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Wikipedia: Geburtstag eines Kuriositätenkabinetts


15 Jan

Das Wochenblatt Die Zeit in gewohnter Bescheidenheit bezeichnete die Onlineenzyklopädie als nicht weniger als “das größte gemeinsam geschaffene Werk der Menschheit”. Andere bewerten die Mitmachenzyklopädie, die nun ihren 10. Geburtstag feiern darf, deutlich kritischer: Die Süddeutsche Zeitung spricht vom “Brockhaus des Halbwissens” (14.08.2004) und sogar Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales bezeichnet einige Artikel als nahezu “unlesbaren Mist”. Das Wissenschaftsmagazin Nature hatte die Onlineenzyklopädie in einem Vergleichstest evaluiert:

Das Magazin unterzog die Wikipedia einem exemplarischen Review: 42 Artikel aus der Wikipedia und der Encyclopaedia Britannica zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen wurden von Experten geprüft. Das Ergebnis: In beiden Quellen wurden jeweils vier schwerwiegende Fehler entdeckt – ein überraschender Gleichstand.

Dass das Referenzwerk ebenfalls Fehler aufweist, erlaubt allerdings nicht den Umkehrschluss auf die Qualität von Wikipedia. Zumal der Test auch ergab:

In der B-Note, den Faktenfehlern, Auslassungen und missverständlichen Formulierungen, musste sich das knapp fünf Jahre alte Online-Projekt dem altehrwürdigen Konkurrenten geschlagen geben: 162 solcher Fehler fanden sich bei Wikipedia und 123 bei der Encyclopaedia Britannica.

Auch die Hymne vom kooperativen Werk, die nicht nur von der Zeit angestimmt wird, zählt mehr zur Selbstapotheose von Wikipedia. Tatsächlich ist der Zahl der aktiven Mitwirkenden, wie Telepolis nachgerechnet hat, relativ klein:

Der Anteil der Nutzer, der tatsächlich an der Wikipedia mitarbeitet, ist jedoch verschwindend gering – lediglich 1.000 Nutzer schreiben und editieren regelmäßig aktiv Artikel. Der technokratische Nukleus der deutschen Wikipedia besteht sogar aus gerade einmal 300 Nutzern, die sich Administratoren nennen dürfen. Noch nie entschieden so wenige über das Wissen so vieler. Für 82 Millionen Deutsche stellt die Wikipedia eine Instanz des Wissens dar. Waren die Stalin-Noten ernst gemeint? Wie sicher ist Atomkraft? Was ist eigentlich Soziale Marktwirtschaft? In all diesen Fragen ist die Wikipedia für viele Deutsche die erste Anlaufstelle. Sie verwaltet nicht nur Wissen, sie entscheidet auch, welches Wissen relevant ist, was zitierfähig ist und was nicht. Doch wer ist "die Wikipedia"? Wenn es um Entscheidungen geht, zählen nicht die Leser, sondern die Administratoren – vom Ideal einer Mitmachenzyklopädie ist die Wikipedia weiter entfernt denn je.

Und auch über den Typus Mensch, der sich da zum Verwalter des Wissens vom Schlage Wikipedia aufschwingt, hat Telepolis spekuliert:

Die Herren der Wikipedia sind größtenteils jung, männlich und technikaffin – kurz "nerdig". Für einen solchen Nerd ist jede Nebenfigur in Star Wars relevant, während andere Themen in seinem Paralleluniversum gar nicht vorkommen. Ein Admin muss auch keine Qualifikation nachweisen, er verlässt sich – eine Web-2.0-Unsitte – auf Quellen, die möglichst offen im Netz verfügbar sind. So kann es vorkommen, dass ein junger Informatiker einem Geschichtsprofessor kurz und schmissig erklärt, dass dessen mühevoll eingestellter Beitrag irrelevant sei. Der Kern der Wikipedia gleicht vielmehr einem technokratischen System. Wenn sich solche Systeme etablieren, kristallisiert sich immer der gleiche Menschentypus heraus, der sich an die Spitze dieser Systeme stellt. In den erlauchten Kreis der Administratoren wird man natürlich nur aufgenommen, wenn man immer brav im systemischen Mainstream schwimmt und sich nicht durch kontroverse Kritik hervortut.

Lösch-Schlachten rund um umstrittene oder einfach unliebsame Artikel werden regelmäßig aufgrund fragwürdiger selbstgesetzter “Relevanzkriterien” geführt. “Relevanz oder Firlefanz” fragte nicht nur die Netzeitung, als der Streit darum eskalierte, welche Einträge eigentlich in Wikipedia erscheinen dürfen und welche nicht. Eine reale Existenz scheint jedenfalls kein Kriterium für Relevanz zu sein:

Die (…) zur Löschung vorgeschlagenen superschweren Elemente Ununennium, Unbinilium, Unbibium, Unbipentium, Untrinilium undsoweiter haben allesamt ihre Löschanträge überlebt. Obwohl es sie noch gar nicht gibt, da sie erst durch Kernfusion synthetisiert werden müssten, was jedoch noch nicht geschehen ist.

Eine große Zahl gelöschter Artikel ist übrigens dennoch für die Netzwelt nicht verloren. Die Website deletionpedia.com hat mehr als 60.000 gelöschte Artikel versammelt. Andererseits mutet es nicht nur dem unbefangenen Leser oder User, sondern offenbar auch den Wikipedia-Machern selbst zum Teil kurios an, was sich alles an fabulösen Einträgen in der Online-Enzyklopädie findet. Man hat ein eigenes Kuriositätenkabinett geschaffen, das die eigenartigsten – und so ist anzufügen: fragwürdigsten – Lemmata versammelt. Verwundert reibt man sich die Augen, wenn man etwa einen Eintrag wie den über das Stichwort “Absurdistan” liest: Wie in rekursiver Selbstanwendung würde der Artikel selbst in sich aufgenommen gehören. Für den Literaturwissenschaftler ist beispielsweise auch der Eintrag über Günter Grass’ epochalen Roman Die Blechtrommel äußerst schmerzhaft. Dort liest sich, auf dem sprachlichen Niveau eines Realschüleraufsatzes jüngeren Jahrgangs, folgender inhaltlicher wie philologischer wie sprachlicher Unsinn:

Der Wahrheitsgehalt von Oskars Geschichten erscheint oft zweifelhaft. Zunächst ist er zum Zeitpunkt, an dem sein Bericht 1952 beginnt, Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt und als solcher möglicherweise verrückt und demnach nicht sehr vertrauenswürdig.

Und so lautete der vollständige (!) Artikel zum Stichwort “Nordsee” auf Wikipedia.de im Jahr 2001:

Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.

Kurios ist übrigens nicht nur den Inhalt von Wikipedia, sondern auch der Ursprung des Weblexikons. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales betrieb den Onlinedienst bomis.com, der insbesondere für seine pornographischen Inhalte bekannt war. Mit dem dort verdienten Geld und den Webressourcen von bomis gründete Wales erst die Nupedia, aus der später die Wikipedia hervorging. Die Geburt des Wissens aus dem Geiste der Pornographie: Auch die Mär von der angeblichen Werbefreiheit von Wikipedia hält einer Überprüfung nicht unbedingt stand. Der Webdienst wikipedia-watch weist daraufhin, dass die Inhalte von Wikipedia sehr häufig auf Websites zu finden sind, die insbesondere Googles Advertising unterliegen: Die größte Onlineenzyklopädie könnte auf diese Weise zum größten Produzenten von Web- und Werbemüll, kurz: “spam”, werden. Happy birthday!

Wikipedia:Kuriositätenkabinett – Wikipedia

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