Presserabatte: Springer-Verlag als moralische Instanz?

30 Mrz

"Bild" als Sittenwächter

Die Redaktionen des Axel Springer-Verlags haben verkündet, dass ihre Redakteure künftig keine Presserabatte mehr annehmen wollen. In einer Hausmitteilung heißt es:

Nach breiter Diskussion und in Übereinstimmung mit ihren Redaktionen haben die Chefredakteure der Axel Springer AG vereinbart – wie bereits in einigen Redaktionen des Hauses seit mehreren Jahren praktiziert – dass ab sofort keine dem Berufsstand Journalist zu verdankenden Vergünstigungen mehr angenommen werden.

Schon der Mainzer Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger hatte die Bild-Zeitung als eine der wichtigsten moralischen Instanzen für die Bevölkerung bezeichnet. Aber die moralische Penibilität der Bildredaktion bezieht sich vor allem auf die Bevorzugung Penis-naher Themen (vgl. “Bild wieder mal auf Penis-Niveau“). Nun mit dem öffentlich inszenierten Verzicht auf die umstrittenen Presserabatte sich als Vorreiter in Sachen Berufsethos und journalistischem Anstand zu gerieren, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Eine Ironie, die den Springer-Redaktionen selbst offenbar nicht entgangen ist, denn man nimmt die eigene Ankündigung selbst nicht ganz so ernst:

Besuche von Kultur- oder Sport- Veranstaltungen und Kino- oder Theaterpremieren im redaktionellen Kontext sind hiervon ausgenommen,  sofern diese das übliche, bzw. notwendige Maß der beruflichen Tätigkeit nicht übersteigen. Nicht von der  Regelung betroffen sind außerdem Unternehmensrabatte, da es sich hierbei in erster Linie um Mengenrabatte handelt.

Der Axel Springer Verlag bringt fraglos auch solche Publikationen hervor, die man als journalistisch bezeichnen kann und die von KollegInnen mit weniger zweifelhaftem Ruf hergestellt werden. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Arbeitsmethoden und das Verhalten der Bild-Redaktion auf die anderen Redaktionen des Hauses abfärben und das Ansehen der gesamten Verlagsgruppe besudeln. Und die “Bild”-Zeitung als nicht-käuflich zu bezeichnen, ist ein Aberwitz: Erst lacht man, doch dann denkt man sich: “Aber …”. Weiter heißt es in der Hausmitteilung:

Wer zu Recht hohe ethische Maßstäbe an andere stellt, sollte auch sein eigenes Verhalten überprüfen und eine klare Haltung hinsichtlich der Annahme persönlicher Vorteile haben.

Welche ethischen Maßstäbe herrschen denn zwischen Schlagzeilen wie „Kniete sie vor ihm nieder und befriedigte ihn?“ und Anzeigentexten wie „Bin ich eine Schlampe weil ich immer heiß bin?“ Die Bildzeitung ist die Papier gewordene journalistische Prostitution, und daran ändert der Verzicht auf harmlose Presserabatte überhaupt nichts.

 

Strauss-Kahn: Angeklagt werden oder nicht?

27 Mrz

Strauss-Kahn,_Dominique_(official_portrait_2008)So ist es heute auf der Online-Seite des Kölner Stadtanzeigers zu lesen:

Strauss-Kahn wird angeklagt

Der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wurde wegen seiner Beteiligung an illegalen Sex-Partys in Lille erneut vernommen und muss mit einer Anklage rechnen. Neben DSK stehen auch ranghohe Polizisten Geschäftsleute im Visier der Justiz.

Aber wie ist es nun: Wird er angeklagt,wie es in der Überschrift heißt? Oder muss er “mit einer Anklage rechnen”, was etwas ganz anderes ist? Hier nimmt die Überschrift den Vorgang vorweg, der im Artikel dann wieder relativiert wird. Der Presse wirft man ja gerne Vorverurteilungen vor. Hier haben wir den Fall einer Vor-Anklage, aber das ist auch nicht viel besser.

Strauss-Kahn wird angeklagt – Kölner Stadt-Anzeiger

Über Facebook singen: Nein!

21 Mrz

Ralph Siegel hat’s wieder getan: Der Veteran des “European Song Contest”, vulgo: Schlager Grand Prix will erneut mit einem von ihm komponierten Song an den Start des Wettbewerbs gehen. Aber nicht für Deutschland, sondern für den italienischen Zwergstaat San Marino ist der Schlagerkomponist in diesem Jahr tätig geworden. Für die Interpretin Valentina Monetta schrieb er den Song “Facebook Uh Oh Oh”. Doch nun droht Ungemach: Das zuständige Schlager-Gremium verbot das Social Media-Liedchen, weil es gegen die Wettbewerbsregeln verstoße und Werbung für das Soziale Netzwerk beinhalte.

Ralph Siegel kontert öffentlich, das Lied enthalte “keinerlei kommerzielle Botschaften” und sei “reine Satire”. “Irgendwelchen Dummköpfen in Deutschland passt nicht mehr, was ich mache,” wettert der Komponist. Dennoch will der Schlagerveteran den Text entsprechend umdichten, um doch noch wettbewerbsfähig zu bleiben. Schon in der Vergangenheit hat Siegel sich immer wieder drängender gesellschaftlicher Probleme in seinen Songtexten angenommen: So der kritischen Aspekte der Völkerwanderung (“Dschinghis Khan”), der Klimakatastrophe (“Lass die Sonne in dein Herz”) und des Weltfriedens (“Ein bisschen Frieden”).

Meedia: Zu viel Werbung: Siegel muss Song für Baku umtexten

Dokumentation über Apple-Zulieferer gestoppt: Kein Journalismus

19 Mrz

Foto: Matt Yohe, WikimediaWer in letzter Zeit sein IPhone nur noch mit schlechtem Gewissen bedient hat, weil er von den schlechten Arbeitsbedingungen Wind bekommen hat, die angeblich bei Apples chinesischem Zulieferer Foxconn herrschen sollen, der kann nun aufatmen bzw. befreit in sein Smartphone atmen. Spiegel Online berichtet:

Die amerikanische Radiosendung “This American Life” hat eine kritische Dokumentation über die Arbeitsbedingungen bei Apples Produktionsfirma Foxconn aus dem Netz zurückgezogen. Mike Daisey, der Autor der Sendung, hatte bei der Schilderung seiner Besuche in einem Foxconn-Werk offenbar stark übertrieben. Einige besonders emotionale Details, etwa über Kinderarbeit und einen Arbeiter mit einer zerquetschten Hand sollen gar frei erfunden gewesen sein.

Auf ihrer Website erklärt die Redaktion, warum die Dokumentation zurückgezogen worden ist. Viele Fakten darin sollen erfunden oder künstlich hochgespielt worden sein:

This American Life has retracted this story because we learned that many of Mike Daisey’s experiences in China were fabricated. We have removed the audio from our site, and have left this transcript up only for reference. We produced an entire new episode about the retraction, featuring Marketplace reporter Rob Schmitz, who interviewed Mike’s translator Cathy and discovered discrepancies between her account and Mike’s, and New York Times reporter Charles Duhigg, who has reported extensively on Apple.

In einem kritischen Interview mit dem Techjournalisten Rob Schmitz räumte der Autor der Dokumentation, Mike Daisey, ein,

“dass ich im Streben, gehört zu werden, ein paar Abkürzungen genommen habe … Mein Fehler, der Fehler, den ich wirklich bereue, ist, das in der Show als Journalismus dargestellt zu haben. Doch das war kein Journalismus, das war Theater.”

Der Bericht über die Arbeitsbedingungen beim Apple-Zulieferer in China war der erfolgreichste in der Geschichte der Radioshow “This American Life”, die wöchentlich von 500 Radiosendern an 1,8 Millionen Hörer ausgestrahlt wird.

Bis sie aus dem Netz genommen wurde ist die Folge 888.000 Mal heruntergeladen worden. Typisch seien 750.000 Downloads, erklärt der Sender.

Arbeitsbedingungen bei Apple-Zulieferer: Radioshow zieht Foxconn-Dokumentation zurück – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Netzwelt

Der WDR als Verlierer, seine Hörer auch

08 Mrz

Wenn leitende Angestellte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sich öffentlich über das Programm ihres Hauses äußern, dann ist Stolz stets die Tonlage, mit der aufgespielt wird (äußern sich dieselben Personen intern, wird übrigens ein anderer Ton angeschlagen, aber das ist ein anderes Thema). Wie erklärte doch WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz:

WDR 3 erreicht derzeit täglich 310.000 Hörerinnen und Hörer und damit mehr als in den letzten fünf Jahren, WDR 5 schalten mehr als 680.000 Menschen ein.

Eine Erfolgsgeschichte, müsste man annehmen, wenn dem WDR-Hörfunkdirektor (Jahressalair: 193.000 Euro) geglaubt würde. Doch die neuesten Daten der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (ag.ma) sprechen eine ganz andere Sprache. Die ag.ma ist eine Non-Profit-Organisation, die sich insbesondere durch Umfragen zur Radionutzung hervortut. Und deren neueste Daten sind für den WDR alles andere als rosig, wie in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen ist:

Ähnlich unter Druck sind die Kulturwellen der größten ARD-Anstalt: Auch WDR5 hat ein Fünftel und WDR3 ein Viertel seiner Hörer eingebüßt.

Man kann mit diesen schlechten Zahlen argumentieren, dass “jetzt erst recht” die weitreichenden Reformen im WDR-Kulturprogramm nötig sind, über die seit Wochen heftig diskutiert wird. Man kann aber auch das genaue Gegenteil daraus lesen, nämlich dass schon die vergangenen Reformen, Einschnitte und Kahlschläge offensichtlich vergeblich waren und sich in der Gunst der Hörer gerade nicht niederschlugen, sondern im Gegenteil weite Teile der kulturinteressierten Hörerschaft offenbar vergrault haben. Zumal der größte Verlierer der aktuellen Radio-Umfrage der ag.ma gerade die populärste Welle des WDR ist, nämlich der Jugendkanal 1live. Man kann fragen, ob nicht vielleicht das Führungspersonal dieses öffentlich-rechtlichen Senders, das seine Entscheidungen gerne im Alleingang und in neo-autoritärer Art zu fällen pflegt, daneben liegt oder gar entscheidende Positionen schlicht falsch besetzt sind. Und man kann fragen, ob die einseitige Ausrichtung an Kennzahlen der Medienforschung und Unternehmensberaterkauderwelsch wirklich die richtige Art ist, Programm zu gestalten.

Wie es anders gehen könnte, darüber räsonniert Mathias Greffrath online in der taz:

Wäre es da nicht an der Zeit, statt als Letzter auf die Häckselmaschine zu springen, über “Markenkerne” ganz neuer Art nachzudenken? Statt immer weiter zu entmischen, eine große Debatte zwischen Machern, Hörern, Künstlern und Wissenschaftlern zu entfachen, “was eigentlich Kultur” sein könnte in einer Öffentlichkeit, die immer überreizter ist, in einer Gesellschaft, die vor lauter Diversifizierung keine gemeinsame Sprache, keine folgenreichen Debatten hervorbringt, in einer Kultur, die ihren Kanon verloren hat und ihre Gemeinsamkeiten mit Blick auf die Zukunft herstellen muss, in der die Räume für Reflexion immer rarer und teurer werden?

Ja, das wäre eine Freude! Und diese Debatte, sie sollte vor allem von den freien MitarbeiterInnen des WDR geführt werden. Denn sie sind es, die in ganz überwiegender Zahl das Programm herstellen, das die Anstalt in die Welt hinaus sendet. Programmentscheidungen sollten endlich wieder in die Hände von Programmmachern. Es gibt im WDR wunderbare kreative Leute, fähige RegisseurInnen, geniale AutorInnen, talentierte Techniker, grandiose Cutterinnen, erfindungsreiche Kameraleute. Der WDR besitzt fast uferlose Ressourcen, ein beinahe endloses Archiv, Radio- und Fernsehschätze. Der WDR müsste eigentlich die Insel der Seligen sein. Aber stattdessen lässt sein Führungspersonal das Radiomusikprogramm von Computern zusammenstellen und im Kampf um Quoten versenkt es beides, Qualität und Quote. Das Betriebsklima und der Umgangston sind in vielen Bereichen unterirdisch, als wolle man als Ausweis der eigenen Kulturbeflissenheit posthum Jean-Paul Sartres Dictum rechtgeben: “Die Hölle, das sind die anderen”. Gebt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Öffentlichkeit zurück! Lasst die Programm-Macher das Programm machen! Und macht aus dem zahnlosen Tiger Rundfunkrat ein echtes ZuhörerInnen- und ZuschauerInnen-Parlament! Dann könnte der WDR womöglich sogar eine Zukunft haben.

Naja, man wird ja noch träumen dürfen.

WDR occupied?

07 Mrz
Plagiat von WDR-Print

Im Westdeutschen Rundfunk (WDR) tut sich Unerhörtes: Der Hörer muckt auf. Nach der angekündigten Programmreform des Kulturprogramms WDR 3 haben schon über 11.000 Unterzeichner sich einem Offenen Brief angeschlossen, der die Rücknahme jener Programmänderungen fordert, die von vielen für kulturjournalistischen Kahlschlag gehalten werden. Und das, obwohl doch Intendanz und Hörfunkdirektion sich alle Mühe geben, so zu tun, als ob die sogenannten Reformen gerade dem Hörerwillen folgten:

… die Streichung von täglich 32 Minuten politischer Berichterstattung im „Journal“, das Verschwinden eines wöchentlichen Feature-Platzes für Musik und Literatur, die Verwandlung des werktäglichen aktuellen Kulturmagazins „Resonanzen“ in ein Wiederholungsprogramm und das Aus für das sonntägliche  Auslandsmagazin „Resonanzen weltweit“ – um nur einige der als Organisationsreform angekündigten „Kleinigkeiten“ zu nennen.

Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz (Jahresgehalt: 193.000 Euro) hat auf den Offenen Brief, den namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens initiiert und unterzeichnet haben (und der Verfasser dieser Zeilen gehört auch zu den Erstunterzeichnern), reagiert. Im Namen der Intendantin Monika Piehl (Jahresgehalt: 353.000 Euro), die sich zu der Diskussion um ihr Programm nicht selbst äußern wollte, unterstellt er den UnterzeichnerInnen ein “Kulturradio-Verständnis, das in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts modern war” und verweist auf die starken Veränderungen in der Medienwelt. Was insbesondere die heftige programmatische Veränderung des kulturpolitischen Journals “Resonanzen” auf WDR 3 angeht, bemerkt Wolfgang Schmitz (Jahresgehalt: 193.000 Euro) in einer weiteren Entgegnung, dieses Mal auf eine Stellungnahme der Initiatoren Lothar Fend und Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger:

Die Wiederholung von Beiträgen oder Sendungen ist eine übliche und von vielen Hörerinnen und Hörern geschätzte Möglichkeit, sich mit einem Thema auch dann vertraut zu machen, wenn sie bei dessen Erstausstrahlung keine Möglichkeit hatten, Radio zu hören.

Irritationen bei Medienkennern

Medienkenner wundern sich speziell über diese Argumentation: Wer die Veränderungen in der Medienwelt wahrgenommen hat, weiß auch, dass Interessierte sich Wiederholungen heute als Podcast im Internet abrufen, aber vermutlich nicht auf die Ausstrahlung einer gerupften Sendung “Resonanzen” warten, in der beispielsweise die Altbeiträge der vorangegangenen Sendung “Scala” von WDR 5 laufen. Was ebenfalls Irritationen auslöste, waren die von Schmitz apostrophierten “von den UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes mit einer gewissen Ignoranz übersehenen Musikangebote” auf WDR 3. Denn gerade die sollen künftig wie bei jedem Formatradio aus dem Computer kommen, was auch der Hörfunkdirektor bestätigt, denn: “Die Unterstützung durch Datenbanken ist in allen Radioprogrammen eine selbstverständliche Arbeitserleichterung”. Die dritte Irritation, die bei Insidern und WDR-MitarbeiterInnen aufkommt, beruht auf Schmitz’ Behauptung, die Veränderungen bei WDR 3 seien in größtmöglicher Transparenz abgelaufen. In einer Stellungnahme der WDR-Redakteursvertretung klingt das anders:

Die ständig behauptete breite Zustimmung für die so genannte Organisationsreform deckte und deckt sich nicht mit der Realität, nämlich der schlechten Stimmung unter den Redakteurinnen, Redakteuren und Sachbearbeiterinnen.

Neo-autoritärer Führungsstil

Die freien MitarbeiterInnen des WDR, die als JournalistInnen und AutorInnen am meisten unter den Reformen zu leiden haben, drücken den neuen Umgangston innerhalb des WDR, der auch schon als “neo-autoritär” bezeichnet wurde, noch drastischer aus. In einer internen Mailingliste, aus der schon des öfteren auch in der Öffentlichkeit zitiert wurde, wird der Diskussionsstil im allgemeinen und der von Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz (Jahresgehalt: 193.000 Euro) im besonderen so beschrieben: Read the rest of this entry »

Lanz: Tiefpunkt des Journalismus?

29 Feb

Markus Lanz ist ein Fernsehmoderator, der sich gerne vor Publikum bekochen lässt (“Lanz kocht”) und eine nicht weiter beachtenswerte Talksendung im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) moderiert (“Markus Lanz”). In der jüngsten Ausgabe dieser Sendung trat der bundesdeutsche Wirtschaftsminister auf, um aus seiner Sicht zu erzählen, wie es zur Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidentenkandidaten kam. Dem Medienkritiker der F.A.Z., Michael Hanfeld, hat das überhaupt nicht gefallen, und er hat dazu grimmige Worte gefunden:

Gemeinsam ziehen sie eine Show ab, die den „tiefsten Tiefpunkt“ (Rudi Völler) des deutschen Journalismus und den Marianengraben politischer Wahrhaftigkeit markiert. Es ist ein sagenhaftes Theater, Rösler gibt den Parzival, der den Gral endlich gefunden hat, ins Narrenkleid ist derweil der steigbügelhaltende Moderator Lanz gerückt.

Denn bei ihm wird das Machtkalkül zum gespielten Witz. Er redet so süß über „die Angela“ und „den Philipp“, dass einem schlecht wird. Erst fasst Rösler Lanz am Arm, wie Gauck es mit ihm gemacht habe, dann Lanz „den Philipp“. „Jetzt mal ehrlich,“ sagt der Markus dann, „die Angela“, die „ham Sie doch über den Tisch gezogen.“ Über den Tisch gezogen werden an diesem Abend aber alle, die diese Sendung sehen. Denn es wird ihnen eine Heldengeschichte erzählt, die von vorn bis hinten nicht stimmt. Hintergründe und Handlungsmaximen werden hier in ihr Gegenteil verkehrt.

Die süffisante Analyse ist vermutlich zutreffend, aber eine Frage stellt sich doch: Wenn Hanfeld die Talkshow “Markus Lanz” — oder jedenfalls diese spezielle Ausgabe — als “Ende des Journalismus” und, Rudi Völler zitierend, als “tiefsten Tiefpunkt” bezeichnet, geht er davon aus, dass es sich überhaupt um Journalismus handle. Und dem wäre vielleicht zu widersprechen.

Ist Markus Lanz überhaupt ein Journalist? Er hat seit 1992 ein zweijähriges Volontariat bei Radio Hamburg absolviert, also eine journalistische Ausbildung genossen. Danach wechselte er aber umgehend ins Moderatorenfach, ursprünglich als Nachrichtenmoderator bei RTL Nord. Diesen Job verdankte er aber vermutlich nicht so sehr seiner journalistischen Qualifikation, sondern seiner anderen hervorstechenden Eigenschaft: Markus Lanz sieht aus, wie er aussieht — eine Mischung aus beliebter Schwiegersohn und Gebrauchtwarenhändler, der ideale Kleiderständer für nicht allzu überteuerte Herrenmode, kurz: ein Robert Redford für Wenigerbetuchte. Gegen diese Eigenschaft des Fernsehprodukts Lanz ist im Prinzip nichts einzuwenden, immerhin ist Fernsehen ein visuelles Medium. Und sie brachte Lanz das ein, was im betreffenden Wikipedia-Artikel als sein “Durchbruch” angesehen wird, obwohl es eigentlich schon der “tiefste Tiefpunkt” ist: Er wird Moderator der RTL-Sendung “Explosiv”. Den Journalismus hat er da längst verlassen, auch wenn die Bezeichnung “Redaktionsleiter” fälscherlicherweise auf eine journalistische Tätigkeit hindeutet. Sendungen wie “Explosiv” sind Unterhaltungsware, deren Informationswert gegenüber dem Unterhaltungsanspruch vernachlässigenswert ist. Aus diesem Grund wurde Lanz dann auch im Jahr 2008 vom ZDF abgeworben: Ein völlig entpolitisiertes Stück Seife, das in den Auswürfen des Boulevards sattelfest ist. In diesem Beritt hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen eben trotz aller nachhaltigen Bemühungen noch nicht genug eigene Kavallerie hervorgebracht und muss sich in den Niederungen des Privatfernsehens mit Reitlehrern wie Markus Lanz versorgen. Wie praktisch alle anderen öffentlich-rechtlichen Talkshows auch ist die Sendung “Markus Lanz” ein Politiksurrogat, eine Journalismus-Simulation, die darüber hinwegtäuschen soll, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender das nicht mehr zu bieten haben, wofür sie bezahlt werden: meinungsstarken, recherchetiefen und mutigen Politjournalismus.

Es wäre Michael Hanfeld von der F.A.Z. also doch zu widersprechen: Lanz ist nicht das “Ende des Journalismus”, sondern dessen Ersatzhandlung. Aber das ist vielleicht noch schlimmer.

Recherchieren Journalisten in Social Media?

28 Feb

“Social Media” sind ein Riesenthema im Journalismus. Aber: Nutzen Journalisten selbst Social Media wie “Facebook” zum Recherchieren? Eine Statistik, die bei statista.de abrufbar ist, legt das nahe:

22,7 % der befragten Journalisten sollen demnach täglich (!) in Social Media recherchieren. Ein solches Ergebnis kann man natürlich leicht erzielen, wenn man die Onlineumfrage beispielsweise direkt über Facebook veranstaltet. Ansonsten zweifle ich den Wert dieser Umfrage ausdrücklich an. Seinen Wert als Rechercheplattform hat Facebook bislang — entgegen aller Lobhudeleien im Zusammenhang mit Arabellion etc. — noch nicht beweisen können.

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/218863/umfrage/nutzung-von-social-media-durch-journalisten-bei-der-recherche/

Journalist verlässt den Journalismus

14 Feb

Ist es das, was “Postjournalismus” genannt wird? Richard Peppiatt, Reporter der englischen Boulevardzeitung Daily Star, hat gekündigt, und dies, wie es sich für einen Journalisten gehört: Mit öffentlichem Aplomb. Sein Kündigungsschreiben hat er nämlich der Konkurrenz vom Guardian zugespielt. Darin begründet er seine Kündigung mit dem totalen Verfall der journalistischen Sitten bei seinem Arbeitgeber, wie in einem Interview mit diepresse.de nachzulesen ist:

Die meisten Storys bewegen sich in Grauzonen. Du lügst nicht, aber du sagst auch nicht die Wahrheit. Ich lernte schnell, bestimmte Fakten zu ignorieren, damit die Story den vorgesehenen Ton traf: Drogen und Einwanderung sind schlecht, Strafen müssen härter werden. In der Regel wurde den Reportern ein Thema samt Standpunkt von oben aufgedrückt. Man erhält keine wirklichen Rechercheaufträge, es heißt eher: „Du schreibst jetzt genau dies und jenes.“ Juristisch waren die Artikel nicht angreifbar, aber sie hatten mit Journalismus trotzdem nichts mehr zu tun.

Insbesondere die Behandlung muslimischer Einwanderer in der Boulevardzeitung sei zu größten Teilen tendenziös und politisch motiviert. Regelmäßig würden Geschichten über Moslems in Großbritannien frei erfunden, nur um ihr Ansehen in der Gesellschaft herabzuwürdigen. Wordbulletin.net fasst zusammen:

He said the fabricated stories were mainly related to Muslims, depicting them as a threat to British society. The defamatory stories became more widespread after the bombings in London on June 7, 2005 — often referred to as 7/7 — and the Sept. 11, 2001 attack on the United States.

Auch fernab islamophober Tendenzberichterstattung nahm man es mit der Wahrheit beim Daily Star nicht so genau. Wenn Seiten gefüllt werden mussten, wurden auch beliebige bunte Meldungen erfunden und ins Blatt gerückt:

Dass ich beim „Daily Star“ meist eher Märchen als Wahrheiten berichtete, lernte ich schnell auszublenden (…) Ein Beispiel ist eine Geschichte über das Model Kelly Brook. An dem Tag hatte ich keine Story auf Lager, also behauptete ich, Brook suche einen Hypnosetherapeuten auf, damit dieser ihr helfe, im Bad nicht mehr so lange zu brauchen. Nichts davon stimmte. Aber so lief es eben, die Seite musste gefüllt werden. Am Ende des Tages strich ich dafür einen Bonus ein.

Peppiatt kritisiert auch die britische Medienaufsichtsbehörde (Anm.: Press Complaints Commission), die um solcherlei Umstände wüsste und nichts unternähme. Nachdem seine KÜndigung bekannt geworden ist, soll der Ex-Journalist gar Morddrohungen erhalten haben, Telefon und Emailverkehr sollen überwacht worden sein. Nur eines ist nicht geschehen: Er hat auf sein Kündigungsschreiben nie eine Antwort erhalten.

Facebook statt Sex

08 Feb

Menschen würden eher auf Sex, Alkohol oder Zigaretten verzichten als darauf, ihre Accounts in sozialen Netzwerken wie Facebook zu kontrollieren. Zu diesem Ergebnis kommt der amerikanische Psychologe Wilhelm Hofmann von der Universität Chicago in einer Studie, die in Kürze im Fachmagazin Psychological Science erscheinen wird. Die Süddeutsche weiß zu berichten:

Der Wissenschaftler untersuchte das Verhalten von Bewohnern der fränkischen Stadt Würzburg. 205 Probanden im Alter von 18 bis 85 Jahren waren mit Blackberrys ausgestattet und gaben mehrmals am Tag über ihre Begierden nach verschiedenen Tätigkeiten oder Genussmitteln Auskunft. Sie teilten mit, wonach sie sich in den vergangenen 30 Minuten gesehnt hatten, welcher Gier sie nachgegeben und welcher sie widerstanden hatten. Hofmann sammelte auf diese Weise 10.558 Antworten, in denen 7827 sogenannte Begierde-Episoden enthalten waren.

Die höchsten Raten mangelnder Selbstkontrolle beobachteten die Psychologen dabei im Umgang mit sozialen Netzwerken. Die Webseiten seien einfach stets verfügbar, sagt Hofmann, und anders als etwa Zigaretten weder mit finanziellen noch mit gesundheitlichen Kosten verbunden.

Die Dauerverfügbarkeit sozialer Medien durch Smartphones und Blackberrys macht es daneben möglich, dieser Sucht nach Facebook & Co. auch dauernd nachgehen zu können.

Anti-Medien-Blog

Medienkritisches Antidepressivum von Hektor Haarkötter