Archive for Oktober 25th, 2010

Affaire Konstantin Neven-Dumont: Zu jedem Revolverblatt gehört ein Revolverheld


25 Okt

Dass dieses Blatt zum Revolver eine ganz eigene Beziehung hat, ist weder dem Leser des Kölner Stadtanzeigers, noch aber auch ebenselbem dieses Blogs hier entgangen. Oder was ist von einer Zeitung zu halten, in der die Kommunalpolitik und das Gesellschaftsleben einer Millionenstadt sich wiederfindet zwischen Überschriften wie “Ist Mord an Pizzabäcker geklärt” und “Parkhausräuber kündigt sein Geständnis an” (Ausgabe vom 21.10.2010). Was aber die tiefere Ursache dieser Revolverblättrigkeit des Kölner Stadtanzeigers ist, darüber gibt es nun ein Lehrstück zu bestaunen, das seine Ursprünge im Medienblog von Stefan Niggemeier nahm und das nun mit einem gewissen humorigen Gruseln durch die Gazetten und Magazine der Republik geistert. Demzufolge soll Verlegersohn und Kronprinz Konstantin Neven-Dumont erst Ende des vergangenen Jahres und dann wieder in diesem Sommer auf den Webseiten des Stefan Niggemeier unter Pseudonymen wie „Kopf Schüttel“, „Hans Wurrst“, „Peter Zahlungsfreudig“ oder „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“ hunderte von “teils irren” (Niggemeier) Kommentaren jedenfalls nicht immer zweifelsfrei rationalen Inhalts gepostet haben. Branchendienst DWDL fasst Konstantins digitalen Zeitverbreib zusammen:

Von dessen Computer und mit dessen E-Mail-Adresse als Absender sind Niggemeier zufolge unter über 100 verschiedenen Pseudonymen unzählige Kommentare in dessen Blog hinterlassen worden, in denen teils wüste Verschwörungstheorien aufgestellt, MDS-Konkurrenten beschimpft werden und die verschiedenen Identitäten gar vermeintlich miteinander diskutieren

Im vergangenen Jahr ging Konstantin Neven-Dumont noch vehement auf die Barrikaden und schwadronierte von “Zensur” , als Niggemeier einige Blogposts mit Neven-Dumont’schem Absender sperrte, weil er jene Posts ob ihres abstrusen Inhalts für einen Fake gehalten hatte. Im neuerlichen Fall will der Verleger-Sohn zwar nicht selbst Urheber der wirren Kommentare sein. Aber einerseits sprechen einige hermeneutische Aspekte doch für K. Neven-Dumont als Urheber dieser “systematischen Störung” eines ordnungsgemäßen Niggemeier’schen Blog-Betriebs. Und andererseits spräche es ebenso wenig für den dynastischen Zeitungsspross und seine persönlichen Qualitäten, als “Kommunikations-Vorstand” den eigenen Firmen-Computer und seine persönliche Email-Adresse nicht im Griff zu haben.

Die Revolverblättrigkeit des Kölner Stadtanzeigers

Die zum Teil paranoid anmutenden Äußerungen, die unter K. Neven-Dumonts Namen veröffentlicht wurden, stellen die Revolverblättrigkeit des Vorzeigeblatts des Zeitungskonzerns, des Kölner Stadtanzeigers, in ein neues Licht. Meinte der unvoreingenommene Leser dieses Blatts bislang, die Vorliebe gerade des Lokalteils dieser Zeitung für Revolvergeschichten folge dem boulevardesken Nieder-Anspruch einer Redaktion und damit letztlich einem betriebswirtschaftlichen Kalkül, so erhärtet sich mittlerweile der Eindruck, dass hinter dem kriminalisierenden Inhalt eine verschwörerische Weltanschauung steckt, die ein in sich geschlossenes System ergibt, deren Urheber allerdings womöglich in die Geschlossene gehört. In diesem Kosmos ist die Stadt “Köln” ein Fixstern, die der Herausgebersohn Konstantin Neven-Dumont in einer intrikaten Videobotschaft von aller Welt und vor allem von “Berlin” beschmutzt sieht. Allerdings tritt hier neben die mutmaßliche Paranoia noch jene Schizophrenie, die auch in den hunderten von Nicknames zum Ausdruck kommt, die der Postzusteller am Neven-Dumont’schen PC sich zugelegt hat. Denn tatsächlich ist es die Revolvermanier des Kölner Stadtanzeigers, die den Namen und die Ehre der Stadt Köln Tag für Tag besudelt und in den Schmutz zieht. Dass Köln der größte Universitätsstandort der Bundesrepublik Deutschland ist, eine der größten und kreativsten freien Theaterszenen der Republik hat, als Fernsehstadt internationales Format besitzt und die Hauptstadt für allerlei sogenannte Minderheiten ist, die in Köln gerne und schnell, jedenfalls in den einschlägigen Stadtteilen, Mehrheits-Größe erreichen: All das findet sich zwischen Verbrecherjagden und Karnevalshofberichterstattung nicht oder wird auf Stars-und-Sternchen-Niveau heruntergebrochen. Kultur findet sich in dieser Zeitung allenfalls als Anhängsel des Sportteils, der wiederum in seiner selbstverliebten Überheblichkeit schon so manchem die Lust am Sporttreiben verleidet hat. In Dumont’schen Revolveruniversum ist Konstantin Neven-Dumont der Revolverheld. Ein trauriger Held, versteht sich, der sich selbst als Grenzgänger sieht und damit doch nur sein Leid (oder Leiden?) diagnostisch auf den Punkt bring: Als Borderline-Syndrom.

Die Haltlosigkeit von DuMont Schauberg « Stefan Niggemeier

Sterbende Medien: Der Walkman


25 Okt

Zu den unangenehmen Geräuschen, die einen im Alltag belästigen konnten, zählten neben Schlagbohrmaschinen, Pressluftgeräten, Nachtfluglärm, dem Motorendröhnen von Autos, Motorrädern, Mofas und elektrischen Mixgeräten, dem Herumbrüllen von Chefs, Feldwebeln, Lehrern und Fußballtrainern sowie dem Geräusch des Fallens von Pferdeäpfeln seit den 1980er Jahren auch das Wummern aus den Kopfhörern des Walkman-Besitzers auf dem Nebenplatz in der U-Bahn.

Firstwalkman

Es gibt heute andere und weitaus schlimmere Umweltbelästigungen, doch mit dieser einen ist nun definitiv Schluss: Der Walkman gibt den Geist auf. Wie der japanische Hersteller Sony mitteilt, wird die Produktion des tragbaren Kassettenspielers eingestellt. Die letzte Charge wurde bereits im Frühjahr an japanische Händler ausgeliefert. Damit sieht dieses Jahr schon zum zweiten Mal einen Inbegriff des Medienzeitalters verscheiden: Im April hatte der gleiche Hersteller Sony bereits das Aus für die Floppy-Disk verkündet. Ob jene Krokodilstränen berechtigt sind, die etwa ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung dem Walkman nachheult, das , um in der Sprache der Presse zu bleiben, bleibt abzuwarten:

Nach 30 Jahren stellt Sony den Kassetten-Walkman ein. Das Ende der Kultmarke bedeutet nicht nur eine Verarmung des Musikkonsums – sondern ist auch ein Zeichen für einen Kulturverfall.

Andere waren, was die Beerdigungszeremonien für mediale Urviecher angeht, schneller: Der Duden hat das Wort “Bandsalat” schon vor längerem aus seinen Wörterlisten verbannt.

Sony Retires the Cassette Walkman After 30 Years

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter