Archive for the ‘Zeitung’ Category

Journalismus auf der Flucht


10 Okt
Ausschnitt: Bild vom 8.10.2015

Ausschnitt: Bild vom 8.10.2015

Wann ist der deutsche Journalismus eigentlich … gut geworden? Der deutsche Journalismus hat sich in einer Weise der Flüchtlings-Thematik angenommen, dass man ihn beinahe selbst auf der Flucht wähnt. Fremdenfreundlichkeit allerorten! Die Süddeutsche Zeitung wähnt uns in historischen Zeiten. Die Bildzeitung packt ihre liebste Waffe aus und startet eine Kampagne (“#refugeeswelcome: Wir helfen”), für die selbst SPD-Chef Siegmar Gabriel Schau läuft. Sogar eine Ausgabe auf Arabisch veröffentlicht der Springerverlag, als ob mehr journalistische Nächstenliebe nicht möglich sei. Selbst dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel will nichts rechtes Zynisches einfallen.

Was ist da nur los? Wie erklärt sich die publizistische xenophile Einheitsfront von Medienhäusern, die sonst doch wenig bis nichts gemeinsam haben wollen außer ihrer gegenseitigen Abneigung? Nun, es ist die Scham. Denn die gleichen Medien, die heute das Schöne, Gute, Wahre beschwören, haben bei der letzten “Flüchtlingskrise” noch in ein ganz anderes Horn gestoßen. Einige Cover des Nachrichtenmagazins Der Spiegel legen hierüber beredtes Zeugnis ab:

Spiegel-Cover 1990er Jahre

Spiegel-Cover 1990er Jahre

Vor allem die Boulevardmedien, allen voran die Bildzeitung, wirkten in den 1990er Jahren noch als Brandbeschleuniger. Die Bild am Sonntag sprach von  den „als Asylbewerber ‚verkleideten‘ Wirtschaftsflüchtlinge[n]“, Bild fragte polemisch: „Für wie dumm hält man die Deutschen eigentlich?“ und titelte: titelte: „Sensationelle Umfrage. Asyl: Grundgesetz ändern! 98 % dafür“.

Bild-"Schlag"-Zeilen in den 1990er Jahren

Bild-„Schlag“-Zeilen in den 1990er Jahren

Perfiderweise wurden die Forderungen nach Verfassungsänderung — die schließlich auch von der SPD mitgetragen wurde und unter anderem zu jener „sicheren Drittstaaten-Regelung“ führte, die der Bundesrepublik Deutschland heute auf die Füße fällt und von der die SPD nun nichts mehr wissen möchte — mit den fremdenfeindlichen Attacken und Anschlägen in Hoyerswerda, Mölln und Solingen begründet. Der Ausländer war selbst schuld und Deutschland schützt ihn doch nur, wenn er ihn nicht mehr über die Grenze lässt. Ist das perfide? Ja, ist es. Dabei war die Situation mit der heutigen durchaus vergleichbar: Toben heute Bürgerkriege in Syrien und Afghanistan, so damals im ehemaligen Jugoslawien. Die Ablehnung von Flüchtlingen vom Balkan damals wie heute spiegelt auch uralte Ressentiments, die bereits den ersten Weltkrieg befeuerten („Serbien muss sterbien“). Und die damaligen Maßnahmen hatten noch nicht einmal den Erfolg, den Journalismus und Politik sich davon erhofft hatten, was nur wenige so klar ausdrückten, wie die Berliner Zeitung bereits im Jahr 2000:

Die populistischen Töne aus der Debatte um den „Asyl-Kompromiss“ von 1992/93, der die Asylbewerber-Zahlen auf beinahe null brachte, aber die rechtsradikalen Terrorakte keineswegs stoppte, werden immer wieder aufgenommen. Von „Ausländerflut“ und „Überfremdung“ ist zwar meistens nicht mehr die Rede, doch verbale Tabubrüche zielen regelmäßig auf den rechten Rand der jeweiligen Wählerschaft: So ersann Roland Koch von der Hessen-CDU seine Unterschriftenaktion gegen den rot-grünen „Doppel-Pass“, sein Kollege Jürgen Rüttgers aus Düsseldorf zog nach mit „Kinder statt Inder“. Erst im Juni forderte Innenminister Otto Schily, die Zahl der Asylbewerber zu „reduzieren“, um eine Zuwanderung zu ermöglichen, „die unseren Interessen entspricht“. Und Kanzler Schröder, heute stolz auf die „Green Card“, thematisierte als SPD-Kandidat 1997 die so genannte Ausländerkriminalität: „Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus, und zwar schnell.“

Die Liste ließe sich verlängern: Die CSU machte 2013 mit der Forderung nach einer „Ausländer-Maut“ Wahlkampf, nur weil das Wort „Ausländer“ nach rechtsbayerischem Verständnis in Wahlkämpfen immer zieht. Zu den beliebten sprachlichen Manövern fremdenfeindlicher Ideologie zählt die rhetorische Figur des „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“. Sie reicht zurück in die Epoche der bundesrepublikanischen Sprachlosigkeit angesichts der Nazi-Barbarei mit Adornos berühmtem Auschwitz-Verdikt („Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“). Das Paradoxe daran ist, dass die Figur ein Sprechverbot ausdrückt, das gar nicht existiert (außer was moderne Lyrik angeht, in deren Sprache rechtspopulistische Kreise sich eher selten ausdrücken). Was wird man denn schon noch sagen dürfen? Welche Meinung, welcher Sachverhalt wird in der journalistischen Berichterstattung eigentlich vermisst?

Der Begriff „Asylantenschwemme“ reicht beispielsweise weit hinter die 1990er Jahre zurück. Das Wochenblatt Die Zeit schrieb schon 1981 von der „Asylantenschwemme“: Damals stöhnte man journalistisch über 120 bis 150 Immigranten, die täglich vor allem aus Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, einwanderten. Auch das Hamburger Abendblatt aus dem Hause Springer schrieb bereits 1983 über die „Asylantenschwemme“ und konstatierte eine „[g]rundsätzllche Übereinstimmung in Fragen der Asylanten- Verminderung“ bei den Parteien. Und der Spiegel titelte schon 1986: „Asyl – Bis an die Grenze des Zulässigen“ und stellte, verpackt in einen unschuldigen Fragesatz, die Forderung nach einer Verfassungsänderung: „Hunderte von Flüchtlingen begehren jede Woche Einlaß in die Republik – Grund für eine Änderung des Grundgesetzes?“

Bild, 29.09.2015

Bild, 29.09.2015

Bild gibt sich also heute humanistisch und porträtiert Menschen, die „Flüchtlingen das erste Lächeln“ schenken. Ist das etwa Bild-Chefredakteur Kai Diekmanns neuer Kurs, dem man schließlich die ausländerfeindliche Berichterstattung der 1990er Jahre nicht anlasten kann, da er zu diesem Zeitpunkt noch damit beschäftigt war, sich als Burschenschaftler zu schlagen und sein Studium abzubrechen? Wohl kaum. Denn es ist noch nicht lange her, da tönte die Bildzeitung noch ganz anders und bezeichnete es als „bittere Wahrheit“, dass Libanesen und Türken „Stütze vom Staat“ bekämen:

Bild aus dem Jahr 2010

Bild aus dem Jahr 2010

Und noch im vergangenen Jahr koloportiert die Bildzeitung, dass Helfer Schutzwesten tragen müssten, wenn sie ein Flüchtlingsheim in Dresden betreten — eine Berichterstattung, die mittlerweile auch vom Deutschen Presserat gerügt worden ist.

Bild vom 08.09.2014

Bild vom 08.09.2014

Aber womöglich ist es ja bloß die Bildzeitung, die ihr fremdenfeindliches Ressentiment nur mühsam verbergen kann. Der breite Rest der Berichterstatter dagegen hat vielleicht wirklich die Volte von der Xenophobie zur Xenophilie hinbekommen. Wirklich?

Es scheint, dass nicht der deutsche Journalismus, aber dafür die deutsche Gesellschaft verändert hat. Ausländerfeindlichkeit scheint am Zeitungskiosk einfach nicht mehr die Verkaufserfolge zu zeitigen wie annodazumal. Die Presse verhält sich hier offenbar einfach populistisch, aber eben nicht mehr rechtspopulistisch. Sie handelt nicht aus innerer Überzeugung, weil sie wirklich ihre „vierte Gewalt“ und ihre gesellschaftliche Verantwortung für Willkommenskultur und Integration einsetzen wollte, sondern weil es sich gerade besser verkauft. Und passt man nicht auf, rutscht sie wieder ins alte Fahrwasser der Xenophobie.

Etwa wenn es um scheinbar nackte Zahlen zur mutmaßlichen „Flüchtlingskrise“ geht. So war in vielen Zeitungen in den vergangenen Wochen eine Statistik abgebildet, wie sich die Flüchtlingszahlen seit den 1990er Jahren entwickelt haben soll:

Boot_Stat01

Wie der Bildblog gezeigt hat, ergeben die Zahlen ein ganz anderes Bild, wenn man die Zeitreihe ein kleines bisschen verlängert. Dann sähe die Statistik in Wirklichkeit nämlich so aus:

Statistik: Bildblog

Statistik: Bildblog

Die schöne Literatur erzählt nach Ansicht einiger Erzählforscher nur eine einzige Geschichte, nämlich die einer langen Reise, der Heldenreise oder englisch Quest. Wer erzählt aber die Geschichte der Reisenden, die nun aus Nigeria und Irak, Syrien und Afghanistan in Europa anlanden? Wo ist der Roman über „Refugees Welcome“? Der Journalismus beschränkt sich auf Wasserstandsmeldungen. Die Helden, die er findet und über die er erzählt, sind nicht die Reisenden, sondern die Zuhausegebliebenen: Aufopfernde Helfer, freiwillige Retter, überforderte Grenzer. Das Reservoir an Geschichten, die der Journalismus (oder, wer weiß, die schöne Literatur) erzählen könnte, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Doch dazu müsste der Journalismus sich auf eine lange Reise machen …

Geprothmannt: Abmahnung wegen quantitativer Medienanalyse


26 Aug
Blogger Hardy Prothmann (Foto: Twitter)

Blogger Hardy Prothmann (Foto: Twitter)

Da sage noch einer, quantitative Medieninhaltsanalysen würden nichts bringen: Der Mannheimer Blogger und Hyperlokaljournalist Hardy Prothmann hat mal gezählt, und zwar die Leserbriefe in der örtlichen Tageszeitung „Mannheimer Morgen“. Anlass sind die kommunalpolitischen Auseinandersetzungen rund um die für das Jahr 2023 geplante Bundesgartenschau in Mannheim. Bei einem Bürgerentscheid hatte sich die Mehrheit der Mannheimer Bürger für die Buga23 ausgesprochen. Doch die Leserbriefseiten des „Mannheimer Morgen“ vermitteln ein ganz anderes Bild. Prothmann in seinem Rheinneckarblog:

„Weil ich aber nicht einfach irgendwas behaupte, hat sich mein kleines Redaktionsteam die Mühe gemacht und mit ingesamt 50 Personalstunden die veröffentlichten Leserbriefe eines ganzen Jahres in Ihrer Zeitung in Zahl und Inhalt ausgewertet und kategorisiert. (…) Es wurden sowohl positive wie negative “Lesermeinungen” veröffentlicht. Aufgrund unserer Recherche stellte sich aber heraus, dass die Veröffentlichung “ablehnender” Leserbriefe deutlich mit einem gerundeten Faktor 6:1 überwiegt“.

Nun haben Geschäfts- und Redaktionsleitung des „Mannheimer Morgen“ gleich zwei Abmahnungen an Prothmann geschickt. Denn Prothmann spricht vom „gesteuerten Betrug der Leser“ und zieht das Fazit:

„Die regionale Monopolzeitung Mannheimer Morgen informiert ihre Leser/innen nicht- sie manipuliert sie.“

Seine Ansichten belegen Prothmann und sein Rheinneckarblog allerdings auch mit Zahlen:

Grafik: Rheinneckarblog

Grafik: Rheinneckarblog

Der Chefredakteur des „Mannheimer Morgen“, Dirk Lübke, verteidigt sich im Interview mit dem KressReport:

„Unsere Glaubwürdigkeit wird von unseren Lesern sehr positiv bewertet. Die Behauptung des gesteuerten Betrugs am Leser gegen den Mannheimer Morgen diskreditiert unsere demokratisch-journalistischen Werte und unsere Glaubwürdigkeit auf eine Art und Weise, die wir – bei aller Freiheit des Wortes – nicht stehen lassen können“.

Auf die konkreten Vorwürfe Prothmanns geht Chefredakteur Lübke allerdings ebenso wenig ein wie er die zahlenmäßige Inkongruenz bei den Leserbriefen zur Buga23 erklären kann.

 

Spiegel contra Schwaben: Hauptsache, der Leser hat nicht recht!


13 Aug

Grosses_Landeswappen_Baden-WuerttembergSpiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer hat den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in seiner Kolumne „Der schwarze Kanal“ als „Schwaben“ bezeichnet. So weit, so unrichtig, denn der in Freiburg geborene Schäuble hat zeit seines Lebens in Südbaden gelebt — und bekanntlich wollen Badener und Schwaben so viel miteinander zu tun haben wie Vegetarier mit Schweinsbockwürstchen.

Doch in Zeiten gesteigerter Leser- und User-Partizipation bleibt so ein „faux pas“ natürlich nicht lange unbemerkt. Mehr als 20 Leserbriefe, so , die Leiterin des Spiegel-Leser-Services, hat es allein zu diesem Thema gegeben. Nun wäre der Fleischhauer’sche Lapsus ja leicht zu korrigieren: Eine kleine Richtigstellung im nächsten Heft, und damit hat sich’s. Doch damit wollte Spiegel-Autor Fleischhauer es nicht bewenden lassen. Denn bei all dieser schwäbisch-alemannischen Leser-Besserwisserei muss es doch immer noch einen geben, der es noch besser weiß. Und so meldet sich Fleischhauer in der Leserbriefspalte der Spiegel-Prinz-Ausgabe höchstpersönlich zu Wort und schurigelt seine frechen Kritiker:

Außerhalb von Baden-Württemberg ist der Baden-Württemberger ein Schwabe, so schmerzlich das für die Betroffenen auch sein mag (…) wenn sich ein Begriff als Gesamtbezeichnung einmal eingebürgert hat, ist es schwer, ihn wieder loszuwerden. Vielleicht ändert sich die Lage, wenn Freiburg sich vom Schwabenland abspaltet und autonomer Regierungsbezirk wird. Bis dahin wird im „Schwarzen Kanal“ aus Gründern der Allgemeinverständlichkeit weiter von Schwaben die Rede sein, fürchte ich.

Es ist schon sonderbar, dass ein Autor persönlich in den Ring steigt, um den eigenen Lesern noch einen rechten Haken zu versetzen. Aber noch sonderbarer ist die Argumentation, denn außerhalb der Spiegel-Redaktion hat sich der Begriff „Schwabe“ keineswegs als „Gesamtbezeichnung“ für die Bewohner Baden-Württembergs durchgesetzt, wie auch die Badische Zeitung und der Mannheimer Morgen völlig zurecht anmerken. Und erst recht eigenartig ist Fleischhauers Rekurs auf die (Berliner) Volksseele:

Ich habe noch nie jemanden in Prenzlauer Berg sagen hören: „Achtung, die Badener kommen!“ Es ist doch nicht vom Badener- Hass- sondern vom Schwaben-Hass die Rede.

Dabei hatte die Leiterin des Spiegel-Leser-Services den Fehler ihres Autors schon eingestanden:

Wir haben uns geirrt. Und Sie haben es gemerkt. SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer hat in seiner Kolumne „Der schwarze Kanal“ („Mr Pickelhaube“) über das Bild von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in der Weltöffentlichkeit folgenden Satz geschrieben: „Wie alle Schwaben kann er außerdem rechnen, was nicht brutal, sondern vernünftig ist.“ (…) Auch uns machen Fehler, die im Heft stehen, unglücklich. Denn wir verwenden viel Zeit darauf, für die Richtigkeit aller Fakten, die im SPIEGEL genannt werden, zu sorgen.

Doch mit seiner Richtigstellung belegt Autor Fleischhauer vornehmlich, dass er eines auf keinen Fall wollte, nämlich einen Fehler zugeben. Womit er es dann erst so richtig falsch gemacht hat. Hauptsache, der Leser hat nicht recht! Vielleicht sollte man das mit der User-Partizipation beim Spiegel noch einmal gründlich überdenken. Denn wer, wie der Spiegel, die Wahrheit gepachtet hat, will sich eben vom gemeinen Leser auch nicht dreinreden lassen. Erst recht nicht auf schwäbisch.

SZ schafft den Onlinejournalismus ab


25 Mrz
Screenshot: Neuer Webauftritt der SZ

Screenshot: Neuer Webauftritt der SZ

Die Süddeutsche Zeitung hat ihren Onlineauftritt neuerlich relauncht: Gedruckte Zeitung und Internetangebot sollen zusammenwachsen. Damit wird nun auch für die Leser manifest, was sich organisatorisch mit der Aufnahme des Onlineleiters in den Kreis der Chefredaktion im vergangenen Jahr schon abzeichnete. Dabei löste gerade diese Beförderung beinahe einen „Kulturkampf“ in der SZ-Redaktion aus und brachte das schöne Buzzword „Hoodiejournalismus“ mit sich. Das Bemerkenswerte an diesem Relaunch ist, dass die Süddeutsche nicht mehr zwischen Online- und Printjournalismus unterscheiden will: Im neuen Seitenkopf des Onlineauftritts wird das auch dadurch deutlich, dass „sz.de“, „Zeitung“ und „Magazin“ in einer Eintracht nebeneinander stehen, die sich wahrscheinlich redaktionell und personell erst noch beweisen muss. Dem Süddeutschen Magazin wird bei der Gelegenheit gleich ein komplett neuer Auftritt spendiert. In Ankündigungstext zum Relaunch heißt es:

Für eine Zeitung im modern verstandenen Sinne soll es keinen Unterschied mehr machen, wo und wie sie erscheint, ob als ständig aktualisierte Nachrichtenseite oder als tägliche Ausgabe, digital oder auf Papier.

szplus02Zusammen mit dem optischen und redaktionellen Relaunch wird ein neues Pay-System eingeführt, das „SZ plus“ heißt. Für einen Tagespreis von 1,99 Euro hat der Leser Zugriff auf alle Angebote von sz.de bis zur Digitalversion der gedruckten Zeitung, entweder mittels App oder als Epaper. Zum Relaunch gibt es noch ein spezielles Angebot, nämlich einen 2-wöchigen kostenlosen Probezugang.

Der letzte Relaunch von SZ Online ist erst gute zwei Jahre her. Schon damals erwies sich das Team um Stefan Plöchinger als eines der innovativsten im deutschen Onlinejournalismus. Besonders die Schlichtheit der Seite zusammen mit einem großen Maß an Usability wussten da schon zu überzeugen: Dazu zählen kurze Zusammenfassungen der Onlinetexte direkt nach dem Lead mit Bulletpoints oder auch die Rubrik mit den Netzempfehlungen aus anderen Redaktionen, was SZ-intern wohl anfangs nicht nur Befürworter fand, aber „in the long run“ den SZ-Online-Auftritt zu einem kompetenten Lotsen durch die Welt der Onlineinformationsbeschaffung machte.

Am neuen Online-Layout fällt vor allem auf, dass der untere Teil der Webseite fast nur noch aus großformatigen Bildern bzw. bebilderten Beiträgen besteht: In Zeiten des „visual turn“ vermutlich kein Wunder, sondern eine Referenz an den multimedialen Zeitgeist.

Der Onlinejournalismus ist tot — der Printjournalismus aber auch: Es lebe der Journalismus!

Süddeutsche: Sportreporter schlägt zurück


12 Mrz

Fußball-WM, Argentinien - DDR 1:1Sportreporter, insonderheit solche, die sich professionell mit Fußball befassen, haben einiges auszuhalten. Die verwöhnten, millionenschweren Fußballstars sind nämlich häufig nicht sehr kritikfähig. ZDF-Reporter Boris Büchler musste diese Erfahrung während der Fußball-WM in Brasilien am eigenen Leib und live auf dem Sender bei seinem Wortgefecht mit Abwehr-Ikone Per Mertesacker machen. Am vergangenen Wochenende hat wiederum der HSV-Spieler Heiko Westermann seine Kritiker als „Idioten“ bezeichnet: „Ich war immer hier und habe meinen Arsch hingehalten und lasse mir von solchen Idioten nicht den Namen kaputtmachen.“ Sein Trainer hat Verständnis: „Ich finde, nach gefühlten fünf Jahren ist es mal an der Zeit gewesen, dass er explodiert“, sagte Zinnbauer. „Heiko hat hier jahrelang den Kopf herhalten müssen. Er hat sich ausgekotzt, das gehört dazu.“

Diese „Explosion“ war offenbar eine zu viel, die Sportjournalisten schlagen zurück: In einer Glosse für die Süddeutsche Zeitung gibt Christof Kneer Kontra:

Die Reden von Trapattoni und Völler waren ja schon ein Tiefpunkt, die von Labbadia, Doll, Lieberknecht, Augenthaler und anderen waren noch mal ein tieferer Tiefpunkt, aber jetzt auch noch dieser Schwachsinn von Heiko Westermann: Wir Kritiker könnten ihn alle mal, hat er gemotzt, er lasse sich von Idioten wie uns nicht den Namen kaputt machen. Ich muss ganz klar sagen: Ich kann den Käse nicht mehr hören.

Der Sportjournalist kombiniert geschickt die berühmt gewordenen Fußballer- und Trainer-Wutreden und setzt aus diesen Versatzstücken einen Text zusammen, der viel über das gestörte Verhältnis von Sportler und Sportreportern ausdrücken kann:

Dauernd werden wir Reporter beschimpft, das ist das Allerletzte. Um es mit Labbadia zu sagen: Wir Reporter sind nicht die Mülleimer von allen Menschen hier! Da ist echt eine totale Grenze erreicht. Als normaler Reporter muss man sich die Frage stellen: Gehe ich einen schweren Weg, den ein Reporter jedes Wochenende gehen muss, mit – oder sage ich: am Arsch geleckt! Wir haben in den Verlagen Etatkürzungen von mehreren Milliarden mitgemacht und sollen uns beleidigen lassen von Spielern mit Gehalt wie Flasche voll?!

Intrikat ist vor allem der Hinweis auf das ökonomische Missverhältnis von Sport und Journalismus. Denn gerade durch die exzessive Berichterstattung (und die entsprechenden Fernsehbilder) konnten ja Etats und Spielergehälter in diese exorbitanten Höhen klettern. Aber auch die journalistischen Arbeitsbedingungen nimmt der SZ-Reporter ironisch aufs Korn:

Ich weiß, dass ihr das wieder persönlich nehmt, aber wisst ihr Profis und Ex-Profis eigentlich, dass unser Job viel härter ist als eurer? Nein? Dann schaut euch mal ein Spiel vom HSV an! Oder versucht mal, im Olympiastadion den Presseraum von Hertha BSC zu finden! Wir halten hier seit Jahren unsre Laptops hin, ständig müssen wir Geschichten aufbauschen, Skandale konstruieren und Zitate erfinden, meint ihr vielleicht, es macht Spaß, ein Zeitungsfritze zu sein, keinen Charakter zu haben, in scheißkalten Stadien zu sitzen und über etwas zu berichten, wovon man keine Ahnung hat? Wir Journalisten sind vielleicht nur ein kleiner Piss-Verein, aber wer es besser kann, der soll herkommen und selber schreiben.

Wir lernen: Die öffentlich zur Schau gestellte Kumpanei von Sportlern und Reportern ist ein fragiles Gebilde. Manchmal bricht die negative Seite dieses Verhältnisses hervor. Was ist die dazugehörige Sportreporterweisheit: Die Wahrheit is‘ immer aufm Platz.

Der schlechteste Journalismus des Jahres


02 Jan
Foto: Pixabay

Foto: Pixabay

Die angesehene amerikanische Fachzeitschrift Columbia Journalism Review hat den „schlechtesten Journalismus des Jahres 2014“ gekürt. Die Autoren der CJR weisen darauf hin, dass 2014 ein gutes Jahr für den Journalismus war, in dem viele weittragende Geschichten mit erheblichen politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen veröffentlicht worden sind. Aber daneben gab es auch schwere Ausfälle. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass es sich nur um Beispiele handelt, die die Funktionsweise eines Journalismus darstellen sollen, der in die Hose geht. Darum ist es auch zu verschmerzen, dass es sich ausschließlich um US-amerikanische Exempel handelt. Die entsprechenden heimischen Fälle fallen einem da schnell ein.

Einen Preis für schlechtesten Journalismus hat sich die Zeitschrift Rolling Stone verdient. Sie berichtete über eine Gruppenvergewaltigung an der University of Virginia – eine Story, die sich nach einem Fact-Checking der Washington Post als nicht stichhaltig erwies. Den Preis verdient Rolling Stone laut CJR aber nicht nur, weil grundlegende journalistische Tugenden vernachlässigt wurden, sondern auch, weil die Redaktion in einer Stellungnahme die Schuld allein auf die Autorin zu schieben versuchte und ihre eigenen redaktionellen Pflichten außen vor ließ.

Einen Preis für schlechtesten Journalismus hat sich auch die Redaktion des angesehenen TV-Politmagazins 60minutes des Senders CBS verdient. Sie brachte es fertig, Auslandskorrespondenten nach Liberia zu schicken, um über die Ebolaseuche zu berichten, und diese interviewten ausschließlich andere US-Ausländer und keinen einzigen Einheimischen.

Screenshot: Lemon auf CNN

Screenshot: Lemon auf CNN

Den Hauptpreis verdiente sich aber CNN-Moderator Don Lemon. Live-Moderationen seien zugegebenermaßen eine hohe Kunst, so die Kritiker, aber Lemons Aufsager seien ein herausragendes Beispiel dafür, wie man seine Worte weise wählen könne – oder eben auch nicht.  So fragte er Interviewpartner, ob Malaysia Airlines Flug 370 von einem Schwarzen Loch geschluckt worden sein könnte: „Es klingt absurd, aber ist es absurd?“ Ein anderes Mal verglich er das Prügeln von Kindern mit dem Training von Hunden. Die Rassenunruhen in Ferguson kommentierte er mit dem Satz: „Offenbar liegt der Geruch von Marihuana in der Luft“. Und ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer des Schauspielers Bill Cosby belehrte er: „Es gibt doch Möglichkeiten, Oralsex zu vermeiden, wenn Sie ihn nicht ausüben wollten .. ich meine, Sie hätten doch Ihre Zähne einsetzen können, oder?“

Leider gibt es im deutschsprachigen Raum, wo immerhin an die 2.000 Journalistenpreise existieren, keine vergleichbare Auszeichnung für schlechten Journalismus. Nur das Netzwerk Recherche vergibt die „Verschlossene Auster“ für Informationsverhinderer.

Neues aus der Floskelwolke


04 Dez

„Wenn die Menschheit keine Phrasen hätte, brauchte sie keine Waffen“, hat einst der Wiener Sprach- und Journalismus-Kritiker Karl Kraus geschrieben. Gerade die journalistische Sprache ist voll von Floskeln und stehenden Wendungen. Das hat häufig mit dem Zeit- und Aktualitätsdruck zu tun, unter dem journalistisch produziert wird: Ein Gemeinplatz ist da schneller aufgeschrieben als die originelle Formulierung.

Die beiden Nachrichtenjournalisten Udo Stiehl und Sebastian Pertsch haben nun im Internet die „Floskelwolke“ aufgehen lassen. Sie beschreiben ihr Projekt so:

Wer fast täglich mit Nachrichten zu tun hat, dem sind die altbekannten Formulierungen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport geläufig. Sie tauchen immer wieder auf, obwohl sie abgedroschen sind oder journalistischen Maßstäben nicht genügen. Wir Redakteure wissen das. Unser Publikum bemerkt es nur selten. Und die PR weiß das auszunutzen. (…) Wir greifen bei der Auswahl der Begriffe auf unsere Erfahrungen im Nachrichtengeschäft zurück. Anprangern wollen wir nicht. Wir möchten nur ein wenig nachdenklich machen.

Der Aufwand, den die beiden journalistischen Sprachkritiker betreiben, ist enorm. Es handelt sich um ein Beispiel für Datenjournalismus reinsten Wassers:

Wir werten die Websites nahezu aller deutschsprachigen Zeitungen, Radiosender, Fernsehsender und Magazine in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die bald startenden SocialMedia-Charts der Medien von Sebastian Pertsch sind Grundlage für diese Erhebung. Für die Floskelwolke analysieren wir rund 1.600 Domains, die etwa 2.400 Medien (inklusive Ressorts) repräsentieren.

 Die Darstellung erfolgt dann tatsächlich als Wortwolke oder „Wordl“ als auch statistisch aufbereitet als täglich aktualisiertes Säulendiagramm:
Screenshot Floskelwolke

Screenshot Floskelwolke

Alle Daten lassen sich auch als csv-Datei herunterladen, um selbst seine Datenanalysen am Floskelmaterial zu betreiben.

„Cinema“: Interstellarer Fehltritt


11 Nov
Aktuelles Titelblatt von "Cinema"

Aktuelles Titelblatt von „Cinema“

Kann man eine Filmkritik schreiben, ohne den entsprechenden Film überhaupt gesehen zu haben? Geht nicht, auf keinen Fall, werden Leute sagen, die wahlweise etwas von Journalismus oder von Kino oder von beidem verstehen. Kann man einen Beitrag über einen Film, den man nicht gesehen hat, sogar auf das Titelblatt einer Zeitschrift nehmen, die sich mit nichts anderem als mit Kinofilmen beschäftigt? Keineswegs, niemals, ausgeschlossen: So werden alle Freundinnen und Freunde seriöser Berichterstattung und das treue Scherflein Cineastinnen und Cineasten rufen.

Doch, die Zeitschrift „Cinema“ kann!

„Wir lieben Filme“ steht als Claim über dem Titel der Burda-Zeitschrift. So sehr lieben sie sie aber wohl doch nicht, dass sie alle Filme ansehen, über die sie schreiben. Die aktuelle Ausgabe (11/14) macht mit dem Christopher Nolan-Streifen „Interstellar“ auf. Das Plakatmotiv des Films prangt auch auf der Titelseite des Hefts. Die Seiten 14 bis 30 des Magazins beschäftigen sich mit dem Film, der in der vergangenen Woche in den deutschen Kinos angelaufen ist. Dort liest man beispielsweise:

Der dreifache Batman-Regisseur Christopher Nolan beschreibt in seinem neuen Film eine dramatische Aufbruchsutopie mit gegenwärtigen Bezügen.

Man fragt sich, woher die Redaktion das weiß. Denn im Kleingedruckten unter „Fazit“ ist zu lesen:

Der Film wurde vorab nicht gezeigt. Lesen Sie unsere Kritik zum Kinostart auf www.cinema.de

Nicht schlecht: 16 Seiten füllt die Cinema-Redaktion also (inkl. Werbung) mit Informationen über einen Film, den sie nicht kennt! Da müssen die Autorinnen und Autoren dieser Redaktion entweder sehr erfindungsreich sein und dem Science-fiction-Film aus Hollywood noch ein bisschen journalism-fiction aus Hamburg, wo die Redaktion sitzt, anfügen. Oder sie übernehmen einfach mal die PR-Texte der Agenturen, die sich um die internationale Vermarktung von „Interstellar“ kümmern.

Und ungefähr so liest sich auch der Beitrag. „Dieser Film ist das bislang ehrgeizigste Projekt von Christopher Nolan“, lässt man den Hauptdarsteller Matthew McConaughley sagen. Hat man mit dem Schauspieler selbst gesprochen? Unwahrscheinlich. Denn dann hätte man doch wohl das Ganze als Interview ins Blatt gerückt, um noch mehr Seiten zu schinden. So wie man es mit einem Interview mit dem Regisseur Nolan gemacht hat. Dieses Interview führte übrigens Scott Orlin. Der US-Amerikaner ist freier Korrespondent und arbeitet allein in Deutschland neben Cinema auch für TV Spielfilm, Pro7 und eine Reihe weiterer Medien, wie man im Internet erfahren kann. Ein exklusives Interview sieht anders aus. Und es stellt auch andere Fragen, und nicht solche, wie Scott Orlin es für „Europas größte Filmzeitschrift“ tut. Orlin erkundigt sich etwa bei Nolan: „Gibt es Filme, die Sie sich vor dem ‚Interstellar‘-Dreh noch einmal genau angesehen haben, um daraus Inspirationen zu beziehen?“ Kritisch geht anders.

Da mutet es schon fast wie postmoderne Ironie an, wenn die Cinema-Redaktion statt einer Bewertung eine „Prognose“ über die Qualität des Films abgibt: Vier von fünf Punkten für einen Film, den man nicht kennt!

Ausschnitt aus aktuellem Cinema-Heft

Ausschnitt aus aktuellem Cinema-Heft

Vielleicht werde ich mir den Film demnächst mal ansehen. Die Zeitschrift „Cinema“ werde ich mir in nächster Zeit wohl nicht mehr zulegen.

 

Fehlender Verstand: „Sexy Selfies“ auf bild.de


30 Okt
Screenshot bild.de

Screenshot bild.de

Die Redaktion von bild.de ruft in ihrer Fotocommunity 1414 dazu auf, „sexy selfies“ von sich hochzuladen. Und das mit einer durchaus paradoxen Aufgabenstellung – O-Ton:

Du bist eine absolute Schnappschuss-Queen oder Frauenschwarm und inszenierst dich am liebsten selbst? Dann zeige uns deine Schokoladenseite und schieße uns ein Bett-Selfie, Bikini-Selfie oder Dusch-Selfie – Hauptsache sexy! Ganz wichtig ist übrigens das richtige Posieren: Brust raus, Po raus, Bauch rein und als Mann die Muskeln anspannen. Zeigt ruhig etwas Haut, aber achtet darauf, nicht zu viel zu zeigen

Den zwei Gewinnern, die von einer „Jury“ ermittelt werden, winken sage und schreibe 100,- Euro für die Selbstentblößung. Der Medien-Branchendienst turi2 urteilt, das Ergebnis lasse „am Verstand der Menschheit zweifeln“.

Wundersame Welt der Werbung


28 Okt

Seltsame Werbung: Die Deutsche Bahn brüstet sich auf einem überdimensionalen Plakat im Kölner Hauptbahnhof damit, dass ihre Fahrgäste häufiger den Anschluss verpassen. Worin soll hier eigentlich der Werbeeffekt bestehen: Mitleid? Und warum ist ein weiblicher FC-Fan mit Fan-Schal abgebildet? Weil die Deutsche Bahn der Meinung ist, dass auch beim 1. FC Köln schon alles zu spät ist? Oder dass bahnfahrende Fußballfans sich warm anziehen müssen? Rätsel über Rätsel.

Bahnanschluss

Wie Werbung richtig geht, zeigt der schwedische Möbelbauer IKEA im Kölner Boulevardblatt Express:

Express_Ikea

Oder handelt es sich hier womöglich gar nicht um Werbung, sondern um einen redaktionellen Beitrag? Oh, wundersame Welt der öffentlichen Kommunikation.

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter