Radiohörer, die unbekannten Wesen

28 Aug
Foto: Dieter Schütz/Pixelio

Foto: Dieter Schütz/Pixelio

Zweimal jährlich ermittelt die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG MA) die Radio-Hörerzahlen. Die Zufriedenheit mit diesen Zahlen quer durch die verschiedenen konkurrierenden Radioredaktionen indes macht stutzig. Sehr schön hat das die FAZ in einem online verfügbaren Beitrag zusammengefasst:

Beispiel Bayern: Der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk reklamierte, er sei der „große Gewinner“, während sich der Privatanbieter Antenne Bayern freute, die „1-Mio.-Hörer-Marke“ geknackt zu haben als „meistgehörter Radiosender Deutschlands“. Beispiel Niedersachsen: NDR 1 (öffentlich-rechtlich) beteuerte, „seit 20 Jahren unangefochtener Marktführer“ zu sein, während FFN (privat) mit „einer durchschnittlichen Stundenreichweite von 469 000 Hörern“ seine „Spitzenreiterposition“ zu verteidigen vorgab. Beispiel Berlin: 104.6 RTL (privat) jubilierte, die „klare Nummer eins“ in der Hauptstadt abzugeben und „Hörer-Millionär“ zu sein, während Antenne Brandenburg (öffentlich-rechtlich) sich rühmte, das „erfolgreichste Radioprogramm in der Region“ darzustellen mit „217 000 Hörerinnen und Hörern in der Durchschnittsstunde“.

Problem der Radio-Hörer-Messungen ist die Methode: Während beispielsweise die Fernseheinschaltquoten mit elektronischen Messgeräten in Testhaushalten ermittelt werden, sind es bei der Radio-Media-Analyse simple Befragungen mittels Telefoninterviews. Dabei werden die Interviewpartner gefragt, welche Programme sie am Vortag mindestens eine Viertelstunde gehört haben. Schon die trügerische Erinnerung birgt statistische Fehler. So gibt die MA sensationelle durchschnittliche Hördauern an:

Montags bis freitags schalten knapp achtzig Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung in der Bundesrepublik das Radio ein, absolut rund 58 Millionen Menschen. Im Schnitt hört jeder täglich 198 Minuten Radio. So jedenfalls das Ergebnis der aktuellen Messung.

Horst Müller, Professor für Redaktionspraxis an der Hochschule Mittweida, stellt diese Zahlen in der FAZ in Frage. Seiner Meinung nach müssten die Zahlen viel geringer sein, womöglich um ein Drittel. Unterstützung erhält er durch Media-Analysen aus der Schweiz. Dort wird die Radionutzung elektronisch, mit dem sog. Radiometer, gemessen. Der durchschnittliche Deutsch-Schweizer hört demnach 123,7 Minuten täglich Radio. Das Mediennutzungsverhalten von Bundesbürgern und Deutsch-Schweizern wird nicht so unterschiedlich sein, dass eine so erhebliche Abweichung erklären würde.

Dennoch zeigen selbst die korrigierten MA-Zahlen, dass das Radio das am meisten unterschätzte Medium in Deutschland ist. In den Diskussionen um die Zukunft des Journalismus oder die Medienkrise ist von der deutschen Radiolandschaft selten die Rede. Bei Journalistenkongressen oder andren Branchentreffen sind selten Hörfunkvertreter anzutreffen oder gar als Redner zu bewundern. Dabei erfreut es sich offenbar beim Mediennutzer nach wie vor größter Beliebtheit.

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