur eine befristete Anstellung. Viele andere werden außerdem in eine Pseudo-Selbstständigkeit gedrängt oder müssen unbezahlte Familienarbeit machen, sagt der Chef der ILO. Durch die schlechten Arbeitsverhältnisse werden immer mehr Menschen weltweit in die Armut getrieben.

Was der WDR verschweigt: Der Kölner öffentlich-rechtliche Sender selbst macht als Arbeitgeber genau das, was in der über die eigenen Wellen verbreiteten Nachricht kritisiert wird. Produktions- und Verwaltungsmitarbeiter werden über Leiharbeitsgesellschaften angemietet, Stellen werden nur befristet vergeben und ein Heer von scheinselbständigen Freien Mitarbeitern ist für die Herstellung des journalistischen Programms zuständig. Über 1.700 WDR-MitarbeiterInnen sind sog. Feste Freie, sie haben keine festen Verträge, keine vernünftigen Arbeitsplätze, wenig Rechte, aber sie zeichnen für bald 90% des WDR-Programms verantwortlich. Die festangestellten Redakteure im WDR stellen nur äußerst selten selbst journalistische Beiträge her. Sie sind darum auch eigentlich keine Journalisten, sondern Teil des WDR-Verwaltungsapparats, denn sie verwalten das Programm, das andere, nämlich die freien Mitarbeiter, herstellen.

Sklavenähnliche Verhältnisse

Wie der neue prekäre Arbeitsmarkt aussieht, den die ILO kritisiert, und wie sklavenähnlich auch mitten in Europa, in der Bundesrepublik Deutschland, die Beschäftigungsverhältnisse aussehen können, dafür bietet die Wochenzeitung Die Zeit heftige Belege. Am Beispiel eines Versandzentrums der Weltfirma Adidas in Niedersachsen führt die Wochenzeitung vor, wie der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt Arbeitsverhältnisse wie im 19.Jahrhundert wieder eingeführt haben soll:

  • Der überwiegende Teil der Mitarbeiter sind laut Zeit Leiharbeiter und nicht Angestellte;
  • Arbeitszeiten sollen willkürlich festgelegt werden;
  • Bereitschaftszeiten sollen nicht als Arbeitszeit entlohnt werden;
  • Zählt man alle Arbeitszeiten zusammen, kommt man laut Zeit nicht mal auf den Mindestlohn;
  • Wegezeiten werden nicht bezahlt;
  • Mitarbeiter werden willkürlich entlassen.

Warum führe ich das hier an? Weil vieles an die Arbeitsverhältnisse erinnert, unter denen die Freien Mitarbeiter des WDR (und d.h. die eigentlich kreativen Köpfe) tagtäglich zu leiden haben:

  • Nacht- und Feiertagsschichten werden nicht als solche bezahlt;
  • Freie werden besonders gerne nachts und am Wochenende eingesetzt, weil „Feste“ Angestellte ja ein Recht auf die Zuschläge hätten;
  • Freie haben keine Arbeitsplätze und dürfen im Prinzip nicht einmal ein Telefon oder einen Computer im WDR benutzen (wohl gemerkt, es handelt sich um die Mitarbeiter, die journalistische Beiträge herstellen und dafür Interviews durchführen und Texte schreiben sollen!);
  • tarifliche Lohnerhöhungen werden über Jahre und Jahrzehnte (!) nicht auf die Honorare der Freien umgeschlagen;
  • Nicht nur Wegezeiten werden häufig vom WDR nicht bezahlt, selbst Reisekosten müssen Freie Journalisten, die für den WDR tätig sind, sich oft erbetteln oder bleiben darauf sitzen;
  • Auf die Einhaltung von Arbeitszeitregeln wird bei Freien Mitarbeitern fast systematisch nicht geachtet, außer wenn auch Angestellte involviert sind;
  • Freie Mitarbeiter können willkürlich vor die Tür gesetzt werden.

Die ILO kritisiert zurecht die weltweite Zunahme des Prekariats, das keine festen Arbeitsverhältnisse mehr hat. Der WDR vermeldet diese Kritik ebenfalls sehr zurecht im eigenen Programm. Aber glaubwürdig wäre der Kölner Sender nur, wenn er auch selbst diese Kritik beherzigen würde. Alles andere ist scheinheilig.

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5 Responses

  1. Traurig sagt:

    Darüber bin ich ganz und gar nicht verwundert, wenn ich lese, dass der WDR Millionen von Euro für die Finanzierung des Rentnerdaseins von Tommy Gottschalk in Malibu ausgegeben hat. Dann bleiben halt für die eigentlichen Programmmacher nur noch Peanuts übrig. Das ist der Öffentliche-Rechtliche Rundfunk in Deutschland!

  2. Roland B sagt:

    Der WDR hat eine Quelle wiedergegeben die über einen Missstand berichtet, ich sehe vom WRD keine Interpretation und keine Kritik an diesem Missstand im Sinne eines erhobenen Zeigefingers. Wenn der WDR auf Journalisten zurückgreift die freie Mitarbeiter sind, ist das sicher kein neuer Trend um den es in der Berichterstattung ging, sondern eine Geschäftspraxis die wahrscheinlich so alt ist wie eben die öffentlich rechtlichen Sender selbst. Jeder der sich für den Journalistenberuf entscheidet weiss das. Gegen Nichterstattung von Fahrtkosten und weiteren Spesen ist nichts einzuwenden, wenn denn das Honorar was bezahlt wird hoch genug ist um das auszugleichen desweiteren ausreicht, um dem freien Mitarbeiter es zu ermöglichen davon anteilig Sozialversicherung zu bezahlen, eine Rücklage für einen Jahresurlaub und „saure Gurkenzeit“anzulegen und natürlich Steuern zu bezahlen. Wenn das nicht geht muss man dem WDR anlasten dass er zu geringe Honorare anbietet, sonst nichts. Jeder selbständige Arzt, Rechtsanwalt, Krankengymnast oder Landschaftspfleger errechnet so oder so ähnlich sein Honorar, ein freier WDR Mitarbeiter sollte das auch können. Prekäre Arbeitsverhältnise bei den WDR Gebäudereinigern, Hausmeister, Pförtner, technischem Personal ec. muss man allerdings davon unterscheiden, in diesen Berufsgruppen bereitet das „Honorar Selbstmanagement“ für die erbrachten Dienstleistungen den Leuten oft grosse Probleme, hier würde ich tatsächlich sagen ein prekäres Arbeitsverhältnis für diese Leute ist nicht ok.

    • hektor sagt:

      Lieber Roland B, vielen Dank für die ausführliche Zuschrift. Dass der Journalismus eine freier Beruf ist und darum auch viele freiberufliche Beschäftigungsverhältnisse birgt, ist das eine. Etwas anderes ist es, Leute als „Selbständige“ zu beschäftigen, sie aber im Binnenverhältnis wie Angestellte zu behandeln, nur leider wie Angestellte zweiter oder dritter Klasse. Das nennen wir Scheinselbständigkeit und es ist vermutlich illegal. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk damit seit Jahrzehnten durch kommt (ähnlich übrigens wie die öffentlichen Hochschulen mit ihren Ketten-Fristverträgen), hat Gründe, über die man hier lange spekulieren könnte. Im übrigen handelt es sich um das Kerngeschäft einer Rundfunkanstalt (für das auch ein gesetzlicher Auftrag besteht), das hier weitgehend in die Hände von sogenannten Freiberuflern gelegt wird. Und es fraglich, ob der wesentliche Bestimmungszweck einer solchen Anstalt wirklich in dieser Form outgesourcet werden darf oder sollte.

    • RB sagt:

      Lieber Roland B., schöner Kommentag nur leider ziemlich fehlerhaft. Es gibt Tarifverträge für die freien Mitarbeiter, daran muss sich auch der WDR halten. Viele öff-rechtl. Anstalten umgehen aber tarifvertragsliche Vereinbarungen und arbeitsrechliche Vorschriften. Mit Rechtsanwälten oder selbständigen Ärzten ist das Honorarsystem abenfalls nur schwer vergleichbar. Selbstsändige Ärzte sind nicht dem Wettbewerb ausgesetzt. Es gibt keine Niederlassungsfreiheit, wenn ein Facharzt 6 Wochen Urlaub macht, kann er sicher sein, dass seine Praxis danach wieder voll ist, weil es kaum Konkurrenz gibt. Rechtsanwälte haben neben Ihren Gebührenordnungen die Möglichkeit Beratungshonorare frei zu verhandeln.
      Also bitte erst recherchieren und nachdenken, dann schreiben. Danke

  3. Josefine sagt:

    Dem sei nur hinzugefügt: Gleiches ist gängige Praxis in allen anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten der ARD.

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