Archive for the ‘Zeitung’ Category

Himmel und Hölle des Journalismus


05 Okt

“Die Hölle, das sind die anderen”, hat Sartre einst in seinem Theaterstück “Geschlossene Gesellschaft” geschrieben. Die Hölle für (freie) Journalisten, das können Redaktionen sein, die durch unmögliche Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung oder krasse Verstöße gegen das Urheberrecht auffallen. Die “Freischreiber”, ein Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, hat nun den “Himmel und Hölle”-Preis ausgelobt. Ausgezeichnet sollen solche Redaktionen werden, die sich an den von den “Freischreibern” selbst konzipierten “Code of Fairness” halten (“Himmel”) oder eben in besonders krasser Form dagegen verstoßen (“Hölle”):

Es gibt Gründe, warum Redaktionen freien Journalisten wie der Himmel vorkommen – und ebenso Gründe, warum andere nicht. Wie sich der Berufsverband Freischreiber eine gute Zusammenarbeit vorstellt, hat er kürzlich im Code of Fairness beschrieben.

Der Himmel für Freie Journalisten ist nach Meinung der “Freischreiber” (die Nominierten werden in einem Online-Voting ermittelt) in den Redaktionen von P.M. Magazin, Brand eins und Enorm verwirklicht. Die Journalistenhölle dagegen sollen die Redaktionen von Für Sie, Neon und Spiegel Online sein. Anders als im “Himmel” gibt es für die “Hölle”-Kandidaten keine Begründung, dafür aber eine metaphorische Geschichte, die den Alltag von Journalisten in betreffenden Redaktionen darstellen soll:

Ich hatte einen Traum. Ich war in der Hölle. Das Neonlicht flackerte. Eine Horde Redakteure kam auf mich zugerannt. “Gib uns deine Themen”, riefen sie. Ihre Gesichter kamen mir bekannt vor. Sie entrissen mir meine Papiere und brachten sie dem Chefredakteur, der mit einem Dreizack an einer langen Tafel thronte. Er liess sich meine Themen vorlesen und schrie seinen Redakteuren zu: Diese Geschichte machst Du. Diese Du. Für mich war keins meiner Themen übriggeblieben.
Ich rannte in den nächsten Raum. Der Raum war fast leer. Nur an den Wänden Regale, auf denen Diät Bücher standen. An den Wänden hingen Bilder der Jahreszeiten. Auf dem Bildschirm sah ich einen Text. Darüber mein Name. Das Thema kam mir bekannt vor. Der Text nicht. War wirklich Claudia Schiffer die neue Königin von Sansibar? »Hier werde ich bis zu meinem Lebensende wohnen«, sagte sie. Ich hatte nie mit ihr gesprochen.
Entsetzt wandte ich mich ab. Im nächsten Raum ging es hektisch zu. Redakteure saßen an ihren Rechnern und spitzten Themen zu. Niemand beachtete mich. Ich rief: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die fieseste im ganzen Land?« An den Wänden hingen die armen Seelen von Online-Kollegen und bettelten um Honorare. Ich wachte auf.

Neon-Chefredakteur Michael Ebert hat mittlerweile auf die Nominierung reagiert und sie beim Branchendienst Meedia als “unseriös und bald Rufmord” bezeichnet.

 

Der Himmel und Hölle Preis | :Freischreiber

Spiegel: Beim Übertreiben geblitzt worden!


28 Sep

Unter der Überschrift “Blitzende Mülleimer” hat sich das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” des populären Themas Geschwindigkeitskontrollen angenommen. Kommunen, die Blitzer aufstellen (so die nicht gerade taufrische These des Magazins), wollen nicht nur den Verkehr regulieren, sondern auch Geld verdienen. Um dies möglichst drastisch zu schildern, heißt es in dem Blatt:

Als er (sc. der Blitzer an der A2) scharfgestellt wurde, dachte Staude, das Gerät werde pro Jahr “vielleicht 15.000-mal” auslösen (…) Doch schon am vierten Tag saßen seine Leute vor 15.000 Fotos.

Und etwas weiter unten heißt es dann:

Sechs von Staudes Leuten kümmern sich um die etwas 6.500 Digitalfotos, die jede Woche hereinkommen.

Die beiden Zahlenangaben passen natürlich nicht zusammen: Wenn nach vier Tagen schon 15.000 Fotos beisammen sind, können es nicht an sieben Tagen nur noch 6.500 Fotos sein. Oder ist das eine der Spitzen- und das andere der Durchschnittswert? Man weiß es nicht.

Besser schlecht autofahren als schlecht rechnen


20 Sep

Ausschnitt: KStA vom 13.09.2011

Für den Leser des Kölner Stadtanzeigers ist der Fall klar: Autokennzeichen “BM” (= Bergheim) steht für “bereifte Mörder”. “SU” (=Siegburg) heißt “suche Unfall”. Und “EU” (=Euskirchen) bedeutet “Esel unterwegs”. Doch die Statistik der deutschen Autoversicherer spricht eine andere Sprache, und da tut der Kölner Stadtanzeiger fraglos einen guten Dienst in Sachen Aufklärung: Alle ungeliebten Nachbarn liegen in bei den Autoversicherern besser als die Kölner Autofahrer. Doch kennt der Kölner sich offenbar im Autofahren ebenso wenig gut aus wie in Statistik. Denn die Begründung der Journalisten vom Kölner Stadtanzeiger lautet so:

Köln ist eine Millionenstadt mit sehr dichtem Verkehr. Da fahren eben viel mehr Autos als auf dem platten Land des Rhein-Erft-Kreises, also passiert auch mehr.

Das kann man statistisch so natürlich nicht stehenlassen: Der dichte Verkehr taugt nur als Begründung für ein Mehr an Unfällen in ganzen Zahlen, nicht aber prozentual. Bei einer Unfallwahrscheinlichkeit von, sagen wir: 10 % gäbe es dann beispielsweise am Tag auf dem Land 5 Unfälle und in der Stadt vielleicht 50. Das würde aber nichts an der Tatsache ändern, dass hier wie da 10 % der Autofahrer in einen Verkehrsunfall verwickelt wären. Da wären noch Zusatzannahmen nötig wie: Die Wahrscheinlichkeit von Auffahrunfällen ist bei dichtem Verkehr höher o.ä.

Quintessenz: Im Autofahren sind die Kölner genau so gut wie in Statistik. Armes Schutzblech!

Kein Buch schreiben und damit berühmt werden


02 Sep

Kaum zurück aus dem Urlaub, muss man als Leser des Kölner Stadtanzeigers Folgendes um die Augen geschlagen bekommen:

“Auf dem Cover des zusammen mit dem Autor und Comedian Till Hoheneder geschriebenen Buchs sieht man eine angereifte Frau mit dickem blonden Haarschopf, die sich ganz offensichtlich des Lebens freut”.

Es geht um ein offenbar demnächst erscheinendes Buch der Kölner Komödiantin Gaby Köster. Interessant ist an dem zitierten Absatz so Einiges. Zu allererst mal die (vielleicht etwas triviale, aber dennoch bemerkenswerte) Feststellung, dass Buchautoren ihre Bücher heutzutage nicht mehr selber schreiben. Wenn es schon heißt “geschrieben zusammen mit”, kann man getrost davon ausgehen, dass vermutlich keine einzige Zeile von der (prominenten?) Person stammt, die werbewirksam auf dem Buchcover abgebildet ist. Schlimm für den armen echten Autoren ist aber nicht nur, dass eine andere die Meriten für diese vermutete literarische Großtat einheimst, sondern auch, als “Autor und Comedian” bezeichnet zu werden. Wer sich so nennen lassen muss, ist doch ein ganz armes Würstchen.

Nicht nur Gaby Köster kann offenkundig nicht schreiben. Auch die Autorin des Kölner Stadtanzeigers hat ihre liebe Not mit der deutschen Sprache. Wie auch immer Gaby Köster auf dem Buchcover aussieht: “angereift” ist sie mit Sicherheit nicht. Warum nicht? Weil es dieses Wort in der deutschen Sprache nicht gibt. Da ist dann auch schon egal, dass im Kölner Stadtanzeiger jemand über Bücher schreiben darf, die er selbst nicht gelesen hat. Das ist mir auch schon am eigenen Leibe (bzw. Buche) passiert. Denn das Buch ist nicht nur noch gar nicht erschienen. Auch der avisierte Verlag (Scherz) weiß auf seiner eigenen Website nichts von diesem Werk. Auch Amazon kennt diesen Buchtitel noch nicht. Folgerichtig hat der Stadtanzeiger als Abbildung aus einem Verlagsprospekt eine Seite abfotografiert. Fassen wir zusammen: Gaby Köster hat ein Buch nicht (selbst) geschrieben, das auch nicht veröffentlicht wurde, und der Kölner Stadtanzeiger hat damit mehr als eine halbe Seite gefüllt. Das ist schon eine Kunst.

Vermischtes aus den Medien


07 Aug

Was ist in der neuesten Ausgabe von “Zeit Wissen” zu lesen:

Noch immer sterben die meisten Menschen in Deutschland an einem Herzinfarkt – doch es werden weniger.

Korrekterweise müsste es doch wohl heißen: “… deswegen werden sie weniger”. Denn wenn sie sterben, können sie sich wohl kaum noch vermehren, oder?

*  *  *

Merkwürdig, da will man laut eigenem Verständnis und Redaktionsstatut “nach sozialen und liberalen Grundsätzen” arbeiten, nämlich die Süddeutsche Zeitung, Deutschlands große “gemäßigt linke Tageszeitung”, und dann gibt man eine Buchreihe unter dem Motto “Entdecken Sie den Snob in sich” heraus.

*  *  *

Jetzt wurde der Katastrophen-Fernsehsender “9live” vollends eingestellt. Das wurde aber auch Zeit.

Kölner Stadtanzeiger: Absturz als Dauerlauf


05 Aug

Wie geht das eigentlich? Folgendes ist heute im Kölner Stadtanzeiger zu lesen:

An den Börsen greift die Sorge vor einer erneuten Rezession um sich: Der Dax stürzte den siebten Handelstag in Folge ab.

 Mal völlig davon abgesehen, dass es korrekterweise “Sorge um” und nicht “Sorge vor” heißen müsste! Und dass Sorgen nicht “greifen” können! Und auch völlig davon abgesehen, dass dieses “in Folge” Gerede schlimmster Sportreporter-Sprech ist, der da schon nicht schön ist! Wie geht das eigentlich: Sieben Tage “in Folge” abstürzen? Kam der Dax denn jeden Abend wieder auf die Beine, wenn er tags zuvor mal wieder abstürzte? Abstürzen ist doch einer dieser Vorgänge, die genau ein einziges Mal geschehen können. Auch Reinhold Messner kann nur ein einziges Mal vom Mount Everest abstürzen, aber bestimmt nicht sieben Mal “in Folge”. Eines steht fest: irgend jemand ist da ganz unten angekommen. Womöglich sogar der Kölner Stadtanzeiger selbst.

Geburtenrate: Zeitungsleser sterben aus


03 Aug

Baby_diving Wikimedia105 mal gibt die Google-News-Suche Treffer heraus: Thema ist die Geburtenrate, alarmierender Tenor ist “die Deutschen sterben aus”. Von Günter Grass (“Kopfgeburten”) bis Thilo Sarrazin (“Deutschland schafft sich ab”) ist das Thema einmal von links bis rechts durchdekliniert worden. Aber wenn die deutsche Presse sich darüber hermacht, kann man sicher gehen, dass nicht nur der Volkskörper, sondern auch die deutsche Sprache bedroht ist. Das Bieler Tagblatt beispielsweise schreibt:

In Deutschland leben immer weniger Kinder. Zwischen 2000 und 2010 sank die Zahl um gut zwei Millionen auf 13,1 Millionen und wird nach Angaben des Statistischen Bundesamtes weiter abnehmen.

Aus dem “Immermehrismus” wird bei der Gelegenheit der “Immerwenigerismus”. Noch doller treibt es die Markenpost. Sie titelt:

Immer weniger Kinder im kinderärmsten Land Europas

Wirklich? Wenn Deutschland eh schon das “kinderärmste Land Europas ” ist, wie können dann noch “immer weniger” Kinder geboren werden? Eigentlich müsste es doch heißen: “Immer noch die wenigsten Kinder im kinderärmsten Land”. Am wildesten treibt es allerdings der Focus. Er schreibt:

Immer weniger Deutsche wollen Kinder

Mal abgesehen, dass dies keine statistische, sondern eine psychologische Prognose ist (was weiß die Statistik schon, was die Leute “wollen”) – es müsste doch wohl heißen: “Deutsche bekommen immer weniger Kinder”. Oder vielleicht: “Deutsche und Kinder werden immer weniger”. Oder vielleicht: “Immer weniger Kinder wollen zu den Deutschen”. Eines ist jedenfalls sicher: Die Zeitungsleser werden unweigerlich aussterben. Aber das muss keine demographischen Gründe haben.

Bieler Tagblatt online

Algenpest: Erstunken oder erlogen?


03 Aug

Algen unterm Elektronenmikroskop (Wikimedia)

Pünktlich zur Ferienzeit und damit rechtzeitig fürs journalistische Sommerloch, das mit jedem auch noch so unausgegorenen Quatsch gefüllt werden muss, ist in der Bretagne die “Algenpest” ausgebrochen. Lesen wir, was der Kölner Stadtanzeiger dazu schreibt:

Die Algen selbst sind nicht giftig, aber sie entwickeln beim Vermodern Gase.

So weit, so stinkig. Aber wie geht der Artikel unmittelbar im Anschluss weiter:

Einige Dutzend Wildschweine sollen inzwischen daran verendet sein.

Giftig sind die Algen also nicht, aber Tiere verenden doch daran!? Oder sind die armen Kreaturen am üblen Odor buchstäblich “erstunken”? Das wäre jedenfalls eine gute Antwort auf die Frage, warum so vieles in unseren Zeitungen erstunken und erlogen wirkt.

Der Papst und der Sexshop


25 Jul

Die “Zeit” berichtet diese Woche darüber, dass der Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch im September im Berliner Problem-Stadtteil Neu-Kölln nächtigen wird. Illustriert wird der Artikel mit folgendem Bild:

Bildunterschrift: “Vor der Haustür beginnt der unkatholische Kiez”. Mal ganz ketzerisch gefragt: Was ist denn an einem Sex-Shop unkatholisch? Ist er nicht die katholischste Einrichtung, die man sich vorstellen kann?

Grammatik ficht dpa nicht an


18 Jul

Die Nachrichtenagentur dpa ist ja in jüngerer Zeit des öfteren durch peinliche Pannen aufgefallen. Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich langt dpa gerne daneben, wie in dieser aktuellen Meldung:

Berlin. Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin fechtet die Aberkennung ihres Doktortitels an.

Wenn hier jemanden etwas nicht anficht, dann dpa die deutsche Grammatik. Die Geschichte der dpa-Irrtümer ist übrigens lang, wie dieser ältere Spiegel-Artikel zeigt. Allerdings: “Lustig”, wie dieser Online-Artikel bei n-tv.de nahelegt, sind diese Fehler nicht, bedenkend, dass über 95 Prozent der deutschen Tageszeitungen ihr Nachrichtenmaterial von dieser Agentur bezieht.

Anti-Medien-Blog

Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter