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Die „Bunte“ wird schwarz-weiß


06 Sep

Den Colorismus kann man als die journalistische Krankheit bezeichnen, bei der ein doch vor allem grauer Alltag in überwiegend regenbogenbunten Farben dargestellt wird. Deswegen spricht man auch von Regenbogenpresse. Das Klatschblatt „Bunte“ aus dem Burda-Verlag ist da, nomen est omen, ein besonderer Patient. Die Selbstheilungschancen gehen bei diesem Leiden gegen Null. Nur starke externe Therapie vermag für eine Weile Remedur zu schaffen. Die Online-Ausgabe der „Bunte“-Ausgabe der vergangenen Woche war jedenfalls alles andere als bunt, sondern vielmehr großflächig weiß:

Eine weiße "Bunte" (Screenshot: Bildblog)

Eine weiße „Bunte“ (Screenshot: Bildblog)

Ursprünglich soll, laut Bildblog, eine Titelgeschichte über Bundespräsident Joachim Gauck und einen vermeintlichen Familienkrach geplant gewesen sein. Doch offenbar ist der Präsident juristisch gegen diese „Berichterstattung“ vorgegangen. Auch im Innenteil des Blattes ist nämlich die Farbe abhanden gekommen. Gleich vier Seiten der „Bunten“ sehen stattdessen so aus:

"Bunte" goes black (Screenshot: Bildblog)

„Bunte“ goes black (Screenshot: Bildblog)

Dass die „Bunte“ gesundheitliche Probleme mit der Sprache, der Wahrheit und überhaupt dem Journalismus hat, ist von kritischen journalistischen Notfallpraktikern schon wiederholt diagnostiziert worden. Allein im laufenden Jahr musste die „Bunte“ schon in zehn Fällen Artikel schwärzen. Bildblog stellt fest:

 Zu ihren Opfern gehörten allemöglichen Promis, von Lukas Podolski über Corinna Schumacher und die monegassische Fürstenfamilie bis hin zu Katrin Göring-Eckardt.

Neben Gauck hat auch der Schauspieler Martin Simmelrogge aktuell eine Gegendarstellung erwirkt, die zeigt, wie sehr die Redaktion der „Bunten“ an der Wahrheit und all dem Gedöns laboriert:

Bunte Gegendarstellung (Screenshot: Martin Semmelrogge)

Bunte Gegendarstellung (Screenshot: Martin Semmelrogge)

„Alles so schön bunt hier“, sang einst Nina Hagen. Im Falle der Pöblikation „Bunte“ ist es noch schöner, wenn alles mal schwarz-weiß bleibt.

Jetzt wird mir’s aber zu bunt: Sprachakrobatik in der „Bunten“


30 Jan

Dass es in der Klatschpostille „Bunte“ (pardon, man sagt ja jetzt „People-Magazin“ …) bunt zugehen darf, legt der Name ja irgendwie nahe. Aber es kann natürlich auch zu bunt sein. Oder handelt es sich bei dem Artikel über die Jacobs-Kaffee-Erbin Louise Jacobs, der auch online zu finden ist, um einen genialen Kunstgriff? Immerhin gesteht die Erbin darin unter anderem ihre Legasthenie. Soll womöglich diese schwerwiegende Rechtschreibschwäche im Sinne eines orthographischen Parallelismus im vollends verrutschten Deutsch der „Bunten“ feinsinnig nachgebildet werden? Schau mer mal!

Wenn man Bilder von Louise Jacobs (30) in der Presse sieht, dann blickt man in das Gesicht einen hübschen, jungen Frau mit strahlenden Augen und kurzen, braunen Haaren.

Nun ja, „das Gesicht einen (sic!) hübschen, jungen Frau“ kommt natürlich vorderhand ziemlich grobschlächtig daher. Subtiler ist da schon das überflüssige Komma zwischen „hübschen“ und „jungen“. Hier deutet sich ein durchgängiges Gestaltungsprinzip der „Bunte“-Autoren an, die den Kommaregeln der deutschen Sprache mit grundsätzlicher Verachtung begegnen. Der klotzige Grammatikfehler überdeckt auf markante Art und Weise eine in sublimer Manier verrutschte Ausdrucksweise. Denn  erst mal blickt man bei der Betrachtung von Bildern ja nicht in Gesichter, sondern auf Fotos.

Doch hinter der Fassade kämpft die 30-Jährige Enkeltochter …

Sie kämpft hinter der Fassade, will sagen: nicht auf der Vorderbühne, im Park oder vor dem Dienstboteneingang. Dass „30-Jährig“ selbstverständlich nicht groß geschrieben wird, ist ein kleiner globalisierungskritischer Seitenhieb auf die imperialistischen Groß- und Kleinschreibungs-Regeln Marke Duden.

… von Kaffee-Unternehmer Walter J. Jacobs nach wie vor mit den schweren Erinnerungen an ihre Kindheit.

Oder: Mit den Erinnerungen an ihre schwere Kindheit? Schon hier deutet sich dem aufmerksamen Leser an, dass mit feinstem Skalpell Hand an die deutsche Sprache gelegt werden soll. Wahre Stilkunst!

 In einem Interview mit der „BILD am Sonntag“ erzählt die Mutter von einem Sohn …

Wovon soll die Mutter auch sonst erzählen, wenn nicht von einem Sohn?

… offen über die fehlende Akzeptanz in ihrer Familie.

Ach so. Aber nicht nur von Söhnen erzählt die Mutter der Akzeptanz, sondern auch von ihrer Legasthenie und damit verbundenen Therapiesitzungen.

 „In der Gesellschaft, in der ich steckte gab es nur Aufstieg.“ Sie selbst war mit neun Jahren jedoch noch in der zweiten Klasse.

Sehr subtil wird hier mit dem fehlenden Komma hinter „steckte“ gerade die Rechtschreibschwäche nachgezeichnet, von der ja auch die Rede ist. Mit einem brillanten Kunstgriff deutet die „Bunte“ dann aber noch eine aufkommende Arithmasthenie an. Das ist Rechenschwäche, die sich hier in der eigenartigen Berechnung der Grundschulzeit der Kaffee-Erbin ausdrückt. Mit neun Jahren in der zweiten Klasse — klingt das wirklich so katastrophal? Wenn man mit sieben Jahren eingeschult wird, schafft man das unter Umständen sogar völlig regulär, ganz ohne Sitzenbleiben.

So verletzlich habe sie sich aufgrund der fehlenden Akzeptanz gefühlt, dass Sie nach eigenen Angaben hoffte, ihren Ausweg darin zu finden, sich wie ein Junge zu benehmen.

Ein wunderbar legasthenischer Schachtelsatz. Jedem Schüler der Burda-Journalistenschule würde der spätestens in der zweiten Klasse ausgetrieben. Aber als Stilmittel: wunderbar. Anders kann man auch die präpositional eingeleitete Nominalkonstruktion mit der „fehlenden Akzeptanz“ nicht klassifizieren. Bei so viel sprachlichem Feingefühl geht es dem ein oder anderen Leser womöglich durch, dass die Kaffeebohnenerbin sich vermutlich eher „verletzt“ als „verletzlich“ gefühlt haben wird. Und dann noch dieses völlig deplatzierte „nach eigenen Angaben“: Nach wessen Angaben denn sonst? Herrlich! Schließlich noch das großgeschriebene „Sie“ — stilsicherer lässt sich die Sprache nicht verhunzen.

Die Haare wurden abgeschnitten, die Skaterhosen avancierten zu ihrem Lieblingsteil und sie fuhr Skateboard und raufte sich.

Wie machen die bei der „Bunten“ das bloß? Passivisch statt aktivisch formulieren, aus einer „Hose“ ein „Teil“ machen und dann noch mit einer asyndetischen Reihung (durch Kommata getrennte Satzglieder) beginnen und mit einer syndetischen Reihung (angedeutet durch die herrlich deplatzierten doppelten „und“) enden: Das unterläuft spielend jeden Schwellenwert mangelhafter Sprachbeherrschung. Das muss man wirklich erstmal schaffen. Aber das wahre Husarenstück kommt erst noch:

Erst die Flucht über den Ozean brachte Erleichterung. (…) So schwer belastet sie die Situation, dass sie sich in die Magersucht flieht.

Um die Bravour der „Bunte“-Schreiber anzudeuten, habe ich mir erlaubt, den größeren Teil dieses langen Abschnitts auszulassen. Man beachte: Einen Absatz mit „brachte Erleichterung“ zu beginnen, um ihn mit „Magersucht“ zu beenden — das macht der „Bunten“ vermutlich keiner nach. Das schlägt dem Fass so sehr die Krone ins Gesicht, dass darüber andere sprachliche Finessen des Abschnitts fast unterzugehen drohen. Zum Beispiel diese:

„Für den Menschen den ich liebte wollte ich Gedichte schreiben.“

Die Legasthenikerin sehnt sich nach dem Gedichteschreiben. Das hat in all seiner Tragik fürwahr Shakespeare’sches Format. Der dramaturgische Hammer verdeckt aber fast wieder die feine Feder der People-Journalisten. Haben Sie es gemerkt? Zwei Kommata wären hier nötig, kein einziges ist da. Und das Ganze in Anführungszeichen als wörtliches Zitat der ohnehin legasthenischen Bohnenerbin unterzujuxen, das macht … äh … sprachlos.

 Als Sie Mitte 2000 wieder nach Hause zurück in die Schweiz kommt, wiegt Louise gerade noch 39 Kilo, wie sie erzählt.

Von dem Gewicht wird vermutlich eher die Waage künden als die Erbin.

Da Sie noch nicht volljährig ist, hätten ihre Eltern durchgegriffen und sie in die psychiatrische Klinik „Littenheid“ in St. Gallen eingewiesen.

Noch so eine sprachliche Feinheit, die bei flüchtigem Lesen fast untergeht: Mit Indikativ beginnen („ist“) und dann mit Konjunktiv fortfahren („hätten“). Wie wussten schon die alten Griechen: Wenn du schweigen getan hättest, dann hättest du Philosoph geblieben haben tun.

Erst als sie die 50 Kilo Grenze erreicht ist darf Sie die „Klapse“, wie sie das Klinikum nennt, verlassen.

Ich schwöre es: Ich habe nichts hinzuerfunden und nichts weggelassen. Hier waltet ausschließlich das sprachliche Schicksal in Gestalt von „Bunte“-Journalisten. Mal davon abgesehen, dass der Türkentrunk-Erbin das Passieren der Schweizer Grenze eher angeraten gewesen wäre als das Erreichen der „50 Kilo Grenze“, und auch mal abgesehen von dem neuerlich fehlenden Komma und dem wiederum großgeschriebenen „Sie“: Eine Formulierung wie „Erst als sie die 50 Kilo Grenze erreicht ist“ sucht auch in der an sprachlichen Fehltritten nicht armen deutschen Presselandschaft ihresgleichen. Hier sind so viele Grenzen auf einmal überschritten worden, dass der Fall der Mauer gegenüber den grammatischen Grenzüberschreitungen der „Bunten“ wie der Schulbubenstreich eines neunjährigen Zweitklässlers  aussieht. Meisterhaft!

Wer nun denke, dies sei unüberbietbar, hat die Rechnung ohne Burdas „Bunte“-Schreiber gemacht. Die haben sich nämlich für das Finale einen echten Paukenschlag übriggelassen. Und der klingt so:

Louise macht ihr Abitur (…). Aber dann erkennt Sie (sic!) ihre wahre Passion. Sie fängt an zu schreiben.

Mir schwirrt der Kopf. Die legasthenische Kaffeedynastin baut dann doch irgendwie ihr Abitur, und das offenbar ohne jede Schreibkenntnis. Denn dieses ihr Schreiben fängt ja erst an, NACHDEM sie Deutschlands höchsten Schulabschluss absolviert hat. Die „Bunte“ macht mich fassungslos.

Mittlerweile hat Sie (sic!) mit 335 Seiten ihr drittes und persönlichstes Buch fertiggestellt.

Wahre Artistik zeigt sich ja stets darin, immer noch einen oben draufzusetzen. Andere, berühmte Schriftsteller vor Frau Jacobs haben es ja anders getan: Günter Grass hat mit der „Blechtrommel“ sein „persönlichstes Buch“ geschrieben. Fernsehkoch Jamie Oliver hat vielleicht mit „Meine hundert besten Rezepte“ sein „persönlichstes Buch“ geschrieben. Aber  Louise Jacobs hat, jedenfalls nach Ansicht der „Bunte“-Redaktion, mit „335 Seiten“ ihr persönlichstes Buch geschrieben. Und das als Legasthenikerin. Alle Achtung!

Die Bunte pöbliziert weiter


08 Jul

Die „Bunte“ pöbliziert weiter: Diesmal trifft den Jauchestrahl aus dem Hause Burda die Hollywood-Schauspielerin Meg Ryan. Überschrift über die pennälerhafte Pöblikation: „Iiih! Was ist nur mit ihren Armen passiert?“ In den 90ern habe sie, so die „Bunte“, ja einen hohen „Niedlichkeitsfaktor“ besessen und ihre Fans „verzaubert“. Jedoch:

… die Zeiten, in denen sie mit ihrem sanften Augenaufschlag und ihrem süßen Gesicht alle um den Finger wickeln konnte, sind leider lange vorbei. Zu viel Zeit ist vergangen, zu viel Botox in Megans Gesicht gespritzt worden. Und nicht nur die Gesichtszüge der heute 49-Jährigen laden zum Gruseln ein – auch ihre Arme sorgen dafür, dass uns kalte Schauer über den Rücken laufen.

Zum Gruseln ist vor allem diese Prosa, die einem wahrlich das Blut im Schlagarm gefrieren lässt. Für die Bildzeitung hat ihr Chef Mathias Doepfner ja reklamiert, Wer mit ihr im Aufzug nach oben fahre, der fahre auch mit ihr im Aufzug nach unten. Das jedoch kann diese Poblikation für sich nicht in Anschlag bringen: Wer sich von ihr nach oben schreiben ließe, landete immer noch in der alleruntersten Schublade. Aus Hintergrund wird bei der „Bunten“ Untergrund:

Beim Spaziergang mit ihrem Lover John Mellencamp (59) durch Paris zeigte sich Meg Ryan nun in einem sommerlichen Kleidchen. Eigentlich kein Verbrechen. Doch dass sie dabei ihre hageren, mit Adern übersäten Arme entblößte, grenzt schon fast an eines.

Oh nein, ein Verbrechen sind diese Zeilen, der Verrat an der Sprache und der Mißbrauch des Journalismus.

Denn die dicken Adern, die deutlich unter der dünnen Haut hervortreten, sind wirklich kein schöner Anblick. Und das gilt nicht nur für die Arme. Auch auf Meg Ryans Beinen zeichnen sich nur allzu deutlich große Adern ab.

Wenn einer der mißratenen Zöglinge der Hubert-Burda-Journalistenschule mal in die Tiefe recherchiert, landet er bestenfalls bei den Beinen einer sommerlich gekleideten Schauspielerin. Zu mehr Tiefgang sind die Poblizisten der „Bunten“ nicht in der Lage: Es ist, um im Bilde zu bleiben, Journalismus, der im Arsch ist.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter