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Spiegel, Kampagnenjournalismus und die Militarisierung der Außenpolitik


29 Mrz

Den großen medialen Erfolg des Anti-Kriegs-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Zweiten Deutschen Fernsehen hat das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zu einer Titelgeschichte veranlasst, die sich mit der Remilitarisierung der bundesdeutschen Außenpolitik befasst und paradoxerweise Pro-Kriegs-Positionen einnimmt. Darin heißt es:

Ob aus Überzeugung oder aus Angst vor dem Wähler — unter Führung von Angela Merkel und Guido Westerwelle ist die deutsche Außenpolitik zur alten, unmündigen Unsicherheit zurückgekehrt. Die Enthaltung in Libyen, das Minimalprogramm in Mali, die Passivität in Syrien — um jeden Preis geht es darum, ein militärisches Engagement zu vermeiden.

Um Berichterstattung und die wertneutrale Vermittlung der Realität, wie es einem „Nachrichtenmagazin“ ziemen würde, handelt es sich bei diesem Absatz (und dem ganzen Artikel) nicht. Was vorliegt, ist stattdessen eine Aneinanderreihung von wertenden und normatiefen Sätzen. Auch wertende Sätze enthalten natürlich beschreibende und damit empirisch nachprüfbare Bestandteile. Mit dieser Überprüfung allerdings hält der „Spiegel“ sich nicht lange auf. Sonst wäre schließlich zu fragen, wie die militärischen Kampagnen in Afghanistan, in Somalia oder im Kosovo zu Demokratie und Wohlfahrt der dortigen Bevölkerungen beigetragen hätten. Und in praktisch jedem Fall wäre die Antwort wohl negativ. Was übrig bleibt, ist Kampagnenjournalismus der plumperen Sorte. Das bemerken auch die „Nachdenkseiten“ und bemerken:

Der Spiegel macht sich zum Sprachrohr derjenigen, die das im Grundgesetz verankerte Prinzip einer Verteidigungsarmee umdefinieren möchte und die Bundeswehr zu einer Interventionsarmee machen will. Deutschland müsse seine wirtschaftliche Machtstellung auch militärisch wahrnehmen. Deutschland soll, wie schon einmal in den unheilvollen Kapiteln seiner Geschichte, wieder seinen „Platz an der Sonne“ anstreben und die Machtpolitik, die es wirtschaftspolitisch derzeit in Europa mit der Durchsetzung der Agenda-Politik ausübt auch militärisch einsetzen. Der Spiegel propagiert das alte Weltmachtstreben, das Deutschland schon einmal zum Verhängnis wurde.

Es liegt noch keine kommunikationswissenschaftliche Definition des Begriffs Kampagnenjournalismus vor. Es gibt zu dem intrikaten Begriff aber einige kluge, auch: journalistische Stellungnahmen. Zum Beispiel diese:

Und längst kosten auch andere als das „Drecksblatt“ („SZ“-Preisverächter Hans Leyendecker über „Bild“) die süße Frucht der Bedeutung und das bittere Gift der Anmaßung, die im Kampagnenjournalismus liegen.

Und wer hat es geschrieben? Es war Jakob Augstein in seiner Kolumne für Spiegel Online.

Wetten, dass …: Crossmarketing zwischen Spiegel und New York Times


01 Feb

„Ungelenk agierender Moderator“: Markus Lanz (Foto: Wikimedia)

Nun nimmt sich also sogar die ehrwürdige New York Times der ZDF-Fernsehshow „Wetten, dass …“ an. Nicholas Kulish, der Berlin-Korrespondent der bedeutendsten Tageszeitung der Welt, fragt in einem längeren Artikel im Onlineangebot der NYT, was die Show über das deutsche Fernsehen im speziellen und über die Kultur in Deutschland im allgemeinen aussagt. Die altmodische Anmutung, alberne Spiele und ein Moderator, der eher wie ein guterzogener Schuljunge daher kommt: Altbekannte Kritiken, die letztlich nur konstatieren lassen, dass es auch im Westen nichts Neues über das in die Jahre gekommene Schlachtschiff deutscher Fernsehunterhaltung zu sagen gibt.

Interessanter ist da schon, wie Spiegel Online über diesen Artikel berichtet. Der Spiegel und die New York Times betreiben hier nämlich eine eigenartige Spielform des Cross Marketing. Im Spiegel ist zu lesen:

Kulish sieht die Diskussion über die Show als Teil einer größeren Problemlage: Warum hat Deutschland, trotz großer literarischer und filmischer Traditionen, den Anschluß an anspruchsvolle, komplexe Fernsehformate nicht geschafft?

Sieht man sich die entsprechende Textstelle im englischen Original an, ist man doch perplex. Denn die etwas grobschlächtige Analyse deutscher Fernsehkultur stammt gar nicht von Nicholas Kulish, sondern ist wiederum nur ein Spiegel-Zitat:

Der Spiegel asked in its latest issue, “Why are Germans the only ones sleeping through the future of TV?” The magazine called German programs “fainthearted, harmless, placebo television.”

Eine merkwürdige Art des Zirkel-Zitats: Der Spiegel zitiert eine Phrase der New York Times als originär amerikanische Sicht aufs deutsche Fernsehen, die in Wahrheit vom Spiegel selbst stammt. Was bleibt unterm Strich als Fazit: Die New York Times findet das deutsche Fernsehen offenbar nicht wichtig, den Spiegel hingegen schon.

 

ZDF: Ostpreußen in der Ostsee versenkt


18 Jan

Ostpreußen — ein Zankapfel der europäischen Geschichte. Der „Korridor“, der nach dem 1. Weltkrieg Ostpreußen vom Rest des Deutschen Reichs abtrennte, war einer der Anlässe für das Ausbrechen des 2. Weltkriegs. Nach dem Krieg wurde Ostpreußen darum auch von den Siegermächten zur einen Hälfte Polen und zur anderen Rußland zugeschlagen. Letztgenannte ist heute wiederum eine Exklave, ist von Polen, Litauen und der Ostsee umringt, vom heimischen Kremlreich aber getrennt. Und genau dieser russische Teil des ehemaligen Ostpreußen ist von der Landkarte verschwunden — jedenfalls im neu gestalteten Studio der ZDF-Nachrichtensendung „heute“. Dort wo eigentlich die Oblast Kaliningrad mit ihren rund 946.000 Bewohnern sein sollte, ist nur die tiefe Bläue des Meers zu sehen. Aufgefallen ist dies offenbar erst Anfang Januar einem polnischen Radiosender. Und das, obwohl das Redesign des ZDF-„heute“-Studios schon seit dem 29.September 2012 zu sehen ist. Ein Vergleich mit der Ostseekarte von Wikipedia macht den Schnitzer besonders deutlich:

Es handle sich „um eine nach grafischen Gesichtspunkten gestaltete Karte, die an verschiedenen Punkten verallgemeinert ist und dabei politische Einteilungen (bewusst) außer Acht lässt“, teilt das ZDF auf Anfrage mit. Allerdings geht es hier gar nicht um „politische Einteilungen“, sondern schlicht um Geographie. Und die sollte jeder Kartograph beherzigen. Schon fragen Stimmen in Polen,

haben wir es mit einem neuen Kapitel politisch korrekter Bewusstseinsausblendung der einstigen deutschen Ostprovinzen zu tun?

Andererseits sollen viele Menschen in Polen sich schon über den neu hinzugewonnen Sandstrand an der Ostsee freuen. Die Neugestaltung des ZDF-Nachrichtenstudios hat übrigens 30 Mio. Euro gekostet.

ZDF: „Einmal an die Moppel und zweimal an den Arsch“


16 Okt

Die Qualitätsjournalisten des ZDF (Foto: ZDF)

Als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt wird das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) für exemplarisch gehalten, was die Anforderungen des Qualitätsjournalismus angeht: Kritische Fragen, intelligente Dialoge, Aufklärungsarbeit at its best — das ist es, was man von einem gebührenfinanzierten öffentlichen Sender erwarten darf. Spiegel Online hat nun dankenswerterweise dokumentiert, wie Dialoge im Zweiten Deutschen Fernsehen, hier im Spartenkanal ZDF neo, sich anhören. Das männliche Moderatorenpaar der Sendung „NeoParadise“ ist unterwegs auf der Internationalen Funkausstellung, aber nicht etwa, um die Innovationen der Medientechnik darzustellen, sondern um sich gegenseitig „Mutproben“ zu stellen. Und das klingt dann so:

Heufer-Umlauf: „Verwickel sie in ein Gespräch, fass sie einmal an die Moppel und zweimal an den Arsch.“
Winterscheidt (sich wegdrehend): „Nein, nein!“
Heufer-Umlauf: „Viel Spaß!“
Winterscheidt: „Das kann ich nicht, wirklich nicht, das geht nicht.“
(Dramatische Musik)
Heufer-Umlauf: „Wie, da ist sie doch…“
Winterscheidt: „Ja, aber…“
Heufer-Umlauf: „Nenenenene, komm. Kannst ja auch sagen: Nein. Dann hast du halt verloren.“
Winterscheidt (entschieden): „Ich mach das jetzt ganz kurz und schmerzlos, ich habe keinen Bock auf große Gespräche.“
Heufer-Umlauf: „Ja, dann hau rein, du. Wenn du nicht auf Vorspiel stehst, mir egal.“
Winterscheidt (nähert sich der Hostess): „Hallo! Das wird jetzt so wahnsinnig unangenehm für beide von uns, ne? Aber es hilft nichts.“
Heufer-Umlauf: „Der Grabscher, ne?“
Winterscheidt: „Hast du diese Sendung gesehen, wo ich in Mexiko gekämpft habe?“
Hostess: „Nee, leider nicht.“
Winterscheidt: „Das war total blöd, weil ich musste da mit ’ner Lucha Libre kämpfen, aber ich musste nicht nur mit ihr kämpfen, sondern ich musste auch noch so und so machen.“
(Bei „So“ und „So“ berührt Winterscheidt die Hostess, dazu werden Hup-Geräusche eingespielt. Dann wird die Szene in Zeitlupe wiederholt.)
Winterscheidt: „Tschüs, tut mir wahnsinnig leid.“
(Winterscheidt verlässt die Szenerie, die Hostess lächelt leicht peinlich berührt.)
Heufer-Umlauf: „Ekelhaft! Der sympathische Biertrinker Winterscheidt!“
Winterscheidt: „Du bist so ein blödes Arschloch, echt!“

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz als Infotainment-Element einer öffentlich-rechtlichen Fernsehsendung? Der Dialog ist noch nicht vorbei. Am Ende der Sequenz macht sich das Moderatorenduo noch lustig über das Opfer dieses „Scherzes“ und damit, wie Spiegel Online impliziert, „über alle Opfer von Übergriffen“:

„Der war das auch so unangenehm, die stand da wirklich und hat sich so richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird sie schön heulen unter der Dusche. Die steht jetzt sechs Stunden lang unter der Dusche.“

Zum Heulen könnte man allerdings nennen, wie sich das ZDF hier präsentiert. Es kommt einem beinahe schal vor, hier mit Vokabeln wie Kulturverlust, Werteverfall oder Anstandsverlust zu argumentieren. Aber drunter geht es irgendwie auch nicht. Aber noch katastrophaler als dieser jedes Herrenwitzniveau spielend unterschreitende Dialog sind die Redaktionen der Moderatoren und ihres Arbeitgebers. Moderator Klaas Heufer-Umlauf entschuldigt sich lapidar via Twitter. Und die Pressestelle des ZDF veröffentlicht eine an mangelnder Einsichtsfähigkeit kaum zu unterbietende Stellungnahme:

„Die Messehostess wurde von Herrn Winterscheidt nicht angefasst. Die Szene wurde mit ihrem Einverständnis gesendet“.

Wer so argumentiert, hat nun wirklich gar nichts verstanden. Wie schrieb Karl Kraus: „Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken“.

 

ZDF: Alle sehen das Hakenkreuz, nur „Aspekte“ nicht


23 Jul

Der russische Opernsänger Evgeny Nikitin darf wegen eines Fernsehbeitrags im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ nicht den „fliegenden Holländer“ bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen singen. In dem Film waren Archivbilder zu sehen, die ihn mit nacktem Oberkörper als Schlagzeuger einer russischen Punkband zeigen. Die rechte Brust bedeckt dabei ein gigantisches, mit Ornamenten versehenes Hakenkreuz.

Foto: Screenshot

Ein gigantisches Hakenkreuz? So groß war es wohl nicht, denn die Aspekte-Reporter vom ZDF haben es offenbar nicht als solches wahrgenommen. So wird in dem folgenden Interviewausschnitt Sänger Nikitin zwar auf seine Tatoos allgemein angesprochen, nicht aber aufs Hakenkreuz.

Das tätowierte Hakenkreuz hat Nikitin mittlerweile längst mit einem anderen Motiv überstechen lassen und als „Jugendsünde“ bezeichnet — in dem ZDF-Beitrag spricht er allerdings noch von „guten verrückten Sachen“. Ob es sich dennoch um ein Mal handelt, das für die Bayreuther Festspielveranstalter eher ein Schand- als ein Mahnmal darstellt und dessentwegen der Sänger von der Bühne verbannt gehört, muss man wohl auf dem Grünen Hügel selbst entscheiden. Dass gerade in Jugendsubkulturen wie dem Punk das Hakenkreuz als provozierendes Symbol diente, das gerade nicht als rechtsextremistische Äußerung verstanden werden durfte, davon spricht immerhin ein FAZ-Artikel:

Dass Punk-Ikonen wie Siouxsie von der Band „Siouxsie and the Banshees“ oder Sid Vicious eine Zeitlang Hakenkreuz-Armbinden trugen, bedeutete nicht, dass sie sich Rechtsextremismus oder gar die Ideologie der Nazis auf die Fahnen geschrieben hatten. Nein, das Hakenkreuz war einfach als naive Provokation gedacht. Wichtig war der Effekt, den es auf brave Bürger hatte. Das Hakenkreuz verbreitete Angst und Abscheu, und genau darauf hatte man es abgesehen.

Selbst als Statement, das nur um der Provokation willen getan wird, ist ein Hakenkreuz ziemlich dämlich und spricht für die anzunehmende Naivität der Provokateure. Naivität darf man aber auch den ZDF-Journalisten unterstellen. Nicht nur, dass der Aspekte-Beitrag auch handwerklich schlecht gemacht ist: Wenn Nikitin davon spricht, dass man als Rockmusiker ohne Tatoos einfach nicht „serious“ sei, meint er damit nicht „seriös“, wie das ZDF übersetzt, sondern „nicht ernstzunehmen“. In seiner Bilderarmut, die in Ermangelung von Probenbildern aus dem Festspielhaus tatsächlich ärmlich daher kommt und nichtssagende Bilder eines durchs triste Bayreuth spazierenden Opernsängers mit Kauzenpulli präsentiert, ist der Film so banal, dass es schon verwundert, wie Kulturjournalisten gerade jener Nachfrage entsagten, die ihren Beitrag zum „scoop“ hätte machen können. So bleibt, dass „aspekte“ irgendwie für große Aufregung gesorgt hat, ohne dass das Kulturmagazin es selbst so richtig mitbekommen hätte.

Wenn "Aktenzeichen XY … ungelöst" Realität wird


24 Apr

Aktenzeichen_XY_Log_svgVon wegen “augmented reality”: Die vorgespielte Handlung im Fernsehen kann zur bösen Wirklichkeit werden. So erging es einem Schauspieler, der in der ZDF-Kriminalreihe “Aktenzeichen xy … ungelöst” einen Bösewicht gespielt hatte. Er wurde nun in Stuttgart von einem Passanten für einen echten Kriminellen gehalten und von der Polizei festgehalten.

Aaron Defant, Jahrgang 1983, spielte bei “Marienhof” und in Filmen wie “Blond bringt nix” mit. In Stuttgart wollte Defant im Theater die Dramatisierung von Kafkas “Die Verwandlung” ansehen. Doch er selbst hatte sich wohl nicht genug verwandelt. Im März nämlich hatte er einen Juwelendieb für die ZDF-Reihe “Aktenzeichen XY … ungelöst” verkörpert, und dies wurde ihm nun zum Verhängnis. Ein ZDF-Zuschauer erkannte Defant, hielt ihn aber für den echten Juwelenräuber und verständigte die Polizei:

Gegen 20.30 Uhr standen zwei Polizisten hinter ihm, hielten ihn fest, verlangten seinen Ausweis. „Im ersten Moment dachte ich, es hätte was mit Stuttgart 21 zu tun, weil ich direkt am Bauzaun stand“, sagt der 29-Jährige. Aber dem umstrittenen Bahnhofsumbau galt das Interesse der Polizei nicht, sondern seinem Job.

Nach der Feststellung der Personalien war dieser Fall “gelöst”. Der echte Juwelendieb hingegen ist immer noch nicht gefasst, wiewohl die Polizei “derzeit noch Dutzenden Hinweisen aus dem gesamten Bundesgebiet” nachgehe.

Verwechslung nach „Aktenzeichen XY … ungelöst“: So gut wie echt – SPIEGEL ONLINE

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter